Wudys Wanderbriefe

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Wudys Wanderbriefe
Foto: Raimo Rumpler
WANDERBRIEFE
Dr. Max Wudy
Wudys Wanderbriefe
Wenn ich so marschier und sinnier und denk an viel
„W
enn ich so lenk und denk an nix“. Unter diesem Motto
schreibt Philipp Waldeck seine seit 1986 erscheinenden Wanderbriefe in der Autorevue. Hinter dem Pseudonym steckt Helmut A.
Gansterer, einer der renommiertesten Journalisten Österreichs. Helmut
A. Gansterer wuchs übrigens wie ich in Ternitz auf. Unter meinem Motto „wenn ich so marschier und sinnier und denk an viel“ möchte ich in
einige Wanderbriefen von meiner Wanderung von Velden nach Muggia
bei Triest und vor allem über meine politischen und standespolitischen
Gedanken berichten. Zeit genug fand ich ja auf dem 387 KilometerTrail, den wir, so meine GPS-Daten stimmen, in 141 Stunden Gehzeit
zurücklegten.
Die Pflicht haben wir erfüllt, das
Meer ist erreicht. Heute kommen
wir nach Duino, ein kleines Dorf
zwischen Monfalcone und Triest.
Bekannt eigentlich nur aus zwei
Gründen: Schloss Duino und die
Duineser Elegien. Schloss Duino
ist noch heute im Besitz der Familie Thurn und Taxis und war vor
dem 1. Weltkrieg lange Zeit ein
Treffpunkt der künstlerischen
Elite Europas. Franz Liszt musizierte hier, Alma Mahler Werfel
war immer wieder da, und schließlich auch Rainer Maria Rilke.
Die hier begonnenen Duineser
Elegien besitzen noch heute Weltruhm. Eigentlich ein kleines Bändchen von nur 32 Seiten, jedoch
von gewaltiger Sprache. Nur mit
der Aussage kann ich heute nicht
mehr viel anfangen, zu verworren
erscheint mir der Inhalt. Ich habe
allerdings nicht immer so gedacht,
vor über 40 Jahren, als ich auch
Hermann Hesse anbetete und
Satre und Camus ob ihrer Realität
verachtete, dachte ich anders über
Rilkes Werke.
Was mich eigentlich wundert ist,
dass Rilke noch nicht als wackerer
Niederösterreicher vereinnahmt
wurde, besuchte er doch sechs
Jahre das Militärrealgymnasium in St. Pölten, das er allerdings
entnervt Richtung Handelsakademie in Linz verließ, die er
genauso erfolglos beendete. Erst im heimatlichen Prag konnte er
die Matura durch Privatunterricht nachholen.
Doch zurück zu unserer Reise. Den Ruhetag in Cividale genießen wir, trotzdem an einem Montag Italien nahezu ausgestorben
ist, ähnlich wie das Triestingtal am Donnerstagnachmittag, alles
ciuso. Wir haben sogar Probleme, ein Mittagessen aufzutreiben.
Was uns allerdings hier in Cividale, wie auch schon auf der
ganzen Reise auffällt und nachdenklich stimmt, ist die exzessive „Selphimanie“ gepaart mit
dem sofortigen Versand an soziale
Medien wie Facebook. Wir sind
gespannt, wie das weitergehen
wird, wenn sich technische „Highlights“ wie „Googles Glas“ durchsetzen wird. „Ok glas“ und die
ganze Welt darf am Mittagessen
live teilhaben. So bringt man der
Jugend beizeiten bei, dass Datenschutz unnötig ist, nur wer etwas
zu verbergen hat, muss Angst um
seine Daten haben! Warum also ist
die Ärzteschaft so gegen die immer
explodierendere Datenakquisition? Hier kann uns Amsterdam
die Antwort geben. Bereits 1851
begann die Stadt, systematisch
Daten für das "Bevolkingsregister"
zu erheben, um die Aufgaben der
Stadtverwaltung optimal planen
zu können. Bereitwillig gaben die
Einwohner Familienstand, Beruf,
Religionszugehörigkeit und vieles mehr an, hatte doch niemand
etwas zu verbergen. 1936 stieg man
sogar auf die Datenerfassung mit
hochmodernen Lochkarten um.
1939 wurden die Daten auf den
neuesten Stand gebracht.
Im Mai 1940 marschierte die
deutsche Wehrmacht ein und die
nachfolgende SS beschlagnahmte
das Register. In wenigen Tagen
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ermittelten sie so fast alle jüdischen Einwohner. Rund 100
000 Amsterdamer Bürger, auch Anne Frank und ihre Familie
waren dabei, wurden registriert, nach und nach verhaftet und
ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht, einzig, weil ein Flagg
auf „Jüdischem Glauben“ verwies. 89 Jahre lang hatte niemand
etwas zu verbergen gehabt! Vielleicht passt hier ein Satz aus den
Elegien, den man bereits auf der ersten Seite findet:
„Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.“
Am nächsten Tag geht es wieder retour nach Slowenien, nach
Breg bei Golo Brdo, mitten ins berühmte Weinbaugebiet Brda,
das italienische Gegenstück ist als die Collio weithin bekannt.
Eine unspektakuläre Wanderung über den Flysch (so heißt der
Boden hier) bringt uns noch gegen Mittag ins kleine Dorf Breg.
Ohne Internet und ohne Wirtshaus bleibt uns nicht viel über
als in der Sonne zu rasten, in der Wiese zu liegen und uns auf
den nächsten Tag und die ungleich schwierigere Tagesetappe
vorzubereiten.
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33,33 Kilometer liegen am nächsten Tag vor uns, mehr als
51.000 Schritte wird mein Schrittzähler am Abend anzeigen, das
ist mehr als das rund 25fache des Durchschnittamerikaners und
noch immer das Zehnfache des „Normeuropäers“. Über den
berühmten Weinort Dobrovo wollen wir Smartno erreichen.
Es ist ein wunderschöner Tag, hügelauf und hügelab durch die
Weingärten in uraltem Kulturland. Wir rasten im Schloss Dobrovo, ursprünglich im Besitz der Habsburger und steuern auf
den Höhepunkt des Tages zu. Smartno ist ein winziges Wehrdörflein, dessen Ortskern allerdings sensationell restauriert
wurde. Diesmal haben wir an den Förderrichtlinien der EU
nichts auszusetzen. Besonders gut ist dies von einem hohen Aussichtsturm zu erkennen, den wir so nebenbei halt besteigen. Das
Abendessen nehmen wir in historischem Ambiente im Freien
ein.
In mehreren Bögen wandern wir am nächsten Tag zurück nach
Italien, nach Cormons, eine Stadt, die einst Maximilian dem
Ersten gehörte, der ganze Ort ist voll mit Hinweisen auf diesen Habsburger, der übrigens in Wiener Neustadt das Licht der
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Welt erblickte. Auch unser Hotel sieht aus wie die Kulisse eines
Heimatfilms mit Romy Schneider als Sissy und Karlheinz Böhm
als Franzl. Sogar der Besitzer ist adelig, mit Familienwappen im
Geschirr.
Bei unserem Zick Zack über die Grenzen stoßen wir auf beiden
Seiten auf zweisprachige Ortstafeln. Sogar die restlichen Hinweisschilder sind slowenisch und italienisch beschriftet. Mir ist
es nicht erinnerlich, je etwas von Problemen wie in Kärnten
gehört zu haben, auch meine Internetrecherche verläuft leer.
Wenn man in dieser Causa Jahrzehnte brauchte, um eine Selbstverständlichkeit umzusetzen, darf man sich nicht wundern,
warum wirklich große Brocken wie die Verwaltungsreform, die
Reform des Gesundheitssystems, die Reform der Justiz und vieles Notwendige mehr, noch nicht einmal angedacht sind.
haben wir ja nicht, wir marschieren in Mitteleuropa in uralter
Kulturlandschaft, ein Handyempfang ist überall gegeben, so
dass in einem Notfall sicher schnell Hilfe vor Ort sein wird.
Was mich grübeln lässt ist, wie in Italien oder Slowenien unsere
„Europäische Versicherungskarte“ gehandhabt wird. So wie in
Österreich, wo Ärzte wie ich trotz Passkopie, Kopie der Karte,
unterschriebenen Formular etc. auf jeder zweiten Behandlung
sitzen bleiben, weil noch irgendetwas fehlt, das Zeugnis der Oma
oder Ähnliches. Und trotzdem haben die europäischen Versicherungen über 250 Millionen Euro Schulden bei unseren Gebietskrankenkassen, Tendenz steigend. Dieses Geld wird den Österreichischen Versicherten und den Kassenärzten vorenthalten.
Gradiscia ist ebenfalls eine alte Habsburgerstadt und war einst
ein Bollwerk gegen die Republik Venedig, die imposanten Stadtmauern zeugen davon.
Weiter geht es relativ
unanstrengend nach
Gradisca d´ Isonzo, wäre
nicht die extreme Hitze
von 38 Grad plus auf der
schattenfreien Ebene,
übrigens ist dies schon
seit Cividale so. Unsere
Rücksäcke sind mit
Getränken vollgestopft
und trotzdem kehren wir
bei jeder Gelegenheit ein.
Leider bieten sich solche
Erholungspausen nur
einmal täglich an, meist
führt unsere Wanderung
durch menschenleeres
Gebiet. Immer wieder
kommenÜberlegungen
auf, was passiert, wenn
gesundheitliche Probleme auftauchen. Angst
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Heute gehts, wie immer begleitet von Kriegsmuseen, Denkmälern und so eine Art Friedenslehrpfad in Erinnerung an die
opferreichen Isonzoschlachten mit einer halben Million Toten
über einige doch kräfteraubende Hügel nach Duino. Einige
Kilometer vor unserem Tagesziel suchen wir Schutz vor dem
plötzlich einsetzenden Regen und kehren bei einem der zahlreichen Heurigen ein. Sensationeller Prosciutto und ebenfalls
sensationeller Käse werden angeboten und lassen uns den Sturzregen kurz vergessen.
Gerade jetzt muss ich
an die berühmte Mittelmeerdiät denken,
die trotz Völlerei das
Leben verlängern soll.
Es gibt einige Studien,
die den Effekt belegen,
jedoch wird in kaum
einer Publikation darauf hingewiesen, dass
die griechische Studie
zwar einen lebensverlängernden Effekt der
Mittelmeer-Diät für
Griechenland und
Spanien zeigte, jedoch
keinen für Menschen
in Deutschland und
der Niederlande, wenn
sie sich gemäß dieser
Kostform ernährten.
Im Gegenteil starben deutsche Anhänger dieser Ernährungsweise statistisch sogar früher. Mir hat einmal ein Statistiker einer
sehr großen internationalen Organisation eine Erklärung für
dieses Phänomen angeboten. Bei den meisten Studien wurden
die Sterbedaten der Pensionsversicherungssysteme in Griechenland und Spanien hergenommen. Seit der Eurokrise ist jedoch
hinlänglich bekannt, dass es im griechischen Pensionssystem
bis zu zwanzig Prozent Kartei – nein nicht Leichen, sondern
Lebende gibt, die schon längst nicht mehr unter uns weilen, die
natürlich die durchschnittliche Lebenserwartung in die Höhe
treiben. In Spanien und anderen südeuropäischen Ländern
sei es ähnlich, mit der Normalisierung und Aktualisierung der
Daten wird die durchschnittliche Lebenserwartung sinken. Die
Zukunft wird weisen, ob mein Bekannter Recht hat, ich glaube
ihm das schon, zu renommiert ist sein Ruf, seine Position, seine
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Institution. Unter solchen Aspekten ist natürlich jede vergleichende Studie innerhalb der EU oder der OSZE kritisch zu hinterfragen. Der Regen lässt nach, der Schinken und der Käse sind
aufgegessen, im Nieselregen geht es nun weiter Richtung Duino,
das Schloss dominiert schon einige Zeit den Horizont, auch das
Meer schimmert bereits durch die Büsche.
Ein Abendessen in einem Fischlokal am Hafen im Licht der
untergehenden Sonne belohnt uns für die Strapazen, die die
Hitze und fast 30 Kilometer gebracht haben.
Nach nunmehr über 280 Kilometern Marsch mit 13.500
Metern hinauf (und 14.000 Meter hinunter, Velden liegt
knapp 500 m hoch), beginnen wir morgen mit der Kür.
Auf dem Rilke Höhenweg geht's über Prosegg, besser bekannt
unter dem italienischen Namen Prosecco, nach Villa Opicina,
dann nach Lipica, auch nicht ganz unbekannt, und schließlich
über San Dorligo della Valle ins Rosandratal und letztendlich
nach Muggia, südlich von Triest.
Ich melde mich wieder.
DR. MAX WUDY
Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte