Iskren Semkov Meister des Trompe
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Iskren Semkov Meister des Trompe
Iskren Semkov Meister des Trompe-l‘Œil Den Betrachter durch ein flächig gemaltes Bild so in die Irre zu führen, dass er meint, auf diesem Gemälde gebe es tatsächlich mehrere Ebenen und seien die abgebildeten Gegenstände, Tiere und Personen in Wirklichkeit dreidimensional vorhanden, nennt man Trompe-l‘Œil – Augentäuschung. Mit diesem stupendem Wahrnehmungseindruck wurde ich erstmals beim Deckenfresko des Treppenhauses der Würzburger Residenz konfrontiert, bei dem Giovanni Battista Tiepolo (1696 – 1770) den Hund von Balthasar Neumann so gemalt hat, dass man den Kopf darauf verwetten möchte, es handle sich in Wirklichkeit um eine Skulptur, die auf dem Stucksims steht. Heute beherrscht das Handwerk der illusionistischen Malerei vor allem auch Iskren Semkov. „Graffiti star“ 70 NeuroTransmitter 2013; 24 (3) NeuroTransmitter -Galerie „Lollypop“ D „Still life with tangerine“ ie Darstellungstechnik Trompe-l‘Œil, die zwar Überschneidungen zur hyperrealistischen Malerei aufweist, jedoch nicht identisch ist mit ihr, blühte in der Renaissancezeit. Aus dieser Zeit gingen vor allem die Quodlibetbilder hervor, mit Krimskrams, der auf Regalen herumliegt oder an einem Nagel an einer täuschend echten gemalten Holzwand aufgehängt ist, die Augen des Betrachters geradezu an der Nase herumführend – ein zwar unpassender Ausdruck, der aber die sublime Humoristik dieser virtuos gemalten Bilder unterstreichen mag. Eine erneute, wenn auch kleine Renaissance dieser Technik erleben wir zur Zeit und Iskren Semkov ist einer ihrer sympathischsten Vertreter. Dass das Bild „graffiti-star“, ein banales Zeichen, hingesprüht auf eine violette Wand, allerdings untypischer Weise eingespannt in einen Holzrahmen tatsächlich weder über die scheinbar hervortretenden Farbtropfen noch über den Rahmen und auch nicht über den Spray-Sprühkopf verfügt, sondern insgesamt eine flächige Malerei darstellt, verblüfft wegen des täuschenden Eindrucks, verweist aber auch zugleich auf die künstlerische Herkunft von Semkov. Er hat nämlich als Graffitimaler begonnen, und sich dann erst der Ölmalerei zugewandt. Man könnte sagen, eine Rückwendung von einer der aktuellsten Kunstgattungen überhaupt hinein in das 16. Jahrhundert und schließlich doch wieder hochmodern aufgrund des dargestellten Themas. Die Fliege auf dem Bild „Lollypop“ wird nicht wegfliegen, wenn sie sich dem Bild im Original nähern und sie verscheuchen wollen, denn sie ist gemalt, und der Klebestreifen lässt sich nicht wegreißen, der Lutscher nicht von der Wand lösen, so sehr dies auch möglich zu sein scheint. Alles Täuschung, genauso wie das überaus komplexe Stillleben mit Tangerine NeuroTransmitter 2013; 24 (3) xyz (einer Rückkreuzung von Mandarine und Pomeranze, benannt nach der Stadt Tanger in Marokko), auf dem das Bild von der Frucht sich am Rand durch das scheinbar hervortretende Blatt nach vorne materialisiert und der Stengel von einer Schnur umknotet ist, die sich aus dem Stillleben im Stillleben herauswindet, scheinbar mit Abstand vor der Wand hängt und an einem Nagel befestigt ist. Unglaublich lebensecht auch der Wassertropfen links unterhalb der Darstellung der Tangerine, den eine übereifrige Putzfrau vielleicht mit einem Lappen wegwischen möchte, wie weiland die Fettecke von Boys, die allerdings tatsächlich materiell vorhanden war. Es ist ein augenzwinkernder Umgang mit der Realität, der sich in diesen Bildern niederschlägt, keine böswillige Täuschung, um den Betrachter irre zu führen, sondern um die Vielschichtigkeit des Gesehenen, die Fragilität der optischen Wahrnehmung im tiefsten Sinne vor Augen zu führen. Im Ausstellungskatalog der Galerie Isabelle Lesmeister in Regensburg ist zu lesen, dass Iskren Semkov auf Ausstellungen in verschiedenen Städten Bulgariens, in Taipei und Wien sowie nun auch in Regensburg zurückblicken kann und dass viele seiner Arbeiten in österreichischen, dänischen, deutschen, griechischen, niederländischen, US-amerikanischen Privatsammlungen vertreten sind. AUTOR PD Dr. med. Albert Zacher, Regensburg Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Isabelle Lesmeister, Regensburg. [email protected] 71