Fors ist gut im Schuss

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Fors ist gut im Schuss
Minus 196 Grad Josef Kneubühler
zeigt, wie Fors’ Samendosen im
­flüssigen Stickstoff gelagert werden.
«Gute Tagesform» In diesem Gefäss
befinden sich die 5,8 Milliliter Sperma
von Fors’ erstem heutigen Sprung.
Fors ist gut im Schuss
Über 8000 Königskälbchen wird es geben! Denn Muni
FORS VO DR LUEG, Siegerpreis von Schwingerkönig
Matthias Sempach, war fleissig an der Arbeit.
A
TEXT THOMAS KUTSCHERA
FOTOS KURT REICHENBACH
n die Arbeit!» So heisst
es zweimal wöchentlich
für Fors vo dr Lueg, den
Sie­ger­muni von Schwingerkönig Matthias Sempach. Seit 9. Oktober steht der bald
dreijährige Stier der Rasse Swiss Fleckvieh mit 120 Artgenossen in den Ställen
von Swiss­gene­tics in Mülligen AG. Die
Firma ist Marktführe­rin im Schweizer
Kuhbesamungs-Business.
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Donnerstag, 7.15 Uhr: Der 1,1 Tonnen
schwere Fors wird aus dem Stall in die nebenan liegende Sprunghalle geführt. Ein
Dutzend Munis warten in der kalten Halle
schon auf ihren Einsatz, schauen zu, wie
ein Artgenosse auf den Phantombock
springt. «Eine Art Peepshow. Die Jungs
bringen sich in Stimmung», sagt Josef
Kneubühler, Teamleiter Samenfertigung. Er
schmunzelt. «Das Aufspringen liegt in der
Natur dieser Tiere, die können gar nicht anders», erklärt der Tierarzt weiter. Unter den
Munis gibt es auch junge Tiere. «Die lernen
Stolz Schwingerkönig Matthias Sempach,
27, am 1. 9. 2013 beim Eidgenössischen in
Burgdorf mit Siegermuni Fors vo dr Lueg.
Der Moment! Muni Fors an der
Arbeit in der Sprunghalle von Swiss­
genetics in Mülligen AG. Pfleger
Mathias Breitenmoser hält ihn, Kollege
Leo Grünenfelder gewinnt den Samen.
durchs Zuschauen.» Bauern und Fachleute
nennen dieses Vorspiel «Fecken».
7.50 Uhr: Nun ist Fors an der Reihe.
Tierpfleger Leo Grünenfelder lässt ihn
zweimal einen anderen Stier von hinten
bespringen – «Blindsprünge». Jetzt ist
Fors «giggerig» genug – auf gehts zum
Finale! Zum Absamen, wie es unter Fachleuten heisst. Breitbeinig nimmt Fors Stellung vor dem Bock, schnaubt und grunzt.
Und springt! Der Oberkörper bleibt oben,
innert Sekundenbruchteilen folgt ein
Nachsprung – die Hinterbeine in der Luft.
Leo Grünenfelder reagiert blitzschnell. Er
weiss genau, in welchem Augenblick er
den Samen mit der 41 Grad warmen
«künstlichen Vagina» abzapfen muss.
Im nächsten Augenblick steht Fors
wieder auf allen vieren. In einer Stunde
ist er nochmals an der Reihe. Dann ist
Feierabend! Fors kommt in den Stall, hier
gibts zwölf Kilo Heu, zwei Kilo Silage und
zwei Kilo Kraftfutter pro Tag. Dazu kommen 50 Liter Wasser. «Und», so Kneu­
bühler, «Dutzende Streicheleinheiten.»
Das Sperma kommt direkt ins Labor.
Dort wird es analysiert, verdünnt und
in dünne Röhrchen abgefüllt, eine Be­sa­
mungsdosis in jedes. Fors’ erster Sprung
ergab 5,8 Milliliter Ejakulat – das entspricht
6,87 Milliarden Spermien oder 400 Samendosen. Auch mit den Qua­litätswerten ist
Kneubühler zufrieden. Seine Nachkommen werden «solid im Fleisch sein und ansprechend in der Milchleistung».
Nach dem Abfüllen kommen die 400
Röhrchen in die Samenquarantäne, einen
Monat später ins Lager. Dort werden sie
bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff
gelagert. Tag für Tag reisen Besamungstechniker von Swissgenetics landauf, land-
Kostbar In jedem roten Röhrchen
hats eine Portion von Fors’ Samen.
Eine Samendosis kostet 50 Franken.
ab, nehmen auf Bauernhöfen Besamungen
vor. Nur noch eine von zehn Kühen wird
heute mit einem Natursprung gezeugt, die
anderen mehrheitlich mit Samen, der in
Mülligen produziert wurde. 50 Franken
kostet eine Samendosis von Fors. Ein Teil
davon fliesst in die Kasse von Swissgenetics: für Kost und Logis des Stiers sowie
alle anderen Leistungen der Firma. König
Sempach und Swissgenetics spenden je
fünf Franken pro verkaufte Samendosis
an die Jungzüchter sowie an eine Organisation für Kinder in der Schweiz.
Zu Beginn seines Aufenthalts in Mülli­
gen sei Fors’ Samenproduktion noch moderat gewesen, sagt Josef Kneubühler.
«Nach drei Wochen gab er Vollgas. Er
hatte schon mal einen Schuss mit 1000
Treffern.» Bis Ende 2013 sind so 8000 Samendosen zusammengekommen. Seit
Anfang Jahr ist Fors bei einem Bauern
zu Hause. Dieser darf sich freuen: Fors
ist gut im Schuss – auch bei künftigen
Natursprüngen. 
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