20 NordeNd # 4 - ERLER-PR

Transcription

20 NordeNd # 4 - ERLER-PR
Nordend # 4
20
Foto: To Kuehne
Waschen,
schneiden, legen
21
Nordend # 4
22
Nordend # 4
23
Nordend # 4
24
Foto: To Kuehne
25
Nordend # 4
„Mein Laden ist in die Jahre gekommen, so wie
ich mit 63 Jahren auch“, steht ganz uneitel
Waschen,
schneiden,
legen
Als der Fassonschnitt und
die Hochsteckfrisur noch das
Stadtbild dominierten, ließ
man sich in Friseursalons, die
Heidi oder Monika hießen,
die Haare machen. Nebenbei
erfuhr man die Neuigkeiten
aus dem Viertel. Heute lautet
die Devise entweder cut & go
oder Trendstyling mit Ayurveda-Anwendung. Doch es gibt
sie noch, die Heidis und Monikas. Auch im Nordend.
auf dem selbstkopierten Faltblatt von Salon
Helma in der Koselstraße 42 (Seite 24 und
grau war. Ich habe ihr halt immer heimlich
25). Und tatsächlich, der Salon hat schon
die Haare gefärbt“, erinnert sich Helma. „Das
bessere Zeiten gesehen. Doch die Stimmung
waren Zeiten! Mein alter Herr war streng und
ist gut. Helma Koch werkelt routiniert zwi-
wollte mich nicht aus dem Haus lassen, als
schen überdimensionalen Trockenhauben,
ich mir die Fingernägel lackiert hatte. Meine
Lockenwicklern mit furchteinflößenden
Mutter hat mir geholfen: ‚Lass das Mädchen,
Metallstacheln und Brisk-Tuben herum. „Ihr
die darf das, die lernt schließlich Friseuse.‘ “
habt Glück, dass ich da bin. Die meiste Zeit
Als dann der Inhaber des Salons mit Mitte 40
mache ich Hausbesuche. Der Großteil meiner
während der Arbeit einem Herzinfarkt erlag,
Kundschaft ist nicht mehr so gut zu Fuß.“
übernahm sie den Betrieb. Doch dann wurde
sie krank – Krebs. Und die Zeiten für Friseursa-
Im Hintergrund dudeln hr4-Schlager, die aus
lons wurden schlechter. Schließlich konnte sie
der gleichen Zeit wie die Ladeneinrichtung
ihre Angestellten nicht mehr halten und mach-
stammen. Die Haare der Kundin sind einge-
te alleine weiter. „Personal ist heute sowieso
dreht und die Trockenhaube braucht ein-
nicht mehr finanzierbar. Schaut euch doch
einhalb Stunden. Gute Gelegenheit für eine
mal meine Preisliste an. Das ist doch ein Witz.“
Zigarettenpause. „Das lass’ ich mir nicht nehmen.“ Könnte sein, dass Helma damit nicht
nur den Tabak, sondern auch ihren Laden
meint. Rechnen würde sich das Ganze schon
lange nicht mehr, und wenn die nächste Mieterhöhung kommt, dann sei wohl endgültig
Schluss. Aber so lange hält sie durch. Zum
Glück hat sie noch ihre Witwenrente. Von
Schaut euch doch
mal meine Preisliste
an. Das ist
doch ein Witz.
ihrem Mann, der einen Schrottplatz betrieben
hat. Dort hat sie damals mitgearbeitet. Ist
Lkw gefahren. War sich für nichts zu schade.
Inzwischen sind die Haare von Elena Hummel
Wie sie überhaupt ihr Leben lang gearbeitet
getrocknet. Jetzt kommt Helmas Toupier-
hat. Das ist ihr wichtig. Und man merkt ihr
kamm zum Einsatz. Die Kundin kommt etwa
den Stolz auf die Selbständigkeit an. Rumsit-
alle zwei Wochen her. Die resolute Rentne-
zen wäre nichts für sie. Vor allem auch den
rin wohnt nur ein paar Blocks weiter. Seit
Umgang mit Menschen will sie nicht missen.
sie einen Unfall hatte, kann sie ihren Arm
„Was glaubt ihr, da muss man fast schon Psy-
nicht mehr so richtig heben und hat deshalb
chologe sein. Wie oft habe ich beispielsweise
Probleme, ihre langen Haare selbst in die
schon gehört: ‚Heute will ich mal was ganz
gewünschte Form zu bringen. Während der
anderes.‘ Ja wenn ich da wirklich die Frisur
Trockenzeit liest die Bücherfreundin meis-
verändern würde, da wär’ aber was los.“
tens einen Krimi. „Aber nicht diese modernen
Sachen, ich mag nur die Klassiker.“ Sie ist
Den Laden hat sie vor 34 Jahren übernom-
froh, dass sie den Salon Helma gefunden hat.
men. Damen- und Herrensalon. Vorher hatte
„Diese ganzen jungen Friseure wissen ja gar
sie immer am Samstag ausgeholfen. Damals
nicht, was sie mit meinen Haaren anfangen
gab es hier mehr als zehn Hauben. Der Be-
sollen.“ Helmas Handy vibriert und anstatt
trieb brummte. „Man kann sich das heute gar
eines Klingeltons ertönt Melina Mercouri: Ich
nicht mehr vorstellen. Zwischen den Stühlen
waren ja Trennwände.“ Es wurde viel Wert
auf Diskretion gelegt. „Ha, mein Vater wusste lange Zeit nicht mal, dass meine Mutter
26
bin ein Mädchen aus Piräus. Helma strahlt:
„Das ist meine Enkelin.“
Text: Ulrich Erler
Hier scheint tatsächlich die Zeit stehen geblieben zu sein. Abgesehen von einigem Nippes im Schaufenster besteht die Einrichtung
„Gudde Morsche“
klingt doch
viel schönes als
„Heil Hitler“.
Wir setzen unsere Zeitreise fort und gehen
aus echten Raritäten, die aber noch gut in
verfinstert sich sein sonst so fröhliches Ge-
Schuss sind. „Wir haben das in der 50ern
sicht: „Eine ganz dunkle Zeit damals. Deshalb
alles anfertigen lassen, in der Möbelstadt
bewundere ich Politiker wie Adenauer und de
Kelkheim, das war natürlich eine ziemliche
Gaulle, die den Grundstein für Aussöhnung
Investition.“ Beim Haarewaschen haben die
und Frieden gelegt haben.“
Kunden die Wahl zwischen klassischer Bauchund der in den 70er-Jahren eingeführten Rü-
Alles in allem ist der Friseurmeister rückbli-
ckenlage. Wobei gerade die ältere weibliche
ckend zufrieden und würde wohl alles wieder
Kundschaft, so wissen die Wiemers, nach
so machen: „Wir hatten wirklich gute Zeiten.
Schließlich sind ja auch unsere beiden Kinder
ein paar hundert Meter weiter. Der Salon
wie vor lieber ihren Kopf nach vorne in das
Wiemer in der Mercatorstraße 36 (Seite 20
Waschbecken hält. Die Damen bekommen
hier im Laden groß geworden. Und dass man
bis 23) ist inzwischen auch in Rockabilly-
dann einen Waschlappen gereicht, damit
in unserem Alter noch gesund und munter
Kreisen ein Geheimtipp. Der Messerschnitt
ihnen kein Shampoo in die Augen läuft.
seine Kunden bedienen kann, ist doch ein
von Hans Wiemer gilt etwas in der Szene.
Geschenk.“ Den Laden wollen sie so lange
Dabei geht es fast familiär zu: „Herr Wiemer
weiter betreiben, wie es eben geht. „Wir
kennt die meisten von uns mit Vornamen“,
sagt Stefan Umbach. „Er weiß, wann ich
auflege und fragt auch immer, wie unsere
Konzerte waren.“ Manchmal kommen auch
aus der Villa Orange Amerikaner herüber
und können gar nicht fassen, welches Über-
Soll ich mich
vielleicht in den Park
setzen? Das wär’ mir
ja viel zu langweilig.
bleibsel aus den Wirtschaftswunderjahren
sie hier vorfinden. Aber das Gros der Kundschaft hat das Renteneintrittsalter bereits
Selbst eine Bartrasur wird hier noch angebo-
überschritten. Herr Wiemer empfängt uns
ten. „Heute wird das den Lehrlingen ja nicht
im klassischen weißen Friseurkittel, darunter
mal mehr in der Berufsschule beigebracht“,
Hemd und Krawatte. Das ist schon immer so
stellt Hans Wiemer fest, der seine Ausbildung
und gehört für ihn einfach dazu. Der 84-Jäh-
zum Gesellen noch während des Krieges
rige betreibt den Salon zusammen mit seiner
absolviert hat. Eigentlich wollte er ja einen
75-jährigen Frau Anni seit 55 Jahren. Damals
technischen Beruf ergreifen. Aber als er dann
lief hier noch der ganze Verkehr durch. Die
mit seinem Vater zur Berufsberatung ging,
Friedberger Landstraße gab es in der heu-
wollte ihn der zuständige Nazi-Funktionär in
tigen Form noch nicht. Die Dritte im Bunde
eine Wehrmachtsausbildung stecken. Nichts
ist Angelika Hölzle (Seite 20, rechts). Sie
da, das kam für Wiemer senior nicht infrage.
ist seit 43 Jahren im Betrieb. Der Umgang
Worauf ihm gedroht wurde, sein Sohn würde
untereinander ist extrem korrekt, höflich und
in ganz Groß-Frankfurt keine Ausbildung be-
doch herzlich. Man wird unwillkürlich an die
kommen. Doch in Bornheim gab es einen Fri-
Familie Hesselbach erinnert, nur eben in Far-
seur, der sich um solche Dinge nicht scherte.
be statt schwarzweiß.
„Mein Lehrmeister war ein alter Sozialdemokrat
mit viel Weitblick. Als ich eines Tages zur Arbeit kam und ihn mit dem damals üblichen
‚Heil Hitler‘ begrüßte, nahm er mich zur Seite
und meinte: ‚Schau mal Hans, ‚Gudde Morsche‘
klingt doch viel schöner als ‚Heil Hitler‘.‘ “ Zum
Ende des Krieges wurde der junge Hans dann
noch eingezogen und geriet in französische
Gefangenschaft. Bei diesen Erinnerungen
27
haben halt den Absprung verpasst“, stellt
die vitale Anni Wiemer fest. „Soll ich mich
vielleicht in den Park setzen? Das wär’ mir
ja viel zu langweilig.“