Batsheva Dagan
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Batsheva Dagan
Erinnerungen von «Dort» Die israelische Kinderpsychologin Batsheva Dagan zu Gast in Deutschland Es ist heiß an diesem Morgen im hochsommerlichen Berlin. Batsheva Dagan seufzt und zieht ihre Jacke aus. In Israel, wo sie lebt, sind Klimaanlagen eine Selbstverständlichkeit. Der Seufzer ist jedoch keine Klage, sondern nur eine Denkpause. Im nächsten Moment schon kümmert sie sich um kühles Trinkwasser, schiebt den Tisch zurecht und konzentriert sich auf ihr Gegenüber. Die Zeit für ein Gespräch ist knapp bemessen, der Terminkalender übervoll. Für Batsheva Dagan Die Kinderpsychologin Dagan. Foto: Archiv ein Normalzustand. Sie mag die vielen Reisen und Begegnungen. Sie will befragt werden über ihr Leben, ihre Bücher, ihre psychologische Arbeit - und über Auschwitz. Die tätowierte Nummer auf ihrem Unterarm hat einen irritierenden ästhetischen Reiz, sie ist vorwärts und rückwärts lesbar: 45554. Eigentlich eine Glückszahl, sagt Batsheva Dagan. Sie wurde ihr als Todesurteil eingebrannt, dessen Vollstreckung durch Hunger, Misshandlung und Zwangsarbeit sie dennoch überlebt hat. Als sie im Mai 1943 in Auschwitz ankam, war sie 17 Jahre alt und hatte schon sechs Gefängnisse in Deutschland erlebt - eine stete Steigerung an Grausamkeit und Demütigung. In einem Gefängnis musste sie Kleidung aus dem 19. Jahrhundert tragen und zwölf Stunden am Tag arbeiten, in einem anderen wurden die Häftlinge immer wieder geschlagen. Schließlich Auschwitz. Dort werden ihr die Haare geschoren, «von allem der schwerste Verlust». Sie bekommt die Uniformhose eines getöteten sowjetischen Soldaten zugeteilt, ohne Unterwäsche. Statt Socken erhält sie Streifen eines zerrissenen jüdischen Gebetsschals und dazu zwei linke, viel zu große Holzschuhe. Ihre Pritsche muss sie mit mehreren Frauen teilen. Im Krankenrevier, dem sie als Putzerin zugeteilt wird, muss sie jeden morgen die Körper berühren, um festzustellen, ob sie warm oder kalt sind. Sie erkrankt selbst an Typhus, leidet 16 Tage unter hohem Fieber und überlebt durch die Hilfe ihrer Cousine, die als Krankenpflegerin im Revier arbeitete. In den neunziger Jahren begann Batsheva Dagan über «Dort», wie sie es nennt, Gedichte zu schreiben. Gedichte! Adorno hätte wohl nicht schlecht gestaunt, wenn ihm gesagt worden wäre, dass sogar in Auschwitz Lyrik verfasst wurde. Die Häftlinge lernten die Gedichte auswendig, brachten sie einander bei, machten sich selbst zu lebenden Büchern - an einem Ort, wo das müßige Lesen der Luxus einer anderen Welt war. Oder sie verwandelten die Lyrik in Lieder, wie etwa das «Auschwitz-Alphabet»: ein bitterer Text, verfasst von zwei Belgierinnen, der zu einer fröhlichen Schunkelmelodie gesungen wurde. Zu ihrem 18. Geburtstag bekam Batsheva Dagan von einer Freundin ein Gedicht geschenkt, dazu ein Bild, das ein Festmahl zeigte. Daneben lag eine Scheibe Brot. Das Brot hat sie sofort aufgegessen, das Gedicht auswendig gelernt. Die Autorin, Zosia Szpiegelman, überlebte Auschwitz nicht. Vierzig Jahre später antwortet Batsheva Dagan auf das Geschenk. Im Bus sitzend, schreibt sie an die Gestorbene. Sie schreibt in dieser Zeit überall, trägt ein Notizheft immer bei sich. 1997 werden die Gedichte erstmals veröffentlicht und später in mehrere Sprachen übersetzt. In der zweiten Auflage liegt «Gesegnet sei die Phantasie - verflucht sei sie!» auch auf Deutsch vor. Einige der Lagergedichte, die ihr eigenes Schreiben inspirierten, hat Batsheva Dagan in ihren Gedichtband integriert. So auch das «Auschwitz-Alphabet», das sie teilweise neu dichtete, weil sich nicht mehr alle Reime aus dem Gedächtnis abriefen ließen. Für ihre appellierenden, ironischen, poetischen Erinnerungen wäre komprimiert und beinahe nackt vielleicht eine richtige Charakterisierung, denn Batsheva Dagan verzichtet auf die Bemäntelung des Grauens durch Pathos. Ebenso sind weder das «Metapherngestöber», von dem Paul Celan spricht, noch die mythische Überhöhung in der Trauer von Nelly Sachs die Hilfsmittel ihrer Sprache. Batsheva Dagan hält an dem Beschreiben fest, wobei die Kargheit der Worte die Kraft des poetischen Bildes erzeugt. Sie lässt es zu, dass in ihrem scheinbar objektiven Ton des Berichtens Sprünge sichtbar werden, Risse der Trauer, Schatten von nicht erloschener Wut. Schließlich ist es nicht an ihr zu erklären, warum exzessive Gewalt zu einer alltäglichen Umgangsform gegenüber den Internierten werden konnte. Rhetorische Fragen zwingen die Lesenden zum Mitdenken. Wie handeln? Warum? Wieso? Woher die Kraft zum Überleben nehmen? Batsheva Dagan schreibt mit Adressatenbezug. Auch in ihren Gedichten sitzt sie jemandem am Tisch gegenüber. Sie schenkt von dem Wasser nach und verweist auf ihre anderen Bücher und auf das Konzept, das sie mit ihnen verfolgt. Für jede Altersgruppe muss es Bücher geben, die über die Schoa informieren. Ihre ersten Bücher schrieb sie für Kinder. Denn diese waren es, die sie zuerst nach der Nummer auf dem Arm befragten. Nach der Befreiung war Batsheva Dagan nach Palästina emigriert, hatte Hebräisch in nur drei Monaten gelernt, geheiratet, zwei Kinder bekommen und begonnen, als Kindergärtnerin zu arbeiten. Den direkten Kinderfragen konnte und wollte sie nicht ausweichen, denn schon früh wurde ihr klar, dass Schweigen über die Schoa die Traumata weitertradieren würde. 1963 erhält sie ein Stipendium des israelischen Erziehungsministeriums, um Psychologie zu studieren, 1967 kann sie ihr Studium in den USA fortsetzen. Als Pionierin auf diesem Gebiet entwickelt sie eine psycho-pädagogische Methode, um Kindern die Ereignisse der Schoa so früh wie möglich zu vermitteln. Ihre Kinderbücher «Was geschah in der Shoah? Eine Geschichte in Reimen für Kinder, die es wissen wollen» und «Chica - die Hündin im Ghetto» sind inzwischen Standardlektüre in israelischen Kindergärten und Grundschulklassen. Zudem wurden sie in mehrere Sprachen übersetzt. Ihre Bücher haben immer ein Happy End, das Böse wird bestraft, denn Kindern, so betont sie, soll schließlich nicht die Hoffnung auf Gerechtigkeit genommen werden. Die Geschichte ihrer Cousine, die in Auschwitz ihre beiden Kinder retten konnte, erzählt Batsheva Dagan in dem Buch «Wenn Sterne sprechen könnten», das soeben auf Deutsch erschienenen und für Kinder im Grundschulalter geeignet ist. In kurzen Episoden, die die Perspektive der Gefangenen nie verlassen, wird der Alltag im Konzentrationslager geschildert. Die Grausamkeit der Haft wird anhand der Solidarität, mit der sich die Inhaftierten gegenseitig zu beschützen suchen, erzählt. So sind sie nicht bedauernswerte Opfer, sondern Protagonisten, mit denen die Lesenden sich identifizieren können. Dank der dramatischen Spannungsbögen wird wohl kaum ein Kind das Buch vor dem Ende aus der Hand legen. Für etwas größere Kinder hat sie in «Heute weint mir die Sirene» einige Symbole der Schoa in Gedichten dargestellt. Wenn sie eingeladen wird, kommt Batsheva Dagan auch in Schulklassen und stellt sich den Fragen. Seit 2002 reist sie mehrmals im Jahr dafür auch nach Deutschland. Für dieses unermüdliche Engagement ist sie schon mehrfach ausgezeichnet worden - jüngst erst mit dem brandenburgischen Landesorden «Roter Adler». Am 13. August erhielt sie vom Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff, für ihre Beteiligung «bei zahlreichen Veranstaltungen und Jugendprojekten zur Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus», wie es in der Laudatio hieß, sogar das Bundesverdienstkreuz. Überreicht wurde es ihr in der Staatskanzlei in Schwerin. Ausgerechnet Schwerin! Hierhin war Batsheva Dagan 1942 geflohen, nachdem ihre Eltern und eine Schwester nach Treblinka deportiert und umgebracht worden waren. Hier wurde sie denunziert und verhaftet. Denn sie hatte mit gefälschten Papieren, die sie als polnische Katholikin ausgaben, als Dienstmädchen in einer nationalsozialistischen Familie Zwangsarbeit geleistet, obwohl sie doch als Jüdin vernichtet werden sollte. So wollten es die Nazis, tatsächlich haben von ihrer elfköpfigen Familie nur vier Menschen überlebt. Vor dem Krieg hatte die Familie in Lodz gelebt, wo Batsheva Dagan 1925 geboren wurde. Damals hieß sie noch Isabella Rubinstein. Dann kamen die Deutschen und machten aus Lodz ein Ghetto, die Eltern flohen mit drei ihrer Kinder nach Radom. Doch auch das wurde ab 1941 zum Ghetto. Krieg und Verfolgung politisierten das junge Mädchen, sie engagierte sich in der, natürlich verbotenen, zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hazair. Dort sollte sie sich einen hebräischen Namen wählen und entschied sich für Batsheva. Batsheva - die biblische Schönheit. Auf den Fotos aus dieser Zeit könnte Batsheva Dagan für ein Fotomodell gehalten werden, wäre da nicht der ernste, zielgerichtete Blick, der nichts Werbendes hat. Noch immer legt sie, auch angesichts der Hitze, Wert auf Eleganz. Eine Eleganz allerdings, die sie pragmatisch ihrem Lebensstil anpasst. Ohrringe und Kette harmonieren mit Bluse und Hose, die wiederum leger genug ist, um die nötige Bewegungsfreiheit zu sichern. Batsheva Dagan, die fließend sieben Sprachen spricht und eine gefragte Gastdozentin in Israel, den USA und in Europa ist, will auch weiterhin viel reisen. «Ich werde zwar älter, aber nicht alt», sagt sie schmunzelnd. Am 8. September wird sie 82. Im Metropol Verlag sind bislang zwei Bücher von Batsheva Dagan erschienen: «Wenn Sterne sprechen könnten», illustriert von Avi Kaz. - Berlin, 2007 «Gesegnet sei die Phantasie - verflucht sei sie!» Erinnerungen von «Dort». illustriert von Yaakov Gutermann, Berlin, 2006. Lene Zade «Jüdische Zeitung», September 2007