Die Mauerbrockenbande

Transcription

Die Mauerbrockenbande
Durchblick-Filme –
Das DVD-Label des BJF
Bundesverband Jugend und Film e.V.
Ostbahnhofstr. 15
60314 Frankfurt am Main
Tel. 069-631 27 23
E-Mail: [email protected]
www.BJF.info
www.durchblick-filme.de
Durchblick 10+ – Die Mauerbrockenbande – K. H. Lotz – BRD/DDR 1990 – 90 min.
7. Filmfiguren
Wendejugendliche in Zeiten des Umbruchs
„Kinder haben sich an der Mauer oft genug psychisch verletzt, ohne dass ihnen geholfen wurde.“
(Wolfgang Kirchner, Drehbuchautor)
„Die Mauerbrockenbande“ schildert die Situation von Kindern, die durch gesellschaftliche
Transformationsprozesse sowie durch politische Haltungen und private Entscheidungen ihrer
Eltern entwurzelt werden und mit den Veränderungen der „Wendezeit“ auf ganz individuelle
Art und Weise umzugehen haben. Sie werden mit Problemen konfrontiert, in die sie nicht
langsam hineinwachsen konnten, sondern die sie – meist ohne Unterstützung durch die El­
tern – sofort bewältigen müssen. Sie müssen ihr Leben selbstverantwortlich gestalten und
grundsätzliche Entscheidungen treffen, was zugleich heißt, von einem Tag auf den anderen
erwachsen zu werden. Dabei entwickeln sie alle die notwendige Stärke, um den Vorstellun­
gen der Erwachsenen ihre eigenen Wünsche und Werte entgegenzusetzen.
Marion blieb keine andere Wahl. Mit der Flucht ihrer Eltern aus der DDR ist sie ungefragt
und abrupt in Neues hineingeschleudert worden. Nun trennt sie eine Mauer von ihrer vertrau­
ten Umgebung, ihrem Zuhause und ihren besten Freunden im nur wenige Kilometer entfern­
ten Ost-Berlin. Die Sehnsucht nach der Heimat ist groß, die notdürftige Unterkunft im Wohn­
container ist kein Zuhause. Doch Marion verkriecht sich nicht, knüpft schnell Freundschaft
mit Jacek, in den sie sich sogar verliebt, und findet sich trotz allem – weil Heimat nun mal
auch immer da ist, wo die Eltern sind – rasch in die neuen Gegebenheiten ein.
Nach dem Mauerfall pendelt sie zwischen den beiden Welten, nutzt die Chance, endlich ihre
alten Freunde im Osten wiederzusehen und muss doch feststellen, dass auch hier nichts
mehr so ist, wie es einmal war. Der Vater der besten Freundin verwehrt ihr die Gastfreund­
schaft und überlegt, ob er ihren illegalen Aufenthalt melden soll; das vertraute Heim ist
staubbedeckt und wirkt befremdlich, und auch die früher unbeschwerte Freundschaft zu
Gerd und Sibylle wird mit unerwarteten Konflikten belastet: Gerd fühlt sich im Stich gelassen
und ist innerlich zutiefst gebrochen, weil sich seine Mutter stillschweigend in den Westen ab­
gesetzt hat, und Sibylle wird plötzlich von Mitschülern gemobbt, weil ihr Vater in der SED
war. Doch für Marion bedeutet Freundschaft auch und gerade, in schwierigen Zeiten zusam­
menzuhalten, und so fühlt sie sich trotz der ernüchternden Umstände nach wie vor auch in
Ost-Berlin zuhause und wohl.
Mit ihren Eltern in West-Berlin hingegen kommt es immer häufiger zum Streit, der eskaliert,
als sie von deren Umzugsplänen nach Bayern erfährt.
Marion möchte nicht länger als Letzte gefragt werden, wenn es um Entscheidungen geht, de­
ren Folgen sie genauso mittragen muss. Nicht gewillt, sich schon wieder in eine ihr völlig un­
bekannte Umgebung verpflanzen zu lassen, fasst sie einen Entschluss: Sie will bei ihren
Freunden in Ost-Berlin bleiben und vor allem bei ihrem Freund Gerd, bei dem sie sich aufge­
hoben und geborgen fühlt. Doch wieder einmal verläuft das Leben nicht so, wie sie es ge­
plant hat. Mitten in der Silvesternacht teilt ihr Gerd mit, dass er jetzt aufbricht, um seine Mut­
1
ter im Westen zu suchen. Marion bleibt jedoch gefasst. Sie hat gelernt, dass Veränderungen
im Leben nicht unbedingt schlecht sind, und dass Wege – selbst wenn sie einmal getrennt
laufen – auch immer wieder zusammenführen können.
Sibylle hat damit zu kämpfen, dass ausgerechnet ihre Eltern die „schlimmsten Aufpasser“ im
Haus waren und die Familie ihrer besten Freundin am meisten schikanierten, nur weil diese
einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Ihre Freundschaft zu Marion hat sie sich jedoch nie von
ihnen verbieten lassen. Dass jedoch Marion mit ihren Eltern die DDR verließ, weil sie es in
der DDR nicht mehr aushielten, macht sie ihren Eltern deutlich zum Vorwurf. Dass der Vater
ihr auch noch den Telefonkontakt zu Marion im Westen verbietet, geht ihr eindeutig zu weit.
Sie wehrt sich gegen die herzlosen Verbote, die sie aufgebrummt bekommt, und macht ih­
rem Vater immer wieder deutlich, was sie von seinem gedankenlosen Mitläufertum als Par­
teifunktionär hält – nicht zuletzt deswegen, weil sie in der Schule für seine SED-Vergangen­
heit den Kopf hinhalten muss und von Mitschülern deswegen gemobbt wird.
Dem Fall der Mauer und der damit verbundenen Option zwischen Ost und West begegnet
sie mit gemischten Gefühlen. Sie hat Angst vor der Zukunft, würde niemals in den Westen
gehen, in dem sich alles nur um Geld dreht, möchte allerdings auch nicht im Osten bleiben,
wo sie die Prügel für ihren Vater einstecken muss.
Jacek kommt aus Polen und teilt mit Marion das Gefühl des Getrenntseins von vertrauten
Menschen sowie die Erfahrung, sich in einem fremden, neuen Land orientieren zu müssen.
Jacek vermisst seine geliebte Oma in Polen und hält sich – so legt es der Film zurückhaltend
nahe – ohne Eltern und vermutlich im Griff einer Schlepperbande in West-Berlin auf. Mit klei­
nen Betrügereien und Gelegenheitsdiebstählen hält er sich über Wasser, beweist aber auch
einfallsreichen Geschäftssinn, indem er nach dem Fall der Mauer schnell das Verkaufspoten­
zial von Mauerbrocken erkennt. In seiner Figur manifestiert sich vor allem das existentielle
Schattendasein von osteuropäischen Kindern, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nach
Deutschland geschleust werden, dort Hilfe suchen, falsche Unterstützung finden und letztlich
auf die schiefe Bahn geraten. So wird auch Jacek schnell von einer polnischen Drogenbande
rekrutiert, aus deren Fängen er sich trotz versuchten Widerstandes nicht mehr befreien kann.
Am Ende des Jahres weiß er, dass er bald wieder zurück zu seiner Oma, zurück in seine
Heimat nach Polen möchte.
Gerd wurde über Nacht von seiner Mutter verlassen, die sich gemeinsam mit seinem jünge­
ren Bruder und ihrem neuen Freund in den Westen abgesetzt hat. Zutiefst verletzt fühlt er
sich ungeliebt und zurückgestoßen und hat das Gefühl, dass nach dem Mauerfall alle durch­
drehen und alles „einfach so“ wegschmeißen. „Einfach so“ möchte sich Gerd jedoch nicht
von seiner Mutter abservieren lassen. Und so macht er sich auf den Weg in den Westen, um
seine Mutter mit der Existenz des vergessenen Sohnes zu konfrontieren.
Die Elterngeneration in Zeiten des Umbruchs
Eltern von Marion: Regimegegner & Republikflucht
Daniela und Dirk Jehring stehen dem gesellschaftlichen und politischen System der DDR mit
allen seinen Restriktionen und Zwängen schon lange kritisch gegenüber. Bereits vier Jahre
vor ihrer Flucht in den Westen haben sie einen Ausreiseantrag zur Übersiedlung in die BRD
gestellt und – da die Entscheidung über diesen Antrag im Ermessen der Behörden lag und
sich oft jahrelang hinzog – vergeblich auf eine Genehmigung gewartet. Was folgte, war ein
2
vom Überwachungsstaat geprägtes Leben in Angst, Argwohn und Vorsicht, denn als system­
feindlich Andersdenkende, die mit dem Ausreiseantrag eine „offene Beschwerde“ gegen den
Staat abgelegt hatten, wurden Daniela und Dirk von linientreuen Nachbarn auf unerlaubte
Westkontakte oder „staatsfeindliche Hetze“ hin bespitzelt und wie Aussätzige behandelt. Der
Film erzählt jedoch nichts von den stundenlangen Verhören, von Wohnungsdurchsuchungen
und Entlassungen, von Benachteiligungen der Kinder von betroffenen Eltern und anderen
Schikanen, durch die Ausreisewillige von ihrem Vorhaben abgebracht werden sollten.
Individuelle Gründe für den Wunsch des Ehepaares zur ständigen Ausreise werden im Film
nicht genannt, finden sich jedoch im Begriff der „Freiheit“ wieder, der in Wort und Bild explizit
inszeniert wird. Dirk spricht von einer besseren Zukunft für seine Tochter im Westen, die
nicht mit den Lügen des DDR-Regimes leben soll. Damit verweist er indirekt auf die doppel­
züngige politisch-ideologische Propaganda der DDR-Diktatur, die stets eine bessere, ja para­
diesische Gesellschaft versprach, in der tristen Wirklichkeit jedoch grundlegende Menschenund Freiheitsrechte verletzte, ihre Bürger einsperrte und ermordete, politischen Druck ausüb­
te und staatskonformes Denken zur wichtigsten Voraussetzung für einen erfolgreichen Weg
durchs Leben machte.
Es ist der unbedingte Drang, diesem System zu entkommen, der Wunsch nach Unabhängig­
keit, Selbstbestimmung und Freiheit, der auch bei Marions Eltern über dem Schmerz stand,
die eigene Heimat zu verlassen, sich von Familienangehörigen und Freunden zu verabschie­
den und der Angst zu stellen, auf der Flucht gefasst zu werden. Im Sommer 1989 nutzen sie
das Schlupfloch im „Eisernen Vorhang“, fliehen wie Hunderte andere DDR-Bürger über die
„grüne Grenze“ Ungarns in den Westen und hoffen nun auf ein besseres Leben in Freiheit.
Dass es die DDR bald nicht mehr geben wird, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt nicht.
Neben vielen anderen Glücksuchenden finden sie in West-Berlin in einem sogenannten Not­
aufnahmelager ersten Unterschlupf. Nach anfänglicher Euphorie über unbegrenzte Konsum­
möglichkeiten folgt jedoch bald Ernüchterung, denn das Leben selbst zu bestimmen, kostet
zugleich den Preis, in der Bundesrepublik materiell und beruflich völlig von vorn anfangen zu
müssen. Die Arbeitssuche gestaltet sich schwierig, und die unwirtliche Unterkunft in beeng­
ten Wohncontainern mit schmutzigen Sanitäranlagen trägt nicht gerade dazu bei, dass sich
Dirk, Daniela und Marion im Westen glücklich und Zuhause fühlen.
Doch trotz existenzieller Sorgen und Nöte scheint eines für Marions Eltern ganz sicher zu
sein: Einen Weg zurück in die DDR, zurück zu Menschen, die sie wie Aussätzige behandelt
haben, nur weil sie anders dachten, gibt es für sie nicht. Auch dann nicht, als sich mit dem
Mauerfall eine Wende abzeichnet.
In den wenigen Szenen, in denen Daniela und Dirk in Erscheinung treten, wirken sie besorgt
und erschöpft. Erst als Daniela in Bayern eine Aussicht auf Arbeit erhält, erscheint für einen
Moment ein Lichtblick am versmogten West-Berlin-Himmel. Doch Marion stellt klar, dass sie
auf keinen Fall mit nach Bayern gehen wird. Und so zeichnet sich ab, dass das Leben in der
neuen Heimat zur großen Herausforderung wird, mit einer Zukunft voller Möglichkeiten und
Freiheiten, aber auch voller Ungewissheiten.
Eltern von Sibylle: Parteifunktionäre und Mitläufer
Herr und Frau Struck, Sibylles Eltern, verkörpern loyal angepasste Bürger, die sich mit den
Verhältnissen in der DDR arrangiert haben und mit ihrem Leben zufrieden sind. Vater Struck
ist ein unbedeutender Parteifunktionär, der die Propaganda des DDR-Regimes befolgt, ohne
die repressiven und totalitären Machenschaften kritisch zu hinterfragen. Er glaubt an das
„bessere“ System des Sozialismus, übersieht die Verbrechen der Stasi und bespitzelt im
Dienste der Partei selbst seine „andersdenkende“ Nachbarsfamilie, die sich mit einem Aus­
reiseantrag als ideologisch unzuverlässig zu erkennen gab.
3
Dass seine Tochter mit Marion befreundet bleibt, ist schon schlimm genug – dass Sibylle
dann aber auch noch verbotenen Westkontakt mit der „republikflüchtigen Mieze“ via Telefon
pflegt, führt ob einer ihm drohenden Disziplinarstrafe zur Konfrontation.
Als Mensch, der Freiheit nur in den Grenzen kennt, die ihm der Staat gesetzt hat, kann er
den Freiheitsdrang seiner Mitmenschen, die zu tausenden in die Botschaften und Konsulate
stürmen, nicht nachvollziehen. Freiheitsforderungen versteht er ausschließlich als offene Kri­
tik an der DDR, und so überpinselt er auch umgehend, wutentbrannt und auf leisen Sohlen
das Freiheits-Graffiti, das plötzlich die Mauer vor seiner Haustüre ziert.
Für Herrn Struck bricht am 9. November 1989 nicht nur eine Mauer, sondern ein Weltbild
und Lebensentwurf zusammen, nach dem er jahrzehntelang gelebt und gearbeitet hat. Bis
zuletzt versucht er, die Wunsch- und Trugbilder der DDR mit aufrechtzuerhalten, glaubt nicht
daran, dass es geheime Foltergefängnisse bei der Stasi gegeben hat, bis er es mit eigenen
Augen sieht. So verliert er Stück für Stück seiner Identität und mit dieser seine familiäre Au­
torität: Seine Tochter wirft ihm sein Denken und Handeln vor, beschimpft ihn als „Pfeife“ und
zu guter letzt wird er auch noch von Sibylles Freunden auf eine zynische Art und Weise aus
der Wohnung taktiert, die deutlich macht, dass der SED-Parteifunktionär ausgedient hat. So
bleibt ihm am Ende des Silvesterabends kein anderer Ausweg, als seinen persönlichen Un­
tergang in Alkohol zu ertränken – und so schlittert er mit einem selbstsarkastischen „Prost
auf die Freiheit“ in das Jahr 1990 und dem endgültigen Abschied von der DDR entgegen.
Anders hingegen seine Frau. Sie tritt als einfache Mitläuferin in Erscheinung, die die Regeln
des kommunistischen Machtapparats anscheinend nur deshalb mitspielt, um keine eigenen
Nachteile zu riskieren. Dementsprechend schnell ist ihre linientreue Überzeugung über Bord
geworfen. Denn als die Funktionärsgattin am Fernsehschirm mitbekommt, wie tausende
DDR-Bürger nach Maueröffnung in den Westen strömen, dort mit offenen Armen, viel Emo­
tionen und Begrüßungsgeld empfangen werden, ist es um ihre DDR-Verbundenheit schnell
geschehen. Nun will auch sie nicht länger nur medial in die Freiheit blicken, nicht die letzte
sein, die dem glückverheißenden „goldenen Westen“ einen Besuch abstattet. Ihren Mann zu
überreden, mit nach West-Berlin zu gehen, bleibt natürlich ein hoffnungsloses Unterfangen.
Er weigert sich, „seine“ DDR zu verlassen und ist viel zu stolz, um wegen „Bettelgeld“ zum
„Grenzverletzer“ zu werden. Doch Frau Struck locken vor allem die Konsummöglichkeiten im
Westen, die das sozialistische Planwirtschaftssystem seinen Bürgern nie zu bieten vermoch­
te. So beschließt sie eben, allein mit den Kindern einen Tagesausflug zu unternehmen und
kehrt am Abend sichtlich gut gelaunt, mit vollen Taschen, Südfrüchten und neuer Kleidung
nach Hause zurück.
4