Mein Trauertagebuch

Transcription

Mein Trauertagebuch
O
kay, dann fangen wir mal an mit diesem
Trauertagebuch.
Mein Gott, klingt das bescheuert. »Mein
Trauertagebuch« – Was machst du gerade, Rosalind?
Ach, ich schreib nur in mein Trauertagebuch. Okay,
Trauertagebuch, Trauertagebuch, bescheuert und
hohl, Spießergeschwafel, Scheißwelt. Hörst du mir
zu, Denise? Vergiss mich ja nicht zu fragen: »Warum,
glaubst du, hast du hier Scheißwelt geschrieben?
Frag dich das doch mal.« Ich weiß nicht, Klugscheißerin, vielleicht, weil meine Eltern tot sind und mein
Dad irgendein Blödmann ist und nicht Kurt Cobain
oder Bono oder noch nicht mal dieser Alle-liebenRaymond-Blödmann oder irgendein anderer, den
ich mir wünsche. Er ist einfach nur ein stinknormaler, nicht berühmter Blödmann wie jeder andere
Dad auch, und ich hab nicht den leisesten Schimmer,
warum er mit mir zusammen sein will, ich möchte
bei Tante Karen sein. Ich möchte sterben wie Mom.
Und Mommy.
Nein, Denise, eigentlich möchte ich das nicht. Ich
meine nur, ich hab momentan nicht das Gefühl,
dass ich leben will, ist doch alles so sinnlos. Aber ich
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hab auch nicht das Gefühl, dass ich so viel Energie
aufbringen kann, um mich umzubringen. Und vielleicht willst du das gar nicht hören, Denise, aber ich
möchte auf keinen Fall als Jungfrau sterben, obwohl
es keinen gibt, mit dem ich wirklich . . . tut mir leid,
I M von Sasha, und ich wollte schon antworten, »ich
muss jetzt in mein Trauertagebuch schreiben :-[«,
aber das war mir zu peinlich, es ist zu . . . Jetzt verstehe ich, wenn sie mich immer fragen, was denn so
schwierig daran ist, wenn man zwei Moms hat. Das
Schwierigste daran ist wahrscheinlich, wenn etwas
wirklich verkehrt rum ist wie ein Trauertagebuch,
dann kann man nicht einfach sagen, das ist verkehrt
rum, weil es ja ziemlich respektlos wäre gegenüber
meiner Mom, die tot ist . . .
Okay, scheiß auf dich, Trauertagebuch, und scheiß
auf dich, Denise, weil ich jetzt einfach hier sitze
und ungefähr zehn Minuten geweint habe, weil
meine . . .
Scheiße.
Ich hab auf das hier keine Lust. Wirst du das einsammeln, Denise? Werde ich in Trauer durchfallen?
Wie warst du in Trauer? Hast du jemals Trauer belegt? Was machst du, wenn du heimkommst? Hast
du irgendeinen Typen, den du liebst? Fährst du heim
und wirst von so einem blödsinnigen Essenszeug
zerquetscht? Ich mag das Wort. »Essenszeug.«
Was, verdammt noch mal, hab ich geschrieben,
bevor ich zweimal geweint habe? Verpiss dich, Denise, verpiss dich, Denise, ich hasse dich, Denise, ich
will nicht immer traurig sein, Denise, ich will nicht
immer dieses Gefühl haben, ich hasse Sean, den ich
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noch nicht mal Dad nennen kann, weil er nur der
blöde Spender ist, ich weiß noch nicht mal, warum
er mich haben will, vor allem seit meine Großmutter
gesagt hat, »dafür bin ich doch viel zu alt, Liebes«,
und Onkel Mike, »ich muss momentan meine eigenen Dinge auf die Reihe kriegen«.
Aber Mom hat immer gesagt, dass sie den Spender nicht kennen, was ganz offensichtlich gelogen
war, vielleicht ist also die Sache mit der Petrischale
auch gelogen, vielleicht, igitt, also, ich kann mir
noch nicht mal vorstellen, dass dieser Blödmann Sex
mit meiner Mom gehabt haben soll, aber die Vorstellung, dass meine Mommy Sex mit Mom gehabt
hat, finde ich auch eklig. Vielleicht sind Moms also
einfach nur eklig und sollten überhaupt keinen
Sex haben, aber dann wären sie ja keine Moms. Da
haben wir also ein Paradoxon, ein Dilemma, wenn
man so will, aufgespießt auf den Hörnern des Dilemmas, umgebracht von einer Lastwagenladung
tiefgefrorener Thanksgiving-Truthähne.
Okay, noch mal eine I M von Sasha. Wahrscheinlich meint sie es nett, wenn sie so oft nachfragt, aber
ich hasse es, wenn sich alle Sorgen um mich machen
und ständig fragen, wie’s mir geht, und sich um
mich kümmern – »komm doch mal zum Essen vorbei« –, weil ich doch jetzt so ein tragischer Fall bin.
O mein Gott, ist das schlimm, o mein Gott, das
tut mir ja so leid, o mein Gott, Ros. O mein Gott. Ich
mag sie, aber ich hasse sie, und am liebsten wär’s
mir, wenn sie alle den Mund halten würden, außer
wenn ich das nicht will, aber das kriegen sie ja nie
gebacken.
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Ich hasse es, Denise. Es hilft mir nicht. Kann
ich jetzt aufhören? Bitte! Wirst du es überhaupt mal
lesen?
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Du hast es nicht gelesen, Denise, du hast mich nur
gefragt, ob ich’s gemacht und wie ich mich dabei
gefühlt habe. Am liebsten möchte ich dir eine reinhauen, wenn du mich solchen Scheiß fragst oder
wenn ich dir sage, wie sehr ich dich hasse, und du
sagst dann nur, »ich weiß, du bist jetzt voller Zorn,
vielleicht willst du darüber reden«. Nein, eigentlich
möchte ich dir eine auf deine Schwabbelbacke geben
und den roten Abdruck meiner Hand sehen und die
Tränen in deinen Augen. Und dann sollst du mich
ansehen und weinen und fragen, »warum, warum,
das ist doch nicht gerecht, ich will dir doch nur helfen«. Du hasst diese undankbaren Kinder, und dann
sollst du aus dem Zimmer laufen und nie mehr zurückkommen und den brennenden Abdruck meiner
fünf Finger auf deiner beschissenen Backe spüren.
Aber das würde bedeuten, dass endlich mal was
so läuft, wie ich es will, und du würdest nur wieder
mit deinen bescheuerten Fragen kommen. »Reden
wir doch darüber, warum du solche Gefühle hast.
Wie fühlst du dich, wenn du dir vorstellst, mich zu
schlagen?«
Ich fühl mich gut, Denise. Ich fühl mich verdammt großartig.
Okay, das war gelogen. Ich fühl mich heute beschissen und jeden Tag beschissen, und ich hasse jeden.
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Ich will das nicht machen, Denise. Ich hab nichts
zu sagen. Mom ist immer noch tot, und das Letzte,
was ich ihr gesagt habe, war eine Gemeinheit, und
ich hasse es, ich hasse dich, ich hasse mich, warum
muss das Letzte, was ich ihr sage, was Gemeines
sein? Ich hasse es, Denise, ich kann es nicht ausstehen, über mich nachzudenken, ich kann überhaupt
nichts ausstehen.
Ich hab nichts zu sagen. Ich sehe den Bildschirm
nicht, weil ich wieder weine.
Das ist eine bescheuerte Idee, Denise. Mein Trauertagebuch ist blöd, mein Trauertagebuch ist blöd,
Denise ist blöd, Sasha ist blöd, Rosalind ist blöd, und
die Idioten, die tiefgefrorene Truthähne verkaufen,
sind auch blöd. Ich glaube, ich werde jetzt Vegetarierin, rein aus Protest. Das wird Sean ziemlich ankotzen, also ist es gut. Er will immer so sensibel sein
und tut so, als würde es ihm nichts ausmachen, aber
das interessiert mich nicht die Bohne. Verpiss dich
doch, Sean, schick mich doch zu Karen zurück, wenn
ich dir auf die Nerven gehe, aber das wirst du nicht
tun, also wirst du dafür blechen müssen. Falls ich jemals beschließe, mit dir zu reden. Ich schätze, das
werde ich müssen, wenn ich Vegetarierin werde.
Oder ich schreib ihm einen Zettel: »Werde Vegetarierin. Kauf Tofu. Hasse dich. Schick mich zu Tante Karen.«
Jetzt, glaube ich, hab ich sogar gelächelt. Trotzdem, mein Trauertagebuch ist bescheuert, dämlich,
blöd und spießig, blöd blöd blöd.
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Mein liebes Trauertagebuch,
rede immer noch nicht mit Sean. Sean ist mein Dad.
Sean ist der Spender. Sean ist irgendein Blödmann,
der in diesem Haus wohnt. Es ist jetzt wohl auch
mein Haus. Ich hasse es. Ich hasse dieses bescheuerte männliche Single-Haus mit diesem bescheuerten Riesen-Fernseher und der P S 2 und Kabelanschluss, obwohl ich diese Sachen mag. Ich möchte in
meinem eigenen Haus wohnen, in meinem richtigen Haus, und ich glaube, ich könnte den Verkauf
verhindern. Dann könnte ich mein richtiges Zimmer
haben und meine richtige Tür und diese Leiste in der
Küche, auf der Mom markiert hat, wie viel ich gewachsen bin.
Aber dann müsste Sean wahrscheinlich auch dort
wohnen, und Mom kommt nie mehr nach Hause
und Mommy auch nicht, und ich weiß, ich würde jeden Tag aufwachen und glauben, alles wäre nur ein
schlechter Traum und ich hätte Mom, kurz bevor sie
gestorben ist, nicht gesagt, dass ich sie hasse, weil
sie mich nicht auf diese blöde Fete lassen wollte, mit
Leuten, die ich ja auch nur noch bescheuert finde,
wie mir inzwischen klar ist.
Ich will darüber nicht nachdenken. Sonst hasse
ich mich nur selbst. Warum kann ich nicht sagen,
dass es mir leidtut. Es tut mir ja so leid, es tut mir ja
so leid, bitte komm zurück, damit ich dir sagen kann,
dass es mir leidtut.
Okay, was anderes, was anderes. Seans Haus ist
komisch und langweilig. Ich würde lieber bei Tante
Karen wohnen.
Außer dass ich sie auch hasse, ich hab genug von
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ihren dämlichen Anrufen, jeden Abend »Liebes,
brauchst du was, wie kommst du damit zurecht,
Kleines, Liebes, ich bin so traurig und vermisse heute
Abend deine Moms, ich bin wirklich traurig, Süßes,
und du sollst wissen, dass wir das miteinander teilen«. Oder so ähnlich. Kümmere dich um dich selbst,
Zicke. Niemanden interessiert es, wenn du traurig
bist, niemanden kümmert es, wenn ich traurig bin,
noch nicht mal den blöden Sean, der mich immer
ansieht, als wollte er mir sagen, »bitte, bitte, red
doch mit mir«, und ich tu so, als ob ich es nicht bemerken würde, weil ich ihn am liebsten zum Teufel
jagen würde.
Denise, dein Vorschlag ist wirklich zum Kotzen.
Ich hab mich ganz okay gefühlt, als ich angefangen
habe zu schreiben, aber jetzt fühl ich mich traurig
und mies und möchte nur auf dem Bett liegen und
schlafen und aufwachen und mich wundern, wo ich
bin, und mich dann an alles erinnern und von Mom
träumen, die auf meinem Bett sitzt und mir sagt,
»Liebes, wollte nur mal nachsehen, ob alles in Ordnung ist, tut mir leid, dass ich gehen musste«. Aber
nie sagt sie, »mach dir doch keine Sorgen, dass du
so gemein zu mir warst, kurz bevor ich gestorben
bin . . .«.
Verdammt, Denise, mir laufen Tränen übers Gesicht, und ich hab verschmierte Maskarastreifen auf
den Wangen. Hilft das? Genügt das als therapeutische Dosis? Kannst du mir Zoloft oder Paxil oder Prozac oder irgendwas anderes geben, damit ich mich
wieder normal fühle? Ich will nicht mehr weinen,
ich hab genug davon, es reicht, jeden Tag und jede
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Nacht zu weinen, sogar wenn ich nach der vierten
Stunde zum Pinkeln gehe und dann wieder nach der
Schule, wenn ich auf den Bus warte, ich hab genug
von dem Mist.
Und, nein, ich habe keine Selbstmordfantasien,
das habe ich bei der Arbeit als Tutorin herausgefunden, ist das nicht witzig? Ich hab diesen armen
Mädchen bei ihren Problemen geholfen. Weil sie mir
wirklich nahegehen. Diese Zicken sehen mich jetzt
an, als wäre ich radioaktiv verseucht. Aber ich kenne
alle Fragen, die man stellen muss. Hab ich vor, mir
selbst was anzutun? Nur wenn ein Anschlag auf
Seans Bar darunterfällt. Vielleicht gehört das dazu.
Kann ich mir vorstellen, mir selbst was anzutun? Ich
weiß noch nicht einmal, ob er eine Bar hat, und ich
will nichts machen, womit es mir noch schlechter
gehen könnte.
Das ist vielleicht der Fall, wenn man sich betrinkt. Sasha hat vergangenen Sommer ganz übel
gekotzt, aber ich hatte zu viel Schiss, ich wollte nicht,
dass Mommy ausflippt oder enttäuscht ist, also hab
ich Sasha, als sie gekotzt hat, nur die Haare aus dem
Gesicht gehalten und hätte bei ihren Geräuschen
fast selbst gekotzt, konnte mich aber beherrschen.
Ich antworte nicht mehr auf I M s. Ich will nicht
mehr darüber reden, wie’s mir geht, und ich will
nicht mehr hören, ob Andy sie mag. »O mein Gott, er
hat mich angesehen« – o mein Gott, das interessiert
doch kein Schwein.
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BA STE I LÜ B B E TASC H E N B U C H
Band 15901
1. Auflage: September 2008
Vollständige Taschenbuchausgabe
der im Gustav Lübbe Verlag erschienenen Hardcoverausgabe
Bastei Lübbe Taschenbücher und Gustav Lübbe Verlag
in der Verlagsgruppe Lübbe
© 2004 by Brendan Halpin
Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Donorboy«
Originalverlag: Villard Books, New York
Für die deutschsprachige Ausgabe:
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