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Alle Rechte liegen bei Kira Schumacher
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VATERLIEBE von Kira Schumacher
Ich komme gerade aus dem Gerichtsgebäude, als die Sms eintrifft. Die Sms von dir, klar und
deutlich zu erkennen an dem Klingelton, den du mir vor wie vielen Jahren eingespeichert hast?
Sieben? Acht? Es sind neun, jetzt erinnere ich mich. Weihnachten 2002, deine Mutter hatte mir das
Handy zum Geburtstag geschenkt und du mit deinen acht Jahren warst ganz besessen darauf, einen
eigenen Klingelton zu haben. Hippelig, wie nur du es sein kannst, saßt du neben mir und hast mich
dazu angeleitet, auch ja den richtigen Klingelton auf's Handy zu laden. Und damals war der einzig
richtige Klingelton »I wanna be like you« von King Louie aus dem Dschungelbuch. Damals
wolltest du noch sein wie ich. Das hat sich jetzt geändert, nicht wahr?
Obwohl es mich noch immer schwer trifft, es ist die einzig gesunde Einstellung. Schon seit
Monaten kann man mich nicht mehr als den Siegertyp bezeichnen, der ich in deinen Augen eine
lange Zeit war, jetzt ist es eher so, als würde ich die Aufschrift Loser mit mir herum tragen. Von
deiner Mutter getrennt zu sein, tut mir nicht gut. Und die Vorstellung, dich verlieren zu können, ist
wie ein Todesurteil für mich. Wer bin ich denn noch, ohne euch?
Aber Danielle war schon immer besser im Streiten als ich, sie war besser darin, aus allem eine
große Show zu machen und sie ist auch jetzt die Bessere darin, unsere Scheidung in einen
Höllentrip zu verwandeln. Nur willst du das gar nicht hören, nicht wahr? Für dich ist deine Mutter
noch immer der Engel auf Erden, du magst ihren neuen Mann und dessen Sohn ganz besonders. Ich
wünschte, ich könnte aufrichtig sein, wenn ich euch viel Glück wünsche, denn dass ich es dir
wünsche, ist gar keine Frage, aber ich kann ihn nicht mögen. Nicht, wenn er der Sohn von ihm ist,
Casey. Das verstehst du doch, oder? Dafür liebe ich deine Mutter zu sehr. Aber psst, sag ihr das
nicht, okay? Mir wäre es ja sogar lieber, würdest nicht einmal du es wissen. Doch die Zeiten, in
denen Geheimnisse in oder ein geheimnisvoller Vater cool waren, sind schon lange vorbei und du
erwartest die Wahrheit von mir.
Mit zittrigen Händen und einer guten Nachricht im ganzen Körper fischte ich das Handy aus meiner
Hosentasche, klappe es auf und lese die Kurznachricht, die du mir vermutlich in Eile geschrieben
hast. Du bist immer so hektisch und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann, aber ich habe ständig
das Gefühl, ich müsse etwas dagegen tun, weil du mir weg läufst, viel zu schnell und viel zu weit
weg von mir, weil dich der Strom der Zeit weiter spült, während ich mich mühsam gegen die
Strömung kämpfe, um den Kopf nicht zu verlieren.
Kaum habe ich die SMS gelesen, wird mir kalt. Mit deinen sechzehn Jahren weißt du schon sehr
genau, was du schreiben musst, um mich zu verletzen. Und Worte wie »Komme später. Mum und
Chris könnten sich nicht von einander trennen.« gehören zu den Dingen, die mich verletzen
müssen. Das weißt du auch und trotzdem nutzt du sie immer mal wieder, beinahe als würdest du
beweisen wollen, dass du mir nicht verziehen hast, dass deine Familie in Scherben zerbrochen ist.
Beinahe als würdest du mich erinnern wollen, dass du nicht Danielle, sondern nur mir die Schuld in
die Schuhe schiebst. So sehr du Chris auch magst, er wird nie dein Vater sein und dein Vater hat in
deinen Augen ziemlich schlecht abgeschnitten, im Kampf um seine Frau, um deine Mutter. Er hat
aufgegeben und das kannst du nicht vergessen, nicht wenn du mir ins Gesicht siehst, nicht wenn du
Zeit mit mir verbringst, nicht einmal als ich begonnen habe, um dich zu kämpfen. Aber du siehst
nicht klar. Du siehst nur, was du sehen willst. Du siehst nicht, wie unglücklich sie war, und du siehst
nicht, wie es mich zerreißt.
Aber bei Gott, ich will auch gar nicht, dass du das siehst. Da bin ich zehn Mal lieber der Schuldige,
der Sündenbock, als dass ich dir all die Narben an tue, die ich auf dem Herzen trage. Die hast du
nicht verdient, solchen Schmerz solltest du noch nicht kennen, in solche Abgründe solltest du noch
nicht blicken und ich sollte definitiv nicht der sein, der dich hinein blicken lässt. Trotzdem rollen
sich mir jedes Mal die Fußnägel hoch, wenn du mich so offenbar absichtlich verletzt. Trotzdem
bricht meine Atmung noch immer für ein paar Momente ein, wenn du mich so eiskalt abservierst.
Schweigend und mit gedämpfter Laune schiebe ich das Handy zurück, ohne dir geantwortet zu
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haben, du kannst dir wohl denken, dass ich im Café auf dich warten werde. Schließlich habe ich dir
das versprochen, schon vor langer Zeit, als noch alles in Ordnung war. Ich würde immer auf dich
warten, egal an welchem Punkt deines Lebens du dich befindest. Zu mir würdest du immer zurück
kehren, in mir ein Zuhause finden und einen Heimathafen haben können. Die Frage ist nur, ob du
dich daran noch erinnerst, ob du mein Warten schätzt. Denn auch wenn ich weiß, dass ich es unter
jeden Umständen tun würde, dass ich mich immer für dich aufopfern würde, ich wünsche mir, dass
du irgendwann mal sagst, »ich bin stolz auf dich, Papa«. Oder »Danke«. Wahrscheinlich würde mir
ein »Es bedeutet mir viel, dass du mich so unterstützt« schon reichen. Aber diese Worte kannst du
nicht aussprechen, nicht wahr? Sie wollen dir nicht über die Lippen kommen, sie klammern sich an
deiner Zunge fest und verbergen sich hinter deinen Zähnen. Gegen so viel Widerwillen kommst
nicht mal du an.
Der Weg zum Café ist der Gleiche, den ich schon viele Jahre gehe. Seit deiner Kindheit, weil es dort
den besten Kakao gibt und diese heiße Schokolade noch immer dein Lieblingsgetränk ist. Ich will
nicht leugnen, dass du erwachsen geworden bist, dass du jetzt auch dem Alkohol zu sagst, aber
wann immer ich dich treffe, trinkst du Kakao und ich finde das schön. Eine Sache, die bleibt wie sie
ist. In unseren Zeiten bedeuten diese Dinge wohl mehr als sie sollten.
Um mich herum ragen die alten Häuser hoch, die eine Altstadt nun einmal mit sich bringt, und
wenn ich in eine dieser niedlichen, kleinen Nebenstraßen einbiege und den Lärm der Hauptstraßen
hinter mir lasse, auf denen sich Busse Hubkonzerte und Cliquen von Halbstarken lautstarkes
Machogehabe liefern, kann ich sogar ein bisschen von der Hafenluft riechen, die ich so selten
einatme, seit Chris dort seine Zelte aufgeschlagen hat. Unter keinen Umständen würde ich riskieren,
den beiden zu begegnen. Und du? Ich habe gehört, du würdest den Hafen ebenso meiden wie ich.
Dass du nichts gegen Chris hast und seinen Sohn vergötterst, aber dass du es gleichzeitig auch nicht
über dich bringst, Chris bei sich Zuhause zu besuchen, ein anderes Zuhause zu akzeptieren als das,
in dem wir dich groß gezogen haben. Das erzählt man sich und ich schnappe Gesprächsfetzen auf,
so gehen Spione immer vor und manchmal komme ich mir vor, als wäre ich einer, manchmal
vermittelst du mir dieses Gefühl, dass ich meine eigene Tochter ausspioniere, weil sie ihr Glück nun
einmal an Orten sucht, die ich nicht erreichen kann.
Die braune Holztür knarrt, als ich sie aufdrücke und mir die vertraute, schwere Luft entgegen
schlägt, die ohne den vertrauten Lavendelduft, der vom Parfüm der Wirtin zeugt, nicht dieselbe
wäre. Irgendwie fühlen sich diese Treffen mit dir in diesem Café für mich immer wie nach Hause
kommen an, dabei weiß ich, dass sie nicht weiter davon entfernt sein könnten, wenigstens
geographisch gesehen. Wir treffen uns hier, weil wir es nicht aushalten ins Lager des jeweils
anderen zu wechseln. Ich kann in keine Wohnung kommen, in der es von Spuren von Chris
wimmelt, und du willst nicht zurückkehren in eine, die deiner Vergangenheit angehört. Und das
kann ich auch verstehen, denn selbst für mich ist die Wohnung nur noch ein Museum, ein Ort voller
Erinnerungen, ein Versprechen an mich, dass all das einmal wahr gewesen ist. Ein Zuhause für mein
gegenwärtiges Ich kann es nicht sein, weil sich das Ich meiner Vergangenheit nicht vertreiben lässt,
weil es sich ausdauernd dagegen wehrt, den Mietvertrag zu kündigen. Deshalb treffe ich mich gerne
hier mit dir, deshalb entkomme ich meinem Museum gerne und wenn es nur für eine halbe Stunde
ist. Weil es mir eine Zuflucht in meine Gegenwart bietet, weil du das bist, meine Gegenwart.
Nachdem ich die Wirtin begrüßt habe, auf unserem Stammplatz sitze und bereits die Getränke
bestellt habe, die wir immer trinken, knarrt die Tür wieder und mein Kopf schießt in die Höhe. Die
Momente, in denen du so greifbar für mich wirst, sind so kostbar, dass ich keinen von ihnen
verpassen will. Nicht einmal eine Millisekunde von ihnen. Und als du deinen Kopf in meine
Richtung drehst, als ich ihre Augen unter meinen Augenbrauen hervor blicken sehe, breitet sich in
mir eine Wärme aus, die mir schon vor einiger Zeit fremd geworden ist. Du und ich, wir sind nicht
besonders talentiert darin, einander warm zu halten. Wenn dir kalt war, gingst du schon immer zu
deiner Mutter. Ich war vielleicht derjenige, der mit dir Expeditionen zu deinem Nordpol aus FleeceDecken und Bettbezügen machen konnte, doch als Heizkörper diente ich nie. Vermutlich bin ich
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auch kein besonders qualitatives Material, um sich an mir zu wärmen. Viel zu geben habe ich
schließlich nicht mehr und meine Liebe zu dir wird immer mehr zu einem Geheimnis zwischen dir
und mir. Sie ist dir peinlich. Du willst dir ihrer nicht sicher sein, wenn du vor deinen Freunden von
deinem miserablen Vater sprichst, der dich einfach hat hängen lassen. Dass ich dich liebe, dass ich
dich so unendlich liebe, macht es dir noch schwerer, zu akzeptieren, dass zu Bruch gegangen ist,
was hätte heil bleiben müssen.
»Hallo Casey«, ich stehe auf und nehme dir den Kurzmantel ab, der sich sehr schmeichelhaft deiner
Figur anpasst. Daher kann ich den Jungen, der am Nebentisch sitzt, auch verstehen, als er dich
anstarrt. Trotzdem bekommt er von mir einen bösen Blick, der ihn beschämt den Kopf senken lässt.
Wenn du bei mir bist, soll dich kein anderer für sich beanspruchen. Dann bist du bei mir. Nur wegen
mir und nur für mich.
»Hallo Kurt.«
Schon wieder so eine Wortkombination, die mich verletzen muss. Nicht Papa, nein: Kurt. Sicher, da
gegen ist nichts zu sagen, immerhin nenne ich dich auch nicht ständig Töchterchen, sondern
benutze deinen Namen, aber manchmal komme ich mir aber nicht mehr vor wie Kurt. Zumindest
nicht wie der Kurt, der ich vor dir sein möchte. Einer, der als Vorbild agieren kann. Ein
Begeisternder. Und zu den meisten Zeiten habe ich das Gefühl, die einzige Rolle, die ich auch nur
noch annähernd würdevoll über die Bühne bringe, ist die des Vaters. Für mich wäre es leichter,
wenn du mir erlauben würdest, auch genau das für dich zu sein, ein Vater. Aber für dich ist es das
nicht, oder? Für dich ist es so einfacher. Mit dieser grausamen, zerreißenden Distanz zwischen uns,
die sich anfühlt wie das eiskalte Wasser, in das ich aus Leichtsinnigkeit in einem Winter meiner
Kindheit eingebrochen bin. Sie ist wie ein lebendiger Tod, sie umgibt dich, sie lähmt mich. Sie
trennt uns von der Realität, hält uns aber in Sichtweite. Anstatt uns zu erlauben, in eine Scheinwelt
abzudriften, die Augen zu schließen und in eine Dunkelheit zu sinken, hält sich uns dicht unter der
Oberfläche. Erinnert sie uns daran, dass wir hier lediglich einen Waffenstillstand stabilisieren
können. Die Züge für anderes sind schon lange abgefahren. Ich war zu spät, das hast du klar
gemacht, und das habe ich auch gewusst, als ich den Pfiff des Schaffners in der Stille widerhallen
hörte. Unser Zug ist abgefahren und du siehst mich nur noch aus dem Abteil an, durch ein Fenster.
Mit genügend Sicherheitsabstand siehst du dabei zu, wie du mich am Bahnsteig stehen lässt, wie du
mich zurück lässt, an einem Ort, an dem ich ohne dich nicht sein kann. Ohne sie ist es schon
schwer, beinahe unmöglich. Ohne dich ist dieser Ort eine Tortur.
»Wie geht es dir?«, meine Stimme zittert ein wenig, als wir uns einander gegenüber hinsetzen und
eine Schwelle übertreten. Eine Schwelle in eine andere Zeit, die mir so fremd ist, dass ich Angst vor
ihr habe.
»Gut und dir?«
Standartantworten tun mir auch weh. Und wenn ich dir in die Augen sehen muss, die deinen
Schmerz verraten, und du mir so dreist ins Gesicht lügst, dann sind das schreckliche Schmerzen in
mir. Schmerzen, die nicht gehen wollen. Schmerzen, die mir meine Bedeutungslosigkeit vor die
Augen führen.
»Auch«, ich lächele, obwohl in mir das Herz einfriert. »Willst du wissen, was heute im Gericht raus
gekommen ist?«
»Oh, die Entscheidung war heute?«
Natürlich weißt du das. Selbstverständlich willst du nur nicht hören, was das Ergebnis von
»Endgültig Zerbrochen« ist. Eine Scheidung, deinetwegen, wenn es denn nun einmal nicht anders
geht. Aber ein Streit um das Sorgerecht? Das geht dich etwas an, das müsste deine Entscheidung
sein. Wie kann ein Gericht das entscheiden? Wie kann irgendjemand entscheiden, wo du dein Leben
leben sollst? Wo dein Zuhause sein soll? Du hasst dieses Gericht und du hasst diese Sorgerecht und
manchmal sehe ich in deinen Augen den bitteren Wunsch, einfach durchzubrennen. Mit Chris'
Sohn. Irgendwohin in die Weite der Welt, so entfernt wie möglich von deiner Mutter, die derzeit
zwar glücklich ist, aber dich zu allem Überfluss am Straßenrand stehen lässt, und möglichst weit
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entfernt von deinem Vater, der so ein Pechvogel ist und dich immer wieder zwingt, mit ihm in die
Vergangenheit zu gucken, die doch so viel schöner und viel erträglicher ist, als seine Gegenwart.
»Ja. Also willst du es wissen?«
Eigentlich brenne ich darauf, es dir zu erzählen. In mir ist eine tiefe Sehnsucht nach dir und nach
einer Wahrheit von uns beiden, von dir und mir. Auch wenn du es nicht sehen kannst, wenn du es
nicht fühlen kannst, ich brauche dich, ich verzehre mich nach dir und ich halte die Nächte kaum
aus, in denen du mir so fern bist und in ihrem, im feindlichen Lager schläfst. Aber gleichzeitig sehe
ich auch deine defensive Position, seit du hierein gekommen bist. Kein warmes Lächeln für deinen
alten Mann, kein fröhliches Geplappere über deinen Schultag, über den neuen ach so heißen Star
am Hollywood-Himmel, nicht einmal Schwärmereien über seinen Sohn. Es ist so deutlich zu
erkennen, dass dir das Ergebnis Angst macht, dass du es fürchtest. Und ich will das nicht sein, ich
will nicht derjenige sein, der dir eine Nachricht überbringt, die du fürchtest. Ich wollte dich jubeln
hören, so wie ich innerlich jubelte, als die Entscheidung fiel.
»Ehrlich gesagt; nein.«
Ich habe es gewusst. Trotzdem trifft es mich unvorbereitet. »Oh.«
Du senkst den Blick, als ich zu getroffen bin, um den Schmerz in meiner Stimme zu regulieren. Du
runzelst die Stirn und stehst Qualen durch. In diesem Moment bin ich mir sicher, dass du mich
liebst, dass du mich noch immer liebst, und dass es dich so sehr zerreißt, dass du dir wünschen
würdest, es wäre anders. Dass alles anders wäre. Ich bin mir sicher, weil es bei mir genauso ist. Die
Liebe zu dir ist wie eine Zerreißprobe und ich falle durch. Ich lasse mich zerreißen, ich lasse mich
gehen und lasse im selben Atemzug zu, dass auch du zerrissen wirst. Das wollte ich doch nie. So
wollte ich nie sein.
»Es tut mir Leid, Papa.«
Ein »Muss es nicht« liegt mir auf der Zunge, aber ich kann es nicht aussprechen. Ich will es so sehr,
weil ich dir diesen Schmerz nehmen will, aber ich bin nicht in der Lage. Nenn' es Egoismus. Nenn'
es Unfähigkeit. Ich nenne es Liebe, aufrichtige Liebe. Ich nenne es Sehnsucht, aufrichtige
Sehnsucht. Du kannst mich nicht verlassen, du kannst nicht gehen, nicht jetzt, wo ich dich gerade
wieder gewonnen habe. Ich würde es nicht ertragen und das erträgst du nicht. Die Art, wie deine
Lippen beben, verrät dich. Du erträgst mich nicht mehr, weil ich so schrecklich zerbrechlich und
verletzbar geworden bin. Bei mir darfst du nie der Teenager sein, der du bist. Unmöglich kannst du
dich verhalten wie eine Sechzehnjährige sich eben verhält. Du darfst die Wut über die Welt nicht an
mir auslassen und du darfst mir nicht an den Kopf werfen, wie scheiße ich doch bin. Mit mir
zusammen zu sein ist für dich reines Abwägen, was du sagen darfst und was einen ausgewachsenen
Weltuntergang zur Folge hätte.
»Ich möchte das hier einfach nicht mehr«, deine Worte sind schrecklich, sie tun so abartig weh,
dabei bin ich mir sicher, in diesem Moment willst du das nicht einmal, »ich möchte mich nicht aus
dem Haus schleichen müssen, um mich irgendwo in einem Café zu treffen, weil wir uns auf so
dünnem Eis bewegen, dass es jederzeit einfach einbrechen kann und uns einem eisigen Tod
überlassen. Ich bin es so Leid, Papa. Angst zu haben, wütend zu sein. Das ist alles so Kräfte
zehrend.«
Für einen Moment holst du Luft. Du scheinst als würdest du ein letztes Mal die Kraft in dir
sammeln, während mir jegliche Kraft entgleitet.
»Und heute hätte eigentlich eine Erleichterung für mich sein müssen. Weil eine Entscheidung
einfach eine Erleichterung sein muss, aber ich bin heute morgen aufgewacht und hatte Angst. Angst,
dass die Richter sich für dich entscheiden könnten. Dass ich zu dir geschickt werden würde. Papa,
ich weiß, dass du mich liebst, so sehr. Vielleicht mehr als Mama mich liebt, vielleicht sogar mehr
als sie mich lieben kann, und fuck ey, ich liebe dich auch, aber mit dir zusammen sein, das ist so
anstrengend. Das ist wie ein Leben in Schwarz Weiß und ohne Ton. Ich muss immer erraten, was
gerade die Sachlage ist, und wenn ich daneben liege, zerbricht irgendetwas in dir. Das ist grausam.
Wie kann ich als Tochter meinen Vater zerbrechen?«
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Deine Hände ballen sich um die Tasse Kakao, die vor dir steht, zu Fäusten, während ich meine in
mein Fleisch ramme, damit der Schmerz in meinem Herzen bloß nicht größer wird, als der äußere
Schmerz.
»Es tut mir so Leid, Papa, aber ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich will nicht zu dir. Ich will
zu Mama und zu Chris und zu Daniel. Ich will so unendlich glücklich werden und das kann ich
nicht, wenn ich immer die Vergangenheit mit mir herum tragen kann. Weißt du, ihr macht es mir so
abartig schwer, dabei hab ich gar nichts damit zu tun. Ich kann doch nichts dafür, dass Mama sich in
Chris verliebt hat und dass du ein Feigling bist, weil du nicht um sie kämpfst. Ich kann einfach
nichts dagegen tun, dass es so gekommen ist, aber jetzt muss ich darunter leiden. Und der einzige,
bei dem ich nicht leiden muss, ist Daniel. Aber von dir höre ich immer nur, auch wenn du es nie
aussprichst, wie wenig du mir dieses Glück mit Daniel doch gönnst. Dabei tut er mir viel besser als
du es je konntest. Er liebt mich so völlig anders als du. Bei ihm kann ich einfach nur ich sein,
launisch, zickig und unversöhnlich. Bei dir darf ich einfach nicht so sein und das ertrage ich nicht
mehr. Es tut mir so Leid, Papa. Wirklich.«
Deine Knochen knacken, als du aufstehst. Und meine brechen, als du mir Geld auf den Tisch legst,
um deinen Kakao selbst zu bezahlen.
»Nein«, kommt mir über die Lippen, ohne dass ich mich bewege oder den Blick von meinen Knien
hebe. »Nein, steck' das Geld wieder ein. Ich bezahle.«
Einen Moment zögerst du. Vielleicht fragst du dich, ob ich mir das leisten kann. Dann nimmst du
das Geld zurück, steckst es wieder in dein Portmonee und streichst dir Tränen aus dem
Augenwinkel. Die Handtasche über deiner Schulter kommst du zu mir herüber und drückst mir
einen Kuss auf die Wange.
»Du wirst immer mein Papa bleiben, hörst du?«
Ich höre es.
»Ich verspreche es dir.«
Ich glaube es.
»Für immer.«
Für immer, Casey. Für immer.