Kritik im Bund

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Kritik im Bund
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KULTUR
SAMSTAG, 3. NOVEMBER 2007
Musikalische
Ehrerbietungen
Sechzehn Schweizer Bands
huldigen auf der CD «Tribute»
dem gesangspausierenden Polo
Hofer. Das Leistungsgefälle ist
gross.
ANE HEBEISEN
Warum sich 16 Schweizer Bands geradejetztzueinerHommageaufden
Berner Mundartrock-Erfinder Polo
Hofer haben hinreissen lassen, ist
nicht so recht klar. Eine Aufmunterung für einen, der von seinem Arzt
gerade eine stimmschonende Gesangspause auferlegt bekommen
hat? Egal. Den Meister freuts, wie er
auf seiner Heimseite verlauten lässt:
«Ich fühle mich geehrt», schreibt er,
wobei er keinen Einfluss auf die Idee
und die Produktion dieser CD gehabt habe. Wie bei derartigen Projekten üblich, ist das Leistungsgefälle der Beiträge erheblich: Während
Kuno Lauener und seine Mannen
«EsBlattimWind»mitstaunenswerter Lockerheit zu einem sexy ZüriWest-Songverbiegen,dasmenschliche Klangkraftwerk Bruno Amstad
den «Teddybär» zu einem scheppernden Bio-Hip-Hop-Gospel deformiert und Resli Burri «E Rägetag
am Meer» zum charmanten Bossa
Nova umfunktioniert, bekunden
andere grössere Mühe, mit der Vorgabe etwas Sinnvolles anzustellen.
Sandees Deutung von «Stets in
Truure» ersäuft beispielsweise kurvenlos in grossgestigem Pathos, QLs
«Lotti Lotti» in einfältigem FestzeltPunkgehabe und Corin Curschellas
steigert das besungene Elend des
Songs «Die Gfallene Ängel» mit bedrohlich wackliger Stimme.
Trotz des beachtlichen Staraufgebots – des Weiteren sind Coverversionen von so honorigen Volkshelden wie Sina, Stop The Shopper,
Stiller Has, Michael von der Heide,
Plüsch oder Patent Ochsner zu hören – gibt es am Ende dieses launigen Tonträgers erstaunlich wenig
zu erzählen. Grosse Aufreger bleiben ebenso aus wie grosse Sternstunden.
[i] DIE CD Diverse: Polo Hofer «Tribute» (Sound Service).
KULTURNOTIZEN
Fotos von Nazi-Beutekunst
NEW YORK In den USA sind zwei
Fotoalben aufgetaucht, die dokumentieren, welche Kunstschätze
die Nazis während des Krieges in
Frankreich geraubt haben.
Die Entdeckung sei einer der wichtigsten Funde zur NS-Beutekunst
seit den Nürnberger Prozessen. (sda)
Die Schöpfungsgeschichte als Quickie: Im Schlachthaus Theater wird hyperaktives Theater mit beachtlichem Informationsgehalt geboten.
JUDITH SCHÖNENBERGER
Lehrreiche Doktorspiele
Kein zweideutiges, sondern ein eindeutiges Vergnügen: «Pussy ’n’ Pimmel» der Theatergruppe Kolypan
Die Aufklärungsshow im
Schlachthaus-Theater verdünnt das pädagogisch Wertvolle mit Albernheit und Slapstick – und stimuliert dabei
vor allem die Hirnzellen.
REGULA FUCHS
Sex ist eine Fremdsprache. Jedenfalls am Anfang, als die Band The
Sex Doctors das Publikum mit einem Kauderwelsch von Ausdrücken wie Coitus interruptus, Intimrasur, kosmische Liebe oder Bonobo-Affen begrüsst. Die genannten
Begriffe haben allerdings alle ihren
Auftritt in der Aufklärungsshow
«Pussy ’n’ Pimmel» der Zürcher
Gruppe Kolypan. Das Stück für Jugendliche ab 12 Jahren und Erwachsene ist ein Kuddelmuddel
aus Geständnissen im Bekenntniston (Dr. Dorian alias Thomas U.
Hostettler erzählt, wie er mit zwölf
von seiner Nachbarin und Sex auf
dem Sessellift träumte), einem Kasperletheater mit den GenitalpuppenPussyundPimmel,einemBlick
in die Geschichte der Sexualkunde
sowieeinemkleinenanatomischen
Grundkurs.
Die acht Stufen des Kamasutra
Also aufgepasst! Schon wird der
Hellraumprojektor aufgefahren.
Wer hats erfunden? Etwa Zeus, der
aus dem dritten Geschlecht mit einem Schwerthieb Mann und Frau
schuf, oder der biedere Gott, der
nicht Pussy und Pimmel, sondern
Schnäggli und Schnäbeli sagt. Darwin spielt auf seiner Gitarre den
Blues von der Evolution und der Penetration, Dr. Kinsey stellt intime
Fragen, Freud missdeutet Träume,
und die Schauspielerin Fabienne
Hadorn erklärt als Kamasutra-Instruktor im herrlich affigen Pidgin-
Deutsch die acht Stufen der indischen Liebeslehre.
Dieses vierköpfige Doktor-Sommer-Team – neben Hadorn und
Hostettler spielen Vivien Bullert
und Gustavo Nanez – erzählt in einem atemberaubenden Tempo
(die Schöpfungsgeschichte plus
Sündenfall ist ein zirka 30-sekündiger Quickie) und mit den bewährten Mitteln desTrash-Theaters: Dazu gehört Musik, dieser wunderbare Gefühlsgenerator, und kistenweise Verbrauchsmaterial. So wird
denn der anatomisch-informative
Teil zu einem Höhepunkt der an
Höhepunkten nicht eben darbenden Show, bei dem die Phantasie
spriesst und wuchert – wie im Kinderzimmer, wenn aus einfachsten
Gegenständen ganze Welten entstehen. Mit Plastiksäcken, einer
Tuba,Nylonstrümpfen,Notenständern und einem Kaktus werden
flugs einleuchtende Modelle der
männlichen und weiblichen GeschlechtsorganegebautundvoneinerverständnisvollenFrauenärztin
und einem kalauernden Urologen
fachmännisch erläutert. Und auch
für Erwachsene gibts wertvolle Informationen:
Beispielsweise
menstruierteineFrauinihremganzenLebeneinenFiat-TankvollBlut,
und Männern können vom Östrogen im Bier Brüste wachsen.
Konstant hoher Erregungspegel
Die angepeilte Kundschaft von
«Pussy ’n’ Pimmel» sind aber natürlichdieJugendlichen,vondenen
es in der Premiere leider praktisch
keine hatte. Ein Anliegen von Kolypan ist es, ihnen den Druck zu nehmen und zu erklären, dass Sex nicht
bloss Gang-Bang und Dauererektion ist, sondern auch mit Gefühlen
zu tun hat. Die pädagogisch wertvollenundgutgemeintenRatschläge werden allerdings mit derart viel
Albernheit und Slapstick verdünnt,
dass die Botschaft auch für ein älteres Publikum ohne weiteres konsumierbar ist – und dabei hat man
auch nicht das Gefühl, dass diese
Crew einem ständig eintrichtern
muss, wie unverklemmt und locker
sie ist.
«Pussy’n’Pimmel»,dasisthyperaktives Theater, bei dem der Erregungspegel konstant hoch ist und
sichwunderbareRegie-Einfälletürmen, bis es tropft und spritzt. Mit
dem ständigen ZweideutigkeitsterrorausWerbungundMedienhat
dieses Aufklärungsstück aber rein
garnichtszutun:Stimuliertwerden
in «Pussy ’n’ Pimmel» vor allem die
Hirnzellen. Lust, das beweist Kolypan, entsteht zuerst im Kopf.
[i] WEITERE AUFFÜHRUNGEN
Samstag, 3. November, 20.30 Uhr,
Sonntag, 4. November, 19 Uhr im
Schlachthaus-Theater Bern.
Ungeschliffene Schönheit
Die Gruppe Two Gallants scheint ihren Sound auf den staubigen Landstrassen zwischen New Mexico und den Appalachen zu ersinnen
Wild, wütend und eindringlich: Auf seinem dritten Album
verfeinert das kalifornische
Duo Two Gallants seinen
Country-Punk-Blues, ohne ihn
aber abzuschleifen oder zu
zähmen.
CHRISTIAN GASSER
Schlagzeug, Gitarre und Stimme.
DannundwannkrächztdieMundharmonika, durch einen oder zwei
Songs streicht ein Cello. Das reicht.
Damit erzeugen Adam Stephens
und Tyson Vogel Musik von einer
kaum zu überbietenden Rohheit,
Intensität und Schönheit.
Die beiden Kalifornier, die sich
seit dem Kindergarten kennen,
sind erst Mitte zwanzig, aber sie
klingen, als seien sie seit Jahrzehnten unterwegs auf allen staubigen Landstrassen zwischen
New Mexico und den Appalachen
und würden in jedem Kaff, hinter
jedem Hügel und in jedem Strassengraben neue musikalische
Ideen und Storys aufspüren und
umgehend in ihre explosive
Fusion aus Americana und Punk
einbauen.
Ohne Rücksicht aufVerluste
Auf ihrem dritten Album «Two
Gallants» (Saddle Creek/Irascible)
setzen die zwei Kavaliere dort ein,
wo sie uns, atemlos und erschlagen
von seiner schierenWucht, auf dem
letztjährigen «What The Toll Tells»
verlassen haben.
Der Sound ist unverkennbar:
Das gnadenlos nach vorne gemischte Fingerpicking von Adam
Stephens, kraftvoller und elektrischer als das protzigste Hardrockriff; das virtuos Tempo und Stimmung variierende Trommeln von
Tyson Vogel, das mit Gitarre und
Stimme zu einer begeisternden
rhythmischen Einheit verschmilzt;
und natürlich, als das unverwechselbarste Merkmal, Stephens
meistens in höhereTonlagen drän-
gende Stimme – er singt, heult und
schreit, er klagt und klagt an,
wütend oder selbstmitleidig und
immer ohne Rücksicht auf
Verluste.
Gedrosselte Dringlichkeit
Mehr als eine Wiederholung des
Vorgängers ist «Two Gallants» eine
stilsichere Weiterentwicklung mit
dengleichenMitteln.Wo«WhatThe
TollTells» durch sein offenkundiges
Streben nach maximaler Eindringlichkeit gerade diese streckenweise
unterlief, haben sich Stephens und
Vogel die Selbstsicherheit und den
Mut erspielt, das Tempo bisweilen
zu drosseln und die Intensität
herunterzufahren.
Statt seine Stimme immer zu
strapazieren, erlaubt sich Stephens manchmal ein Flüstern –
am Schönsten in der Ballade «Fly
Low Carrion Crow», in welchem er,
sich geradezu selbstvergessen auf
der Klampfe begleitend, das Ende
einer Liebe besingt: «What speak
you of a love so bold / No song
could sing no word could hold /
Well I’ll tell you now of an end foretold / And a life long wait for death’s
parole». Dieser grössere Reichtum
an Variationen und Stimmungen
schärft letztlich die Dynamik und
damit auch die Intensität des
Albums – und erhöht auch die Aufmerksamkeit Stephens’ bilder-
Rau und schön: Two Gallants.
ZVG
reich mäandernden Wortkaskaden gegenüber.
SelbstquälereiundRechthaberei
Überhaupt–dieseTexte!Mitderselben Selbstverständlichkeit, mit
der Two Gallants die Musik des
ländlichen Amerikas durchpflügen, knüpft Stephens an die klassischen Mythen der populären amerikanischen Musik an und erzählt
mit einem Hang zu Selbstquälerei
und Rechthaberei von Mördern,
Aussenseitern und Sonderlingen,
vonTrinkernundTräumernundihren Tränen und, auf dem neuen Album, immer wieder von der grossen Liebe und ihrem Scheitern. «I
don’t want to see you fall I just want
toseeyoufail»–mitdiesemWunsch
rächt sich der Sitzengelassene in
«Reflections Of The Marionette» an
der grausamen Liebhaberin, für die
er nur eine One-Man-Show gewesen ist.
Auch wenn Two Gallants ihre
Songs, die zuvor bis zehn Minuten
lang waren, auf durchschnittlich
fünfeinhalb Minuten gestutzt haben, bleiben sie erfrischend radiountauglich: Sie sind zu lang und zu
sperrig. In der klassischenTradition
der erzählenden Ballade stehend,
verzichten sie weitgehend auf die
Strophe-Strophe-Refrain-Struktur
und reduzieren die Refrains auf ein
Minimum, die Songs bleiben offen,
scheren immer wieder in unerwartete Richtungen aus, schlagen
überraschende Haken – und das
immer, um Stephens leidenschaftlichen und verschlungenen Storys
zu folgen. Minimalismus und Reduktion. Darin finden Two Gallants
ihre Originalität. Im Umkreisen des
Wesentlichen. Im Weglassen des
Unnötigen. Im Behalten von Knochen, Muskeln und Nerven. Im Respekt vor der natürlichen Rohheit
wahrer Schönheit.
[i] ALBUM UND KONZERT Two
Gallants: «Two Gallants» (Saddle
Creek/Irascible). Die Band spielt
am Montag, 3. Dezember, in Bad
Bonn zu Düdingen.