Die Zeitung gibt nichts her: nur ein Haufen Blätter
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Die Zeitung gibt nichts her: nur ein Haufen Blätter
Michael Sailer: Die Verrückten stehen in der Sonne Zwei Die Zeitung gibt nichts her: nur ein Haufen Blätter mit schreienden Rudimentär-Sätzen, das schon wieder kaputt und dieses beschlossen und der verbrannt und jener zehn Jahre, dort was verabschiedet und hier zwei Prozent mehr, ich blättere von hinten zurück, lege die Teile auseinander, suche irgendwas und werfe schließlich den ganzen Haufen Krumpelpapier einfach auf den Stuhl neben mir, lehne mich zurück, die Arme im Nacken, schaue mir den Tag durch meine Sonnenbrille an. Ich liebe den Mai, denke ich, ganz wörtlich so: ich liebe den Mai. Dabei betrachte ich nackte Waden von Frauen, die auf unsinnigen Absätzen vorbeistaksen, hupende Sportwägen, die versuchen, durch den donnernden Stau zu lavieren, umweht von der immer gleichen Stimme eines Radiosprechers, der in grotesker Lautstärker mit cooler Stimme über das Wetter spricht, schreiende Kinder, die ihre vorwärtsdrängenden Mütter mit ganzem Körpereinsatz bremsen und heulend in Richtung Eisdiele deuten. Drücke meine Zigarette aus und nehme meine Jacke, lege drei Mark auf den Blechtisch und überprüfe, ob das Glas für meine Ansprüche leer genug ist. Steige aufs Rad, schlüpfe in die Jacke und lasse mich in das Durcheinander rollen. Abwechselnde Gerüche begleiten mich: verbranntes Fett, dickes Parfum, fleischiger Knoblauch, ein blühender Baum, der frische, ledrige Geruch von feuchtem Gehsteig, dazwischen Autoabgas, immer wieder, aromatisch und drückend, wie riechbare Kopfschmerzen. Zwei Ecken weiter biege ich ab in plötzliche Kopfsteinruhe, lehne mein Rad an die Hausmauer und spüre, wie die Hitze augenblicklich dermaßen durch alle Maschen meiner Klamotten dringt und meine Poren öffnet, daß ich sofort schweißnaß bin. Im Hausgang ist es kühl wie in allen diesen dunklen, hohen Häusern aus der Zeit, als es noch nicht die Gleichung Raum durch Leben ist gleich Gewinn gab. Die Tür ist angelehnt, entferntes Klaviergeklimper perlt an mir vorbei. Lulu empfängt mich mit einem Grinsen; ich folge ihm in die sommerdurchflutete Küche, Fenster an drei Seiten. Er hat irgendwas zu lesen auf dem Tisch liegen, daneben eine leere Kaffeetasse mit hellbraunem Satz und einen frischgerollten Joint. Geiler Tag, was Alter, er, und ich, was für ein geiler Tag. Es ist zwei Uhr nachmittags, lese ich auf der alten Küchenuhr neben der Tür. Was macht Cag, frage ich; Lulu meint, er komponiert drüben, also gehe ich ins hintere Zimmer, wo der Flügel steht. Cag spielt noch eine Minute weiter, läßt sein Geklimper in einer gefälligen Harmonie ausklingen, fügt noch einen hohen Dur-Akkord dazu und strahlt mich an. Was steht an, fragt er mit seiner ganzen Fröhlichkeit, von der ich oft befürchte, daß sie nicht ganz echt ist. Laß uns baden fahren, ich, und er, prima Idee, nehmen wir die Gitarren mit. Lulu hat was vor, will diesen oder jenen treffen, um was zu checken, also radeln wir beide Richtung Tierparkbrücke, schmeißen unsere Klamotten auf die Kieselsteine und rennen ins eiskalte Wasser, schreien und quietschen wie kleine Kinder, spritzen uns voll und tauchen uns gegenseitig unter, ein minutenlanger Ausbruch von Euphorie oder ich weiß nicht was, trotten dann erschöpft wieder zu unseren Sachen und knallen uns in die Sonne. Cag dreht einen Joint, wir rauchen langsam; und schweigen, ich fühle, wie ich atme, wie der Raum über mir eine dritte Dimension bekommt und sich öffnet, als gehörten wir jetzt dazu: bewegliche Teile in einem Universum. Um uns herum lagern Teile von Schulklassen, die wohl so was wie Pfingstferien oder hitzefrei haben, und kaum läßt der erste Anflug von Bekifftsein mit Was für ein Frühling und dabei ist noch nicht mal richtig Sommer! nach, versinken unsere Blicke schon in den verstreuten Haufen von straffen TeenieSchenkeln mit glänzenden Einteilern, gerafften und spitzen Brüsten und schmalen, glatten Gesichtern, die sicher keine Ahnung haben, was wir gerade in ihnen zu lesen glauben. Die Kleine da macht mich völlig fertig, sagt Cag wie abwesend, ins Leere. Und ich, ja ja, ist schon ein hartes Leben. Er kichert, läßt sich auf den Rücken fallen, greift nach seiner Gitarre und singt, flach auf dem Rücken liegend, I didn‘ mean to hurt you, I didn’t mean to make you cry, wir lachen beide und grölen verquer und auf einer Stimme, I’m just a jealous guy. Dann spielen wir im Sitzen weiter, Proud Mary und Every picture tells a story, don’t it, Norwegian Wood und Hey, you’ve got to hide your love away. Immer wieder mal erhaschen wir ein Bonbongrinsen aus den Mädeltrauben außenrum; und was für ein Gefühl, nicht zu beschreiben, frei, ohne Bedürfnisse, alles was wir haben, sind zwei Gitarren und dieser Sommer, und was brauchen wir noch mehr. Eine Kleine, die aussieht wie modelliert, hellbraun, rund und schlank, als wüchse sie zu schnell, als daß sich irgendwas setzen könnte, lange blonde Haare, trotziger Mund und hellvioletter Badeanzug mit eindeutiger Pfeilspitze Richtung untere Zusammennaht, fragt uns um Feuer, und wir beben förmlich, improvisieren ein Lied für sie, sweet little goddess, mit abwechselndem Gesang, immer nur ein paar Wörter, ooh, you bring it all out in me und so weiter. Bis irgendwann außer uns nur noch ein paar beginnende Grillnächte da sind und wir unser Zeug packen. Laß uns ins Movie Café fahren, sagt Cag gen Himmel, ich, okay, aber mit Gitarren, können eh noch draußen sitzen. Er, also los, und wir fahren. Das Movie Café ist halbleer, selbst draußen sitzt kaum jemand, weil die meisten Leute erst noch viel Eis essen müssen, um den Sonnenuntergang zu ertragen. Die Luft ist irgendwie noch heiß, aber durchsetzt von kleinen kühlen Partikeln, die den Abend ankündigen. Das Licht strahlt die Allee entlang, rotblau und blendend, gefiltert von flirrenden Pappeln. Mal was von Deedee gehört, fragt Cag nach dem ersten Schluck Bier. Ja ja, antworte ich unbestimmt und glotze so lange in die tiefe Sonne, bis ich nur noch hellblau sehe. Wie ja ja, fragt er neugieriger, macht ihr gar nichts mehr. Nicht mehr viel, sage ich. Da war dieser Abend, kurz nach Drehschluß. Eine Art Fest bei Meria, mit sämtlichen Entladungen, die man nur erwarten konnte. Erst mal fing Track an zu mosern, er komme zuwenig raus, weil Meria so fanatisch auf Deedee stehe. Also dampfte unsere Regisseurin in Richtung Schlafzimmer ab und war verletzt; Deedee hinterher, um sie zu trösten oder zu ficken, was immer die Gerüchte wollten. Kommt dann irgendwann zu mir, ich völlig prall, und meint, ist nicht gut, wie ihr Meria behandelt. Ich also, was heißt ihr, ich behandel sie doch gar nicht, im Gegensatz zu dir. Und er, warum soviel Aggression. Und ich, weil es offenbar sein muß. Ich hatte keine Ahnung, weshalb. Später kam dann Meria zu mir, als ich gerade eine Handvoll Percoffetrinol auf dem Tisch zerdrückte und durch das abgebrochene Röhrchen schnupfte. Bitte nicht, kein Koks, Mojo, jammerte sie; ich, irgendwie sehr genervt, was weißt denn du. Sie sagte, das ist nicht gut, was du mit dir tust, und ich, was tust du denn mit dir. Blöde Antwort, klar, aber ich wollte ihr Geschwätz nicht haben in dem Moment. Deedee zog mich dann zur Seite, setzte sich dermaßen bewußt vor mich hin und fing an, die anderen in der Band sagen, du hast nicht mehr besonders viel Interesse anscheinend. Ich, na und, kein Wunder bei dem Blödsinn. Ich sah mich das selbst sagen: hörte die Wörter und konnte nicht glauben, daß ich das sagte. Drei Jahre davor war Deedee so was wie mein Idol gewesen, sechs Jahre älter und all die Ideen im Kopf, die ich so gerne gehabt hätte. Jetzt kam er mir vor wie ein Arschloch: verklemmt, unsicher und mit unwichtigen Dingen beschäftigt, gestrig, unbeholfen und peinlich. Na ja, fing er zu allem Überfluß noch mal an, statt mich hochkant rauszuwerfen. Anscheinend bemerkte er nicht, daß er meinen letzten Respekt verspielte. Na ja, wir wollen jetzt sowieso mehr üben und so. Also stieg ich drauf ein, sagte, was wollt ihr denn schon groß üben, die paar Rumpelbumpelsongs oder was. Oder deine Hopsereien auf der Bühne oder wie. Oder was. Meine Nase brannte, meine Augen auch. Na ja, der Manfred hat schon gesagt, daß er gerne Baß bei uns spielen würde, er, und ich, sei mir nicht böse, aber heißt dies das, was ich glaube, was es heißt. Der Satz war ihm erwartungsgemäß zu kompliziert. Tut mir leid, Deedee, sagte ich, Gesicht in den Schneidersitz, wir haben anscheinend eine verschiedene Vorstellung vom Leben. Dabei kannte ich meine Vorstellung vom Leben noch nicht mal andeutungsweise. Wenn ich Meria oder ihm an dem Abend noch begegnete und sie bemerkte, sahen sie mich an wie einen Verurteilten, der frohen Mutes die Höchststrafe gewählt hat. Sie hatten Mitleid mit mir, und ich verachtete sie dafür. Das kann ich Cag nicht erklären. Ich habe keinen Bock mehr auf seine Musik, sage ich statt dessen, es muß weitergehen. Klar, sagt er, und morgen fangen die Proben wieder an, und Deedee ist das Arschloch. Schon wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken: ich liebe den Kerl, weil er schon wieder ein Wort benützt, das von mir sein könnte; so treffend wie eine Farbe oder irgend so was. Prost, sage ich, auf Deedee und Meria. Und auf Kelly und Track, antwortet er. Da war ja auch noch so eine Geschichte. Als dieses elende Fest bei Meria in den letzten Zügen lag, tat ich dasselbe irgendwo in der Ecke auf einer Matratze, glotzte an die unsichtbare Decke und machte mir meine Gedanken über die bezeichnend peinliche Musik, die die ganze Zeit lief: nicht Stones, sondern Mick Jagger solo, nicht Roxy Music, Do The Strand, sondern Brian Ferry solo, nicht When The Levee Breaks von Led Zeppelin, sondern dieses bescheuerte Doo-Wop-Quatschzeug von Robert Plant solo. Irgendwie hatten gewisse Leute ein Gespür für die schlimmsten Fettnäpfchen und stapften mit überzeugtem Grinsen hinein. Ich hatte Meria und ihr ganzes Pack in diesem Moment so dick, wünschte mich nur weit weg und merkte plötzlich, daß ich das alles wohl laut vor mich hingesagt hatte. Du hast recht, stellte Kelly nämlich dazwischen. Na und, meinte ich, was soll’s. Sie sagte nicht mehr besonders viel, meinte nur, ob ich sie vielleicht noch heimbringe. Ins Hotel, von hier aus, fragte ich entgeistert, aber ich fühlte mich zu stolz, um das zu Ende zu führen, und setzte nur hinzu, wenn du das verantworten kannst. Klar, kann ich, raunte sie, wir schluckten noch jeder vier Percoffetrinol, tranken diverse Weingläser leer und verschwanden durch die Tür zum Garten. Kletterten über die Hecke wie Stan und Ollie in ihren besten Zeiten und fielen schließlich irgendwie vor mein Fahrrad, ehe ich bemerkte, daß ich den Schlüssel in meiner Jacke und diese noch drinnen hatte. Also klingelte ich vorne noch mal Sturm. Deedee, wer sonst, öffnete und sah mich an wie einen Geist. Hä, und so. Hab meinen Schlüssel vergessen, sagte ich und schob ihn zur Seite, packte meine Jacke und verschwand wieder. Kelly trat sich draußen auf die Füße und hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Doch noch kühl, meinte sie, und ich, klar, is noch nicht Sommer. Die Radelei war eine Tortur. Immer mal wieder verlor ich die Balance, weil sie so auf dem Gepäckträger rumschwankte, rutschte vom Randstein und mußte anhalten, um mich wieder zu fangen. Sie kicherte hinten rum, ich fand das gar nicht lustig: diesen Moment, wenn man meint, jetzt kracht’s gleich, wenn das Gleichgewicht unvermittelt seitlich wegrutscht, den erlebte sie wohl nicht bewußt. Irgendwie schafften wir’s trotzdem durch die kühl atmende Nachtluft bis vor ihr Hotel. Also, sagte ich und wartete. Also, lachte sie, stieg ab und stand vor mir, die Hände schon wieder auf dem Rücken. Tänzelte irgendwie. Was hast du noch vor, fragte sie, und ich, nach Hause, ins Bett. Ich hab hier auch ein Bett, schmollte sie. Schön für dich, ich, und plötzlich hing sie an meinen Lippen, saugte erst mal fleißig, bis ich endlich den Mund öffnete und ihre Zunge reinließ. Die wieselte dann durch meinen Mund, die Zähne entlang, stieß ein paar Mal tief rein, symbolisch, wedelte wieder um die Zähne, wieder von vorn, wie eine hungrige Katze, die einem müden Zufallsgast ihre Lage verständlich machen will. Ich hatte einfach keinen Bock drauf, dachte an alles mögliche, spürte dabei ihre Hand, die versuchte, an meinem Gürtel vorbeizukommen, hinderte sie nicht direkt, machte mich aber dick. Sie kam trotzdem rein, tapste mit kalten Fingernägeln an meinem Schwanz rum, als wäre er irgendein elektronisches Gerät. Immer noch die Zunge in meinem Mund, beim fünften oder sechsten Durchlauf. Laß dich gehen, rauschte sie mir ins Ohr, komm einfach mit rauf und nimm dir, was du willst. Wenn ich aber nichts will, versuchte ich grinsend, schnallte meinen Mund los. Ich will, daß du mich fickst, flüsterte sie weiter, ich will dich so tief in mir spüren, das glaubst du nicht. Ihre Fingernägel waren jetzt unter meiner Vorhaut, aber außer ihrem Gekratze tat sich da nicht viel. Hör zu, Kelly, sagte ich so vernünftig wie erträglich. Nein, pump mich voll, benütze mich, warum bist du immer so kalt, ich will deinen Schwanz in mir haben, du kannst alles mit mir machen. Sie sank auf die Knie, riß meine Hose auf und zog das jämmerlich kleine Ding raus, saugte es in ihren Mund und stöhnte dabei. Mir war die ganze Situation unaussprechlich peinlich. Okay, sagte sie plötzlich, dann eben nicht, du Blödmann, zog meinen Reißverschluß wieder zu, drehte sich auf den Hacken um hundertachtzig Grad und verschwand in Richtung Hotel. Ich stand da, sah ihrem beleidigten Arsch nach und hatte mit einem Mal einen wahnsinnigen Ständer, der nichts mit ihr zu tun hatte.