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Jubiläum 125 Jahre Diana
Umgezogen
Wenn eine Firma ihren 125. Geburtstag feiert, dann ist das ein Anlass zum Feiern. Bei Diana, seit 125 Jahren Hersteller hochwertiger Druckluftwaffen, lässt man es aber ruhig angehen. Die Produktion in Rastatt
ist geschlossen. Aber man beginnt in Ense-Höingen einen Neuanfang, der Anlass zum Feiern gibt.
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TIMO LECHNER M.A .
Seit April 2015 gehört Diana nicht mehr
den Nachfahren eines ihrer Gründer,
sondern zu German Sport Guns (GSG),
einem Unternehmen der L&O-Gruppe.
Von Rastatt wurde der Firmensitz daher auch nach Ense-Höingen verlagert.
Mitgekommen ist neben Geschäftsführer Martin Zedler, der seit 2006 das Unternehmen leitet, nur eine kleine Zahl
an Mitarbeitern. Die altehrwürdigen
Werkanlagen waren im Lauf der Jahre veraltet, die Produktion nicht mehr
zeitgemäß und nicht mehr wettbewerbsfähig geworden.
Aber auch wenn man von BadenWürttemberg nach Nordrhein-Westfalen gezogen ist, weht die Diana-Fahne
400 km von ihrem einstigen Standort
doch weiter und würde vielleicht gar
nicht mehr wehen, hätten die alten und
neuen Eigentümer sich nicht gemeinsam bemüht, den wohl wichtigsten
Schritt für die Zukunft der klangvollen
Marke zu unternehmen.
Eine Chance. „Die Verlagerung war die
logische Konsequenz, nachdem Diana
im vergangenen Oktober von GSG übernommen wurde. Hier können wir die
Synergieeffekte nutzen, um neue Produkte zu entwickeln und Kosten deutlich zu senken. Auf diese Weise können
wir unsere Produkte auch weiterhin
konkurrenzfähig anbieten“, erklärt
Martin Zedler, der den Umzug natürlich
mit einem weinenden Auge sieht, allerdings überzeugt ist, dass der Schritt der
beste war, den die Firma hatte unternehmen können.
„Wir freuen uns sehr, dass DianaLuftgewehre und -pistolen über 125
Jahre hinweg unzählige Schützen und
Jäger begeistern konnten und können,
weltweit. Für die nächste Zeit möchten wir kontinuierlich unsere Produkte weiterentwickeln, mit der gleichen
kompromisslosen Qualität und Präzision wie in den vergangenen 125 Jahren“,
so der Geschäftsführer weiter.
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Moderne Produktion. In Ense-Höingen
dem Trockenen zu sitzen. Natürlich
stehen moderne Produktionslinien mit
können Reparaturen nur bis zu einer
CNC-Zentren und Technik, die auf dem
gewissen Altersklasse der Waffe durchneuesten Stand ist. Schließlich ist GSG
geführt werden.
noch ein junges Unternehmen, das in
Der Blick der Firma geht eindeutig
den vergangenen Jahren stark gewachnach vorne: „Diana hat überwiegend
sen ist und am Standort immer wieder
leistungsstarke und schwere Luftgeexpandiert hat. Hier sind
wehre im Programm.
Mitarbeiter eigens für die
Ohne diesen Bereich zu
Diana nach wie vor
Montage der Diana-Waf„Made in Germany“ vernachlässigen, möchfen abgestellt. Kleinteile
ten wir zusätzlich neue
in Ense-Höingen
kauft man schon – wie in
Modelle bringen, die etder Branche weitgehend
was schwächer, handliüblich – von außen zu. Diana-Waffen
cher und preisgünstiger sind und damit
sind also nach wie vor „Made in Gerauch für Heranwachsende interessanmany“, nur jetzt in qualitativ mindester werden. Darüber hinaus werden wir
tens gleichwertiger, aber günstigerer
unser Sortiment an Optik und Zubehör
Produktionsweise hergestellt.
erweitern“, blickt Zedler in die Zukunft.
Aus Rastatt hat man nicht nur sein
Innovationen. Geschlafen hatte man
Knowhow, sondern auch eine ganze
aber auch in Rastatt nicht. Gerade in
Menge Ersatzteile mitgenommen. Wer
den vergangenen fünf Jahren legte Diaalso Diana-Waffen besitzt, muss nicht
na interessante Neuentwicklungen vor,
befürchten, im Falle eines Defekts auf
zum Beispiel das PCP-Modell P1000
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Das Magazin für Waffenbesitzer
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Pressluftgewehr und vor allem die neue
N-TEC-Reihe mit dem Gasdruckfedersystem entwickeln sich prächtig und
werden gut von unseren Kunden angenommen. Aus diesem Grund haben wir
nach dem erfolgreichen Start unserer
Baureihe 340 N-TEC in diesem Jahr das
stärkere Modell 350 N-TEC Magnum
vorgestellt.“ Es handele sich hierbei um
die konsequente Weiterentwicklung der
bestehenden Modellpalette.
Und diese Entwicklung ist auch
nachvollziehbar, sieht man sich die
weltweite Nachfrage nach Luftge-
1 Das
ehemalige Diana-Werk aus der Vogelperspektive. Über 100 Jahre lang wurden hier Waffen und zeitweise auch andere Dinge produziert.
2 Martin Zedler ist seit dem Jahr 2006 Geschäftsführer von Diana und führt die
Geschicke auch zum Neubeginn.
3 Jakob Mayer war neben Josef Grammels­
pacher der Gründungsvater von Diana.
4 So sah das damals neue Fabrikgebäude
der Firma Mayer & Grammelspacher in
Rastatt im Jahr 1900 aus.
und die 340-N-TEC-Reihe. Dazu Martin Zedler: „Wir haben immer wieder
an Produktverbesserungen gearbeitet
und Neuheiten auf den Markt gebracht.
Das P1000 und die 340-N-TEC-Reihe
sind der beste Beweis. Auch im Luftgewehrsektor ist es schwer, das Rad immer neu zu erfinden. Trotzdem muss
man immer wieder Neuheiten bringen,
um konkurrenzfähig zu bleiben. Das
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wehren genauer an: Im Gegensatz zu
Deutschland gibt es bekanntlich in
vielen anderen Ländern keine Energiebeschränkung für Luftgewehre. Diana
aber ist ohnehin international bekannt
und besonders geschätzt für leistungsstarke Luftgewehre. Der Exportanteil
der Firma beträgt über 90 % und geht
zum größten Teil in Länder ohne entsprechende Reglementierungen. Da­
runter fallen viele Länder im arabischen
Raum oder auch die USA. Europäische
Länder wie Frankreich, Italien, Belgien
und die Schweiz seien jedoch ebenfalls
wichtige Märkte. Diana exportiert seine
Druckluftwaffen heute in rund 60 Länder der ganzen Welt.
„Das Modell 350 Magnum war das
bisher stärkste Diana-Luftgewehr und
zählte bereits zu unseren meistverkauften Modellen. Bei dem Modell 350
N-TEC Magnum konnten wir durch
das Gasdruckfedersystem die Leistung
nochmals steigern und kommen den
Wünschen unserer Kunden nach leistungsstarken Weitschussluftgewehren
damit sehr entgegen“, erklärt Zedler.
Das Einzigartige. So ganz ohne Höhepunkt zum 125. Geburtstag geht es
dann aber doch nicht: Mit dem „One &
Only“ wurde zur IWA & OutdoorClassics
2015 in Nürnberg ein Jubiläumsmodell
vorgestellt. „Wir wollten ein einmaliges Gewehr präsentieren, und das ist
uns mit der One & Only auch wirklich
gelungen. Wir wollten zeigen, wie man
aus einem Luftgewehr ein wertvolles
Unikat macht“, bekräftigt Martin Zed­
ler. Meistergraveurin Josefine Gröbel
sei dabei die vollendete Symbiose aus
klassischen und modernen Gravurelementen gelungen. Man hatte sich
bewusst für wertvolle Materialien wie
zum Beispiel hochwertiges Wurzelmaserholz und eine Massivgoldplatte
entschieden. In diese wurde die Diana-Jubiläumsschrift „125 Years Diana 1890 – 2015“ eingelassen. Die One &
Only trägt ihren Namen zu Recht, ist sie
doch wirklich auch ein Unikat.
Über die Internet-Plattform www.
egun.de wurde das Gewehr im Oktober zugunsten eines guten Zweckes
versteigert. Diana hat mit dem „Selous Elephant Emergency Programme“
(SEEP) ganz bewusst eine Organisation
unterstützt, die nachhaltig gegen die
Wilderei vorgeht. Denn schließlich sei
ein Diana-Luftgewehr für viele Jäger
der Einstieg in die Jagd, so Zedler weiter. Mit Erfolg. Für einen stolzen Preis
wechselte die Waffe zum 31. Oktober
2015 ihren Besitzer.
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Jubiläum 125 Jahre Diana
Die Anfänge. Wer auf www.diana-air-
hatten Mayer & Grammelspacher nicht
guns.de in das Impressum schaut, der
nur die Herstellung von Druckluftwafstellt schnell fest, dass hier von einer
fen im Sinn, die zwar einen wichtigen
Mayer & Grammelspacher GmbH & Co.
Bestandteil des Portfolios ausmachten,
KG die Rede ist, die gleich hinter den
aber eben nicht das einzige. Diese bilfünf Buchstaben der Jagdgöttin steht.
deten von Beginn an nur ein Standbein
Die Namen weisen auf die Gründer Jader Firma. Auch automatische Verkob Mayer und Josef Grammelspacher
kaufsapparate und hauswirtschaftliche
hin, die am 1. Oktober 1890 eine „Fabrik
Maschinen sowie Küchengeräte wurden
für Massenartikel der Eisen- und Mesomit neben Luftgewehren, Luftpistotallwarenbranche“ eröffneten. Beide
len und Zielscheiben gefertigt.
kannten sich von der Zusammenarbeit
Die Geschäfte liefen gut. Es wurbei den Eisenwerken Gaggenau, die im
den zahlreiche Aufträge für die AutoJahr 1888 in eine Aktiengesellschaft
matenfertigung erteilt, die Werkhalle
umgewandelt wurde, was
bald vergrößert. Jedoch
nicht nur die beiden Difolgte dem ersten Hoch
Gründerduo hatte
ana-Gründer einst verein ebenso schnelles Tief.
lediglich sieben
unsicherte, wie von Jakob
Immer weniger Automagemeinsame Jahre
Mayer überliefert ist. Der
ten wurden gebaut, auch
Eintrag in das Handelsrebei den Küchengeräten
gister erfolgte am 13. Oktober 1890.
lief es im Lauf der ersten zwei Dekaden
Schon zwei Jahre nach der Gründung
immer schlechter, sodass dieser Gewurde 1892 die erste Luftpistole „MGR“
schäftszweig 1914 aufgegeben wurde.
(steht für „Mayer & Grammelspacher,
In der Rastatter Karlsstraße entstand
Rastatt“) zum Patent angemeldet. Das
schließlich im Jahr 1900 das langjähriModell MGR war eine noch ganz einfage Fabrikgebäude. 1901 folgte das Pache Pistole, die im Blechprägeverfahtent für die bis heute millionenfach
ren hergestellt wurde. Im Griff war eine
verbaute „Verschlussvorrichtung für
Feder eingebaut, die für die GeschossLuftgewehre mit Kipplauf“. Seit 1905
energie sorgte.
ziert als Logo die Diana, die Göttin der
Bereits am 25. November 1897 starb
Jagd, das Emblem der Firma. Hier lohnt
Josef Grammelspacher nach schwerer
es sich aber genauer hinzusehen: Diana
Krankheit. Sein Name ist zwar bis heute
wirft Pfeil und Bogen weg und greift zu
im Firmennamen verewigt, Jakob Mayeinem Gewehr.
er musste fortan jedoch das UnternehDie Zeit der Weltkriege. Im Ersten
men alleine weiterführen. Bis zum VerWeltkrieg wurde die Produktion auf
kauf der Firma waren seine Nachfahren
kriegswichtige Güter umgestellt, ab
Eigentümer.
1919 wurden dann aber wieder Gewehre
Nicht nur Waffen gebaut. Wie die Beproduziert. Es folgte eine Phase, in der
schreibung der Fabrik schon besagt,
das Schießen mit dem Luftgewehr zum
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wahren Volkssport in Deutschland geriet. Entsprechend voll waren auch die
Auftragsbücher in Rastatt. Echte Knüller waren unter anderem das Anfang
der 1900er-Jahre entwickelte EurekaGewehr für Kinder, des Korken und
Gummipfeile verschoss.
Diese Hochphase dauerte bis zum
Beginn des Zweiten Weltkriegs an. Zuerst forderte dieser auch von Diana einen hohen Preis ein. Bereits in den Anfangsjahren des Dritten Reiches wurde
dem Unternehmen verboten, in gleich
28 Staaten zu liefern, welche nicht auf
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5 Eine
der frühen Werbeanzeigen der Firma Mayer & Grammelspacher für das
Gewehr „Eureka“, mit dem auch Nachwuchsschützen und Familien angesprochen werden sollten.
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6 Ein
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Luftgewehr der Panther-Reihe. Das
Erfolgsmodell überzeugt nach wie vor
junge wie alte Freizeitschützen durch
modernes Design, Präzision und die solide Verarbeitung.
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der „Freundesliste“ der Nazis standen. Ab dem Jahr 1940 erfolgte dann
wiederum die Umstellung der Produktion auf militärische, kriegsrelevante
Teile. Jetzt wurden keine Luftgewehre mehr gebaut, sondern Einzel- und
Kleinteile für die Mauser-Produktion
in Oberndorf am Neckar. Rastatt fiel
zu großen Teilen den Bomben der Alliierten zum Opfer. Was von den Fabriken übrig blieb, wurde danach vollständig demontiert. Obwohl Diana in
der französischen Besatzungszone lag,
konnten sich die Briten den Zugriff auf
Maschinen, Teile und Namensrechte sichern. Diana war es untersagt, seine in
Rastatt produzierten Gewehre im Commonwealth unter eigenem Namen zu
verkaufen. Erst 1984 konnte das Werk
von der Firma Millard, die bis dahin in
Schottland unter dem Namen Milbro
Diana-Luftgewehre produzieren ließ,
den eigenen Markennamen zurückkaufen. Jetzt hatte man endlich wieder ein
weltweites Namensrecht.
Der Wiederaufbau. Im Jahr 1950 wur-
Olympisches Gold. Neue Märkte mussde der Betrieb wieder aufgenommen.
ten her, einen fand man im LeistungsMan begann praktisch am Nullpunkt.
sport. Wieder mit Erfolg: Silvia Sperber
Dennoch gelang es dem Unternehmen,
holte mit dem Diana-KK-Matchgewehr
durch neue Produkte auf dem Welt820 die Goldmedaille bei den Olymmarkt Akzente zu setzen.
pischen Spielen in Seoul 1988. Auch
Ende der 1950er-Jahre wurden in
auf Deutschen Meisterschaften waren
Rastatt die weltweit ersten DruckluftDiana-Waffen im Einsatz bei den Topwaffen mit DoppelkolSchützen. Jedoch setzte
bensystem ohne Prellman sich in diesem SegKurzer Ausflug in
schlag
und
Rückstoß
ment letztlich nicht geden Bereich der
entwickelt. 1960 folgte
gen andere Hersteller von
Sportwaffen
die Luftpistole LP 6, drei
Matchwaffen durch.
Jahre später dann das
Zu Beginn der 1990erLuftgewehr Modell 60. Das beliebte
Jahre wurden rote Zahlen geschrieben.
Modell 30 kennen heute zahlreiche BeProduktionszweige mussten ausgelasucher von Schießbuden.
gert, die Anzahl der Mitarbeiter reduIn den 1970er-Jahren waren rund 500
ziert und die Produktion vereinfacht
Mitarbeiter bei Diana beschäftigt, es
werden. Seit den 1990er-Jahren baut
wurden Freizeit- und Präzisionswaffen
Diana keine Sport- und Signalwaffen
hergestellt. Wie auch andere Waffenmehr. Man konzentriert sich auf die
firmen, brachte das neue Waffengesetz
Produktion von Freizeitwaffen, darunvon 1972 mit dem regulierten Erwerb
ter auch Modelle für den Field-Targetvon Druckluftwaffen wieder EinschnitSport. Das soll auch weiterhin so bleite mit sich.
ben, nur eben unter neuer Flagge, aber
mit der alten Marke und weiterhin der
Göttin auf dem Revers.
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Und Martin Zedler? Was vermisst er
an der „alten Heimat“? „Ich ging mit
gemischten Gefühlen ins Sauerland.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich diesbezüglich etwas voreingenommen war.
Die Gegend ist landschaftlich reizvoll,
und wenn man unbedingt möchte,
kann man auch schnell eine der Großstädte im Ruhrgebiet erreichen und
dort etwas Großstadtluft schnuppern.
Nur an das Wetter muss ich mich noch
etwas gewöhnen. Das war im Süden definitiv besser.“
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8 Auch
diese Werbetafel zeigt, wie Diana
zwischen den beiden Weltkriegen versuchte, junges Publikum anzusprechen.
9 Diana stellte das Modell P1000 im Jahr
2012 als erstes PCP-Modell vor. Das Gewehr ist mit einem 14-Schuss-Magazin
sowie einer Stahl-Pressluftkartusche mit
300 bar Druck ausgestattet und wird vor
allem im Ausland bei der Jagd auf Kleinwild eingesetzt.
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7 Die erste Druckluftwaffe, die in Rastatt
gefertigt wurde, war die im Blechprägeverfahren hergestellte Luftpistole „MGR“
aus dem Jahre 1892. Sie entstand nur
zwei Jahre nach Firmengründung.
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