76_Invasive Neophyten

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76_Invasive Neophyten
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Invasive Neophyten
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as drüsige Springkraut und mein Sohn Nick sind sich sehr ähnlich,
dachte ich heute Morgen. Dies klingt natürlich jetzt wie eine gewagte
Behauptung und eine rätselhafte dazu. Zunächst muss man daher
erläutern, worum es sich bei drüsigem Springkraut handelt. Es ist mir
in den letzten Monaten stark aufgefallen. Ich sah es im Wald und an
der Straße, überall in Deutschland. Wo man hinschaut, überall
drüsiges Springkraut, manche Kenner sagen auch indisches oder
Himalaya-Springkraut dazu. Das Zeug ist leicht giftig und breitet sich
in Überschallgeschwindigkeit überall dort aus, wo es ihm gefällt, weil es schattig und feucht
ist. Es wurzelt nicht tief, wird aber ganz schön groß, die Stängel sehen dann aus wie
Rhabarber. Man kann praktisch nichts dagegen unternehmen, schon färbt das auch
Wupperorchidee genannte Kraut ganze Landstriche rot.
Das überaus entzückend aussehende Kraut ist ein invasiver Neophyt. So bezeichnet man
Pflanzen, die ursprünglich woanders wuchsen und dann vom Menschen in die heimische
Fauna eingeschleppt wurden. In diesem Falle gebührt dieses Verdienst einem Engländer, der
das Gewächs vor über hundert Jahren aus Indien mitgebracht hat. Und nun steht es überall
bei uns an den Ufern und Straßen und verdrängt die heimischen Arten. Dies finden regionale
Forstbeamte und Kleingärtner unerquicklich. Man müsse das Springkraut ausreißen, bevor
es blüht, schimpfen sie. Mit Stumpf und Stil vernichten und damit basta, denn: Man möchte
hier keine invasiven indischen Einwanderer mit Drüsen, die sich explosionsartig vermehren
und den Deutschen den ganzen Platz wegnehmen. So könnte man es ausdrücken, etwas
verkürzt natürlich.
Und was hat das nun mit Nick zu tun, jenem blonden kleinen Jungen, den ich jeden
Morgen in den Kindergarten bringe, damit er dort Sand isst und einer Bande angehört, die
sich „Die Furzmaschinen“ nennen? Das ist leicht erläutert. Auch Nick ist ein invasiver
Neophyt. Er dringt nachts in unser Schlafzimmer ein, legt sich zwischen uns und drängt mich
aus dem Bett. Er wurzelt flach und wächst schnell. Wenn ich aufwache, liege ich ganz am
Rand, meist vollkommen verkrümmt, während Nick auf meinem Kissen schnarcht, Arme
und Beine ausgebreitet wie eine Wäschespinne.
Es ist keineswegs so, dass wir sein Kommen nicht bemerken würden, im Gegenteil. Nick
leidet nämlich unter dem so genannten Nachtschreck, dem Pavor Nocturnis. Gegen drei Uhr
wacht er halb auf und heult fürchterlich. Dann hören wir ihn durchs Haus poltern. Er kommt
mir vor wie Hui Buh auf Ecstasy. Am Schluss seiner Darbietung reißt er unsere Tür auf, lässt
sich zwischen uns fallen und schläft weiter. Eigentlich leidet nicht er unter seiner seltsamen
Angewohnheit, sondern wir. Er kann sich morgens an rein gar nichts erinnern und behauptet
steif und fest, wir hätten ihn zu uns ins Bett geholt, was nicht stimmt. Lieber hätte ich einen
Blumentopf mit drüsigem Springkraut neben mir, denn es heult nicht, zappelt nicht und
pustet mir nicht ins Ohr.
Der Kinderarzt hat gesagt, Pavor Nocturnis ginge vorbei und habe keine große Bedeutung.
Wir sollten uns damit abfinden. Also kauften wir eine Lampe mit einem Bewegungsmelder,
die ich in die Steckdose im Flur steckte, damit Nick nachts den Weg findet und nicht die
Treppe runterfällt. Wenn er aus seinem Kinderzimmer kommt, soll das Teil anspringen. Aber
etwas stimmt nicht mit der Leuchte. Ich glaube, sie ist immer an, leuchtet ständig und
verbraucht so viel Strom wie das Oktoberfest. Nur ausgerechnet, wenn ich um die Ecke
komme, geht sie aus. Sobald die Lampe mich sieht, wird sie dunkel. Hm. Ich habe das jetzt
schon ein paar Mal ausprobiert. Ich bin sogar ganz leise gegangen, weil sie mich ja vielleicht
auch hört. Jedes Mal war sie erst an und erlosch, wenn ich mich näherte. Vorgestern
begegnete ich auf einem nächtlichen Kontrollgang meinem Sohn. Ich stand also im Dunklen,
als plötzlich Nicks Tür aufging und unser ängstlicher Neophyt unter grauenhaftem Geheul an
mir vorbeisauste. Zack, Licht an. Kaum verschwand er in meinem Schlafzimmer, knackte es
im Bewegungsmelder, die Lampe ging wieder aus und ließ mich im Finsteren stehen. Barfuß
und einsam. Ich fühlte mich wie eine vom drüsigen Springkraut verdrängte deutsche
Sumpfblume. •
25. SEPTEMBER 2008