«DEUS CARITAS EST»
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«DEUS CARITAS EST»
6 / 2 0 0 6 • 9 . F E B R U A R • 174 . J A H R G A N G I S S N 14 2 0 - 5 0 41 • FA C H Z E I T S C H R I F T U N D A M T L I C H E S O R G A N « D E U S C A R I TA S E S T » ie erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. enthält nicht, wie man es vielleicht erwartet hat, ein «Regierungsprogramm» im üblichen Sinn und ist auch nicht streng dogmatischen und moralischen Fragen gewidmet. Sie bietet vielmehr eine theologische Meditation über das menschliche und christliche Grundwort Liebe, das heute vielfach verschlissen, abgenutzt und missbraucht wird. Demgegenüber soll es wiederum in seinem ursprünglichen Glanz vor Augen geführt werden. Damit verbunden ist eine engagierte Würdigung der Caritas als einer zentralen Aufgabe der Kirche. Diese beiden Teile der Enzyklika über das Wesen der Liebe und über kirchliche Barmherzigkeit und caritative Einrichtungen der Kirche könnten beim schnellen Lesen wie zwei verschiedene Blöcke wahrgenommen werden. Dem Papst geht es aber gerade um die innere Einheit dieser beiden Teile. D Der ungläubige Thomas Steinrelief im Kreuzgang der Benediktinerabtei Santo Domingo de Silos (Burgos/Spanien) Die Mitte des christlichen Glaubens Ausgehend vom Wort aus dem Ersten Johannesbrief – «Deus caritas est»: «Gott ist Liebe» – weist die Enzyklika in ihrem ersten Teil auf die Mitte des christlichen Glaubens hin und zeigt sie sowohl im christlichen Gottesbild als auch in dem aus ihm folgenden Bild des Menschen auf. Denn der biblische Glaube verkündet einen Gott, der dem Menschen seine Liebe völlig vorleistungslos anbietet und der sie am deutlichsten am Kreuz Jesu Christi bewährt hat und sie auch heute vor allem in der Eucharistie schenkt. Dabei konzentriert sich der Papst auf die innere Verbindung der Liebe Gottes mit der Realität der menschlichen Liebe. Weil nach seiner Überzeugung das Eigentliche des Christlichen in den grundlegenden Lebenszusammenhängen des Menschseins verwurzelt ist, betont er sowohl den Unterschied zwischen dem begehrenden Eros und der sich selbst verschenkenden Agape als auch und vor allem ihre innere Einheit. Denn im Letzten ist Liebe eine einzige Wirklichkeit, die aber verschiedene Dimensionen aufweist. Eros und Agape Dies wird zunächst im biblischen Gottesbild aufgezeigt, in dem der Eros Gottes für den Menschen zugleich ganz und gar sich hingebende Agape ist. Im Menschenbild zeigt sich die innere Einheit von Eros und Agape vor allem in der festen Verknüpfung von Eros und Ehe. Von daher geht es dem Papst um die unlösbare Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe, und zwar in dem Sinne, «dass die Nächstenliebe ein Weg ist, auch Gott zu begegnen, und dass die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind 85 ENZYKLIKA «DEUS C A R I TA S E S T » 87 LESEJAHR 93 K I PA - W O C H E 97 Ä LT E R W E R D E N 99 SUIZIDBEIHILFE 100 ÖKUMENISCH FEIERN 101 AMTLICHER TEIL « D E U S C A R I TA S E S T » ENZYKLIKA Die Enzyklika «Deus Caritas est» ist unter www.kath.ch einsehbar. 6 / 2 0 06 macht» (16). Der zweite Teil behandelt die praktische Umsetzung der christlichen Nächstenliebe im kirchlichen Leben und will eine neue Lebendigkeit in der caritativen Antwort des Christen und der Kirche auf die erfahrene Liebe Gottes wachrufen. In einem engagierten Plädoyer für Caritas und Diakonie macht sich Papst Benedikt XVI. dafür stark, dass alles Handeln der Kirche Ausdruck einer Liebe sein muss, die das ganzheitliche Wohl des Menschen anstrebt, und dass die Diakonie genauso wichtig ist wie Verkündigung und Liturgie: «Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst» (25). entscheidend darum, dass der Christ selbst aus der Liebe Gottes so sehr lebt, dass er die Nächstenliebe nicht mehr als ein Gebot empfindet, das ihm gleichsam von aussen auferlegt wäre, sondern als Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott dem Menschen entgegengeht, und insofern als Folge des Glaubens, der in der Liebe wirksam wird: «Der Glaube, das Innewerden der Liebe Gottes, die sich im durchbohrten Herzen Jesu am Kreuz offenbart hat, erzeugt seinerseits die Liebe» (39). Und im Schlussteil zeigt die Enzyklika am Beispiel der Heiligen und vor allem Marias, dass wer zu Gott geht und vor ihm im Gebet verweilt, sich gerade nicht von den Menschen entfernt, sondern ihnen erst wirklich nahe wird. Gerechtigkeit und Liebe In einem ausführlichen Abschnitt «Gerechtigkeit und Liebe» wird das Verhältnis zwischen der Liebestätigkeit der Kirche und dem Bemühen des Staates um Gerechtigkeit geklärt. Demgemäss kann es nicht Aufgabe der Kirche sein, selbst gerechte Strukturen in der Gesellschaft zu schaffen und sich damit an die Stelle des Staates zu setzen. Das spezifische Werk der Kirche liegt vielmehr in der Reinigung der politischen Vernunft im Licht der kirchlichen Soziallehre einerseits und andererseits in den karitativen Organisationen der Kirche. Das spezifische Profil der kirchlichen Liebestätigkeit sieht der Papst vorgebildet im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, dem es darum geht, einfach Antwort auf das zu geben, was in der konkreten Situation unmittelbar not tut. Dabei darf sich die Liebe der Kirche nicht von Ideologien leiten oder sich in den Dienst von weltlichen Strategien stellen lassen. Das Programm des Christen ist vielmehr das «sehende Herz», das sieht, wo Liebe Not tut und danach handelt. Schliesslich ist die Liebe der Kirche umsonst – gratis. Sie wird nicht deshalb getan, um andere Ziele zu erreichen. Reform aus der Wurzel des Glaubens Indem Papst Benedikt XVI. eine theologische Meditation über die Liebe vorlegt und die Diakonie als fundamentale Aufgabe der Kirche würdigt, zeigt er nicht nur die Menschlichkeit und Schönheit des christlichen Glaubens auf, sondern ratifiziert er damit auch, was sein Pontifikat seit Beginn auszeichnet und was die Kirche heute so dringend nötig hat: Eine wahre Reform aus den Wurzeln des Glaubens und durch die Konzentration auf das Wesentliche. Dadurch präsentiert sich die Enzyklika auch als ein durch und durch ökumenischer Text, der das Wesentlichste des christlichen Glaubens und das allen Christen Gemeinsame darlegt. Ökumenisch ist die Enzyklika auch deshalb zu würdigen, weil sie aus einer starken biblischen Inspiration lebt und eine gelungene Synthese von biblischer und spekulativer Theologie darbietet. Darin kann man, wenn man es denn so nennen will, das entscheidende «Regierungsprogramm» von Papst Benedikt XVI erblicken. Wir dürfen dem Heiligen Vater für diese eingängige, eindringliche und von tiefem Glauben getragene Enzyklika dankbar sein und uns von ihr ermutigen lassen, die Liebe noch entschiedener zu leben und so von der grenzenlosen Liebe Gottes in der heutigen Welt in Wort und Liebestätigkeit glaubwürdig Zeugnis zu geben. + Kurt Koch, Bischof von Basel Spiritualität kirchlicher Caritas Im Abschnitt «Die Träger des karitativen Handelns der Kirche» entwickelt der Papst eine eigentliche Spiritualität kirchlicher Caritas. Dabei geht es ihm « D E R B L I C K A U F D I E D U R C H B O H RT E SEITE JESU»: ZUR NEUEN ENZYKLIKA Mariano Delgado ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Freiburg und Präsident der Vereinigung für Schweizerische Kirchengeschichte. 86 I m Kreuzgang der Benediktinerabtei Santo Domingo de Silos (bei Burgos, in der zentralspanischen Hochebene) ist eine eindrucksvolle Darstellung der Geschichte des ungläubigen Thomas als Steinrelief zu sehen. Vor den anderen Jüngern, die sich wie eine Pi- nie hinter ihn geschart haben, zeigt der Herr Thomas seine verwundete Brust, und dieser streckt die rechte Hand, um die Wunde zu berühren. «Gott ist Liebe» (1 Joh 4,8), sagt uns Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika – und mit Blick auf die durchbohrte Seite « D E R B L I C K A U F D I E D U R C H B O H RT E S E I T E J E S U » : ZUR NEUEN ENZYKLIKA Jesu fügt er hinzu: «Dort kann diese Wahrheit angeschaut werden. Und von dort her ist nun zu definieren, was Liebe ist. Von diesem Blick her findet der Christ den Weg seines Lebens und Liebens» (Nr. 12). Nicht zuletzt dieser «anbetende» Impetus färbt die Botschaft der ersten Enzyklika des grossen Theologen im Petrusamt «mystisch», wie die folgenden Ausführungen betonen möchten. ENZYKLIKA 88 Liebe als Name Gottes Eine Klarstellung des christlichen Gottesbildes und des daraus folgenden Bildes des Menschen ist das Thema der Enzyklika, die nicht zuletzt in gesunder apologetischer Absicht verfasst wurde. «In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird» (Nr. 1, man ahnt wer und was gemeint ist: sapienti sat!), will der Papst eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung in Erinnerung rufen: dass Gott Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,8), dass er uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10) – und zwar, wie er auch seinem Volk Israel im Alten Testament gezeigt hat, mit einer «leidenschaftlichen» Liebe, die zugleich «vergebende» Liebe ist –, und dass erst diese Gabe seiner Liebe uns für die Liebe freisetzt. Wer die Sprengkraft dieser Enzyklika verstehen will, der täte gut daran, sich auf die Aussagen über das Gottesbild und das Menschenbild zu konzentrieren. Vom Gottesbild wird zunächst gesagt, das philosophisch und religionsgeschichtlich Bemerkenswerte in der Bibel bestehe darin, «dass wir einerseits sozusagen ein streng metaphysisches Gottesbild vor uns haben: Gott ist der Urquell allen Seins überhaupt; aber dieser schöpferische Ursprung aller Dinge – der Logos, die Urvernunft – ist zugleich ein Liebender mit der ganzen Leidenschaft wirklicher Liebe. Damit ist der Eros aufs Höchste geadelt, aber zugleich so gereinigt, dass er mit der Agape verschmilzt» (Nr. 10). Dieses Gottesbild findet im Alten Testament seinen Ausdruck im Hohelied, die von der ehelichen Liebe zwischen Mann und Frau als Sinnbild für die Liebe Gottes zu Israel handelt, zu einer «Quelle mystischer Erfahrung und Erkenntnis» geworden ist und «das Wesen des biblischen Glaubens» ausdrückt: dass es die Vereinigung des Menschen mit Gott gibt, und dass dieser «Urtraum des Menschen ... nicht Verschmelzen, Untergehen im namenlosen Ozean des Göttlichen, sondern Einheit ist, die Liebe schafft, in der beide – Gott und der Mensch – sie selbst bleiben und doch ganz eins werden» (Nr. 10). Selten ist die christliche «unio mystica» so treffend beschrieben worden. Im Neuen Testament, dessen eigentlich Neues nicht neue Ideen sind, «sondern die Gestalt Christi selber» (Nr. 12), wird das Bild von der Ehe zwischen Gott und Israel «in einer zuvor nicht auszudenkenden Weise Wirklichkeit: Aus dem Gegenüber zu Gott 6 / 2 0 06 wird durch die Gemeinschaft mit der Hingabe Jesu Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut, wird Vereinigung: Die ‹Mystik› des Sakraments, die auf dem Abstieg Gottes zu uns beruht, reicht weiter und führt höher, als jede mystische Aufstiegsbegegnung des Menschen reichen könnte» (Nr. 13). Die «Mystik des Sakraments» hat aber «sozialen Charakter» und muss zu Agape und Ethos führen, wie die grossen Gleichnisse Jesu zu verstehen geben: das Gleichnis vom reichen Prasser (vgl. Lk 16,19–31), das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10,25–37) oder das grosse Gleichnis vom letzten Gericht (vgl. Mt 25,31–46), die auf diese Erkenntnis hinauslaufen: «Gottes- und Nächstenliebe verschmelzen: Im Geringsten begegnen wir Jesus selbst, und in Jesus begegnen wir Gott» (Nr. 15). Unverkennbar ist an vielen Stellen die «augustinische» Spur, die bei diesem Papst immer zu erwarten sein wird. So etwa wenn betont wird, dass die Nächstenliebe in dem von Jesus verkündigten Sinn darin bestehe, «dass ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe» (Nr. 18). Diesem biblischen Gottesbild entspricht nun das Bild des Menschen: dieser sollte sich seiner Würde bewusst werden, Eros und Agape verbinden, zur hingebenden Liebe bereit sein sowie die untrennbare Einheit von Gottes- und Nächstenliebe praktizieren, die von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, «der uns zuerst geliebt hat» (Nr. 1. u. a.), lebt. Nach diesen so klug geschriebenen und so treffenden Seiten über die Liebe als Name Gottes in der Bibel, besonders im johanneischen Korpus, fragt man sich allerdings, ob die Väter von Nizäa (325) nicht doch eine grosse Chance versäumt haben, als sie unter dem Druck des hellenisierenden Arius sich auf eine eher metaphysische Definition Gottes einliessen (allmächtig, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren), statt, gut biblisch, dem dort beschlossenen Glaubensbekenntnis diese Grundaussage voranzustellen: «Wir glauben an Gott, der Liebe ist» ... usw. Und hat man bei der Definition des Sohnes nicht auch festzuhalten versäumt, dass er nicht nur «wahrer Gott aus wahrem Gott» und «Licht aus Licht» ist, sondern auch und vor allem «Liebe aus Liebe»? Hätte die Aufnahme so grundsätzlicher wie biblischer Aussagen in das Credo nicht entscheidend zur Vermeidung mancher Irrwege in der Kirchengeschichte beitragen können, in denen der Eindruck erweckt wurde, dass auch Christen «mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt» verbinden, Irrwege, die heute als «Gegenzeugnis» der Christen (vgl. Gaudium et spes, Nr. 43; Tertio millennio adveniente, Nr. 33; vgl. auch die Vergebungsbitten Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000) schonungslos bezeichnet werden? Auch hätte eine solche Aufnahme in das Credo zur Klar- « D E R B L I C K A U F D I E D U R C H B O H RT E S E I T E J E S U » : ZUR NEUEN ENZYKLIKA stellung des Unterschieds zwischen Christentum und Islam beitragen können. Es ist nämlich diese Liebe, verstanden als ungeschuldete und freie Gabe seiner selbst ohne Gegenforderung, die unter den 90 Namen Gottes fehlt, die der Islam bekennt und die, wenn sie dann in den Texten der islamischen Mystik doch aufscheint, einen unverwechselbaren christlichen Widerhall darstellt. «Das Licht Gottes in die Welt einlassen» Während der erste Teil der Enzyklika den grundlegenden Klarstellungen im Gottes- und Menschenbild gilt, beschäftigt sich der weniger gelungene zweite Teil exemplarisch mit dem spezifischen Profil der christlichen und kirchlichen Liebestätigkeit (vgl. Nr. 31), damit Christen mit ihrem Liebestun «das Licht Gottes in die Welt» einlassen können (Nr. 39). Besonders wichtig ist die Betonung, dass die Mitarbeiter der kirchlichen Hilfswerke oder anderen kirchlichen Institutionen nicht nur berufliche Kompetenz aufweisen sollten, sondern auch jene «Zuwendung des Herzens», die aus dem sentire ecclesiam kommt; dass das christliche Liebeshandeln universal, d. h. unabhängig von Parteien und Ideologien sein muss; dass es kein Mittel für das sein darf, «was man heute als Proselytismus bezeichnet»; dass die Bischöfe, in der Kirchengeschichte auch mit dem ehrenvollen Titel eines «pater pauperum» ausgestattet, öfter an ihr Weiheversprechen denken sollten: «um des Herrn willen den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein» (Nr. 32). Nichts Neues enthält leider das über Kirche und Politik Gesagte. Hier scheint die nachkonziliare Kirche nicht die richtige Sprache zu finden. Dass die Enzyklika bemüht ist, jeden Eindruck von Klerikalismus in der Politik zu vermeiden, ist verständlich. Aber was heisst denn z. B. hier «Kirche»?: «Die gerechte Gesellschaft kann nicht das Werk der Kirche sein, sondern muss von der Politik geschaffen werden» (Nr. 28). Das Konzil hat die Kirche «Sakrament bzw. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und die Einheit des Menschengeschlechts» sowie «Leib Christi» und «Volk Gottes» genannt. Darin werden dann die verschiedenen Glieder unterschieden: die Geistlichen, die durch die Weihe zum Amtspriestertum gehören, und die Laien, die durch die Taufe am allgemeinen Priestertum des Volkes Gottes teilhaben. Wenn von der politischen Enthalsamkeit der Kirche die Rede ist, während gleichzeitig betont wird, dass den Laien die unmittelbare Aufgabe zukommt, «für eine gerechte Ordnung in der Gesellschaft zu wirken» (Nr. 29): wird dabei der Kirchenbegriff nicht von den Trägern des Amtspriestertums «okkupiert»? Ist denn der Klerus bzw. die Hierarchie pars pro toto «die» Kirche? Wäre es nicht besser zu sagen, dass Christen und Kirche sich vom Aufbau einer gerechteren Gesellschaft nicht dispensieren können, dass aber dem «Klerus» bzw. den kirchlichen Amtsträgern diese Aufgabe nicht obliegt, sondern den Laien, die auch «Kirche» sind? Die Enzyklika enthält noch vieles, was im Einzelnen zu würdigen wäre – so u. a. über den Säkularismus, die Sexualisierung der Gesellschaft und den Missbrauch des Begriffs «Liebe»; oder die kluge Apologetik gegenüber der Christentumskritik Kaiser Julians, Nietzsches und Marx’. Selbstbewusst wird z. B. festgehalten, dass der Imperativ der Nächstenliebe, obgleich vom Schöpfer in die Natur des Menschen selbst eingeschrieben, auch «ein Ergebnis der Gegenwart des Christentums in der Welt» ist (Nr. 31). Psychologen werden freilich nicht zu Unrecht bemängeln, dass vom Gebot «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», d. h. von der gesunden Selbstliebe als Bedingung der Nächstenliebe, nicht die Rede ist. 6 / 2 0 06 ENZYKLIKA «Dort kann diese Wahrheit angeschaut werden» Kehren wir nun zu den einführenden Überlegungen zurück: zur anbetenden Betrachtung der verwundeten Brust Jesu als Sinnbild der Aussage «Gott ist Liebe». Johannes vom Kreuz, der «doctor mysticus», hat uns ein schönes Gedicht hinterlassen, in dem er das in der Hirten- und Schäferdichtung der Renaissance beliebte Motiv der Liebessehnsucht eines Hirten nach der Hirtin, die ihrerseits ihn oft vergisst oder verschmäht, «auf göttliche Weise» wendet, um daraus eine Metapher für die endlose, bedingungslose Liebe des guten Hirten Jesus zum Menschen zu machen. Nicht alle deutschen Übersetzungen haben den zentralen mystisch-theologischen Begriff des Gedichtes, die verwundete «Brust» Jesu, verstanden. In meiner eigenen Übersetzung, die anschliessend folgt, habe ich mich – ungeachtet des Reims – besonders bemüht, die Jamben und die mystisch-theologische Begrifflichkeit zu retten. Ein junger Hirt, ganz einsam, hat wohl Kummer, abseits von jeder Freude und Vergnügung, und seiner Hirtin gilt die ganze Sehnsucht, die Brust ist ja aus Liebe tief verwundet. Er weint nicht, weil die Liebe ihn getroffen, nicht peinigt ihn, sich so bedrückt zu finden, obgleich er tief im Herzen ist verwundet; er weint nur, weil er denkt, er sei vergessen. Nur weil er daran denkt, er sei vergessen von seiner schönen Hirtin, liebestrunken lässt er sich in der Fremde gar misshandeln; die Brust ist ja aus Liebe tief verwundet. So spricht der junge Hirt: «unselig jene, die nicht in meiner Liebe sind gewandelt, und meine Gegenwart nicht kosten möchten, die Brust, um ihretwillen tief verwundet!» 89 « D E R B L I C K A U F D I E D U R C H B O H RT E S E I T E J E S U » : ZUR NEUEN ENZYKLIKA Nach einer langen Zeit ist er gestiegen auf einen Baum, die schönen Arme öffnend, nach seinem Tode blieb an ihnen hangend die Brust – sie ist aus Liebe tief verwundet. ENZYKLIKA Ähnlich wie Papst Benedikt XVI. mit seiner Enzyklika will Johannes vom Kreuz mit diesem Gedicht auf das Grundthema des Christentums aufmerksam machen: auf die leidenschaftliche Liebe Gottes zu Israel und der gesamten Menschheit bis zum Tod am Kreuz. Denn Adam ist Gottes erste, nie aufgekündigte Liebe. Daher ist die «Brust» Christi die zentrale Metapher des Gedichtes. Sie ist die Brust, an die sich der geliebte Jünger Johannes beim letzten Abendmahl anlehnte (vgl. Joh 13,25). Sie ist die durchbohrte Brust am Kreuz, aus der sogleich Blut und Wasser flossen (vgl. Joh 19,34) und aus der nach der allegorischen Auslegung Paulus’ und der Kirchen- 6 / 2 0 06 väter die Kirche als neue Eva entspringt und fortwährend ernährt wird. Sie ist schliesslich die Brust, in deren durchbohrte Seite Thomas seine Hand legte, bevor er ausrief: «Mein Herr und mein Gott!» (Joh 20,28). Ja, in der verwundeten Brust Jesu kann die Wahrheit angeschaut werden, dass Gott Liebe ist. Liegt darin, wie ich meine, die Quintessenz der ersten Enzyklika des neuen Papstes, so hat er den Blick der Christen in dieser rastlosen und orientierungslosen Zeit auf das Wesentliche lenken wollen: auf die anbetende Betrachtung der gekreuzigten Liebe, «damit auch wir selbst wahrhaft Liebende und Quelle lebendigen Wassers werden können inmitten einer dürstenden Welt» (Nr. 42). Über die Konfessionsgrenzen hinweg werden sicherlich alle Christgläubigen dem Nachfolger Petri für diese kluge Enzyklika dankbar sein. Mariano Delgado ERFRISCHEND MORALISCH – UND DOCH NICHT MORALISIEREND W as haben die Beatles und Papst Benedikt gemeinsam? Ihren Musikgeschmack vermutlich nicht – und sonst auch eher wenig. Aber zumindest einen Refrain: «All you need is love …!» Der Beatles-Song bietet eines der längsten Outros der Popsonggeschichte – so, als könnte man nie genug und ausreichend von «love» reden, singen und in ihrem Umfeld handeln … Dass das Lied nicht aufhört, darum kümmert sich auch die Erstenzyklika von Papst Benedikt XVI. – und er hat noch eine Menge an Textzeilen hinzuzufügen … Hier einige Streiflichter zur Enzyklika: «Deus Caritas est»: P. Andreas-Pazifikus Alkofer OFMConv ist Professor für Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule in Chur. 90 Echos in den Medien «Liebe Christen, liebe Katholiken: Religion und Eros gehören zusammen. Echte Spiritualität hat also eine erotische Dimension, die Verbindung zu Gott kann nicht körperlos bleiben. Und echte Erotik hat eine spirituelle Dimension – in ihr lässt sich Gott ahnen. Wer so etwas sagt?», fragt Matthias Drobinski erstaunt in der «Süddeutschen Zeitung» vom 25. Januar 2006. «Sein Schreiben ist darum auch eine Einladung an Agnostiker, ihre Haltung zum Christentum zu überdenken. Anders als lehramtliche Dokumente seiner Vorgänger, die primär auf die Quellen von Schrift und Tradition zurückgreifen und mitunter einen fast selbstreferenziellen Charakter haben, führt die erste Enzyklika Benedikts XVI. das Gespräch mit bedeutenden Stimmen der abendländischen Tradition. Platon und Aristoteles werden ebenso zitiert wie Nietzsche und Marx. Man könnte natürlich monieren, dass der Papst ‹das ganz normale Chaos der Liebe› und damit die Gepflogenheiten der spätmodernen Lebenswelt nur unzureichend im Blick habe. Aber abgesehen davon, dass eine Enzyklika nicht alles thematisieren kann, wird man aus den Darlegungen des Papstes seine Haltung zu bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen ohnehin unschwer erschliessen können. Entscheidend ist, dass Benedikt XVI. – die Intentionen des Zweiten Vatikanums fortschreibend – gerade in der Auseinandersetzung mit den anderen das Andere des Christentums deutlich macht: die Botschaft von einer Liebe, die nicht sich selbst sucht, sondern bereit ist, sich für den anderen zu verlieren.» – so tönt es bei Jan-Heiner Tück in der «NZZ» am 27. Januar 2006. Erstaunen und Verwunderung Die Liste dieser Reverenzen (und Referenten) liesse sich lange fortschreiben. Ein wenig verwundert reibt man sich die Augen. Eine Welle der Euphorie und des Erstaunens begleitet die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Man könnte wunderbar darüber spekulieren. Der Hauptgrund aber liegt sicherlich in dem vergleichsweise knappen und dichten Text selbst, den der Papst vorlegt. Die Enzyklika präsentiert sich als ein vorsichtiges und doch dezidiertes, bisweilen leise ironisches und durchaus (selbst-)kritisches Suchen nach einer ganzheitlichen Füllung des Begriffes der Liebe in seinen leiblichen, geistig-geistlichen und theologischen Dimensionen: «Mein Wunsch ist es, auf ei- ERFRISCHEND MORALISCH – UND DOCH NICHT MORALISIEREND nige grundlegende Elemente nachdrücklich einzugehen, um so in der Welt eine neue Lebendigkeit wachzurufen in der praktischen Antwort der Menschen auf die göttliche Liebe», so der Papst schon in Nr. 1. Dabei macht der Ton die Musik: «Wenn der Mensch nur Geist sein will und den Leib sozusagen als bloss animalisches Erbe abtun möchte, verlieren Geist und Leib ihre Würde. Und wenn er den Geist leugnet und so die Materie, den Körper, als alleinige Wirklichkeit ansieht, verliert er wiederum seine Grösse. Der Epikureer Gassendi redete scherzend Descartes mit ‹o Geist› an. Und Descartes replizierte mit ‹o Leib!›» (Nr. 5). (Selbst-)kritische Einsichten Dazu kommen kritische wie selbstkritische Einsichten: «Heute wird dem Christentum der Vergangenheit vielfach Leibfeindlichkeit vorgeworfen, und Tendenzen in dieser Richtung hat es auch immer gegeben. Aber die Art von Verherrlichung des Leibes, die wir heute erleben, ist trügerisch. Der zum ‹Sex› degradierte Eros wird zur Ware, zur blossen ‹Sache›; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja, der Mensch selbst wird dabei zur Ware» (Nr. 5). Papst Benedikt wird dabei nicht müde, die Einheit und Bezogenheit der Dimensionen der Liebe zu erläutern. Ohne diese Einheit und Korrespondenz zerlegt sich Liebe selbst und öffnet abschüssige Wege in das eine oder andere Extrem. Reinigungen und Reifungen sind nötig, die auch über die Strasse des Verzichts führen (vgl. Nr. 5; Nr. 17). Damit werden Zielorientierungen und Handlungsfelder benannt, hinter die eine Ethik im Horizont des Glaubens nicht zurückfallen darf, kommt sie auf den Charakter und die Qualität von Beziehungen zu sprechen – und ihren Prozess- und Entwicklungscharakter. Und immer wieder das Moment der Einheit, die auch dem «erotischen Charakter» der Gottesbeziehung Raum lässt: «Wenn Eros zunächst vor allem verlangend, aufsteigend ist – Faszination durch die grosse Verheissung des Glücks – so wird er im Zugehen auf den anderen immer weniger nach sich selber fragen, immer mehr das Glück des anderen wollen, immer mehr sich um ihn sorgen, sich schenken, für ihn da sein wollen. Das Moment der Agape tritt in ihn ein, andernfalls verfällt er und verliert auch sein eigenes Wesen» (Nr. 7). Es ist das Verdienst des (stärkeren) ersten Teils der Enzyklika (Nrn. 2–18), diesen Weg durchzukomponieren und ihn biblisch wie christologisch und sakramententheologisch auszurichten. In dieser fundamentalethischen Grundierung der Gottes- und Nächstenliebe bleibt ein Desiderat, nämlich jenes, die Bedeutung der Selbstliebe zu thematisieren.1 Allerdings darf man einem stark sozialethischen zugespitzten Vorstoss hier auch Grenzen der Darstellung zubilligen. 6 / 2 0 06 Moraltheologische Dimension Was überhaupt auffällt – durch die ganze Enzyklika zieht sich wie ein roter Faden (wenn auch manchmal etwas verdeckt) eine moraltheologische Dimension, ohne dass hier ein Schreiben vorgelegt wird, das genuin auf die «allfälligen» heissen Eisen anspringt. Diese Dimension kündigt sich schon früh an, wenn der Papst in Nr. 1 schreibt: «Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine grosse Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.» Der existentielle Grundentscheid gibt dabei schon terminologisch zu denken. Die lateinische Version verwendet nicht den Begriff «optio fundamentalis», sondern spricht von «sic praecipuam vitae suae electionem declarare potest christianus». Das bliebe vertieft zu kommentieren. Die personale und responsorische Struktur einer Ethik im Horizont des Glaubens spurt eine Sicht ein, die gerade aus den Geboten der Gottes- und Nächstenliebe nicht einfach nur Normen wie beliebige andere macht (vgl. Nr. 1). Dass sodann die konkreten Handlungsfelder des Christen und der Kirche in den Blick kommen, ist nur logisch. Am Ende des Schreibens hebt der Papst zudem auf haltungs- und tugendwie vorbildethische Momente ab, wenn er – knapp freilich – Tugenden wie die der Geduld und der Demut mit dem Vorbild grosser Heiliger korreliert und für die weiten Felder diakonalen und karitativen Handelns fruchtbar zu machen sucht (vgl. Nr. 39 ff.). Vom Geist geschenkte Haltung Dass das ganze Schreiben dem Thema der theologischen Tugend der Liebe gewidmet ist, ihre Dimensionen mit dem alttestamentlichen Hohenlied der Liebe und – natürlich – mit der paulinischen Hymne (1 Kor 13) verschränkt und gefüllt werden, macht auch auf eine grundlegende Dimension der Spiritualität als Geisteshaltung, als vom Geist geschenkte Haltung aufmerksam, die von hier aus Lebenswelten gestaltet. Dabei werden Vernunft und Naturrecht nicht überblendet. Glaube und Vernunft, Glaube und Ethos stehen in einem spannenden, aber eben nicht frontalen oder bloss konfrontativen Verhältnis. Der Begriff der Reinigung fällt hier wieder. Durchdringung von Vernunft (allzumal praktischer) und Glaube bieten sich an – hier stehen Argumentationen aus dem Dialog zwischen Joseph Kardinal Ratzinger und dem Philosophen Jürgen Habermas im Hintergrund (vgl. Nr. 28a, dazu auch Nr 14). Der Stellenwert der Caritas Der zweite Teil der Enzyklika widmet sich dann in den Abschnitten 19–39 der Caritas und dem «Liebes- ENZYKLIKA 1 Vgl. hier etwa Monika Hoffmann: Selbstliebe. Ein grundlegendes Prinzip von Ethos (= Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie, Soziologie der Religion und Ökumenik, 50 NF). Paderborn 2002. 91 ERFRISCHEND MORALISCH – UND DOCH NICHT MORALISIEREND ENZYKLIKA 2 Vgl. Herbert Schlögel: Alte Tugend – neuer Sinn: Barmherzigkeit, in: MThZ 45 (1994), 521–532. 92 tun der Kirche» (der Begriff wirkt ein wenig spröde) und eröffnet einen umfangreichen Katalog von Einzelthemen (das Verhältnis von Kirche und Staat, von Glaube und Vernunft, von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit werden ebenso thematisiert wie die Bedeutung der Globalisierung und einer medialen Welt und der Theodizee). Hier ist schon vorab zu unterstreichen, dass und wie bemerkenswert es ist, der Caritas und der Diakonie der Kirche einen derartigen Stellenwert zuzuschreiben. Selbstredend ist theoretisch die ethische und ekklesiologische Bedeutung der Caritas nie geleugnet worden. Doch kann und konnte sich mancherorts der Eindruck einstellen, dass die Arbeit von Christinnen und Christen in den vielfältigen Feldern der Diakonie (in Beratungstellen, Krankenhäusern, Pflegeheimen usw.) aus der Wahrnehmung fällt oder wenigstens nicht so sehr als – wenn man den Begriff gebrauchen will – «Kerngeschäft» der Kirche verstanden wird. Ob man nun gerade den zweiten Teil der Enzyklika als «genuine» Sozialenzyklika beschreiben will oder nicht, der Papst setzt mit der Wahl des Themas und dem Stil der Darstellung ein prominentes Zeichen, das der «diakonia als der Dienst gemeinsamer, geordnet geübter Nächstenliebe» (vgl. Nr. 21) einen deutlichen Schub und Motivation geben kann und wird. Diakonie und Caritas sind bleibend Auftrag der Kirche (Nr. 20 ff.) – die Enzyklika unterstreicht dies mit vielfältigen Hinweisen auf die Geschichte der Kirche und die Entwicklungen der christlichen Soziallehre. Nachfragen Nachfragen bleiben. Die Enzyklika liefert hier selbst Anknüpfungen, wenn sie schreibt: «Gegen die kirchliche Liebestätigkeit erhebt sich seit dem 19. Jahrhundert ein Einwand, der dann vor allem vom marxistischen Denken nachdrücklich entwickelt wurde. Die Armen, heisst es, bräuchten nicht Liebeswerke, sondern Gerechtigkeit. Die Liebeswerke – die Almosen – seien in Wirklichkeit die Art und Weise, wie die Besitzenden sich an der Herstellung der Gerechtigkeit vorbeidrückten, ihr Gewissen beruhigten, ihre eigene Stellung festhielten und die Armen um ihr Recht betrügen würden. Statt mit einzelnen Liebeswerken an der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse mitzuwirken, gelte es, eine Ordnung der Gerechtigkeit zu schaffen, in der alle ihren Anteil an den Gütern der Welt erhielten und daher der Liebeswerke nicht mehr bedürften. An diesem Argument ist zugegebenermassen einiges richtig, aber vieles auch falsch. Richtig ist, dass das Grundprinzip des Staates die Verfolgung der Gerechtigkeit sein muss und dass es das Ziel einer gerechten Gesellschaftsordnung bildet, unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips jedem seinen Anteil an den Gütern der Gemeinschaft 6 / 2 0 06 zu gewährleisten. Das ist auch von der christlichen Staats- und Soziallehre immer betont worden. Die Frage der gerechten Ordnung des Gemeinwesens ist – historisch betrachtet – mit der Ausbildung der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert in eine neue Situation eingetreten. Das Entstehen der modernen Industrie hat die alten Gesellschaftsstrukturen aufgelöst und mit der Masse der lohnabhängigen Arbeiter eine radikale Veränderung im Aufbau der Gesellschaft bewirkt, in der das Verhältnis von Kapital und Arbeit zur bestimmenden Frage wurde, die es in dieser Form bisher nicht gegeben hatte. Die Produktionsstrukturen und das Kapital waren nun die neue Macht, die, in die Hände weniger gelegt, zu einer Rechtlosigkeit der arbeitenden Massen führte, gegen die aufzustehen war. Man muss zugeben, dass die Vertreter der Kirche erst allmählich wahrgenommen haben, dass sich die Frage nach der gerechten Struktur der Gesellschaft in neuer Weise stellte» (Nr. 26 f.). Mit dieser Einschätzung im Hintergrund möchte ich gerade hier noch einige Nachfragen stellen. 1. Es ist sehr verständlich vor den aktuellen Hintergründen, dass der Papst formuliert, das Prinzip staatlichen und politischen Handelns sei Gerechtigkeit (vgl. Nr. 28) und Kirche dürfe sich hier nicht überformend einmischen. Es geht um die berechtigte Unterscheidung der Autonomien der Sachbereiche. Es geht aber auch um die Sorge, dass irgendein religiöser Fundamentalismus Staat und Politik überformt. Hier ist mit der Enzyklika höchste Zurückhaltung zu fordern. Doch lassen sich auch Konstellationen denken, in denen Staat und Politik zusammengebrochen sind – und eventuell gerade hier Strukturen und Institutionen der Kirche so etwas wie den Rest an Zugängen zu Bildung oder medizinischer Grundversorgung gewährleisten. Hier handelt es sich nicht um Almosen, sondern um «urgent action» – wenn z. B. Ordensschwestern etwa in bestimmten Regionen Afrikas «ausharren», während sich die staatlichen Offiziellen längst in die Büsche geschlagen haben. 2. Liebe und Caritas werden auch in den gerechtesten Staaten nötig bleiben (vgl. die eindrückliche und bewegende Passage Nr. 28b). Totale Gerechtigkeitsutopien werden leicht totalitär und inhuman. Um jedoch auf ein ausgewogenes Verhältnis von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit 2, damit auch von Staat und Caritas abzuheben, erscheint mir der Verweis auf den «totalen Versorgungsstaat» zwar als paradigmatisch berechtigt. Aber ist das nicht gerade das Modell (auch wenn man es nicht gleich total denken muss), das sich eher auf dem Rückzug befindet (in unseren Breiten zumal)? Die Überwälzung der Verantwortung für Gesundheits-, Renten-, Altersvorsorge auf die Betroffenen trifft sicher deren Verantwortung, aber in vielen Fällen übersteigt sie auch deren Möglichkeiten. Hier tun sich weite Fragen auf und Diffe- ERFRISCHEND MORALISCH – UND DOCH NICHT MORALISIEREND renzierungen bleiben nötig, auch und gerade für die strukturierte Caritas. 3. Eine weitere Frage, die sich mir aufdrängt, stellt sich angesichts der Sparzwänge, die für nicht so wenige Diözesen anstehen. Sollten diese Zwänge vorrangig nach marktwirtschaftlichen Kriterien reguliert werden, erhebt sich wohl automatisch das Problem, dass Kürzungen den Caritas-Bereich treffen könnten. Hier scheint mir gerade durch den Schwerpunkt, den diese Enzyklika setzt, höchste Aufmerksamkeit angezeigt. Vorschnelle Einschnitte im Bereich der Caritas sind gerade durch dieses Schreiben nicht abgedeckt. Kirchliches Entscheiden und Handeln werden hier unter Umständen zur Probe aufs Exempel. 4. Ein letztes Thema soll noch angedeutet werden: Mit dem Fragebündel im Rücken, das Glauben und Handeln, Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit verknüpft, verbindet sich auch die Frage nach der Rolle des Christen in Staat und Politik unter der Perspektive von Gerechtigkeit und liebender Barmherzigkeit. Das «Direktorium für den pastoralen Dienst der Bischöfe» (und den karitativen) wird in der Enzyklika erwähnt und damit der Aufgabenbereich im Sinn des schon Gesagten akzentuiert. Hier bliebe noch stärker nachzudenken im Blick auf die Aufträge, Ansprüche und Zusprüche aller Getauften – in und für die gesellschaftlichen Realitäten einer komplexen Welt.3 Radikaler Ansatz Abschliessen möchte ich mit einem weiteren Verweis auf das Original: «Ausserdem darf praktizierte Nächstenliebe nicht Mittel für das sein, was man heute als Proselytismus bezeichnet. Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen. Das bedeutet aber nicht, dass das karitative Wirken sozusagen Gott und Christus beiseite lassen müsste. Es ist ja immer der ganze Mensch im Spiel. Oft ist gerade die Abwesenheit Gottes der tiefste Grund des Leidens. Wer im Namen der Kirche karitativ wirkt, wird niemals dem anderen den Glauben der Kirche aufzudrängen versuchen» (Nr. 31c). – Hier, so scheint mir, radikalisiert sich noch einmal das «intrinsece bonum» der Enzyklika, die radikal und fundamental bei einem vielschichtigen und dynamischen Begriff der Liebe, der «caritas» ansetzt. Es ist in sich gut, für den Nächsten da zu sein, in jeder Handlung, in jeder Struktur, sei sie noch so subsidiär oder solidarisch. Stillschweigende oder verdeckte Instrumentalisierungen verbieten sich. Kirche in ihrer Diakonie ist radikal «Kirche für andere». Hier trifft sich das päpstliche Schreiben wohltuend und anspruchsvoll mit dem Anliegen eines «Heiligen», an den wir uns dieser Tage besonders erinnern: Dietrich Bonhoeffer … 4 Erfrischend anspruchsvoll Erfrischend anspruchsvoll, erfrischend moralisch, aber nicht moralisierend. Man darf die Enzyklika dankbar lesen, dankbar auch deshalb, weil sie nicht mit ein paar Anmerkungen «zu erledigen» ist, sondern eine Menge an Hausaufgaben und Weiterfragen auf den Weg bringt. Und – nicht nur das Wort Liebe ist ein höchst auslegungsbedürftiger Begriff, auch jener der Gerechtigkeit 5 stellt vor erhebliche Ansprüche … Andreas-Pazifikus Alkofer OFMConv 6 / 2 0 06 3 Vgl. etwa das Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre: Lehrmässige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002) – Auch hier bleiben die Positionen befragbar. 4 Siehe Gunter Prüller-Jagenteufel: Befreit zur Verantwortung. Sünde und Versöhnung in der Ethik Dietrich Bonhoeffers (= Ethik im theologischen Diskurs 7). Münster 2004. 5 Vgl. etwa Marianne Heimbach-Steins (Hrsg.): Christliche Sozialethik, 2 Bde. Regensburg 2004 f.; Walter Schaupp: Gerechtigkeit im Horizont des Guten (= SThE 101). Freiburg/ Freiburg i. Br. 2003. 97