Passend oder unpassend – Denkwelten nach Clare Graves Unsere
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Passend oder unpassend – Denkwelten nach Clare Graves Unsere
dr. renate wustinger graves-modell Passend oder unpassend – Denkwelten nach Clare Graves Unsere Handlungen und unsere Entscheidungen fließen aus einem Set von Werthaltungen, die uns meist gar nicht bewusst sind, so sehr sind sie mit uns verwachsen. Der amerikanische Psychologe Clare Graves hat in unzähligen Interviews über zwei Jahrzehnte hinweg ein System erkannt, das die Entwicklung dieser Wertesysteme beschreibt; es ist eine Geschichte der Problemlösestrategien, wie sie für eine ganze Gesellschaft am besten für die jeweiligen Herausforderungen gepasst haben, und es ist im kleinen ein Stück weit die Geschichte der Orientierungen, wie wir Individuen sie im Lauf unserer persönlichen Entwicklungen erlebt haben. Auch Organisationen können solchen „Graves-Welten“ zugeordnet werden! Die menschliche Entwicklung wird dadurch vorangetrieben, dass neue Bedingungen auch neue Denkweisen erfordern. Diese veranlassen den Menschen dazu sich anders zu verhalten. Ältere Denkweisen und Seinsweisen verschwinden dabei nicht, sondern können reaktiviert werden, wenn die entsprechenden älteren Probleme wieder zum Vorschein kommen. Welt 1, als „Handeln nach dem Überlebensprinzip“, wird nach einer Naturkatastrophe unter Umständen auch für den Geschäftsmann das steuernde Wertesystem, der sonst vorwiegend nach Welt 5 handelt. Keines der Wertesysteme ist von sich aus besser oder schlechter als ein anderes. Es ist nur passend oder unpassend zu den Herausforderungen und zu den Existenzbedingungen. Die einzelnen Welten im Überblick: In Welt 1 versucht der Mensch als Einzelner zu überleben. Es gibt keine längerfristige Planung, keine gesellschaftliche Organisation, er handelt rein reaktiv. Für die Menschheit ist das die Phase des Urmenschen, der sich noch als ein Stück Natur erlebt. Ein Säugling lebt in Welt 1, eine sehr alte Person unter Umständen ebenfalls, Obdachlose, Menschen nach dr. renate wustinger graves-modell Katastrophen, sie alle können in bestimmten Situationen aus Welt 1 heraus handeln. Dann entdeckte der Mensch, dass er mit anderen gemeinsam die besseren Chancen im Überlebenskampf hatte. Dieses Zusammenleben des Stammes war um den einen großen Häuptling herum organisiert, die Gefahren der Natur wurden mit bestimmten Göttern identifiziert, die in Ritualen günstig beeinflusst werden sollten. Welt 2 ist die Welt von Magie und Tradition, wir erleben sie im Kindergartenalter wieder und pflegen sie immer dann, wenn wir alte Bräuche aufleben lassen oder mit unseren Maskottchen antreten. Zu Welt 2 gehört auch das entschiedene Verteidigen von Territorium, da das Land notwendig war fürs Überleben. Doch es gab starke junge Individuen, die dachten, alleine mehr erreichen zu können. Sie verließen ihren Stamm, um Abenteuer zu erleben und andere Gebiete zu erobern. Das Zeitalter der Helden begann, Welt 3, in der es erstmals eine starke hin zuOrientierung gibt und in der es immer ums Gewinnen geht, um den Sieg, um das „wer ist stärker“. Pubertierende Jugendliche sind klassische 3er, die Familie kann in dieser Phase nichts Attraktives bieten, nur lockere Gruppenbildung bietet Anbindung. Randalierende Fußballfans handeln ebenso aus Welt 3 heraus wie Sportler in einem Wettkampf, wenn es ihnen vor allem ums Siegen geht und noch weniger um den materiellen Gewinn. Die „3er“ riefen als Antwort Welt 4 hervor, die Welt von Institutionen und Gesetzen, als weg von (der Unkontrollierbarkeit der 3er, weg von Willkür und weg vom Recht des Stärkeren) und erstmals als „trough time“ strukturierte Welt. Gesetze und Verwaltung machen nur Sinn, wenn beim Handeln gleichzeitig ein Stück Zukunft mitgedacht werden kann und damit die Konsequenzen der eigenen Handlung einschätzbar sind. Die Welt 4 ist die einzige, die streng dualistisch angelegt ist – es gibt gut und böse, richtig und falsch, erlaubt und strafbar, Himmel und Hölle. Schulen sind klassische 4er-Organisationen, von dort haben wir alle eine ordentliche Portion 4er-Denken mitbekommen. Wir reden immer aus Welt 4, wenn wir viel „sollen“ und „müssen“ dr. renate wustinger graves-modell verwenden, viel weg von und viele Dualismen. Allein die Frage, ob etwas „richtig“ ist, weist schon auf diesen Graves hin. Während die einen ihre Kräfte maßen und die anderen die Welt nach Regeln zu ordnen versuchten, beschäftigten sich andere mit ihren Gütern und trachteten danach, ihren Gewinn zu erhöhen. Mit der Geburtsstunde des Kapitalismus wurde Welt 5 auch allgemein etabliert. Hier zählt die Maximierung, entscheidend ist, was wie viel bringt, Begriffe wie „Effizienz“, „lohnende Investition“ usw. prägen das Denken und die Sprache. Die hin zu-Orientierung herrscht wieder vor, Risiko lockt, der eigene Profit rechtfertigt unter Umständen auch Verstöße gegen Welt 4 ... Die Gegenreaktion ist logischerweise wieder ein weg von – weg von Kapitalismus und Materialismus, weg von Hierarchie und Institution (also auch von Welt 4), weg von Individualismus und weg von Autorität. Für die Welt 6 zählt das Miteinander, die basisdemokratisch geführten Gruppen ohne Vorgesetzten dominieren als Organisationsform, keiner soll sich abheben, auch im Sport und im Kindergarten kommen die „Spiele ohne Verlieren“ auf ... die 68er-Welt hat das besonders konsequent umgesetzt. Nach diesen sechs Systemen setzt Graves mit Welt 7 auf einer anderen Ebene an. Ab hier stehen alle Welten von 1 bis 6 zur Verfügung, sie werden nicht mehr als entweder-oder erlebt, das Denken bezieht alle diese Werte mit ein und versucht, sie zu erfüllen. Individualismus ist positiv besetzt, allerdings nicht auf Kosten anderer. Ein sehr hoher Wert ist das Verbreiten von Information, globalere Sichtweisen erfordern neue Lösungen. Andere Autoren haben noch Welt 7 und Welt 8 differenziert, Graves selbst hielt diese Welten für zu jung, um sie schon beschreiben zu können. Wir fassen hier die Welten ab 7 zusammen unter dem Begriff „Trans-Graves“. Die Graves-Brille bietet eine gute Chance, die Denkwelt unserer GesprächspartnerInnen erfassen können, um eine bessere Kommunikationsbasis zu schaffen. Dabei geht es zuerst nur darum wahrzunehmen, in welcher Welt die Person jetzt gerade dr. renate wustinger graves-modell ihre Entscheidungen trifft. Jemand, der sehr aufgeregt und wütend ist, kann aus Welt 3 heraus agieren und den totalen Kampf wollen, obwohl er an sich nach anderen Kriterien entscheidet. Dann können wir zuerst diese Welt 3 spiegeln, den anderen dort abholen, und dann die nächste Graves-Welt anbieten – Welt 4 also, indem wir die Denkmuster dieses Levels ansprechen. Vielleicht kommt das Gegenüber mit? Dann versuchen wir Welt 5....... Eine Welt, in die wir noch nicht gegangen sind, steht uns allerdings nicht offen, wir können deren Gedanken- und Entscheidungsgänge gar nicht nachvollziehen. Ein Jugendlicher, der zentriert in Welt 3 agiert und dessen Umgebung diese Strategien ebenfalls lebt, für den dieses das passendste System für seine Herausforderungen ist, dem ist bereits das Wertesystem von Welt 4 ganz einfach fremd. Seinswelten, die sich für uns noch nie bewährt haben, stehen uns auch nicht aktuell zur Verfügung. Was bedeutet das konkret für Schule? Kinder bewegen sich in Richtung Welt 4, um sich dieser schulischen Denkwelt anzupassen, sie sind aber noch lange nicht dort zu Hause. Klassische Graves-Welt der Pubertät ist die Welt 3 – mit starker hin zu-Orientierung (hin zu Sieg, hin zu Abenteuer, hin zu aufregend neuen Dingen) und noch in-time, d.h. ohne im Handeln die zukünftigen Auswirkungen mitdenken zu können. Welt 4 ist hingegen geprägt durch gut/böse (statt Gewinner/Verlierer) und vor allem through time, also „die Zeitlinie ein Stück in der Wahrnehmung haben“. Schule motiviert klassisch mit besseren Berufschancen, mit dem Jahreszeugnis bestenfalls, während ein Graves 3-Jugendlicher zukünftige Bewertungen gar nicht simulieren kann! Graves 3 bedeutet Bedürfnis nach „immediate rewarding“, die Belohnung muss gleich kommen, Strafandrohung wirkt kaum, Wettkampf motiviert am meisten, die größte Angst ist die, das Gesicht zu verlieren, und als Autorität akzeptiert wird nur „der/die Stärkere“. Stellen wir uns darauf ein?