Broschüre Juni 04

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Broschüre Juni 04
Liebe Freundinnen und Freunde der Cineoffensive !
Eine abgewrackte Strassenecke irgendwo in Harlem, ein schwerer Strassenkreuzer biegt zur einsetzenden Wah-Wah-Gitarre und den souligen Stimmen der “Supremes” um die Ecke - und irgendwie
weiss man, gleich verwandelt sich die Szenerie in ein bleidurchtränktes Inferno...
Solche Bilder sind die wohlbekannten Markenzeichen des in den 70er Jahren aufkommenden
“Blaxploitation”-Genres, welches den Grundstein für ein von Afro-Amerikanischen Akteuren dominierten Schaffensbereich des amerikanischen Kinos markierte.
Die Cineoffensive im Juli widmet sich unter dem Titel : “Black Cinema” schwerpunktmässig den
Filmen des “Blaxploitation” sowie seiner Epigonen, die unter dem Etikett des “New Black Cinema”
eingetopft wurden.
Ein einleitender Text widmet sich der Definition dieser beiden Begriffe und bietet einen schönen
Querschnitt von sehenswerten Filmen zu diesen Genres an. Dann folgen unsere ausgewählten
Cineoffensive Filme mit ausführlichen Informationen, aus Layout Gründen ist die zeitliche Abfolge leider ein bischen verrutscht. Dafür als Mittelblatt unser erster - vorerst einteiliger Starschnitt zum herraustrennen und an die Wand hängen! Abgerundet wird die Broschüre wie immer vom
Komplettprogramm - achtet auch auf die vielen anderen Termine im Juli, die dem “Black Cinema”
gewidmet sind.
...euer Cineoffensive Team
Unser Thema im Juli : “Der Politische Kampf... - und die Bombe?!”
CINEOFFENSIVE...
...vernetztes Kino im Kiez : 1x im Monat verusive Filmreihen / Retrospektiven der besonderen Art in
freien Kinos...
...und natürlich ist bei allen Veranstaltungen der EINTRITT FREI !
Gegen-Kultur zu machen, heisst für uns auch Alternativen zu schaffen zum bestehenden HollywoodMainstream-Verwertungslogik-Propaganda-Kino der „grossen“ Multiplexe und sonstiger Blockbuster.
Alle in der CINEOFFENSIVE partizipierenden Projekte sind selbstverwaltet, unabhängig und wie sie
wollen...
Das Thema des jeweiligen Monats wird gemeinsam von allen Projekten festgelegt und jedes Projekt
zeigt dann mindestens einen Film zum Thema. So entstehen unsere vielseitigen und verusiven
Filmreihen, das Kernstück der CINEOFFENSIVE.
Gemeinsam wird dann auch diese Broschüre erstellt, der “rote Faden” für die jeweilige Offensive,
welche mit ausführlichen Filmkritiken und allgemeinen einführenden Texten zu inhaltlicher Diskussion
anregen möchte; für die Projekte mit ihren Kinos ist sie zusätzlich gemeinsame Werbeplattform...
So wie es mittlerweile in Berlin möglich ist an jedem x-beliebigen Wochentag lecker, gesund und sehr
preiswert essen zu gehen - Mensch hat ja sogar jeden Tag die Qual der Wahl, in welchem leckeren
Ambiente einzukehren - so ist auch zu bemerken, das es immer mehr freie Kinos und Menschen gibt,
welche ein interessantes, kurzweiliges, spannendes oder wie auch immer geartetes gutes
Filmprogramm dem kommerziellen Einheitsbrei vorziehen.
Selbermachen statt Konsum und Jammern.
CINEOFFENSIVE -die freie Kino-Vernetzung, jetzt auch bei DIR im Kiez!
Für Kritik, Anregungen oder wenn auch du Teil sein willst:
kontakt : [email protected]
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Von "Blaxploitation" zum "New Black Cinema"
Blaxploitation
1967 konnte sich der von den Bahamas stammende Sidney Poitier in dem Thriller "The Heat of the
Night" als Hauptdarsteller in einem Mainstream-Film behaupten . Endlich wurde ein Schwarzer mal
nicht als Sklave oder abgebrühter Verbrecher gezeigt. Ein Grundstein für das Blaxploitation-Genre
war gelegt.
Mit Melvin Van Peebles' "Sweet Sweetback's Baadasssss Song" (1971) wurde eine bedeutende, aber
kurzlebige Ära afro-amerikanischen Filmschaffens eingeleitet: das Blaxploitation-Genre. Die
Blaxploitation- Filme sind überwiegend Action-Krimis und Gangsterfilme mit einem schwarzen Helden
als Protagonisten. Dieser lässt sich nicht in das weiße Establishment integrieren und geht als Sieger
über das System hervor.
Zum ersten mal brachten Filme das Lebensgefühl vieler Schwarzer zum Ausdruck: die Charaktere
sprachen, kleideten und verhielten sich wie die Schwarzen in den großstädtischen Milieus.
Gewalt ist ein zentrales Thema; der Held zögert nicht - im Gegensatz zu den Charakteren in den liberalen Filmen - physische Gewalt einzusetzen, um seine Ziele zu erreichen. Auch ist er nicht mehr eine
entsexualisierte Persona, denn Sexualität nimmt einen zentralen Punkt in seinem Leben ein; er präsentiert sich als omnipotenter Mann, der mit schwarzen als auch weißen Frauen schläft. Dass diese
Darstellung zu Lasten der weiblichen Figuren geht und diese noch stärker zum Sexualobjekt degradiert werden, nehmen die Produzenten im Zuge einer Stärkung schwarzer Protagonisten in Kauf.
Die Blaxploitation - Filme brachten die "Black power" und den "Black Pride" der ersten Jahre nach
dem Feldzug der Bürgerrechtsbewegung zum Ausdruck, doch haben afro-amerikanische Intellektuelle
und Organisationen die Produktionen heftig kritisiert: "[Es ist] eine Identifikation mit dem Aggressor,
[ein] Symptom des Selbsthasses. Es ist fast so, als wenn ein Jude dafür zahlen würde, nach
Auschwitz zu kommen".
Ein weiterer Hauptgrund für die Entstehung des Blaxploitation war die kritische ökonomische
Situation, in der sich die Filmstudios zu Beginn der 70er Jahre wiederfanden. Mit zunehmender
Verbreitung des Fernsehens verringerte sich die Zahl der Kinogänger so drastisch, dass einige
Studios wie MGM am Rande des Ruins standen. Aus diesem Grund wurden ökonomisch schlechter
gestellte Gesellschaftskreise wie Afro- Amerikaner, die sich keinen Fernseher leisten konnten, als
Zielpublikum anvisiert. Zur gleichen Zeit feierte Van Peebles' unabhängig produzierter Film "Sweet
Sweetback's Baadassss Song" große Erfolge am amerikanischen Box-Office, was Hollywood natürlich sofort zu nutzen wusste; sprachen Filme wie "Shaft" (1971) oder "Superfly" (1972) doch vor allem
Afro-Amerikaner an und waren gleichzeitig auch für Weiße interessant, da es sich meist um ActionKrimis handelte. In der Hoffnung, das schnelle Geld zu verdienen, produzierte die amerikanische
Filmindustrie bis 1975 über 200 Blaxploitation- Filme, die mit niedrigstem Budget gedreht wurden.
Dadurch, dass die Filme immer einfacher konzipiert und nur noch Fortsetzungen von mittelmäßigen
Filmen geschaffen wurden, erlöschte sehr schnell das Interesse an diesem "schwarzen" Kino.
80er und New Black Cinema
Gegen Ende der 70er Jahre tritt der Buddy-Movie seinen Siegeszug an und ist bis heute die beliebteste Art Film geblieben, in denen afro-amerikanische Akteure die Hauptrolle spielen. In Buddy-Movies
agieren ein Schwarzer und ein Weißer nebeneinander. Meist kommen beide nicht miteinander
zurecht, werden dann aber im Verlauf eines gemeinsam erlebten Abenteuers unzertrennlich. Durch
den Crossover- Appeal des Freundschaftsprinzips wie es z.B. die "Lethal Weapon"-Serie mit Danny
Glover und Mel Gibson und fast alle Eddie Murphy-Filme praktizieren, haben sich die Studios eine
Möglichkeit geschaffen, eine sehr breite Publikumsschicht anzusprechen. Gleichzeitig spiegeln diese
Filme die politische Situation der Reagan-Ära wider, die dem weißen Mittelstand suggerierte, dass die
Diskriminierung von Afro-Amerikanern der Vergangenheit angehöre. Dass aber nie eine
Liebesbeziehung zwischen Schwarz und Weiß eingebracht wird, zeigt wieder einmal die Doppelmoral
Hollywoods.
Immer mehr Schwarze wurden zu Stars aufgebaut, so allen voran Eddie Murphy, Whoopi Goldberg
und Richard Pryor. Parallel dazu wurden immer mehr afro-amerikanische Schauspieler als
Nebendarsteller eingesetzt, deren Rollen die eines Sidekicks oftmals überstiegen.
Auch die schwarzen Regisseure bekamen in den späten 80ern mehr Arbeit, wobei sie sich ihre
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Arbeitsplätze selbst schufen. Mit "She's Gotta Have It" (1986) wurde der Regisseur und Schauspieler
Spike Lee zum Begründer des New Black Cinema, das in den frühen 90ern seine größten Erfolge feiern konnte.
Die Thematik des unabhängigen schwarzen Films ist nicht sehr breit gefasst. Ghettofilme sind die
gängigste Form dieser "vague noir". Thematisiert werden darin Drogenprobleme, Sex und Gewalt,
aber auch Rassismus und die Chancenlosigkeit in einer Gesellschaft, die ein Entkommen aus dem
Sumpf des Elends nicht zulässt. Dabei muss man unterscheiden zwischen den "reinen" Ghettofilmen
und den Action- Filmen mit Ghettokulisse, in welchen das Ghetto als Mittel der Authentizität und nicht
um Sozialkritik zum Ausdruck zu bringen, genutzt wird.
Die Gefahr des New Black Cinema ist die, dass durch die negative, pessimistische Darstellung der
Schwarzenviertel in den Medien ein verzerrtes, von Drogen und Gewalt geprägtes, Bild der afro- amerikanischen Bevölkerung entsteht.
Der Weg weg von den Stereotypen hat lange gedauert und ist bis heute noch nicht abgeschlossen.
Es scheint im Glanz des New Black Cinema, als ob es endlich einen unabhängigen schwarzen Film
gibt. Es lässt sich aber zunehmend eine Tendenz dahingehend erkennen, dass man wieder weniger
Independent- Produktionen dreht, dafür aber immer mehr Afro-Amerikaner im Mainstream-Sektor einsetzt. Mittlerweile haben afro-amerikanische Schauspieler wie Will Smith, Wesley Snipes, Samuel L.
Jackson und die Oscar-Preisträger Denzel Washington und Halle Berry Gagen ergattern können, die
denen ihrer weißen Kollegen in nichts nachstehen. Trotzdem lässt die Quantität schwarzer
Schauspieler nicht den Schluss zu, dass eine Gleichberechtigung erreicht worden ist.
Kommentierte Filmauswahl zum Black Cinema:
IN DER HITZE DER NACHT
USA 1966, 110 min, R: Norman Jewison, mit: Sidney Poitier, Rod Steiger, Warren Oates
In einer Kleinstadt im Süden der USA wird ein durchreisender Schwarzer eines Mordes verdächtigt, erweist sich aber als
hochqualifizierter Polizeidetektiv und hilft dem vorurteilsbelasteten Polizeichef bei der Aufklärung des Verbrechens. Der
Film verklammert Kriminalspannung mit der Rassenproblematik.
WENN ES NACHT WIRD IN MANHATTAN
USA 1969, 90 min, R: Ossie Davis, mit: Godfrey Cambridge, Raymond St. Jacques
Für die Bewegung "Zurück nach Afrika" hat der schwarze Reverend O'Malley in Harlem 87000 Dollar an Spenden gesammelt. Doch der ehemalige Sträfling Calhoun macht sich mit dem Zaster aus dem Staub. Nun heften sich Gottesmann und
Polizei an die Fersen des Diebs … Ossie Davis war einer von Hollywoods schwarzen Stars, ehe er mit dieser Verfilmung
eines Chester-Himes-Romans sein Regiedebüt vorlegte. Süffisant nahm er die Scharlatanerien der schwarzen Priester auf
die Schippe, huldigte dem eigentlichen Star, Harlem, und lieferte damit ein frühes Highlight des Black Cinema. Spike Lee
war beeindruckt: Er engagierte Ossie Davis später für drei seiner Filme.
SUPERFLY
USA 1972, 90 min, R: Gordon Parks Jr., mit: Ron O'Neal, Carl Lee
Blaxploitation-Klassiker, was nicht zuletzt dem coolen Soundtrack von Curtis Mayfield zu danken ist.
Priest und Eddie wollen sich mit einem letzten großen Ding aus dem Koks-Geschäft verabschieden. Aber der Ausstieg aus
der Szene ist nicht leicht, und dann kommen die Kumpels auch noch den falschen Leuten aus der Oberliga ins Gehege...
Ein rasanter, trashiger, kleiner Film, gedreht zu einer Zeit, in der "political correctness" noch ein Fremdwort war.
EIN FALL FÜR CLEOPATRA JONES
USA 1973, 90 min, R: Jack Starret, mit: Tamara Dobson, Shelley Winters
Sie hat schöne Augen und stahlharte Handkanten: Die schwarze Spezialagentin Cleopatra Jones (Ex-Model Tamara
Dobson) trifft auf das verkommene "weiße" Amerika in Gestalt einer fetten, alten Rauschgifthändlerin. Scharfgezeichnete
Charaktere und einen raffinierten Plot sucht man vergebens. Dafür kommen Liebhaber von Prügelkarate und irrer
Seventies-Klamotten auf ihre Kosten.
"New Black Cinema" :
NEW JACK CITY
USA 1991, 92 min, R: Mario Van Peebles, mit: Wesley Snipes, Ice-T, Mario Van Peebles
Crack ist billig, deshalb verbreitete es sich seit Anfang der 80er Jahre vor allem in den schwarzen Elendsvierteln der amerikanischen Großstädte wie ein Flächenbrand und veränderte das Gesicht ganzer Stadtteile nachhaltig. Reich gemacht hat
Crack eine Menge kleiner, äußerst skrupelloser Dealer aus den Slums. Das New Yorker Magazin Village Voice prägte erstmals den Begriff "New Jack" für diese neue, schwarze Gangsterszene mit ihren dicken Schlitten, extravaganten DesignerKlamotten, ihrem Lifestyle und der dazugehörigen Musik. "Eine New Jack City gibt es in jeder Großstadt dieses Landes",
verkündet der Filmvorspann.
Mario Van Peebles sorgte mit seinem Regiedebüt in den USA für heftige Kontroversen. In einigen Städten kam es bei den
Vorführungen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Zuschauern, ein Jugendlicher wurde dabei getötet. Dabei
beinhaltet dieser Film eine klare Absage an Drogen und Gewalt, indem er mit schonungsloser Härte und mit Unterstützung
eines exzellenten Soundtracks den harten Alltag und die Explosion der Gewalt in den Ghettos widerspiegelt. Gefilmt wurde
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mit vielen Bewohnern als Statisten in den Straßen von Harlem.
BOYZ N THE HOOD
USA 1991, 112 min, R: John Singleton, mit: Cuba Gooding Jr., Ice Cube, Morris Chestnut, Laurence Fishburne, Tyra
Ferrell
Die Story eines schwarzen Teenagers im schwarzen Ghetto des südlichen Zentrums von Los Angeles. Aufwachsend zwischen täglicher Gewalt, Rauschgift und Polizeiaktivität, bereitet ihn die Erziehung durch einen klugen, freundschaftlichen
Vater auf eine Abwendung von dem Teufelskreis der Gewalttätigkeit vor. Ein mit Blickrichtung auf die Betroffenen gemachter Erstlingsfilm, der sich nicht scheut, eine Botschaft zu vermitteln, und der die richtige Sprache findet, um in den amerikanischen Ghettos gehört zu werden. Für ein nicht-amerikanisches Publikum eine gute Lektion zur Korrektur des AmerikaBildes.
MENACE II SOCIETY
USA 1993, 93 min, R: Allen Hughes; Albert Hughes, mit: Samuel L. Jackson; Charles S. Dutton; Tyrin Turner; Larenz Tate;
Jada Pinkett Smith
Der 18-jährige Cain (Tyrin Turner) wächst mitten in Watts auf, einem berüchtigten Schwarzenviertel von Los Angeles.
Zusammen mit seinen Kumpels lebt er in einer gewalttätigen kriminellen Welt ohne Zukunftsperspektiven. Einen Ausweg
scheint es für Cain vorerst nicht zu geben...
Der Film beschreibt überaus authentisch die miserablen Lebensbedingungen unter denen junge Schwarze in den amerikanischen Großstadtghettos aufwachsen. Gängige Moralvorstellungen treten dabei schnell außer Kraft: Gewalt ist cool,
Drogen sind cool, Waffen sind Cool und Frauen allesamt 'Bitches', nach diesen Maximen handelnd führen die jugendlichen Schwarzen meist ein kurzes Leben oder landen mit fast 100%iger Sicherheit früher oder später im Knast. Der ausweglose Teufelskreis spiegelt sich auch in gesellschaftlichen Statistiken wieder: Mord ist in den USA immer noch die
Haupttodesursache für schwarze Männer zwischen 15 und 30. In einer Stelle des Films sagt der unberechenbare O-Dog
"Ich bin der amerikanische Albtraum: Jung, schwarz und mir ist alles scheißegal." Dieser Satz trifft erstklassig die
Grundeinstellung der jungen Ghettobewohner und hat in den USA die Diskussion um Rassendiskriminierung angestachelt.
Allein dies ist natürlich ein großer Verdienst der beiden Regisseure, die den Film im Alter von gerade mal 21 Jahren fertiggestellt haben. Zuweilen fühlt man sich angesichts der unglaublichen Brutalität und den als Identifikationsfiguren gänzlich ungeeigneten Charakteren wie vor dem Kopf gestoßen, doch andere Emotionen sind für Menace II Society auch nicht
angebracht.
ROSEWOOD
USA 1996, 136 min, R: John Singleton, mit: Jon Voight, Ving Rhames
Eine junge Weiße beschuldigt gegen besseres Wissen einen Schwarzen der brutalen Misshandlung und löst damit einen
Lynch-Feldzug gegen den von Farbigen bewohnten Nachbarort aus. Dramatisierung historischer Ereignisse aus dem Jahr
1923. Erst siebzig Jahre später findet ein Prozess statt, in dem den Opfern von Rosewood Entschädigung zugesprochen
wird. Während der Verhandlung kommt endlich die ganze Wahrheit über die Ereignisse jener Nacht ans Tageslicht.
Regisseur John Singleton gelingt eine überraschend differenzierte Darstellung der Rassismusproblematik.
RIOT - TAGE DES TERRORS
USA 1996, 92 min, R: Galen Yuen, Richard Dilello, David C. Johnson, Alex Munoz, mit: Luke Perry, Mario Van Peebles,
Mako, Dante Basco, Melvin Van Peebles
Der Versuch einer Dramatisierung der Ergeignisse vom 29. April 1992, als in Los Angeles nach dem Freispruch gegen
Polizisten, die einen Schwarzen mißhandelt hatten, schwere Unruhen ausbrachen. Personen aus verschiedenen Ethnien
treffen an jenem Tag schicksalhaft aufeinander, darunter ein friedlicher Koreaner und sein Sohn, die von einer HispanoGang angegriffen werden, und ein weißer Polizist, der in eine Auseinandersetzung zwischen Asiaten und Schwarzen
gerät.
GRIDLOCK'D
USA 1996, 91 min, R: Vondie Curtis-Hall, mit: Tim Roth, Tupac Shakur, Thandie Newton
Ein weißer und ein schwarzer Musiker beschließen in der Neujahrsnacht, sich einem Drogenentzugsprogramm zu unterwerfen, nachdem die Leadsängerin ihres Trios mit einer Überdosis ins Koma fiel. Damit aber beginnt eine Odyssee durch
eine herzlose Behördenwelt, der sich bald auch zwei Killer und die Polizei Detroits anschließen. Schwarze Komödie voller Selbst-Ironie und Sarkasmus, die von hervorragenden Schauspielern und einem packenden Inszenierungsstil getragen
wird. Die bedingungslose Freundschaft der beiden Männer wird ebenso sensibel wie psychologisch stimmig skizziert.
JACKIE BROWN - RUM PUNCH
USA 1997, 154 min, R: Quentin Tarantino, mit: Pam Grier, Robert Forster, Samuel L. Jackson, Bridget Fonda, Robert De
Niro
Eine in die Jahre gekommene, immer noch attraktive schwarze Stewardess gerät zwischen die Fronten, als sie für einen
skrupellosen Waffenhändler Geld schmuggelt und dabei in die Hände der Polizei gerät. Mit Hilfe eines kleinen Anwalts,
der sie gegen Kaution aus dem Gefängnis holt, versucht sie, die Parteien auszutricksen, um selbst ans große Geld zu
kommen.
Quentin Tarantino setzte Pam Grier, der Ikone des schwarzen 70er-ActionKinos ("Foxy Brown"), ein Denkmal. Das
Resultat ist kein zweiter "Pulp Fiction", aber großes Kino mit Stil und Seele. Die Buchvorlage stammt übrigens aus der
Feder von Kultautor Elmore Leonard ("Out of Sight").
SHAFT - NOCH FRAGEN?
USA 2000, 99 min, Regie: John Singleton, mit: Samuel L. Jackson, Vanessa L. Williams, Christian Bale
"Too black for the uniform, too blue for the brothers" - auch der neue, von Samuel L. Jackson mit routinierter Präsenz
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gespielte Shaft leidet unter dem Dilemma seines Urbildes. Kein Remake, sondern -manchmal selbstironische- Fortsetzung
knüpft SHAFT an das genussvolle Zelebrieren der Überlegenheit des schwarzen Mannes an, weiß aber immer um die
sozialen Grenzen dieses Heldentums. Will er Verbrecher jagen und "seine Leute" nicht verraten, muss er sich offenbar als
Einzelkämpfer durchschlagen. Außergesetzliche Gewalt, provozierte Taten und gefälschte Beweise sind hier mitunter legitime Methoden des good guys, anders gehe es nicht wird suggeriert, denn die Polizei ist überfordert und überdies korrupt.
Diese Diagnose ist, ebenso wie die zynische Grundierung vieler Dialoge, mehr als bloße Pose und Herbeizitieren alter
Stimmungen. "It's Guiliani time!" ruft Shaft sarkastisch und bestätigt damit, dass es nicht nur um Fantasien des
Unterhaltungskinos geht.
Zugleich verflüssigt Singleton die Perspektiven, zeigt wie Shaft auch Weiße beschützt, zeigt auch in aller Härte schwarze
Amerikaner als Opfer (aber nicht wehrlose) und macht zum Thema, dass sich Schwarze gerade im New York Guilianis in
bestimmten Vierteln längst nicht mehr sicher fühlen können, und sei es, weil ihnen eine falsche Bewegung schnell eine
Polizeikugel einträgt. Diese andere Seite liegt auch im Aufzeigen alltäglicher Rassismen, im Portrait des weißen Mörders.
Black Panther / Black Power:
PANTHER
USA 1995, 124 min, R: Mario Van Peebles, mit: Kadeem Hardison, Bokeem Woodbine
Aufwendig inszenierter Spielfilm über die Blütezeit der 1966 als Nachbarschaftshilfe in Kalifornien gegründeten und
danach schnell zur politisch ernstzunehmenden Gruppierung heranreifenden "Black Panther Party for Self Defense".
Weitgehend den historischen Fakten und Figuren folgend.
ALL POWER TO THE PEOPLE - DIE SCHWARZEN PANTHER
Doku, USA 1996, 116 min, R: Lee Lew-Lee
Dokumentation, die die Geschichte der schwarzen US-Bürgerrechtsbewegung "Black Panther" nachzeichnet, von ihren
Anfängen als Untergrundorganisation in den 60er Jahren über ihre Ächtung durch das FBI in den 70ern bis zu ihrer
Zerschlagung. Zahlreiche Bild- und Textdokumente, auch aus CIA- und FBI-Archiven, wurden verwertet; zu Wort kommen
Augenzeugen wie Bobby Seale, ehemaliger Führer der Bewegung.
ANGELA DAVIS - EINE LEGENDE LEBT
Doku, BRD 1998, 79 min, R: Christel Priemer, Ingeborg Weber
Dokumentarisches Porträt der Afroamerikanerin Angela Davis, die Anfang der 70er Jahre zu einem Symbol für den Kampf
der Schwarzen um Menschenrechte wurde. Als sie wegen angeblicher terroristischer Akte zum Tode verurteilt werden sollte, kam es zu einer weltweiten Solidaritätskampagne, an deren Ende ein Freispruch stand. Der Film zeigt, was aus der
Kultfigur von einst geworden ist.
HINTER DIESEN MAUERN - MUMIA ABU-JAMAL
Doku, BRD 1996, 70 min, R: Heike Kleffner, Jule Buerjes
Dokumentation über die Lage des schwarzen Journalisten Mumia Abu-Jamal, der wegen vermeintlichen Polizistenmordes
in Pennsylvania zum Tode verurteilt wurde. Nach 18 Jahren wurde der Hinrichtungstermin ausgesetzt, da geprüft werden
soll, ob beim damaligen Verfahren die Rechte des Angeklagten verletzt wurden. Der Film lässt Verfahrensbeteiligte und
Weggefährten zu Wort kommen und zeigt ein Gespräch mit dem Verurteilten; Archivmaterial ergänzt die Aussagen.
Nach dem Abklingen des Blaxploitation waren es lange Zeit eigentlich nur Spike Lee und Mario van
Peebles, die die Fahne des Black Cinema hochhielten, bis Anfang der 90er Carl Franklin und vor
allem mit die Hughes Brüdern und John Singleton mit ihren sog. Hood-Movies neuen Wind in das Kino
brachten.
Von diesem Inspirationsschub ist heute wenig übrig geblieben. Filme wie FAMILIENSACHE, SCARY
MOVIE oder eben auch der neue SHAFT lassen nicht mehr erkennen, dass ihre Regisseure schwarz
sind. In Amerika wird diese Tatsache als wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung und Normalisierung
im Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen gewertet. So wünschenswert diese Annäherung im
gesellschaftlichen Sinne auch ist, so tragisch ist sie im filmischen.
Durch diese Verallgemeinerung wird der neue SHAFT austauschbar und könnte ohne Verlust der
Glaubwürdigkeit ebensogut von Bruce Willis oder Mel Gibson verkörpert werden. Dass der Film peinlich bemüht ist, die multikulturelle Mischung eines Tommy Hilfiger Werbespotts einzuhalten (ein
schwarzer und ein weißer Bösewicht, ein schwarzer und ein weißer korrupter Polizist, eine schwarze
und ein weißer guter Polizist) mag zwar politisch korrekt sein, ist schlussendlich genauso unrealistisch, wie das eindimensionale Nur-Schwarz bzw. Nur-Weiß der früheren Jahre.
[©Torsten Schäfer]
Viele der hier genannten Filme sind in den Archiven der "Cineoffensive" zu finden. Anfragen an unsere Mail-Adresse
<[email protected]>.
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So. 20.06.2004 in der kvu
KvU
präsentiert :
Sweet Sweetback´s Baadasssss
Song
USA 1971, 97 Min., R: Melvin Van Peebles, D: Melvin
Van Peebles, Simon Chuckster, Hubert Scales
Der Kleinkrimminelle "Sweetback" muss zusehen, wie ein junger schwarzer Politaktivist von weißen
Polizisten brutal zusammengeprügelt wird. Er kommt ihm zu Hilfe und wird den Rest des Films gejagt
- aber nie gefasst.
Erst auf seiner Flucht quer durch Amerika fängt er an, sich mit "seinen schwarzen Brüdern und
Schwestern" zu solidarisieren und wird zur Heldenfigur im Kampf der Afroamerikaner gegen die
Weißen.
Van Peebles greift Klischees und Stereotypen auf und dreht sie offensiv um: So verfügt der junge
Antiheld Sweetback beispielsweise über ausgeprägte sexuelle Fähigkeiten. Dieser enormen
"schwarzen Potenz" verdankt er nicht nur seinen Namen, sondern wird auch durch sie gerettet, als
er in die Gewalt einer Rockergang gerät.
Seinen ersten Spielfilm machte der heute 72 Jährige Melvin Van Peebles, der eigentlich Astronomie
studiert hatte, 1967 in Frankreich. 1968 wurde "La Permission" als französischer Beitrag beim San
Francisco Film Festival gezeigt. 1970 drehte er in den USA den Film "Watermelon Man", in dem ein
weißer Rassist eines morgens mit schwarzer Haut aufwacht.
"Sweet Sweetback" entstand als Independent-Produktion mit einem Budget von 50.000$, die von Bill
Cosby stammten. Melvin Van Peebles übernahm selbst Hauptrolle, Regie, Buch, Schnitt und Musik.
Der Film spielte mehr als 14 Mio.$ ein.
Melvin's Sohn Mario Van Peebles, selbst ein halbwegs erfolgreicher Hollywood-regisseur ("New Jack
City"), drehte letztes Jahr eine Hommage an seinen Vater: "Gettin' the Man's Foot Outta Your
Baadasssss!" lief dieses Jahr bei der Berlinale. Kritiker behaupten, Mario Van Peebles verabeite in
diesem eigenen Film ein Kindheitstrauma, da sein Vater den damals 13 Jährigen Mario in "Sweet
Sweetback" eine Sexszene spielen ließ.
Der Film erzählt auf selbstironische Art die Entstehungsgeschichte des "Sweet Sweetback": Melvin
Van Peebles (gespielt von Mario Van Peebles) ist ein schwarzer Schauspieler in Hollywood und hat
eines Tages Anfang der 70er plötzlich die Vision einen Film herzustellen, der die Ungerechtigkeit der
Schwarzen anprangert. Natürlich lassen alle potentiellen (weißen) Produzenten das Projekt sofort wie
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eine heiße Kartoffel fallen, sobald sie erfahren, worum es in dem Film thematisch gehen soll...
Tatsächlich war die Produktion des ersten Blaxploitation-Filmes nahezu ein Abenteuer, da niemand
zuvor einen Film speziell für ein schwarzes Publikum hergestellt hatte. Es war sogar so, dass damals
in der allerersten Vorstellung nur zwei Personen saßen, von denen eine bereits vor dem Ende ging.
Große Blätter wie "TIME-Magazine" weigerten sich, eine Review des Streifens zu schreiben;
Mitglieder der Black-Panther-Partei hingegen bekamen ihn als Pflichtprogramm verordnet.
Trotz allem wurde der Film 1971 die erfolgreichste Independent-Produktion des jahres und war auf
Platz 1 der Kinocharts.
"Melvin Van Peebles war 1971 nicht weniger als eine Revolution. Ein Film von einem schwarzen
Regisseur mit einem schwarzen Hauptdarsteller (dem Regisseur), in dem Weiße die Hucke voll bekamen, ohne daß die Schwarzen dafür büßen müssen. Eine wilde Mischung aus Sex, Crime und Black
Power. Keiner aus dem Establishment - mit der rühmlichen Ausnahme Bill Cosbys - wollte sich damit
die Finger schmutzig machen, entsprechend heroisch die Leistung von Melvin Van Peebles, der für
seinen Film durch die Hölle gegangen ist."
(E. Knörer, Telepolis)
Melvin Van Peebles über "Sweet Sweetback":
"Wenn man einen politischen Film macht, nimmt man normalerweise einen Helden, der politisch korrekt ist. So kann man sich mit ihm aber gar nicht identifizieren. Sweetback's erste politische Tat ist,
daß er einen Polizisten umbringt - aus Versehen, nicht weil er den dialektischen Materialismus studiert hat. Er ist nur ein Streetkid und flippt einfach aus. Erst im Lauf des Films erlangt er allmählich
politisches Bewusstsein. Und das Publikum nimmt an der Politisierung teil.
(...)
Der Film galt damals schon als sexistisch und gewalttätig, aber komischerweise nur bei Weißen. Im
schwarzen Ghetto sieht und hört man eben dauernd solche Dinge, wie sie in "Sweetback" vorkommen. Was den
Sexismus betrifft: Ich habe den Mythos vom schwarzen
Mann als sexuelles Untier genommen, und vom Kopf auf
die Füße gestellt. Natürlich lebt der Protagonist davon, als
Zuhälter schwarze Frauen auszubeuten. Das zu kritisieren , ist, als würde man einen Western tierfeindlich nennen, weil in ihm Pferde geritten werden."
Filmography
Pickup Men for Herrick (short, 1957), Sunlight (short,
1957), Cinq cent balles (short, 1963), The Story of a
Three-Day Pass (“La Permission”, 1967), Watermelon
Man (1970), Sweet Sweetback's Baadasssss Song
(1971), Don't Play Us Cheap (1973), Identity Crisis
(1989), Vroom Vroom Vroooom (segment from Tales of
Erotica, 1996), Gang in Blue (1996), Le Conte du ventre
plein (also known as Bellyful, 2000)
KvU
Kremmener Str. 9-11
10437 Berlin
U2 Eberswalder Str., Tram 20
7
www.kvu-berlin.de
Beginn : 20.30 Uhr
So. 20.06.2004
K85
präsentiert :
Clockers
USA, 1995 129 min, R.: Spike Lee
mit: Harvey Keitel, Mekhi Phifer, John Turturro, Delroy
Lindo
Strike ist jung, schwarz und ein Clocker, sprich ein Dealer, der bei seinem Mentor Rodney bis zu
1.500$ in der Woche verdient. Sein Bruder Victor ist das genaue Gegenteil: Er hat zwei Kinder und
arbeitet ganz legal. Als ausgerechnet dieser den Mord an einem Drogen-Dealer gesteht, wird der Cop
Rocco (Harvey Keitel) mißtrauisch und vermutet hinter dem Mord Strike...
Richard Price, ein brillanter Autor und Drehbuchschreiber, verkaufte seinen Roman "Söhne der
Nacht", in dem das abgefuckte Leben eines jungen Dealers beschrieben wird, für 1,9 Millionen Dollar
an Martin Scorsese. Da dieser mit "Casino" beschäftigt war, übertrug er die Regie an Spike Lee. Lee,
Meister von politisch unkorrekten Mainstream-Filmen ("Do the Right Thing"), verwandelte die
Milieustudie, eindeutig das Metier des großen Scorsese, in ein Sozialdrama.
"Clockers" ist die Bezeichnung für die Drogendealer, die in der eigenen Nachbarschaft agieren, für die
Jungs die 24/7 für Stoff sorgen. Die inhaltliche Klammer des Films ist der Mord an Daryl. Rocco versucht den Mord aufzuklären, und gibt sich nicht damit zufrieden, daß Victor sich schnell der Polizei
stellt. Victor ist zu harmlos, zu brav. Vielmehr vermutet Rocco den Bruder Strike dahinter, der bereits
ein entsprechendes Vorstrafenregister hat.
Dieser Film treibt den Fall eigentlich nur nebenbei weiter. Vielmehr nimmt er sich der Personen und
der Situationen an. Man beobachtet wie sich Rocco, eigentlich ohne jeden tieferen Grund, in diesen
Fall festbeisst. Man sieht wie Strike, ein normaler "Clocker", der von Hause aus ein eher passiver
Mensch ist, durch den Sog der Ereignisse aufgesogen wird. Und dann ist da noch Tyrone, ein kleiner
Junge in der Nachbarschaft, dessen Schicksal sich ebenfalls massiv ändern wird.
Abgesehen von Rocco, sind alle Personen nur passiv, gehen ihrem Alltagstrott nach. Die
Bewegungen der Schicksale sind sehr langsam. Aber Rocco mischt alles auf, bringt Beschleunigung
und Bewegung in die Schicksale, und forciert Geschehnisse, die das Gleichgewicht der Strasse
durcheinanderbringen... und das nicht immer zum Guten!
Diese Passivität ist auch Ausgangspunkt für die Umsetzung von Spike Lee. Die Geschichte wirkt wie
nebenbei erzählt. Man fühlt sich eher als Bewohner der aus dem Fenster guckt, und an dem die
Geschehnisse vorbeiziehen. Es ist der immer wieder auftretende Kontrast zwischen Unaufgeregtheit
und bitterbösen Ereignissen, der beisst. Bereits die ersten Minuten des Films sind ein Schlag in die
Fresse, den man erst mit Minuten Verzögerung bemerkt.
Die Titelsequenz von "Clockers" zeigt eine Reihe von Großaufnahmen von ermordeten, jungen
Schwarzen. Man sieht Einschußlöcher, Blutlachen, aufgeschlitzte Hälse. Das Ganze unterlegt mit
smoother Black Music. Einige Filmminuten später wird Daryl erschossen. Die Art und Weise wie die
herbeigerufenen Polizisten, u.a. Rocco die Leiche behandeln, durchsuchen und abfertigen, ist mit das
Härteste was ich bislang gesehen habe.
"Clockers" ist bemerkenswert, weil er trotzdem ambivalent bleibt. Weil er keine Verurteilung betreibt,
sondern grosso modo neutral bleibt. Jedem Zuschauer bleibt es selbst überlassen seine Schlüsse
über die Personen zu ziehen. Nur dann und wann liefert Spike Lee deutliche Fingerzeige, ohne
Personen zu verurteilen. Es ist schon fast eher wie "Der 7. Sinn", der vor bestimmten Situationen warnen will. Es taucht auch hier massiv das Thema der "Familie" auf, die als Rettung vor dem Absturz
dient. Der Aufruf zur Eigeninitiative, dazu, die Leute eben nicht sich selbst zu überlassen. Immer wie8
der streut Spike Lee solche Leute in seinen Filmen ein, in diesem Fall die Mutter von Tyrone (mal wieder eine kongeniale Frauenfigur bei Spike Lee!), und ein schwarzer Polizist der in der Gegend wohnt.
Aber auch das ein Beispiel für die Spike Lee'sche Ambivalenz. Der "Pate" der Gegend, der örtliche
Drogenbaron, nimmt sich seiner Leute wie ein Vater an. Die andere Seite der Medaille. Das macht
deutlich, wieso für Leute wie Strike der Übergang von Gut zu Böse so problemlos verläuft. Am Ende
steht die eigene Existenz, und der wird sowohl von Familie, als auch Drogenboß geholfen. Die
Grenzen zwischen Gut und Böse verschwinden.
"Clockers" ist ein merkwürdiger Film. Kein Film den man mit lauthalser Stimme anpreisen möchte.
Kein Film mit "Boah-Effekt", wo man mit offenen Mund die geniale Konstruktion bestaunt. Und doch:
der Film ist genial konstruiert, der Film hinterlässt Wirkung, der Film ist exzellent fotographiert. Der
Film sollte natürlich und ausschließlich im O-Ton gesehen werden, der Slang ist ein Muss! Harvey
Keitel hält eine ca. einmütige dauernde Rede, in der ca. 48mal das Wort "Fuck" vorkommt.
Filme von Spike Lee (Auswahl):
SHE'S GOTTA HAVE IT (1986)
Die Geschichte einer jungen Frau in Brooklyn, die zwischen drei Liebhabern schwankt und sich zuletzt für keinen von ihnen entscheidet. Ein Low-Budget-Film mit ausschließlich schwarzen Darstellern, der sein Thema dank vielschichtigerErzähltechnik, Humor und origineller Bildsprache nahezu poetisch behandelt.
JUNGLE FEVER (1991)
Die Beziehung eines schwarzen Architekten zu einer weißen Sekretärin italienischer Abstammung löst im Verwandten- und
Freundeskreis heftige, von rassistischen Vorurteilen motivierte Reaktionen aus. Vor dem Hintergrund eines kulturellen Nationalismus
entwirft Regisseur Spike Lee ein schier ausweglos erscheinendes Bild afroamerikanischer Existenz in einer von Rassenproblemen,
Rauschgift und Verbrechen bedrohten Umwelt.
MALCOLM X (1992)
Leben und Tod des Black-Muslim-Führers Malcolm X, der nach einer Gangsterkarriere in den 40er Jahren im Gefängnis zum Islam
bekehrt und nach seiner Entlassung zum wirkungsvollsten Prediger der "Nation of Islam"-Organisation wird. Er fordert die totale
Trennung von Weißen und Schwarzen und deren Rückbesinnung auf ihre afrikanischen Ursprünge. Umstrittenster Film von Spike Lee,
der damit überall aneckte.
CROOKLYN (1994)
Das Leben einer siebenköpfigen schwarzen Familie im Brooklyn der frühen 70er Jahre, gesehen mit den Augen der zehnjährigen
Tochter. Nach dem Krebstod der Mutter zieht das Mädchen sich ganz in sich selbst zurück, ehe es sich entschließt, seinen Beitrag zum
Zusammenhalt der Familie zu leisten. Spike Lee erinnert sich an den Ort seiner eigenen Kindheit.
GET ON THE BUS -- AUF ENGSTEM RAUM (1996)
Eine gemischte Gruppe Schwarzer macht sich 1995 von Los Angeles auf, um am "Million Men March" gegen rassistische
Diskriminierung in Washington teilzunehmen. Während der gemeinsamen Busfahrt treten Spannungen auf: Ein desillusionierter alter
Mann, ein Polizist, dessen Mutter eine Weiße ist, ein schwules Paar, ein Filmstudent und ein ehrgeiziger Schauspieler diskutieren über
Gott und die schwarze Welt. Nach einer Panne sitzt ein weißer Jude am Lenker, der glaubt, der Initiator des Marsches sei ein Antisemit.
FOUR LITTLE GIRLS - VIER KLEINE MÄDCHEN(1997)
Am Morgen des 15. September 1963 erschüttert eine Explosion die Baptistenkirche in Birmingham, Alabama. Vier Mädchen im Alter
zwischen 11 und 14 Jahren kommen ums Leben. Erst 15 Jahre später wird ein Ku-Klux-Klan-Rädelsführer des Verbrechens angeklagt
und verurteilt. Der engagierte Dokumentarfilm beschreibt die
Spuren, die der hinterhältige Anschlag auf dem Höhepunkt der
Bürgerrechtsbewegung in der amerikanischen Gesellschaft hinterließ, und läßt Betroffene ebenso zu Wort kommen wie Politiker und
Bürgerrechtler.
Spike Lee
HE GOT GAME - SPIEL DES LEBENS (1998)
Ein schwarzer High-School-Absolvent und Nachwuchsstar im
Basketball kann sich vor Angeboten nicht retten. Mit seiner Wahl
für das liebste College-Team des Gouverneurs könnte er sogar
seinen Vater aus dem Gefängnis holen - wäre da nicht zuerst ein
klassischer Vater-Sohn-Konflikt zu bewältigen... Kritik an der
"Verführung"
junger
Schwarzer
durch
die
totale
Kommerzialisierung des Sports.
BAMBOOZLED - IT'S SHOWTIME (2000)
Ein schwarzer Drehbuchautor entwickelt für eine amerikanische
Fernsehstation eine erfolgreiche moderne Variante der MinstrelShow, in der Schwarze als tanzende Witzfiguren vorgeführt werden. Spike Lees Satire wirft diskussionswürdige Fragen zu Übervorsicht und Leichtfertigkeit im Umgang mit belasteten Bildern und
Begriffen auf.
VideoKino K85 auf der Laster&Hänger Burg Revaler Str./F.-Hain
S-/U-Bhf. Warschauer Str.
9
Beginn : 22.00 Uhr
Di. 22.06.2004 im Videokino Bödikerstr.
Videokino Bödikerstr.
präsentiert :
Lumumba
Regie: Raoul Peck,
Kongo (2000)
Drehbuch: Raoul Peck, Pascal Bonil
Kamera: Bernard Lutic, Montage: Jacques
Comets
Originalsprache: französisch, deutsch untertitelt, 115 Minuten
Der Film nimmt das Ende vorweg: 3 Männer fahren durch die Nacht, um irgendwo in der Steppe die
Leiche des ermordeten Patrice Lumumba verschwinden zu lassen. In der anschliessenden
Rückblende wird das kurze Leben des charismatischen kongolesischen Freiheitskämpfers erzählt:
1960 erlangt Kongo die Unabhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht Belgien, und der erst
36jährige Autodidakt Lumumba wird erster Präsident der neuen, noch labilen Demokratie. Kaum zwei
Monate im Amt, fällt der brillante Redner und idealistische Prophet eines freien, geeinten Afrika jedoch
einem politisch motivierten Mord zum Opfer, dessen Umstände lange Zeit nicht aufgeklärt wurden, bis
2001 Belgien nach 41 Jahren seine Schuld am Mord eingesteht. Der Film, eine Fiktion basierend auf
einer wahren Geschichte, beleuchtet den privaten und politischen Werdegang Lumumbas vom gefolterten Gefängnisinsassen bis zum gefeierten, jedoch nie unumstrittenen Staatsoberhaupt.
Als eine leicht zum Pathos neigende Hagiographie eines Leaders, der zum Mythos und Märtyrer für
Afrika geworden ist, vermag der Film nicht in jeder Hinsicht zu überzeugen. Betrachtet man ihn aber
darüber hinaus als Illustration des komplexen politischen Prozess der Demokratisierung; als
Geschichte eines Mannes, der in der Wirrnis eines post-kolonialen Staates an den Intrigen,
Ränkespielen und Machtgelüsten verschiedenster nationaler und internationaler Interessengruppen
scheitert, dann wird er zum aufschlussreichen Lehrstück. Ein spannendes und in jedem Fall sehenswertes Dokument über die jüngere afrikanische Geschichte, über ein Land auf dem hindernisreichen
Weg zur Demokratie.
Zum Regisseur: Raoul Peck wurde 1953 in Port-au-Prince auf Haiti geboren. Da sein Vater eine Stelle
im früheren Belgisch-Kongo annahm, lebte die Familie einige Jahre in Kinshasa. Nach langen
Aufenthalt in Zaire, Frankreich, USA und Deutschland beendete Peck sein Studium an der Deutschen
Film- und Fernsehakademie in Berlin. Er ist zudem ausgebildeter Wirtschaftsingenieur, Journalist und Fotograf.
Mit einem Dokumentar- und einem Spielfilm zu
Lumumba, dem ersten Präsidenten des unabhängigen
Kongo, hat sich Peck intensiv mit seiner afrikanischen
Heimat auseinander gesetzt, während er auf Haiti zwischenzeitlich in die Politik eingestiegen war und als
Kulturminister arbeitete.
Videokino Bödikerstrasse
S-Bhf. Ostkreuz
Bödikerstr. 9 / HH
Beginn : 21.00 Uhr
10
F.-Hain
Mi. 30.06.2004
ZinemAA
präsentiert :
Do the Right Thing
Drama / Kömödie, USA 1989
R: Spike Lee
D: Danny Aiello, Ossi Davis, Ruby Dee, Spike
Lee
Sal und seine beiden Söhne sind die einzigen Weißen in dem Schwarzenviertel von Brooklyn. Der
Grund für die Toleranz der schwarzen Nachbarn: Die drei Italo-Amerikaner betreiben sie eine erstklassige Pizzeria und Sals Pizza ist einfach die beste. Und wo käme man da hin, wenn es keine Pizza
gäbe? Der schwarze Pizzaausträger Mookie hat immer alle Hände voll zu tun, so auch an diesem
schwülen Tag, an dem es jede Menge Ärger zwischen der schwarzen Mehrheit, den Italienern, den
koreanischen Obsthändlern und den anglo-amerikanischen Cops gibt. Doch Mookie findet immer wieder einen Weg, die Situation in den Griff zu kriegen, auch wenn seine hispanische Freundin heute
besonders schwierig ist. Aus dem Radio sprudeln dauernd Meldungen über neue Hitzerekorde, und
bald helfen weder Duschen noch aufgedrehte Hydranten, um die aufgestaute Hitze abzubauen. In den
Straßen steigt die Aggression. Schließlich entwickelt sich aus einem harmlosen Anlaß eine
Schlägerei, in deren Verlauf ein Schwarzer getötet wird. Da entladen sich Hitze und Frust der
Bewohner in einer unaufhaltsamen Welle der Gewalt. Sals Laden wird überfallen und geplündert,
schließlich angezündet. Es herrscht Bürgerkrieg...
Realistisches, gewaltgeladenes Drama von Regisseur und Hauptdarsteller Spike Lee, in dem er
Vorurteile und Klischees, die immer wieder zum Rassenhaß anregen, entlarvt. Lee spielt hier überzeugend mit dem Thema Rassismus, liefert Statements von Malcolm X und Martin Luther King und
bewegt sich dabei gekonnt zwischen Rap und Jazz. Der Soundtrack stammt von Vater Bill Lee, Spikes
Schwester Joie spielt seine Filmschwester Jade.
Spike Lee gilt seit seinem Kinodebüt "She`s Gonna Have It" von 1986 als der Begründer des New
Black Cinema. Die Welle erfolgreicher, farbiger Undergroundfilme verebbte bereits Mitte der 1990er
Jahre, als viele vom New Black Hollywood sprachen. Regisseure wie Spike Lee und ihre bevoruzgten Schauspieler wie Denzel Washington, Wesley Snipes, Samual A. Jackson ... zu Stars geworden
waren.
ZinemAA
Marienburger Str. 47
Tram 20 : Winsstr. / Tram 1 : Marienburger
11
P.-Berg
Beginn : 21.00 Uhr
Mi. 23.06.2004
Mouchette
präsentiert :
Coffy
U.S.A. 1973, R.: Jack Hill
Starring: Pam Grier, Booker Bradshaw, Robert
Doqui, William Elliott, Allan Arbus, Sid Haig
"You want me to crawl white motherfucker ... You wanna spit on me and make me crawl ... I'm
gonna piss on your grave tomorrow." (Coffy)
In den 70er Jahren begann die Karriere von Pam Grier. Mit COFFY wurde sie 1973 zum Star des
schwarzen Kinos und mit FOXY BROWN manifestierte sie ein Jahr später ihren Status.
Jack Hill bekam damals den Auftrag einen Film über den Rachefeldzug einer schwarzen Frau zu drehen. Die damals 24jährige Pam Grier war seine erste Wahl und ihr schrieb er also die Rolle der zornigen Coffy auf den Leib. Und sehr körperbetont füllt Ms Grier diese Rolle auch aus.
"I don't do no leatherwork, man, no whips, ropes, chains,none of those fetish freaks ... just
plain sex ... but for that I don't mind saying I am the very best in my business" (Coffy)
Sie spielt eine Krankenschwester, deren jüngere Schwester dank Drogensucht in der
Entziehungsklinik liegt. Pams Mission ist simpel - Elimination von Drogendealern. Die Ausführung hingegen verläuft nicht unbedingt ohne Komplikationen ... Viel mehr Kenntnisse über die Handlung ist
nicht erforderlich, da diese so einfach wie möglich gestrickt ist. In das Genre Blaxploitation ist COFFY
einzuordnen, da Sex und Gewalt vorherrschende Stilmittel sind (inkl. Catfight) - dass Frauen aller
Hautfarben und Nationalitäten davon betroffen
sind passte wohl in die damalige Zeit mit ihren
Rassenkonflikten. Geschickt fängt dabei die
Kamera das ein ums andere Mal die
Oberweiten der Darstellerinnen ein. Ohne mit
der Wimper zu zucken setzt Pam Grier alias
Coffy ihre Waffen ein - als Prostituierte mit Sex
Appeal schleust sie sich in die Organisation
von Dealer King George ein um dann mit der
Flinte aufzuräumen. Nicht ohne allerdings ein
paar markige Sprüche abzulassen.
"This is the end of your rotten life you
motherfuckin' dope pusher" (Coffy)
Mouchette
Modersohnstr. 1
S-/U-Bhf. Warschauer Str.
12
F.-Hain
Beginn : 22.00 Uhr
Do. 24.06.2004 im Aufbruch
Aufbruch Kino
präsentiert :
Foxy Brown
USA 1974, Regie: Jack Hill, 89 min.
Darsteller: Pam Grier, Antonio Fargas, Peter Brown
Nach der Exekution ihres Undercover-Cop-Freundes durch den weißen Mob heftet sich Foxy Brown
an die Fersen der Mörder. Die ersten Hinweise prügelt sie aus ihrem Bruder Link, dargestellt von dem
zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Antonio Fargas, heraus, der sich auf dubiose Geschäfte mit
dem Mob eingelassen hat.
Antonio Fargas (Cameo-Auftritt in SHAFT und zahlreiche Nebenrollen) hat als Kleinkrimineller Link in
FOXY BROWN ebenso schlechte Karten wie in ACROSS 110th STREET (1972) und CLEOPATRA
JONES (1973). Zu Beginn des Films kann er nur durch den entschiedenen Einsatz seiner Schwester
in einer Last Minute Rescue-Aktion vor den Verfolgern gerettet werden. Als Foxy, nach der Ermordung
ihres Freundes, Links Wohnungseinrichtung zu Kleinholz verarbeitet, fragt die weiße Geliebte ihren
vor Schreck erstarrten Lover, für wen sich diese tobende Furie eigentlich hält. Völlig resigniert entgegnet Link: "She's my sister, and she's a whole lotta woman." Bevor Foxy im brachialen Finale die
gegnerischen Gangster mit freundlicher Unterstützung eines schwer bewaffneten Neighborhood
Committees überwältigt, fällt Link reichlich unspektakulär dem rächenden Mob in einem intimen
Moment zum Opfer. Trotz seiner knapp bemessenen Rollen, die mehr wie markante Gastauftritte wirken, zeichnet sich Antonio Fargas stets durch seine Spielfreude und einen ausgeprägten Hang zur
Improvisation aus. Nicht von ungefähr betont Fargas im Interview mit dem Blaxploitation-Chronisten
Darius James die Bezüge zwischen seinem Schauspielstil und der Spontanität eines Jazzmusikers.
Fargas verkörpert in den Blaxploitation-Filmen den Kleinganoven, der, obwohl seine Rebellion von
vornherein zum Scheitern verurteilt scheint, immer noch versucht, trotz allen Grimassenspiels, seine
Würde zu behalten. In seinem manisch-expressiven Aufbegehren ähnelt er durchaus Eli Wallach, der
in THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY (1966) vergeblich versucht, wenigstens einmal Clint
Eastwood zuvorzukommen. Auf ähnliche Weise zieht Fargas gegenüber dem weißen Syndikat, mit
dem er sich anlegt, permanent den Kürzeren. Der große Showdown bleibt letztendlich Pam Grier
überlassen.
Trotz ihres übergreifenden Kultstatus als schlagfertige, selbstbewußte Black Power-Legende präsentiert sich Pam Grier (Jahrgang 1949) in allen neueren Interviews erstaunlich down-to-earth. Sie verstehe sich nicht als Ikone. In ihren Filmen ging es ihr darum Charaktere darzustellen, die eigenständig und ohne die Hilfe eines starken Beschützers agieren. Ein Element, das ihre frühen BlaxploitationRollen als COFFY (1973), FOXY BROWN (1974) und FRIDAY FOSTER (1975) mit ihren aktuellen
Auftritten als elder-stateswoman des schwarzen Actionkinos in JACKIE BROWN (1997) und ORIGINAL GANGSTAS (1996) verbindet. Das Markenzeichen Blaxploitation betrachtet Pam Grier in erster
Linie als Marketing-Mittel, mit dem sowohl das schwarze, als auch das weiße Publikum erreicht werden sollen. Social Consciousness scheint ihr wichtiger zu sein als das wiedererwachte Interesse an
ihren früheren Filmen. Rückblickend stellt sie fest: "Ich wünschte, es hätte mehr tiefergehende
Botschaften in den Filmen damals gegeben. Ich war 20 Jahre alt, als ich ins Filmgeschäft geschleudert und durch die Starmaschine gezogen wurde. Aber diese 70er Jahre-Filme hielten fest, was in der
Mode, Politik und Musik geschah. Nicht alles davon ist positiv, aber diese Filme wirken fast wie
Geschichtsunterricht, eine Dokumentation dieser Zeit."
Aufbruch Schliemannstr. 40 / HH Prenzlauer Berg
U-Bhf. Eberswalder Str.
13
Beginn : 21.00 Uhr
Do. 24.06.2004
Peliculoso präsentiert :
Shaft
USA 1071, Regie: Gordon Parks, 96 min
Darsteller: Richard Roundtree, Moses Gunn, Charles
Giof
(...)Die Kamera bewegt sich zu alltäglichem Straßenlärm an Kinoanzeigen vorbei auf die Gegend um
den Times Square zu. Doch die Werbung für verschiedene Mainstream-Filme interessiert nicht weiter. Der Titel des Films erscheint in roten Buchstaben und das unverwechselbare Isaac Hayes-Thema
setzt ein. Das Black Cinema hat seinen eigenen neuen Mythos bekommen: Völlig unberührt vom restlichen Geschehen tritt eine massive Gestalt im braunen Leder-Trenchcoat aus einer Unterführung ans
Tageslicht: John Shaft. Als er kurz darauf fast in ein fahrendes Taxi hineinläuft, murrt er nur: "Get out
of my way." Die Kamera heftet sich aus einiger Distanz an seine Fersen. Den nächsten Störfaktor,
einen kleinen Straßendealer, verjagt er, indem er ihm einfach seine Dienstmarke unter die Nase hält.
Nach kurzem Small Talk mit einem Zeitungsverkäufer verklingt das Thema und Shaft läßt sich erst einmal die Schuhe putzen und Kaffee servieren.
Richard Roundtree, der in SHAFT seine erste Hauptrolle spielte, übte sich zuvor neben einigen
Theaterauftritten hauptsächlich als Model für das Hochglanzmagazin Ebony. Als Shaft überzeugt er
daher auch nicht in erster Linie durch sein schauspielerisches Können, sondern durch seine Präsenz
und die gekonnte Bildgestaltung von Gordon Parks Sen., der zuvor als Fotojournalist für Publikationen
wie LIFE tätig war. Das Bild von New York, das in den ersten Minuten von SHAFT entworfen wird, verpflichtet sich nicht auf ein Abbild der Wirklichkeit, sondern präsentiert ein ästhetisiertes PulpUniversum mit John Shaft als überhöhter Ikone eines neuen schwarzen Selbstbewußtseins im
Zentrum. In diesem Mikrokosmos mit einem schwarzen Paten (Moses Gunn) und einem Black
Panther-orientierten Consciousness-Vertreter wird sogar noch der Dunst in den Straßenschluchten
ästhetisch in Szene gesetzt.
Genau diese manieristische Überstilisierung führte wahrscheinlich zur entschiedenen Ablehnung
gegenüber SHAFT, sowohl durch Van Peebles als auch durch den Blaxploitation-Experten und
Satiriker Darius James, der in seinem sehr empfehlenswerten Buch "That's Blaxploitation-Roots of the
Baadasssss 'Tude" (New York, 1995) dem schwarzen Superdetektiv lediglich eine zynische Polemik
mit dem bezeichnenden Titel "Shaft bites the Whopper" widmete. Das Kapitel beginnt mit der offensiv-ehrlichen Erklärung: "Ich will nicht über SHAFT schreiben. Warum? Ganz einfach. Ich hab nichts
über diesen Wichser zu sagen."
Um seine Ablehnung zu veranschaulichen, führt er eine der Pulp-Novels des Shaft-Erfinders Ernest
Tidyman mit dem unsäglichen Titel SHAFT AMONG THE JEWS ins Feld. Darius James bietet dazu
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auch direkt seinen polemischen Update an, in dem Shaft beim Sex mit einer Weißen plötzlich ein Ufo
mit Minister Farrakhan (fundamentalistischer Vorsitzender der separatistischen Nation of Islam) an
Bord aufsucht, der ihm den Auftrag erteilt, jüdische Geheimkonten ausfindig zu machen. Obwohl
Darius James' witzige Haßtirade gegen eine der erfolgreichsten Blaxploitation-Serien, vor allem in
Bezug auf die SHAFT-typischen Klischees, durchaus einige Punkte trifft, liegt genau in der gekonnten
Überinszenierung der von ihm kritisierten Stereotypen bis heute der Reiz der SHAFT-Trilogie. Shaft,
der wider Willen die Tochter des Paten von Harlem aus der Gewalt weißer Kidnapper befreien muß,
kann problemlos schwarze Militante und Gangster zu seiner Unterstützung mobilisieren, ohne sich
eindeutig mit einer der beiden Gruppierungen solidarisieren zu müssen. Außerdem trifft er bei seinen
Ermittlungen immer vor dem weißen Kommissar ein, so daß dieser gegenüber Shaft ständig den
Kürzeren zieht. In einer der originellsten Szenen des Films überlistet Shaft zwei weiße Gegenspieler,
indem er sich als Onkel Tom-ähnlicher Barkeeper ausgibt, nur um kurz darauf einem der leichtgläubigen Verfolger eine Whiskey-Flasche überzuziehen und ihn dem wieder einmal später eintreffenden
Kommissar auszuliefern.
Die (...) gesellschaftlichen Konflikte tauchen bei SHAFT nur noch stark ironisiert auf. Shafts Freundin
fragt ihn am Telefon, ob es Probleme gab, worauf dieser gelassen antwortet: "Keine, außer daß ich
schwarz und arm geboren wurde." Als der träge Kommissar Shafts Hautfarbe mit einem schwarzen
Kugelschreiber vergleichend feststellt, "Du bist gar nicht mal so schwarz.", hält dieser mit einem schiefen Grinsen seine Kaffeetasse neben den Kommissar und kommentiert lakonisch: "Und du bist gar
nicht so weiß." Alle gesellschaftlichen Probleme werden in SHAFT entweder mit pointierten OneLinern oder durch Genre-Standards aufgelöst. Selbst eine Schußverletzung kann dem inzwischen in
einen schwarzen Leder-Trenchcoat gekleideten Detektiv (der gleiche Kleiderwechsel wiederholt sich
noch einmal im zweiten SHAFT-Film) nichts anhaben. Wenige Minuten später zieht er mit einem
Begleittrupp aus Black Power-Vertretern und Gangstern los und stürmt das Hauptquartier der
Kidnapper.(...)
im Doppelprogramm mit:
Foxy Brown
USA 1974
Regie: Jack Hill
Darsteller: Pam Grier, Antonio Fargas, Peter
Brown
Cineoffensive,
die
ultimative
Kinovernetzung...
...dieser Film läuft zeitgleich (!) im Aufbruch
Kino in der Schliemannstr. 40 im Prenzlauer
Berg...
...ausführliche Filmbeschreibung, siehe 2
Seiten vorher...
Peliculoso
Köpenicker Str. 137 / HH
Mitte
Beginn : 21.00 Uhr
S-Bhf. Ostbahnhof
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