Nikotinstopp ± was hilft dabei?

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Nikotinstopp ± was hilft dabei?
ZfA 2004 "039", 19.3.04/dk köthen GmbH
J.-F. Chenot1
S. Keller2
Nikotinstopp ± was hilft dabei?
Zusammenfassung
Abstract
Rauchen ist der wichtigste vermeidbare gesundheitliche Risikofaktor. Eine systematische Erfassung des Raucherstatus und klare Empfehlung mit dem Rauchen aufzuhören gehören zur allgemeinärztlichen Basisprävention. Zentral sind eine Abschätzung
der ¾nderungsbereitschaft und ein darauf abgestimmtes Angebot. Bei veränderungsbereiten Personen kann eine Nikotinersatztherapie die Abstinenzrate verdoppeln. Zur Dosisfindung
kann der Fagerström-Fragebogen eingesetzt werden. Kognitivverhaltenstherapeutische Strategien sind effektiv zur Unterstützung der Raucherentwöhnung. Bupropion kann aufgrund seines
Nebenwirkungsprofils nur eingeschränkt empfohlen werden.
Smoking is the most important preventable health risk factor.
Systematic assessment and counselling for smoking cessation is
an essential part of preventive medicine in a primary care setting. Core element is the assessment of stage of change and a corresponding tailored advice. For patients who are motivated to
stop smoking, nicotine replacement therapy can double the cessation rate. The Fagerström questionnaire is useful for determining the appropriate dose. Cognitive-behavioural strategies are effective in supporting smoking cessation. Bupropion is effective
for smoking cessation, but due to side effects cannot be generally
recommended.
Schlüsselwörter
Nikotinstopp ´ ¾nderungsbereitschaft ´ Kardiovaskuläre Risikoverminderung
Key words
Smoking cessation ´ stage of change ´ cardiovascular risk reduction
Einleitung
Während das Nikotin maûgeblich für die Abhängigkeitsentwicklung mitverantwortlich ist, geht das hohe Gesundheitsrisiko v. a.
von einer Vielzahl von kardiovaskulär wirksamen und karzinogenen Substanzen im Zigarettenrauch aus. Grundsätzlich ist daher jede Raucherentwöhnung sinnvoll in Anbetracht der zahlreichen bekannten Gesundheitsschäden. In der ärztlichen Versorgung gibt es vier wichtige Gründe den Raucherstatus systematisch zu erfassen:
± Prävention von Erkrankung
± Behandlung von mit den Rauchen assoziierten Erkrankungen
± Rehabilitation, z. B. nach Myokardinfarkt, Amputation
± Schutz von Nichtrauchern
In Deutschland rauchen 28 % aller Personen im Alter über 15 Jahre (35 % Männer, 22 % Frauen). Den höchsten Raucheranteil hat
die Gruppe der 35±40-Jährigen (46 % Männer, 35 % Frauen). Besonders Besorgnis erregend sind die vergleichsweise hohen Raucherraten bei Jugendlichen. Die negativen Folgen des Rauchens
schlagen sich mit 117 000 tabakbedingten Todesfällen jährlich
nieder [31]. Rauchen stellt den wichtigsten vermeidbaren kardiovaskulären Risikofaktor dar. Etwa 20±40 % der Raucher in
Deutschland würden gerne aufhören und ca. ein Drittel unternimmt einen Abstinenzversuch [3].
Institutsangaben
Abteilung Allgemeinmedizin Universität Göttingen
2
Institut für Medizinische Psychologie, Philipps-Universität Marburg
1
Korrespondenzadresse
Dr. med. Jean-FrancËois Chenot, MPH ´ Abteilung Allgemeinmedizin ´ Universität Göttingen ´ Humboldtallee 38 ´
37073 Göttingen ´ [email protected]
Bibliografie
Z Allg Med 2004; 80: 113±118 Georg Thieme Verlag Stuttgart ´ New York ´ ISSN 0014-336251 ´
DOI 10.1055/s-2004-816222
Kardiovaskuläre Prävention
Smoking Cessation ± What can Help?
113
ZfA 2004 "039", 19.3.04/dk köthen GmbH
Primäres Behandlungsziel ist die vollständige Abstinenz (Entwöhnung). Ist dieses Ziel nicht zu erreichen, wird bei Rauchern
mit starker Abhängigkeit eine Reduktion auf < 10 Zigaretten/Tag
angestrebt. Ob ein ärztlicher Ratschlag zu reduziertem Rauchen
gegeben werden soll, ist umstritten; eine Verringerung der Anzahl gerauchter Zigaretten ist jedoch in jedem Falle positiv zu bewerten.
In mehreren Studien wurde gezeigt, dass Nikotinabstinenz sowohl die Gesamtmortalität unabhängig von Alter und Geschlecht als auch das relative kardiovaskuläre Risiko um ca.
20±30 % senkt [5, 22, 32].
Kardiovaskuläre Prävention
Gesichtspunkt für die Praxis: Die Aufgabe des Rauchens senkt das
kardiovaskuläre Risiko um 20±30 %. Evidenzstufe II b
Neben der Verminderung des persönlichen Risikos profitiert
auch die Allgemeinheit durch verringerte passive Tabakrauchexposition. Zu den unerwünschten Nebenwirkungen der Abstinenz
gehören eine vorrübergehende Entzugsymptomatik und Gewichtzunahme. Die Gewichtzunahme ist im Regelfall gering
und nur vorrübergehend [10]. Die Vorteile der Nikotinabstinenz
überwiegen klar.
Methodik: Die vorliegende Arbeit basiert auf einer Zusammenfassung von Cochrane Reviews, internationalen Leitlinien und
den Therapieempfehlungen der Arzneimittelkommission der
deutschen ¾rzteschaft [2]. Zu einzelnen Unterpunkten wurde zusätzlich noch eine Literatursuche in Pubmed durchgeführt.
Nicht-medikamentöse Therapie
114
Selbsthilfe-Materialien
Die Erfolgsquote ohne Unterstützung liegt bei ca. 2±5 %. Selbsthilfematerialien, wie sie z. B. von den Krankenkassen oder der
Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung zu Verfügung
gestellt werden, können zur Unterstützung eingesetzt werden.
Sie haben jedoch offenbar nur eine geringe Effektivität [19]. Ob
die Kombination von Selbsthilfematerialien mit einer kurzen Beratung die Effektivität steigert, ist nicht bekannt. Individuelle,
auf die Situation des Rauchers angepasste Broschüren sind geringfügig effektiver als Standardbroschüren oder keine Broschüren [19].
Beratung
Eine kurze einfache Beratung (ärztlicher Ratschlag < 5 Minuten)
hat zwar nur eine mäûige Effektivität, aber immerhin etwa 2,5 %
der Raucher ± über die spontane Abstinenzrate hinaus ± stellen
den Tabakkonsum ein. Vor allem, wenn der Arzt selbst Nichtraucher ist. Eine längere und intensivere Beratung ist offenbar nur
geringfügig effektiver als eine Kurzberatung [26]. Die Einbindung des Lebenspartners führt nicht zu höheren Abstinenzraten;
ein (weiter-) rauchender Lebenspartner stellt jedoch ein erhebliches Rückfallrisiko dar [21].
Beratung durch nichtärztliches Personal (z. B. Sprechstundenhilfen) ist ebenfalls mäûig effektiv [23]. Training von ¾rzten und
nicht-ärztlichem Personal zur Beratung von Rauchern erhöht
Chenot J-F, Keller S. Nikotinstopp ± was hilft ¼ Z Allg Med 2004; 80: 113 ± 118
die Häufigkeit der Beratung, hat aber keinen Auswirkungen auf
die Abstinenzraten [17].
Eine einfache und praktikable Grundstruktur für die Beratung
zur Raucherentwöhnung stellt das 5A-Konzept dar [6]. Demnach
stellen das Erfassen des Raucherstatus (¹Askª), der Rat zum Aufgeben des Rauchens (¹Adviceª) und das Erfassen der Aufhörbereitschaft (¹Assessª) Basisstrategien dar. Unternimmt der Patient
Aufhörversuche, gehört die gezielte Unterstützung (¹Assistª) und
langfristige Begleitung durch Folgekontakte (¹Arrangeª) zu den
Kernstrategien.
Erfahrungsgemäû ist ein groûer Teil der Raucher jedoch nicht zu
einer unmittelbaren Aufgabe des Rauchens bereit. Strategien zur
Förderung der ¾nderungsbereitschaft liefern Interventionsbausteine, die sich z. B. an dem ¹Transtheoretischen Modellª der Verhaltensänderung orientieren [16]. Demnach durchlaufen Personen
im Prozess der Verhaltensänderung unterschiedliche Stufen, von
der Absichtslosigkeit (keine Intention zur Veränderung) über Absichtsbildung (Erwägen einer Veränderung ohne konkrete Schritte) und Handlungsvorbereitung (Planen einer Veränderung) hin
zur Handlung und langfristig zur Aufrechterhaltung des Zielverhaltens. Eine motivations- bzw. stufenorientierte Beratung führt
demnach zur Förderung der Veränderungsmotivation. Bezogen
auf den Kontext des Rauchens regen in den USA entwickelte evidenzbasierte Leitlinien für die Kurz-Beratung von noch nicht veränderungsbereiten Rauchern die Verwendung der ¹5R'sª-Strategie
an, um Patienten durch den Prozess der Verhaltensänderung zu
begleiten [8]: Patienten sollen demnach auf die Relevanz und Risiken (¹Relevanceª & ¹Risksª) des Rauchens für die eigene Gesundheit angesprochen werden, um einen persönlichen Bezug zur eigenen Risikosituation zu ermöglichen. Die kurz- und langfristigen
Vorzüge (¹Rewardsª) des Aufhörens sollen mit dem Patienten
ebenso erarbeitet werden wie mögliche Lösungen für (antizipierte) ¹Roadblocksª (z. B. Gewichtszunahme). Schlieûlich soll diese
Strategie bei jedem Kontakt wiederholt werden (¹Repetitionª).
Eine hilfreiche Anleitung für die praktische Umsetzung findet
sich auch in den Materialien der B¾K zur Raucherberatung [4].
Gesichtspunkt für die Praxis: Selbsthilfebroschüren und/oder ein
kurzer Ratschlag, mit dem Rauchen aufzuhören erhöhen die Abstinenzraten geringfügig (Tab. 1). Evidenzstufe I b
Beratung unter Einbeziehung verhaltenstherapeutischer
Techniken
Verhaltenstherapeutische Techniken können im Rahmen von
Einzelberatungen oder Gruppenberatungen von nichtärztlichen
und ärztlichen Therapeuten eingesetzt werden. Solche Interventionen schlieûen eine systematische Analyse der Bedingungen
des Rauchverhaltens, eine Zielplanung für die Raucherentwöhnungsphase sowie das Erarbeiten von Strategien zur Unterstützung der Abstinenz (z. B. Gegenkonditionierungs- oder Stimuluskontrolltechniken) ein. Die intensive Beratung wird oft kombiniert mit anderen therapeutischen Elementen, z. B. dem Vermitteln von Stressbewältigungsstrategien oder Nikotinersatztherapie. Individuelle Einzelberatung ist effektiver als minimale Interventionen [18]. Gruppenberatung ist effektiver als Selbsthilfematerialien, aber nicht besser als individuelle Einzelberatung
[27]. Programme mit kognitiven und verhaltensorientierten
Strategien haben insgesamt etwas bessere Erfolge.
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Tab. 1 Zusammenfassung nicht medikamentöser Therapie der Nikotinabhängigkeit, (Konfidenzintervalle in Klammern) nach
[2, 12]
* Im Vergleich zu Plazebo, bzw. keiner Behandlung
Odds Ratio*
Bewertung
Selbsthilfe-Intervention
1,24 (1,07±1,45)
Û
Selbsthilfe-Intervention mit Telefonberatung
1,62 (1,33±1,97)
Ý
Beratung durch:
Funktionsschwester
Arzt
1,43 (1,24±1,66)
Ý
1,69 (1,45±1,98)
Ý
Individuelle Beratung
1,55 (1,27±1,9)
Ý
Gruppentherapie
2,1 (1,39±3,12)
ÝÝ
Hypnotherapie
Æ
Û
Aversionsbehandlung
(Exzessives Rauchen)
2,08 (1,39±3,12)
Ý
Aversionsbehandlung (allgemein)
1,19 (0,77±1,83)
Û
Akupunktur
1,22 (0,99±1,49)
ßß
Die Kombination von Raucherentwöhnungsprogrammen mit
Trainingsprogrammen zur Steigerung der körperlichen Fitness
hatte keinen zusätzlichen Effekt auf die Abstinenz [29]. Motivation zur körperlichen Bewegung sollte dennoch wegen seiner positiven Wirkung auf das kardiovaskuläre Risikoprofil empfohlen
werden [28].
Gesichtspunkt für die Praxis: Einzel- und Gruppenberatungen unter Einbezug kognitiv-verhaltenstherapeutischer Techniken können zur Raucherentwöhnung empfohlen werden (Tab. 1). Evidenzstufe I b
Therapien ohne Wirksamkeitsnachweis
Es gibt keine Evidenz, dass Akupunktur, Akupressur, Lasertherapie oder Elektrostimulation in der Raucherentwöhnung effektiv
sind [30]. Im Vergleich mit Pseudoakupunktur oder anderen Entwöhnungsinterventionen zeigen sich keine Unterschiede in den
Abstinenzraten, aber eine geringe Effektivität im Vergleich zu
keiner Intervention. Akupunktur kann als alleinige Maûnahme
zur Raucherentwöhnung nicht empfohlen werden.
Hypnose ist ein suggestives Verfahren, mit dem der Drang zum
Rauchen überwunden werden soll. Die Erfolgsberichte stammen
von nicht kontrollierten oder methodisch schwachen Studien
Die Aversionsbehandlung koppelt das ¹angenehme Erlebnisª
Rauchen mit unangenehmen Reizen um den Drang zum Rauchen
zu löschen. Hierzu zählt z. B. das ¹exzessiveª Rauchen (rapid puffing) bis zum Auftreten von Symptomen der Nikotinvergiftung.
Hiervon ist trotz geringer akuter Gefahr insbesondere bei Risikopatienten abzuraten. Andere Verfahren koppeln Rauchen z. B.
mit elektrischen Stromschlägen. Exzessives Rauchen ist mäûig
effektiv als Methode der Entwöhnung [11]. Andere Formen der
Aversionstherapie sind nicht effektiv.
Medikamentöse Therapie
Nikotinersatztherapie
Alle Formen der Nikotinersatztherapie (NET) sind effektiv zur
Unterstützung der Rauchentwöhnung bei motivierten Patienten
und erhöhen die Abstinenzrate 1,5±2,3fach [9, 20, 25] (Tab. 2).
Sie reduzieren das Verlangen zu rauchen und die Entzugssymptome. Endpunkt für die meisten Studien ist die Abstinenz nach 6
oder 12 Monaten. Über Langzeiterfolge gibt es bisher nur wenige
Daten [33].
Kardiovaskuläre Prävention
Intervention
mit mangelhaft validierten Endpunkten [1]. Es gibt keine Evidenz, dass Hypnosetherapie zur Raucherentwöhnung wirksam
ist.
Für alle Nikotinersatzprodukte besteht in Deutschland Apothekenpflicht (Tab. 3). Mit Ausnahme des Nasalsprays ist die Verschreibungspflicht für alle Produkte aufgehoben worden. Inhalatoren sind Deutschland noch nicht auf dem Markt. Die NET ist
115
Tab. 2 Zusammenfassung medikamentöser Therapie der Nikotinabhängigkeit (Konfidenzintervalle in Klammern) nach [12]
* Die Bewertung ist Aufgrund des Nebenwirkungsprofil zurückhaltender
Intervention
Odds Ratio
Bewertung
Nikotin gesamt
Kaugummi
2 g versus 4 g
Pflaster
Nasalspray
Inhalator
Sublingualtabletten
Bupropion & NET
1,73 (1,6±1,82)
1,63 (1,49±1,79)
2,67 (1,69±4,22)
1,73 (1,56±1,93)
2,27 (1,61±3,2)
2,08 (1,43±3,04)
1,73 (1,07±2,8)
2,73 (1,58±3,94)
ÝÝ
ÝÝ
ÝÝ
ÝÝ
ÝÝ
ÝÝ
ÝÝ
Ý*
Tab. 3 Zusammenstellung der in Deutschland erhältlicher Nikotinersatzpräparate [12] modifiziert
Applikationsform
Packungsgröûen
erhältliche Dosierungen Nikotin [mg]
Packungsgröûen
Membranpflaster
Nicorette Pflaster
8,3; 16,6; 24,9
7, 14, 21
Nikofrenon
10; 20; 30;
7; 14; 28
NiQuittin
7; 14; 21
7, 14
Nicotinell 24-Stunden-Pflaster
17,5; 24; 52,5
7, 14, 21
Kaugummi
Nicotinell Fruit/Mint
2, 4
12, 36, 48, 96
2; 4
30; 105
Nasenspray
Nicorette Nicotin Kaugummi
Classic-Original/OrangeCitrus/Mint
NicoretteNasal Spray
10 mg/ml
Sprühflasche
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Tab. 4 Fagerström-Test [2]
Kardiovaskuläre Prävention
Fragen
Antworten
Punkte
Wie schnell nach dem Aufstehen rauchen Sie Ihre erste Zigarette?
innerhalb von 5 Minuten
6±30 Minuten
31±60 Minuten
nach 60 Minuten
3
2
1
0
Finden Sie es schwierig auf Rauchen zu verzichten, wenn es verboten ist?
(z. B. im Kino, Versammlung usw.)
ja
nein
1
0
Auf welche Zigarette fällt es Ihnen besonders schwer zu verzichten?
die 1. Zigarette morgens
jede andere
1
0
Wie viele Zigaretten rauchen Sie am Tag?
0±10
11±20
21±30
31 und mehr
0
1
2
3
Rauchen Sie stärker in den ersten Stunden nach dem Aufstehen als während des übrigen Tages?
Ja
nein
1
0
Rauchen Sie auch, wenn Sie so krank sind, dass Sie im Bett liegen müssen?
ja
nein
1
0
Gesamtpunktzahl
Stufe der Abhängigkeit
Fagerström-Score/
Zigaretten/Tag
1
gering
1±2
5±10 Zigaretten/d
Kaugummi bei starkem Rauchwunsch
2
mäûig
3±4
< 15 Zigaretten/d
Zu Beginn 12 Nikotinkaugummis oder ein Nikotinpflaster über 2±3 Wochen,
dann Dosisreduktion
3
stark
5±6
15±25 Zigaretten/d
Nikotinpflaster plus 6±12 Nikotinkaugummis je nach Rauchverlangen oder Nasenspray
(ein Hub je Nasenloch, max. 2/h) Behandlung über 3±6 Wochen, dann Dosisreduktion.
4
sehr stark
³ 7 > 25 Zigaretten/d
Nikotinpflaster plus 12 Nikotinkaugummis 4 mg/Sublingualtabletten plus Nikotinspray
keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Die Kosten sind
denen für Zigaretten vergleichbar.
116
l
Tagesdosen
Dosierung von Nikotinersatzpräparaten
Die Dosierung richtet sich v. a. nach der Menge des Nikotinkonsums. Als Hilfsmittel zur Abschätzung der Schwere der Abhängigkeit kann der Fagerström-Test eingesetzt werden (Tab. 4) [7].
Je nach Stärke der Abhängigkeit wird die Substitution über
2±3 Wochen durchgeführt und dann je nach Entzugssymptomatik über mehrere Wochen reduziert. Für spätere ¹Attackenª (craving), können noch vereinzelt Nikotinkaugummis verwendet
werden. Für stärker Abhängige ist eine Kombinationstherapie
mit Pflastern und Kaugummis bzw. Nasalsprays zu erwägen. Allerdings birgt eine solche Kombination von unterschiedlichen
Formen der NET ein erhebliches Risiko der Überdosierung. Eine
Überlegenheit in der Wirksamkeit der Kombination mehrerer
NET Produkte ist zudem noch nicht nachgewiesen.
Die Nikotinpflaster geben über 16±24 h eine konstante Menge an
Nikotin ab; sie sind in unterschiedlicher Dosierung erhältlich
und können so dem Ausmaû der Abhängigkeit gut angepasst
werden. Bei starkem Rauchverlangen sind Kaugummi und Nasalspray evt. wirksamer, da sie pharmakokinetisch mit dem raschen
Anfluten einer höheren Dosis Nikotin dem Raucherlebnis näher
kommen. Zu fragen bleibt dabei aber, ob dies gerade bei einer
Entzugesbehandlung gewünscht wird, oder ob es auch ein Problem in Bezug auf den Entzug darstellen kann. Zwischen den verschiedenen Darreichungsformen besteht kein bedeutender Unterschied bezüglich der Effektivität, sodass die Präferenz des Patienten hier ausschlaggebend sein sollte.
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Die Bestimmung von Kohlenmonoxid (CO) in der Atemluft oder
andere aufwendige Laboruntersuchungen, als Surrogatparameter für den Grad der Abhängigkeit oder zur Kontrolle, sind im Regelfall in der hausärztlichen Praxis nicht notwendig und durchführbar.
Zu den unerwünschten Wirkungen gehören Übelkeit, Erbrechen,
Schwindel, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit. Bei höheren Dosen und
entsprechender Disposition kann Vorhofflimmern auftreten. Bei
Pflastern, Kaugummis und Nasalsprays kann es zusätzlich zu
leichten lokalen Irritationen der Haut bzw. Schleimhaut kommen. Es besteht ein geringes Abhängigkeitspotenzial [13].
In den Fachinformationen werden frischer Myokardinfarkt, instabile Angina und kürzlich erfolgter apoplektischer Insult als
Kontraindikationen aufgeführt. Als relative Kontraindikationen
werden unter anderen stabile Angina pectoris und zerebrovaskuläre Erkrankungen aufgeführt. Es handelt sich hier um die Hochrisikozielgruppe, die am meisten von einer Nikotinabstinenz
profitieren könnte. Hintergrund ist ein vermeintlich vasokonstriktiver Effekt des Nikotins, der eher dem Kohlenmonoxid
beim Rauchen anzulasten ist. Im Einzelfall dürften die Vorteile
der NET klar überwiegen [2].
Für die Nikotinpflaster kommen noch chronisch generalisierte
Hautkrankheiten, für Nikotinkaugummis entzündliche Erkrankungen im Mundbereich und für Nasalsprays chronische Nasenerkrankungen als Kontraindikationen hinzu. Auch in der
Schwangerschaft und Stillzeit sind NET vorerst nicht zugelassen.
ZfA 2004 "039", 19.3.04/dk köthen GmbH
Da bei der Applikation von NET die gesundheitsschädigenden
Substanzen des Zigarettenrauches nicht aufgenommen werden,
überwiegen i. d. R. die positiven Aspekte deutlich gegenüber
dem (Weiter-) Rauchen.
Gesichtspunkt für die Praxis: Alle Formen der NET können zur
Raucherentwöhnung bei motivierten Patienten empfohlen werden. Es gibt keinen Hinweis, dass eine bestimmte Form der NET
den anderen überlegen ist. Sie sollte immer mit einem kurzen
ärztlichen Ratschlag verbunden werden (Tab. 2). Evidenzstufe I b
Gesichtspunkt für die Praxis: Bupropion ist effektiv in der Raucherentwöhnung, in Abwägung mit der bisher im Vergleich zur
Nikotinersatztherapie noch geringen Erfahrung und dem Nebenwirkungsprofil kann Bupropion noch nicht allgemein zur Raucherentwöhnung empfohlen werden. Eine Verordnung bei Versagen einer NET ist möglicherweise gerechtfertigt (Tab. 2). Evidenzstufe I b
Nützliche Hinweise
± www.akdae.de/35/10Hefte/90_Tabakabhaengigkeit_2001_
1Auflage.pdf
Therapieempfehlung der Arzneimittelkommission der Deutschen ¾rzteschaft: Tabakabhängigkeit. 1. Auflage 2001
± Haustein KO. Tabakabhängigkeit. Deutscher ¾rzte Verlag,
Köln 2001. Eine gelungene Gesamtdarstellung zum Thema Tabakabhängigkeit.
± www.inr.de Homepage des Institut für Nikotinforschung und
Raucherentwöhnung, bietet Kurse für ¾rzte zur Nikotinentwöhnung an.
Interessenkonflikte: keine angegeben.
1
OR = Odds ratio, gibt an, um wie viel gröûer die Wahrscheinlichkeit der
Chance eines Erfolges in Abhängigkeit der verwendeten Methode ist.
Ein OR von 2,73 gibt z. B. an, dass diese Chance um das 2,73fache höher
liegt als bei der Anwendung der Vergleichsmethode oder des Plazebos.
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Kardiovaskuläre Prävention
Bupropion
Bupropion (Zyban) ist ein atypisches Antidepressivum. Es ist in
Dosierungen von 150 mg und 300 mg im Handel und zur Entwöhnungstherapie zugelassen [24]. Mehrere randomisierte kontrollierte Studien haben eine Effektivität im Vergleich zu Placebo
(OR1 2,73) und NET (OR 2,03) [15] gezeigt. Die Kombination von
Bupropion plus NET war NET alleine überlegen (OR 2,73) [14].
Die Behandlung wird über 7±9 Wochen durchgeführt. Zu den
wichtigen unerwünschten Wirkungen gehören zerebrale
Krampfanfälle, die in einer Häufigkeit von etwa 1 : 1000 auftreten. Es sind einige Todesfälle unter der Einnahme von Bupropion
bekannt geworden. Zu den weniger gravierenden Nebenwirkungen zählen Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit und allergische Reaktionen. Bupropion ist kontraindiziert bei Krampfleiden, in der
Schwangerschaft und in der Stillzeit. Es darf nicht zusammen mit
MAO-Hemmern eingenommen werden. Es gibt keine Daten für
den Einsatz bei unter 18-Jährigen.
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from smoking eight years after participation in randomised controlled
trial of nicotine patch. BMJ 2003; 327: 28 ± 29
Zur Person
Kardiovaskuläre Prävention
Dr. med. Jean-FrancËois Chenot, MPH, Jahrgang 1969, Facharzt für Allgemeinmedizin, American Board certified Primary Care/Internal Medicine.
Während der Weiterbildungszeit in Boston/Carney Hospital, Tufts University 1998±2001 Vertreter der Weiterbildungsassistenten im Weiterbildungskomitee und Teilnahme an einer Inspektion durch das ACGME. Auszeichnung mit mehreren Preisen als Teaching Resident und für Forschungsprojekte. Berufsbegleitende Absolvierung eines Public Health Studiums an der
Boston University. Seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Allgemeinmedizin der Universität Göttingen; ab 2004 Jobsharing Partner in einer Landarztpraxis. Derzeitiger Arbeitsschwerpunkt ist die praktische Umsetzung der neuen Approbationsordnung.
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Chenot J-F, Keller S. Nikotinstopp ± was hilft ¼ Z Allg Med 2004; 80: 113 ± 118