Porträt des Jungschauspielers Jörg Pohl
Transcription
Porträt des Jungschauspielers Jörg Pohl
Tages-Anzeiger · Mittwoch, 12. November 2008 KULTUR 47 als «Ich bin zu jung für das Wiener Burgtheater» Sozialismus Märchenwelt Jörg Pohl ist am Zürcher Schauspielhaus vom Anfänger zum fabelhaften Schauspieler geworden. Bevor er Zürich verlässt, ist er nochmals in grossen Rollen zu sehen. waren echt bereichernd und haben mich in meiner Entwicklung vorangetrieben.» Eitelkeiten werden geknackt Pohl meint, was er sagt. Er weiss, dass er in Zürich, seinem ersten Engagement, nicht nur viel gearbeitet, sondern auch viel Glück gehabt hat. Direktor Matthias Hartmann, der Pohl von der Schauspielschule weg aus Bochum mitnahm, hat ihm den beschwerlichen Vorsprech-Parcours von Theater zu Theater erspart. Und Regisseure wie Alvis Hermanis und David Bösch verhalfen zu vielfältigen Hauptrollen. Neben Fürst Myschkin, diesem grossen, herzensguten, fieberndem Kind, ist Pohl im Schiffbau der böse Alex in Böschs Bühnenversion von Anthony Burgess’ «A Clockwork Orange» – in Zürich ist das Stück über Jugendgewalt Kult und ständig ausverkauft. Und am 20. Dezember ist bereits wieder Premiere, Lessings «Emilia Galotti» mit Pohl als Prinz. Anders als seine Borderline-Figuren, vom rasenden Ferdinand in «Kabale und Liebe» bis jetzt zum verklemmten Möchtegern-Liebhaber in «Sex», steht Pohl mit beiden Beinen auf dem Boden. «Ich mache meine Arbeit mit Ernst und Leidenschaft, aber ich nehme sie nicht so wichtig», sagt er. «Die meisten meiner Freunde haben nichts mit Theater zu tun. Das ist ganz heilsam, weil man daran erinnert wird, dass es eine Welt ausserhalb der Bühne gibt. So werden Eitelkeiten geknackt.» Von Peter Müller Auf dem blauen Sweatshirt steht FC Zürich. Nein, zum Fan des lokalen Fussballklubs ist Jörg Pohl in seinen bald fünf Zürcher Jahren nicht geworden. Der Pulli erinnert vielmehr an die DostojewskiDramatisierung «Der Idiot» im Schiffbau, in der er die Titelrolle spielt. Auch ein kleiner Bub tritt da auf, mit Geige und im FCZ-Look. Pohl sah es neidvoll, doch nette Kolleginnen sorgten dafür, dass auch er jetzt einen Fussballpulli tragen kann, wenigstens privat. Der Film lockt nicht Als Fürst Myschkin aus Dostojewskis Roman dagegen kommt er abgerissen, verschmutzt, das Wäschebündel wie ein Baby umklammernd, von einer Reise aus der Schweiz zurück. Auf dem Gesicht des «Idioten» steht ein Dauerlachen, die Glieder zucken epileptisch, doch dann fängt er zu reden an, in rasantem Tempo und heiligem Eifer, ellenlange Monolog hält er, und nicht nur die Moskauer Damen auf der Bühne, auch die Zuschauenden in der Zürcher Halle sind hingerissen. Im Januar steht die Aufführung wieder auf dem Spielplan. 29 Jahre alt ist Jörg Pohl und bereits ein faszinierender Schauspieler. Dabei wollte er gar nicht unbedingt diesen Beruf ergreifen. «Es hätte auch etwas anderes sein können, nur wusste ich nicht was», erzählt er. «Die Schauspielerei versprach relativ viel Ertrag bei verhältnismässig wenig Aufwand.» Also meldete er sich nach der Matura bei der Schauspielschule im heimischen Ruhrgebiet an. Und entdeckte da seine Leidenschaft für den Beruf, fürs Theater. Anfang des Jahres ist Pohl als bester Nachwuchsschauspieler beim Filmfestival von Saarbrücken mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet worden. Doch riesig Spass macht ihm das Filmen nicht. «Im Theater geniesse ich den direkten Kontakt zum Publikum, im Kino ist ständig eine Apparatur dazwischen.» Der «technische Wahnsinn» beim Film sei ganz schön anstrengend, hat Pohl erfahren. Nicht nur weil man viel herumsitzt und wartet. Auch die zerstückelte Produktionsweise kostet Kräfte. «Auf der Bühne dagegen kann ich mich hineinbeissen in eine Rolle und sie in einem Bogen durchziehen.» Jörg Pohl ist nicht enttäuscht, dass nach dem Ophüls-Preis die Filmproduzenten nicht mit Traumgagen lockten. Erstens steht er in Zürich so oft auf der Bühne, dass Zeit fürs Drehen fehlt. Vor allem Zürichs Temperaturen BILD DORIS FANCONI Verträumter Blick, klare Sicht: Schauspieler Jörg Pohl vor dem Schiffbau. aber käme das zu kurz, was ihm das Wichtigste im Beruf ist: die Sprache. «Ich arbeite sehr viel an der Sprache», sagt Pohl und erzählt, wie im Elternhaus in Recklinghausen die vier Wände des Wohnzimmers voller Bücher waren. «Da habe ich die Liebe zur Sprache mitbekommen.» Pohl sagt es ruhig, sachlich, mit einem Anflug von Lächeln. Die grossen Rollen, der rasche Erfolg haben ihm nicht den Kopf verdreht. Er zerkaut den Bändel seiner Kapuze, bis er das rechte Wort findet. Nur manchmal lässt er wohlgeformte, abgeklärte Sätze verlauten wie diesen: «Ein paar Begegnungen am Schauspielhaus Natürlich hätte Jörg Pohl mit Hartmann ans berühmte Wiener Burgtheater wechseln können. Er lehnte ab. «Ich bin zu jung für die Burg, und sie ist noch zu gross für mich», begründet der junge Schauspieler die Absage. Stattdessen geht er im Sommer ans Thalia Theater in Hamburg, das vergleichbar gross wie das Zürcher Schauspielhaus ist, aber in einer Millionenstadt steht. «Ich brauche einen Kick und freue mich auf neue Begegnungen.» Ganz leicht wird Pohl der Abschied von Zürich nicht fallen. Zwar war das erste Jahr hier schwierig. Erstmals lebte Pohl ausserhalb des heimischen Ruhrgebiets: «Ein Kulturschock.» Zürich habe zwar eine ähnliche Einwohnerzahl wie Bochum, aber sonst seien die Unterschiede gewaltig: «Hier herrscht eine andere soziale Temperatur, lebt ein anderer Menschenschlag.» Im ersten Winter, als die Nebeldecke wochenlang über der Stadt hing, die Zürcher sich reserviert zeigen, die Einsamkeit lauerte, hielt Pohl den Winter für die Zürich angemessene Jahreszeit: kalt und depressiv. Inzwischen sind nicht nur die Winter milder geworden, auch die Einschätzung des Schauspielers hat sich geändert: «Zürich ist eine Sommerstadt. Der See, die Limmat, die Bäder, die südliche Lebensfreude – das wird mir in Hamburg wohl fehlen.» www.schauspielhaus.ch Nicht jedes hässliche Entlein wird zum stolzen Schwan Heute singt er in Zürich: der englische Tenor Paul Potts, der dank einer Castingshow und ein paar Marketingtricks berühmt geworden ist. Von Susanne Kübler Stars werden so genannt, weil sie hoch in himmlischen Sphären schweben, unerreichbar für uns Normalsterbliche. Wenn doch einmal einer von «unten» (oder noch besser von «ganz unten») dort hinaufkommt, redet man von einem modernen Märchen. Auch in der Werbung für die Konzerte von Paul Potts fällt der Begriff, und selten ist er so passend wie bei ihm, der aus einfachen Verhältnissen kam, als Bub gehänselt wurde, bei Tesco Gestelle einräumte, Handys verkaufte und nach diversen gesundheitlichen Problemen in der Castingshow «Britain’s Got Talent» die skeptische Jury zu Tränen rührte. Er wurde berühmt, konnte endlich seine Schulden abzahlen und das werden, was er immer schon wollte: ein Opernsänger, dem das ergriffene Publikum weltweit zu Füssen liegt. Der Haken an der Geschichte ist, dass sie tatsächlich ein Märchen ist – zu schön, um wahr zu sein. Wer sich die Tränen der Rührung abgewischt hat, entdeckt bald einmal das Kalkül hinter dem Kitsch. Warum etwa, so fragt man sich, meldet sich einer mit einem «dramatischen Mangel an Selbstbewusstsein» (Potts) für eine Castingshow an? Woher kommt die Verblüffung der Jury, die die Kandidaten von Screenings und Proben her bestens kennt? Weshalb vermeldet die von Sony BMG gesponserte Homepage des Neostars weder Philosophiestudium noch Gesangsausbildung? Er habe während eines Sprachkurses in Italien einmal die Gelegenheit gehabt, vor seinem Idol Pavarotti zu singen, liest man da. Konnte man bei Pavarotti einfach anrufen und vorsingen? Tatsache ist: Paul Potts hat an allen möglichen Orten Gesangsunterricht gehabt, auch in Italien bei der einst grossen Sopranistin Katia Ricciarelli, die als ExGattin des italienischen Showmasters Pippo Baudo das TV-Business bestens kennt (sie war eine von denen, die fürs Berlusconi-Fernsehen auf die Insel ging). Finanziert hat er sich diese Kurse mit dem Geld, das er 1999 beim Talentwettbewerb «My Kind of Music» gewonnen hatte. In den folgenden Jahren trat er regelmässig in der Bath Opera auf, einer Amateurtruppe. Aber der Durchbruch liess auf sich warten – bis zum Auftritt bei «Britain’s Got Talent». Ist Potts der neue Bocelli? Betont schüchtern stand er da, in seinem inzwischen berühmten 35-Pfund-Anzug, und sagte, er wolle Oper singen: Das klassische hässliche Entlein, das sich dann allerdings durchaus nicht als stolzer Schwan entpuppte. Jedes Opernhaus hat bessere Tenöre im Ensemble. Potts Vi- brato ist unkontrolliert, die Aussprache mittelprächtig, und die Lautstärke ist sein einziges Mittel, um einen Bogen zu halten. Wenns leiser wird, bricht die Stimme sofort ein. Das Resultat ist nicht besonders peinlich, aber höchst mittelmässig. Noch dürftiger als Potts Casting-Auftritt war die schauspielerische Leistung der Jury (das betont hämische Grinsen vor dem Auftritt, die überlaute Gerührtheit danach). Aber auch das störte nicht. Das Fernsehen hatte seinen Helden gefunden, das Märchen wurde wahr gemacht, und Potts landete nicht nur auf Youtube, sondern auch in einer Werbung der deutschen Telekom. Dazu gab es, als Preis für den Casting-Sieg, einen Vertrag bei Sony Paul Potts. BMG. Die erste CD heisst «One Chance», und sie verwendet sehr viel Hall, um die Schwächen der Stimme zu übertünchen. Das Repertoire ist das aller Stadion-Tenöre; «Nessun dorma» ist die einzige Opernarie darin, sonst gibt es neben «Ave Maria» und «Caruso» auch «Con te partirò», jenen Song, mit dem einst Andrea Bocelli berühmt geworden ist – und das ist natürlich kein Zufall. Ist Potts der neue Bocelli? Man kann die Frage mit jenem Zynismus beantworten, der bei der Schaffung dieser Phänomene spielt: Potts singt noch schlechter als Bocelli, er ist nicht blind, und er hat sogar den Fehler gemacht, seine schiefen Zähne zu richten. Sein Rührungspotenzial ist damit weit geringer als das des Italieners, der nun doch schon bemerkenswert lange im Betrieb ist. Paul Potts, man darf die Prognose wagen, wird rasch wieder daraus verschwinden. Man kann ihm nur wünschen, dass er dereinst den Sprung zurück zum Hobbysänger schafft und nicht wie der psychisch angeschlagene Pianist David Helfgott, der 1996 dank dem Film «Shine» zum Superstar wurde, noch jahrelang durch fast leere Säle touren muss. Auf der derzeitigen Welttournee sind die Hallen und Arenen noch gut gefüllt. Kein Wunder, wird das Rezept Paul Potts bereits nachgekocht: Auf Youtube findet man das Filmchen von Neil E. Boyd, einem dicklichen Verkäufer mit allerdings unauffälligen Zähnen, der in der Castingshow «America’s Got Talent» Puccinis «Nessun dorma» singt. Sein Vibrato ist noch ein bisschen flackernder als jenes seines Vorgängers, und sein «r» klingt sehr amerikanisch. Aber die anfangs skeptische Jury gerät ganz spontan in Ekstase ob der «fabulous warmth and sincerity» dieser Darbietung, und das Publikum ist zu Tränen gerührt. Paul Potts tritt heute, 12. November, um 20 Uhr im Zürcher Hallenstadion auf. Irena Brezna, die seit 1968 in der Schweiz lebt, hat einen Roman über eine osteuropäische Kindheit geschrieben. Das Material, aus dem dogmatische und totalitäre Ideologien beschaffen sind, ist hart und unbeugsam. Mit Vernunft und Argumenten sind sie nicht zu erweichen. Der reale Sozialismus Osteuropas bestand bekanntlich noch lange, nachdem nach Massstäben der Vernunft längst seine ökonomische Ineffizienz erwiesen war. Die Autorin Irena Brezna, die 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geboren wurde, 1968 in die Schweiz emigrierte, heute in Basel lebt und sich mit Reportagen, Essays und Erzählungen ein hohes Renommee erworben hat, zeigt in ihrem Kindheitsroman «Die beste aller Welten», wie einer harten Ideologie am besten beizukommen ist: Mit kindlicher Naivität. Der subversive Blick des Kindes Der Kindersinn nimmt die Dogmen und Phrasen wörtlich – und entlarvt so ihren Schwindel und ihr Paranoia. Ein ausgesprochen komischer und satirischer Vorgang. Der Roman spielt in einer kleinen Stadt in einem nicht näher bezeichneten Land im Osten Europas. Er spielt wohl Anfang der 60er-Jahre, auch das wird nicht näher bestimmt, da die Erzählerin, ein aufgewecktes Schulmädchen namens Jana, es naturgemäss nicht für notwendig erachtet, ihre Geschichte mit historischen Fakten auszustatten, die ihr selbst nicht geläufig sind. Sie erzählt – und darin liegt die Raffinesse des Buches – konsequent aus ihrer jugendlich-kindlichen Perspektive: Von der Mutter, die etwas Grossartiges, nämlich eine Proletarierin und dennoch von einem Tag auf den anderen irgendwohin verschwunden ist. Vom Vater, der leider kein Proletarier, sondern ein bürgerliches Element, aber auch verschwunden ist. Von der Schule, die vor allem eine Lektion lehrt: Zwischen den Dingen, die man sagen darf, und den Dingen, die man nicht sagen darf, auch wenn zu Hause bei der Grossmutter darüber gesprochen wird, genau zu unterscheiden. Jana verwandelt die Welt der sozialistischen Ideologie in eine Märchenwelt, die nur in ihrem Kopf besteht. Eine konkrete Umdeutung, in farbigen, plastischen, poetischen Bildern, voller skurriler Anekdoten aus der Aufbauepoche des osteuropäischen Sozialismus. Aus einer finsteren wird im subversiven Eigensinn des Mädchens eine recht vergnügliche Zeit. So weht durch «Die beste aller Welten» der Wind der Utopie – wenn auch nicht der, den der Sozialismus eigentlich meinte. Ursula März Irena Brezna: Die beste aller Welten. Roman. Edition Ebersbach, Berlin 2008. 164 S., ca. 33 Fr. Saviano und Rushdie zu Gast bei Nobelpreis-Jury Stockholm. – Die von der Mafia und von Islamisten bedrohten Schriftsteller Roberto Saviano und Salman Rushdie nehmen am 25. November in Stockholm an einer Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit teil. Eingeladen hat die schwedische Nobelpreis-Jury. Mit ihrer Einladung hat die für den Literaturnobelpreis zuständige Akademie eine Kehrtwende vollzogen, der heftige interne Diskussionen vorausgegangen sein sollen. Noch Ende der 80er Jahre hatte die Akademie öffentliche Solidarität mit Rushdie abgelehnt. (SDA) Suhrkamp hat jetzt auch eine Filmedition Frankfurt/Main. - Mit einem zehn Stunden langen Essay von Alexander Kluge startet der Suhrkamp-Verlag am 12. November eine eigene Filmedition. Neben den drei DVDs von Kluge, der sich mit Verfilmungsversuchen von Karl Marx’ Hauptwerk «Das Kapital» beschäftigt, gehören Brechts Polit-Spielfilm «Kuhle Wampe» (1931) und Interviews von Thomas Bernhard zum Programm. (SDA) Zwei Schweizer Filme ausgezeichnet Zürich. - Der Dokumentarfilm «Letter to Anna» von Eric Bergkraut hat am 6. Taiwan International Documentary Film Festival den Merit Prize gewonnen. Eine Auszeichnung am 24. International Short Film Festival in Berlin holte der Kurzfilm «Auf der Strecke»von Reto Caffi. (SDA)