reportage - Pohl Force
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REPORTAGE Neu gepohlt! Der Wirtschaftskrise zum Trotz gründet Messerdesigner und VISIERMitarbeiter Dietmar Pohl ein eigenes Unternehmen: Pohl-Force. Das Hornet XL begeistert durch seine kompakte Größe und das extravagante Design nicht nur den männlichen Messerfan. Profi-Fotograf Frank Soens (www.franksoens.de), der demnächst eine ganze Serie von “scharfen Messerfotos unter dem Titel “Knife Act” realisieren wird, präsentiert das XL in einem völlig neuen Licht. 130 Pohl-Force-Messer Sven Helmes ie Zeichen stehen gut, dass das neue Unternehmen Pohl Force Erfolg haben D wird, Krise hin oder her. Denn sein Gründer Dietmar Pohl ist kein Newcomer in der Branche. Seit über 15 Jahren bewegt sich der Mann im Messerbereich, in Solingen und international. Wie viele andere Fans in unserem Bereich kann auch Dietmar Pohl sich genau an den Zeitpunkt erinnern, als er — damals elf Jahre alt — von seiner Passion “angefixt” wurde: “Das war, als mein ältester Bruder Mitte der 1970er Jahre nach seiner ersten Woche Bundeswehr zurück nach Hause kam. Er war bei den Fallschirm-Jägern. Er gab mir das Messer in die Hand — und ich war sofort fasziniert. Die Technik und das Design; einfach spannend.” Doch war eine Liebe zum Messer in dieser Zeit für einen Schüler nicht leicht. Denn taschengeldkompatible Stücke gab es so gut wie nicht. Und das, was finanziell erschwinglich war, genügte schon bald Pohls Ansprüchen nicht mehr. Fotos von Dietmar Pohl und Sven Helmes Die endgültige Initialzündung für die Liebe zum Messer kam mit den Rambo-Filmen. “Vom ersten Moment an wollte ich ein Rambo-Messer besitzen. Und zwar eines im Stil des Rambo I.” Doch woher stammte das Messer? Wie konnte man mit dem Designer Kontakt aufnehmen? Keine leichte Frage in der Prä-Internet-Ära. Irgendwann hatte Pohl es dann doch geschafft, allerdings erst beim Messer aus dem dritten Teil der berühmten Film-Saga: Er kannte den Designer Gil Hibben, und er hatte dessen Anschrift. Im September 1987 begann ein langer Schriftwechsel. Und im Juni des Jahres 1988 glänzten Pohls Augen, als der damalige Student der Wirtschaftswissenschaften ein — sein — Rambo-Messer in Händen hielt. Doch damit war der Kontakt der 131 REPORTAGE Holzarbeiten: Bevor das Modell Alpha 1 von Pohl in die Serienfertigung ging, schnitzte und schliff der Designer tagelang an den Holzprototypen herum, bis die gewünschte Form erreicht war. Nach jeder Umgestaltung und Verbesserung folgten Handling-Tests mit Handschuhen sowie ein intensiver Austausch mit US- und kanadischen Ausbildern der H3 Training Division, die ihre in Irak und Afghanistan gewonnenen Praxis-Erfahrungen einfließen ließen. beiden nicht beendet, es entwickelte sich eine lange Brieffreundschaft. Und 1990 trafen sie sich dann zum ersten Mal in Frankreich auf der Paris Custom Knife Show. Dort sollte sich auch zwei Jahre später Pohls beruflicher Werdegang entscheiden. Denn Hibben besuchte erneut die Messe und traf dort auf ErnstWilhelm Felix-Dalichow, Geschäftsführer von Böker Solingen. Der US-Messermacher erzählte dem überraschten Deutschen, er werde nach der Messe noch nach Leverkusen reisen und einen alten Freund, Dietmar Pohl, besuchen. Man vereinbarte einen gemeinsamen Besuch in Solingen, in dessen Verlauf Pohl die Möglichkeit für ein Praktikum bei Böker bekam, das er einige Monate später auch absolvierte. Man war angetan voneinander und vereinbarte, in Kontakt zu bleiben. “Aber ehrlich gesagt, ich rechnete nicht damit, dass ich nochmals was von FelixDalichow hören würde.” Um so erstaunter war der Student, als einige Monate später 132 Jugendjahre: Pohls erstes Messer war 1984 ein Schieper Survival Companion (links). Rechts: 1995 während eines Schmiedekurses bei Messerdesigner David Winkler in North Carolina, USA. das Telefon klingelte und der Böker-Manager ihm das Angebot machte, studienbegleitend an zwei Tagen die Woche für den Bereich Marketing und Produktdesign zu arbeiten. Mit der Option zu einer Vollzeitstelle nach Studienende. Und so geschah’s. Und es zeigte sich, dass Pohl — obwohl Autodidakt — einfach Geschick für gut designete und ergono- mische Messer hatte. Und weil einen die erste Liebe niemals ganz los lässt, ein spezielles Faible für Schneidwaren mit militärischem Hintergrund. Irgendwann nach 13 Jahren VISIER 4/2009 Pohl-Force-Messer Und irgendwann war dann die Entscheidung gefallen: Spencer A. Reiter, in der US-Szene eine bekannte Größe. Und der kreierte dann in kürzester Zeit das “Hornet XL”, ein kleines kompaktes Drei-Finger-Messer mit einem markanten Dorn am Erl. Dieser lässt dann den SchneidwarenFreund beim ersten Blick auf das Messer rätseln, was der da soll. Glasbrecher? Tactical Gadget? Doch wer das Messer in die Hand nimmt, begreift den Dorn als Führung für den vierten Finger. Bei einem Besuch in der Redaktion in Bad Ems erklärt Designer Dietmar Pohl (r.) VISIER-Redakteur Matthias Recktenwald die besonderen Funktionsmerkmale des Alpha 1-Einsatzmessers. spürte Pohl dann, dass es Zeit für eine berufliche Veränderung war und wechselte zum Solinger Schneidwarenhersteller Eickhorn. Dem Unternehmen ging es damals nicht gerade glänzend. Zu sehr hatte man sich auf den Behördenmarkt, sprich die Bundeswehr, konzentriert. Pohl stieg ein und begann mit dem Aufbau einer Reihe von Zivilmessern. Offenbar mit Erfolg, denn bereits nach anderthalb Jahren bot man ihm die Stelle des stellvertretenden Geschäftsführers an. Beim Material entschied sich Pohl für einen Böhler D2-Stahl mit weniger als zwölf Prozent Chromanteil und einer Rockwellhärte von 60. Und das zu einem Einführungspreis von 99 Euro für die Ausführung mit Micarta-Griff, die mit tät. Aber eben auch eine Menge Hersteller, die ihren Job verstehen”, betont Pohl. “Ich könnte auch mit einem deutschen Hersteller in Solingen arbeiten. Dann würde das Messer aber sicherlich deutlich mehr kosten.” Und dass die Qualität stimmt, dafür bürgt Pohl. Jedes Messer, das sein Haus verlässt, geht durch seine Hände. Ein entsprechendes — unterschriebenes — Zertifikat, das über die fortlaufende Seriennummer dem jeweiligen Messer zugeordnet werden kann, liegt bei. Denn Pohl-Force ist eine OneMan-Show; vergleichbar den Garagen-Startups in der Computer-Industrie. Die Messer und Schachteln lagern quer im Haus verteilt, und Dietmar Pohl ist nicht nur Geschäftsführer, sondern auch zuständig für Controlling und Pohl lässt keine Gelegenheit aus, um sein Messer praktischen Tests zu unterziehen. Hier in über 30 Meter Höhe bei einer Übung des Höhenrettungszuges THW Bendorf. Doch Pohl schlägt aus, hat längst ein eigenes Unternehmen im Kopf. Und so gründet er im Dezember 2008 die Messerfirma “Pohl-Force”. Klein aber fein lautet die Devise, zumal er seinen Betrieb ganz mit Bordmitteln und ohne Bankkredite finanziert. Unabhängigkeit, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, das ist ihm wichtig. Und weil ein solcher Schritt in die Selbständigkeit ein großes Wagnis bedeutet, entschied sich Pohl dafür, bei seinem ersten Modell nicht auf eine Eigenkreation zu setzen, sondern sich einen großen Namen VISIER 4/2009 ins Boot zu holen, um das Messer in Sammlerkreisen interessant zu machen. Ein markantes Design sollte es sein, aber trotzdem funktionell; preiswert, aber in Customqualität, so lautete das Pflichtenheft. Wahlnuss-Beschalung für 109 Euro. Möglich wird ein solcher Preis durch Pohls in 15 Jahren gewachsene weltweite Kontakte. Das Hornet stammt aus Taiwan. “Natürlich gibt es da eine Menge minderwertige Quali- Qualitätssicherung, er arbeitet als Chefdesigner, FangriemenEinfädler, Postmeister und so weiter ... Mit Pohls zweitem Streich, dem Klappmesser “Alpha 1”, 133 REPORTAGE kehrt der Designer zu seinen Wurzeln zurück: “Mit dem ‘Alpha 1’ wollte ich dem Operator ein solides Handwerkszeug zur Verfügung stellen, das sich an den Gegebenheiten des soldatischen Einsatzes orientiert. Ich werde oft gefragt, warum das Messer so groß ist. Das ist eine Anforderung an die Praxis: Kein Soldat geht heute ohne Einsatz-Handschuh ins Feld. Und die Bedienung eines Messers mit Handschuhen bringt ganz andere Ansprüche an so ein Werkzeug.” Als der Designer deshalb an seinem ersten Entwurf in Holz schnitzte, lag der Handschuh des Typs Oakley Tactical Operator immer auf der Werkbank. “Um dem User ein Gefühl für das Messer zu geben, sind die Riffelungen extrem grob gehalten, so dass sie durch den Handschuh spürbar sind. Deshalb auch die Lockback-Sicherung im Rücken. Die ist links- wie rechtshändig bedienbar. Das ist sehr praktisch, wenn der Operator zum Beispiel verletzt ist.” Beim Klingenstahl geht Pohl weg von den superharten und sehr schnitthaltigen Stählen. “Ich will, dass ein Nutzer des Alpha 1 sein Messer notfalls im Einsatz auf einem Stein provisorisch nachschleifen kann. Das geht mit einem dieser modernen Stähle nicht. Deshalb ein einfacher und bewährter 440 C. Außerdem ist der preiswerter als die von den Mitbewerbern favorisierten Superstähle. Aus Gesprächen mit zahlreichen Praktikern weiß ich, dass viele von ihnen das Messes selbst beschaffen. Da ist es wichtig, dass so ein Teil erschwinglich bleibt, weil es ja doch mal aus dem Hubschrauber fällt oder sonstwie verloren geht.” Die 134 Klinge des Alpha 1 besitzt eine leichte Recurve-Form, die zusätzliche Mulde in der Klinge erlaubt dem Besitzer eine besonders kontrollierte Führung bei präzisen Schneidarbeiten und bietet einen weiteren Vorteil: Wenn man die Sicherung löst, während die Hand das Messer hält, wird die Klinge in der Mulde durch den Zeigefinger gefangen, ohne ihn zu schneiden. Das Skelett des Alpha 1 ist eine zwei Millimeter starke Edelstahl-Schiene, ummantelt von fiberglasverstärkten Zytel-Griffstücken, versehen mit einem leichten Sandpapier-Effekt, der für den Dietmar Pohl hat gut lachen. Nur wenige Produktentwickler haben die Gelegenheit, Spezialeinheiten bei der Arbeit so hautnah über die Schulter zu schauen. Hier beim Besuch einer SWAT-Einheit. Designer und Messermacher Spencer Reiter gestaltete das Hornet XL. Der Ex-Feldwebel blickt auf eine langjährige Erfahrung bei den US-Rangern zurück. Rechts: Spezialisten bei der praktischen Erprobung des Einsatzmessers Alpha 1. nötigen Grip sorgt. Zusammengehalten wird das Ganze durch einfache Schlitz-Schrauben, so dass sich das Messer im Feld mit jedem gewöhnlichen Multifunktions-Tool zerlegen lässt. Das Alpha 1 soll ab Mai erhältlich sein. Zur Wahl VISIER 4/2009 Pohl-Force-Messer Durch die diversen Radien im Griff und in der Klinge lässt sich das Alpha 1 in verschiedenen Griffhaltungen einsetzen. Grobe Riffelungen bieten sicheren Halt beim Tragen eines Handschuhes. Im Einsatz kann man das Alpha 1 ohne Spezialwerkzeug zum Reinigen zerlegen. Eine Münze und ein normaler Schraubendreher reichen. Die 30 Zentimeter lange elastische Flexcord-Fangschnur lässt sich durch zwei Ösen am Griff ziehen, verknoten und kann so als zusätzliche Sicherung des Messers im Einsatz dienen. stehen zwei verschiedene Ausführungen zum Einführungspreis von 129 oder 139 Euro. azit: Mit seiner Firma F Pohl-Force ist der Jungunternehmer auf dem besten Weg, innerhalb der Messerbranche eine feste Größe zu werden. Er findet den richtigen Mix aus Sammler- und Einsatzmesser. Und man darf gespannt sein, wie das “Bravo 1” aussehen wird. Æ Das Hornet XL ist mit Walnuss- oder Micartabeschalung lieferbar. Ein beiliegendes Zertifikat bescheinigt die Qualitätsabnahme durch Dietmar Pohl persönlich. VISIER 4/2009 135