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www.kma-online.de | 10 Euro 15. Jg. | Oktober 2010 Arzneimittelmarktgesetz: Pillen schlucken für Deutschland Wundzentren: Gehe entdeckt den Diabetesfuß Porträt: Helmut Hildebrandt – Berater mit sozialem Gewissen Kassenwettbewerb SCHRECKGESPENST Georg Thieme Verlag KG, Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart, PVSt, Entgelt bezahlt, 43151 Nichts fürchten die Kassen so sehr wie den Zusatzbeitrag. Alle wollen ihn vermeiden. Ein bizarrer Wettbewerb ist ausgebrochen. 5NTERNEHMENææ-ÊRKTE Kassenwettbewerb SCHRECKGESPENST Nichts fürchten die Kassen so sehr wie den Zusatzbeitrag. Seit die ersten Versicherer empfindliche Mitgliederverluste hinnehmen mussten, ist ein bizarrer Wettbewerb ausgebrochen. Neue Versorgungsformen bleiben auf der Strecke. 22 Oktober 2010 | 15. Jg. 5NTERNEHMENææ-ÊRKTE usatzbeiträge sind Anfang dieses Jahres im Freundeskreis des Ehepaares Jan und Ursula G. aus Worpswede ein Thema gewesen. Jan G. konnte als privat Versicherter wenig zum Gespräch beitragen – seine Frau dafür umso mehr: Sie ist bei der HKK versichert, einer kleinen Kasse mit Sitz in der Hansestadt Bremen und gut 237.000 Mitgliedern. Nachdem Ursula G. aus dem Krankenhaus kam, wo sie sich zuvor einer Kniegelenksoperation unterzogen hatte, flatterte wenig später ein Scheck der HKK ins Haus. 60 Euro Beitragsrückerstattung für 2009! Ohne große Ankündigung, einfach so. Damit hatte Ursula G. nicht gerechnet. Das Beste ist: Die Kasse verspricht die Rückerstattung auch für dieses Jahr und sogar für 2011, allerdings steht die Höhe noch nicht fest. Die damalige Handelskrankenkasse fusionierte schon im Januar 2008 mit der IKK Weser-Ems zur neuen HKK. Mit ihrer Beitragsrückerstattung an die Mitglieder befindet sich die kleine regionale Kasse im Norden Deutschlands in einer komfortablen Situation. Die meisten Chefs der 166 gesetzlichen Krankenkassen (Stand 1. April 2010) können davon nur träumen. Sie treibt derzeit nur eine einzige Frage um: Muss ich einen Zusatzbeitrag erheben, ja oder nein – und wenn ja, wann? Z Was Geld kostet, wird hintangestellt Denn der Zusatzbeitrag steht für Mitgliederverluste, und das bedeutet für die Kassen wiederum geringere Einnahmen aus dem Gesundheitsfonds und dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA). Besonders empfindlich haben dies Anfang des Jahres die DAK, die Deutsche BKK und einige andere kleinere Kassen wie die City BKK oder etwa die BKK Heilberufe zu spüren bekommen. Aktuell 15. Jg. | Oktober 2010 sind es 16 Kassen, die einen Zusatzbeitrag erheben. Die DAK verlor mehr als eine viertel Million Versicherte – wenngleich der Trend zum Wechsel erst einmal gestoppt sein soll. Der Schock in der Kassenwelt sitzt tief. Sehr tief. Nur so erklären sich Verrenkungen wie jüngst bei der Barmer GEK. Nachdem die Vorstandsvorsitzende Birgit Fischer ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag bis spätestens 2011 in Aussicht gestellt hatte, ruderte ein Sprecher der Kasse rasch zurück. Die Kassen befinden sich gerade in einem Zusatzbeitragsvermeidungswettbewerb, urteilen Experten unisono. Durch die ausschließliche Fixierung der Kassenbosse auf den Zusatzbeitrag ist der Wettbewerb um eine intelligente Steuerung der Patienten und eine effiziente Versorgung nahezu zum Erliegen gekommen. Die Kassen konzentrieren sich zumeist aufs Brotund-Butter-Geschäft. Alles, was Geld kostet, wird erst einmal hintangestellt „Die Lage ist prekär“, urteilt Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld. „Zurzeit interessiert die Kassen fast ausschließlich die Kostenvermeidung. Die Entwicklung innovativer Versorgungsformen liegt völlig brach. Stattdessen konzentrieren sie sich auf Versorgungsstrategien, die die Versorgung billiger machen. Das ist eine fatale Verkürzung. Warum sollen Versorgungsangebote nicht teurer werden, wenn sie mit einer höheren Qualität hinterlegt sind als die bisherige Versorgung aufweist?“ Die Schuld an dieser Entwicklung lasten nicht wenige der Einführung des Gesundheitsfonds an – und damit der Politik. Nur 95 Prozent der Beitragsmittel werden über den Fonds und den Morbi-RSA an die Kassen verteilt. Die restlichen 5 Prozent, die die Kassen zur Versorgung ihrer Versicherten benötigen, sollen sie etwa über Selektivverträge mit Pharmaherstellern erwirtschaften – und so einen Zusatz23 5NTERNEHMENææ-ÊRKTE beitrag vermeiden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kassen erst gegen Jahresende wissen, was sie an Geldern aus dem Fonds bekommen. „Alle sind ge- spannt. Denn sie bekommen unterjährig nur Abschlagszahlungen. Für große Kassen kann die Differenz einen dreistelligen Millionenbetrag ausmachen,“ Die 15 größten gesetzlichen Kassen Versicherte heute (in Mio.) Großer Partner (Versichertenzahl) Juniorpartner (Versichertenzahl) 8,6 Barmer (6,9 Mio.) GEK (1,7 Mio.) Januar 2009 7,3 TK (6,3 Mio.) IKK direkt (830.000) DAK Januar 2010 6,1 DAK (6,1 Mio.) Hamburg Münchener Krankenkasse (300.000) 4 AOK PLUS Januar 2011 4,2 AOK Plus Sachsen /Thür. (2,7 Mio.) AOK Hessen (1,5 Mio.) 5 AOK Bayern — 4,1 — — 6 AOK BadenWürttemberg — 3,7 — — 7 AOK Rheinland/ Hamburg Juli 2006 2,9 AOK Rheinland (2,6 Mio.) AOK Hamburg (300.000) 8 AOK Nordwest Oktober 2010 2,8 AOK Westfalen-Lippe (2,1 Mio.) AOK Schleswig-Holstein (700.000) 9 AOK Niedersachsen April 2010 2,4 AOK Niedersachsen (2,15 Mio.) IKK Niedersachsen (285.000) 10 KKH-Allianz Juli 2009 2,3 KKH Allianz (2,2 Mio.) METRO AG Kaufhof BKK (50.000) 11 AOK Nordost Januar 2011 1,8 AOK BerlinBrandenburg (1,3 Mio.) AOK MecklenburgVorpommern (430.000) 12 Knappschaft — 1,7 — — IKK Nordrhein (500.000) Größe Kasse Fusion 1 Barmer GEK November 2009 2 Techniker Krankenkasse 3 13 Vereinigte IKK Januar 2010 1,6 Signal Iduna IKK (1,1 Mio.) 14 BKK Mobil Oil Januar 2008 1,0 BKK Mobil (986.000) KEH Ersatzkasse (77.000) 15 Deutsche BKK August 2008 0,9 Deutsche BKK (1 Mio.) Gothaer BKK (38.000) Quelle: dfg - Dienst für Gesellschaftspolitik / kma Marktmacht: 90 Prozent der gesetzlich Versicherten sind gerade einmal bei 36 Kassen von 166 versichert. Der Trend zu Fusionen ist ungebrochen, schreibt das Bundesversicherungsamt in seinem Tätigkeitsbericht. 2009 verzeichnete es 25 Zusammenschlüsse, im Jahr 2008 waren es 23. sagt Bent Lüngen, Unternehmensberater von B-lue Management Consulting. Das Konzept, zu Zeiten von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt erdacht, ist gründlich danebengegangen. Die Kassen sollten gezwungen werden, wirtschaftlicher zu haushalten und Effizienzreserven im System durch neue Versorgungsverträge mit den Leistungserbringern zu heben. Das Gegenteil ist eingetreten: Die Kassen verharren in einer Schockstarre – auch weil die Politik, parteiübergreifend, schnell das Credo ausgegeben hat: Kassen, die einen Zusatzbeitrag erheben müssen, sind unwirtschaftlich. Keine freiwilligen Fusionen Zumindest eines hat der Zusatzbeitrag bewirkt. Etliche Kassen fusionierten seitdem – auch weil seit Anfang dieses Jahres das Insolvenzgesetz in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gilt und Kassen ihre wackligen Haushalte nicht mehr wie früher durch faule Kredite finanzieren dürfen oder durch Kungeleien mit der Länderaufsicht. Mit jeder Fusion verbindet sich aber auch die Hoffnung, den Zusatzbeitrag abzuwenden. Der Kassenexperte Robert Paquet: „Es gibt im Kassensystem keine freiwilligen Fusionen. Es handelt sich immer um die Notlage mindestens eines Partners.“ Zumindest vorläufig scheint der Scheitelpunkt der Fusionswelle erreicht zu sein. „Die Beitragserhöhung 2011 von derzeit 14,9 auf 15,5 Prozent wird mehr als sechs Milliarden Euro ins System bringen. Die Leistungsausgaben der GKV sind im laufenden Jahr bisher unterhalb der Prognosen des GeoCon. Generell professionell. Sehr gute Dienstplanprogramme brauchen sehr spezielle Erfahrungen besonderer Entwickler. Denn kaum ein Bereich ist komplexer als die wirtschaftlich, juristisch sowie gesundheits- und finanzpolitisch beeinflusste Personalplanung. 24 Vertrauen Sie den Spezialisten. 2UDOWER #HAUSSEE s "ERLIN 4ELELEFON s &AX WWWGEOCONDE s GEOCON GEOCONDE Oktober 2010 | 15. Jg. 5NTERNEHMENææ-ÊRKTE Schätzerkreises geblieben, deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass die GKV 2010 sogar mit einem Plus abschließen wird. Und ohne Not stehen so bald keine Fusionen mehr an“, glaubt Paquet. Für das Jahr 2010 hat der Schätzerkreis Einnahmen des Gesundheitsfonds – inklusive des Bundeszuschusses – von 172,5 Milliarden errechnet. Dem stehen Ausgaben in der Höhe von 173,4 Milliarden Euro gegenüber. Auch Greiner, der Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist, prognostiziert „keine weiteren Elefantenhochzeiten. Die Fusionen werden weitergehen, aber die Schwelle von 80 Kassen in Deutschland wird auf absehbare Zeit nicht unterschritten werden.“ Beobachter gehen von weiteren Fusionen im AOK-Lager aus. Paquet erläutert: „Die AOK Sachsen-Anhalt müsste noch untergebracht werden. Denkbar ist auch ein Zusammenschluss der AOK Saarland und der AOK-Rheinland-Pfalz oder eine Fusion der zwei AOKs in Nordrhein-Westfalen – also eine Vereinigung der AOK-Rheinland/Hamburg mit der AOK Westfalen-Lippe.“ Bis zu drei AOKs können zusammengehen. Schaffen sie größere Einheiten, unterstehen sie der Bundesaufsicht. Kassenartenübergreifende Fusionen wie beispielsweise die der IKK Niedersachen und der AOK Niedersachsen sind manch einem Beteiligten eher ein Dorn im Auge. So etwas möchte man bei den Innungskrankenkassen nicht noch einmal sehen. „Die AOK nimmt alles“, sagt ein Kassenfunktionär, der nicht genannt werden möchte. Insgesamt sind kassenartenübergreifende Fusionen bisher die Ausnahme. Einzig die Verbindung zwischen der KKH und der BKK Alli- Wolfgang Greiner: Der Sachverständige ist überzeugt, dass der ungedeckelte Zusatzbeitrag für den nötigen Wettbewerb unter den Kassen sorgen wird. anz zur KKH Allianz hat anfangs für ein Raunen in der Kassenszene gesorgt. Unstrittig ist, dass noch einige kleinere BKKs von der Bildfläche verschwinden werden. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: „Es gibt einige BKKs, die sich eng an ihre Trägerunternehmen binden und sich so Marktvorteile schaffen“, sagt Bent Lüngen. Das NEUE unkomplizierte NEXUS / KIS ist da. Ob Medizin, Pflege, Verwaltung oder Abrechnung – entdecken Sie, was das neue NEXUS / KIS für Sie tun kann unter www.KISbyNEXUS.de 15. Jg. | Oktober 2010 25 5NTERNEHMENææ-ÊRKTE Kassen, die Zusatzbeiträge erheben Kasse Zusatzbeitrag pro Monat Fällig seit BKK Advita 8 Euro 01.02.10 BKK Axel Springer 8 Euro 01.01.10 BKK für Heilberufe 1 % vom Bruttolohn 01.01.10 BKK Gesundheit 8 Euro 01.02.10 BKK Merck 8 Euro 01.04.10 BKK Phoenix 8 Euro 01.01.10 BKK Publik 1% vom Bruttolohn 01.01.10 BKK Westfalen-Lippe 12 Euro 01.02.10 CITY BKK 8 Euro 01.04.10 DAK 8 Euro 01.02.10 Deutsche BKK 8 Euro 01.02.10 E.ON BKK 8 Euro 01.03.10 Esso BKK 8 Euro 01.04.10 Gemeinsame BKK (GBK) 1% vom Bruttolohn 01.01.10 KKH-Allianz 8 Euro 01.03.10 Novitas BKK 8 Euro 01.07.10 Quelle: www.1a-krankenversicherung.de der Vorstandsvorsitzende der RhönKlinikum AG, Wolfgang Pföhler: „Die bestehende Marktkonzentration als auch die Konzentrationsgeschwindigkeit der Kassen ist deutlich größer als die der Krankenhäuser. So verschieben sich nach und nach die Kräfteverhältnisse zugunsten der Kassen, gleichzeitig sind ihre wettbewerblichen Handlungsspielräume zunehmend erweitert worden. Deshalb ist eine wirksame Wettbewerbskontrolle bei Vertragsabschlüssen der Krankenkassen mit Leistungserbringern so wichtig. Darüber hinaus muss, um ein gesundes Gleichgewicht zu erhalten, dringend über eine Neufassung der Marktabgrenzung für den Klinikmarkt bei der Fusionskontrolle nachgedacht werden.“ Mit diesen Forderungen steht Pföhler nicht allein. „Kassen agieren weitgehend wie gemeinnützige Unternehmen und weisen somit Unternehmenseigenschaften auf, dann können sie auch einer solchen Wettbewerbsordnung unterstellt werden“, sagt Gesundheitsökonom Greiner. Dies würde auch nicht unbedingt die Zerschlagung einzelner AOKs nach sich ziehen. Es sei eine Frage der Abgrenzung des relevanten Marktes.“Da wird sich das Kartellamt schon etwas einfallen lassen, die blicken da auf langjährige Erfahrung zurück.“ Die großen Allgemeinen Ortskrankenkassen müssen sich auf Gegenwind einstellen. Währenddessen kann die kleine Bremer HKK schon die nächsten Schecks für ihre Versicherten schreiben. Ingrid Mühlnikel GeoCon. Generell aktuell. 'ESUNDHEITSREFORM 0FLEGEREFORM 4ARIFVERËNDERUN LEICHT MIT NEGATIVEN &OLGEN WENN MAN ETWAS GEN 0ERSONALRECHTSMODIFIZIERUNGEN 3OFTWARE UP VERGISST $AS KANN MIT UNS KAUM PASSIEREN 7IR DATES .EUE &AKTEN BEEINFLUSSEN )HREN !RBEITSALLTAG VERSORGEN 3IE GENERELL MIT AKTUELLEN $ATEN 6ERTRAUEN 3IE DEN 3PEZIALISTEN 26 2UDOWER #HAUSSEE s "ERLIN 4ELELEFON s &AX WWWGEOCONDE s GEOCON GEOCONDE Oktober 2010 | 15. Jg. Illustration: Joswig; Foto: Universität Bielefeld/Vereinigte IKK Kassen agieren wie Unternehmen Es sind aber nicht die bevorstehenden Minifusionen, die für Gesprächsstoff in der Kassenlandschaft sorgen. Weitaus spannender ist die neu entstandene Marktmacht der Allgemeinen Ortskrankenkassen. Die Koalition hat in ihrem Gesetzentwurf zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes in der gesetzlichen Krankenversicherung (AMNOG) darauf reagiert und will auf Kassen das allgemeine Wettbewerbsrecht und das Kartellrecht angewandt wissen. Dies soll zunächst nur den Bereich der Rabattverhandlungen mit den Pharmaherstellern betreffen, nicht aber das kollektivvertragliche Leistungsgeschehen. Beim AOK-Bundesverband ist man dennoch alarmiert, zumal das Gesetz auch für den Heil- und Hilfsmittelsektor greift. Die Neufassung des entsprechenden Paragrafen im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) zielt auf die gesamten Beziehungen der Kassen zu den Leis tungserbringen ab. Gelten soll das sogenannte RegelAusnahmen-Verhältnis. Doch was ist dann ausgenommen?, fragt man sich beim AOK-Verband. Einigkeit besteht darüber, die Gerichtsbarkeit bei Klagen im Vergabeverfahren von den Sozialgerichten zu den Zivilgerichten zu verlagern. All diese Schritte werten Beobachter als die ersten Versuche der Politik, das allgemeine Wettbewerbsrecht später vollumfänglich auf gesetzliche Kassen anzuwenden. Das Stutzen der Flügel einiger mächtiger Kassen dürfte auch manchen Krankenhäusern gefallen. Unbehagen an der Marktmacht der Kassen äußert