Graue Asche, feuriger Vulkafl

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Graue Asche, feuriger Vulkafl
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Graue Asche, feuriger Vulkan
Graue Asche, feuriger Vulkan
Uraufführung: „Ashes“ von Koen Augustijnen mit den Ballets C de la B
Veröffentlicht am 21.02.2009, von Marlies Strech
Zürich - Die flämischen Ballets C de la B von Alain Platel, 1983 gegründet, bilden inzwischen ein Kollektiv mit verschiedenen
Choreografen. Einer von ihnen ist der 42-jährige Koen Augustijnen, der bis vor kurzem bei den Ballets C de la B mittanzte. Auch
in seinen eigenen Stücken „Import Export“ (2006) und „Bâche“ (2004). Jetzt ist Augustijnen in „Ashes“ zu seinem eigenen
Leidwesen auf die alleinige Seite des Choreografen getreten. Die Uraufführung des neuen Stücks fand in der Schweiz statt, am
Zürcher Theaterhaus Gessnerallee.
„Ashes“, 100 Minuten lang und ohne Pause präsentiert, erweist sich als packendes, intensives Tanztheaterstück. Elementar und
gleichzeitig raffiniert ausgearbeitet. Ort der Handlung ist ein Dorfplatz mit verschachtelten Häusern in Grau (Bühnenbild Jean
Bernard Koeman). Eine dicke Frau in türkisfarbener Kleidung und mit orangefarbenem Schirm betritt sie Bühne. Sie stutzt: Tote
Menschen liegen herum. Verletzte rappeln sich hoch, bewegen sich wie Spastiker, irren herum. Sind sie Opfer eines Angriffs mit
Nervengas? Choreograf Augustijnen nennt einen andern Zusammenhang: Ihn inspirierte das Bild eines philippinischen Dorfes, auf
das sich nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo ein Grauschleier von Asche gelegt hatte.
Die Katastrophe wurde diesmal also nicht von Menschen, sondern von der Natur herbeigeführt. Asche kann Leben ersticken, aber
auch das Wachstum von Pflanzen fördern. Soviel zum Umfeld der je vier Tänzerinnen und Tänzer. Sie finden im Dorf ins Leben
zurück, greifen sich zwar zuweilen an, unterstützen einander aber auch. Später bilden sie Paare, zärtliche oder eher groteske. So
wackelt die dicke Frau in Türkis mit ihrem unglaublich großen Hintern, dirigiert ihren Verehrer mit widersprüchlichen Zurufen in ein
Haus. Wenn die beiden es später wieder verlassen, sind sie immerhin sichtlich vergnügt.
Die Namen der acht Tanzenden illustrieren ihre unterschiedliche Herkunft: Athanasia Kanellopoulou, Beniamin Boar, Chantal
Loïal, Gaël Santisteva, Grégory Edelein, Jakub Truskowski, Ligia Manuela Lewis, Sung-Im Her. Sie haben verschiedene
Hautfarben, Temperamente, Ideale - und vertreten auch vielfältige Tanz- und Theaterkulturen. Das setzt der Choreograf als
künstlerisches Mittel ein, wie selbstverständlich, ohne putzig-exotischen Touch. Augustijnen schenkt den Frauen Zeit für ihre
dynamisch-besinnlichen Soli; den Männern schafft er Raum für ihre geradezu halsbrecherischen Akrobatik-Attacken vom Boden aus
über alle Ebenen der Häuser. Dazwischen läuft eine Beerdigung ab, mit eigenwilligen Ritualen und Tanzfragmenten. Am Ende
von „Ashes“ liegen alle auf dem Boden, schaukeln gleichförmig wie Wellen im Meer. Ein Bild des Friedens - aber wohl der
trügerischen Art. Denn immer wieder schnellen die Ruhenden ängstlich empor. Droht nach dem Vulkanausbruch neue Gefahr, eine
weitere Naturkatastrophe? Ein Sturm oder gar ein Tsunami? Einen ziemlichen Kontrast zum Bühnengeschehen bildet die live
gespielte Musik. Es ertönen nämlich weder Pop noch Folk noch Ethno – sondern Barockstücke von Georg Friedrich Händel,
zusammengestellt und gelegentlich verfremdet von Wim Selles. Auf der Terrasse mit ihrem Trampolinboden, wo die Akrobaten ihre
verrückten Luftsprünge machen, singen zeitweise auch eine Sopranistin (Amaryllis Dieltiens) und ein Countertenor (Steve Dugardin,
bekannt schon aus Augstijnens früheren Choreografien). Drei Frauen und zwei Männer spielen auf wechselnden Schauplätzen,
aber immer gut sichtbar, auf ihren Instrumenten: Violine, Cello, Laute, Akkordeon, Marimba, Schlagzeug. Intensiv und mit zu
Herzen gehendem Wohllaut. Nur der Perkussionist auf dem Dach erzeugt zuweilen beängstigenden Lärm.
Manches an „Ashes“ erinnert nicht nur an Koen Augustijnens frühere Tanztheaterstücke, sondern auch an die Kreationen von Alain
Platel, dem Erfinder der Ballet C de la B (C für contemporain/zeitgenössisch, B für Belgique). So hat Platel in „Wolf“ (2003)
ebenso selbstverständlich Mozart-Musik spielen lassen, wie das jetzt in „Ashes“ mit Händel der Fall ist. In „Pitié!“ (2008)
verwendet Platel sogar Bachs Matthäuspassion.
„Ashes“ von Augustijnen und „Pitié!“ von Platel sind die beiden Hauptwerke, mit denen die Ballets C de la B aus Gent dieses Jahr
auf Tournee gehen. Auf dem Fahrplan 2009 stehen für beide Produktionen neben Frankreich, Belgien, Portugal und Holland
natürlich auch Deutschland: „Ashes“ kommt im September nach Bonn, im Oktober/November nach Berlin. „Pitié“, letztes Jahr in
Bochum uraufgeführt, wird im Mai in Wiesbaden, Dresden und Heilbronn, im Juni in Hamburg und Berlin gezeigt - und im
gleichen Monat auch in der Schweiz (wiederum am Zürcher Theaterhaus Gessnerallee).
Weitere Aufführungen in Zürich: heute und morgen Links: www.lesballetscdela.be www.gessnerallee.ch
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