Kritik im Bund
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Kritik im Bund
43 KULTUR SAMSTAG, 3. NOVEMBER 2007 Musikalische Ehrerbietungen Sechzehn Schweizer Bands huldigen auf der CD «Tribute» dem gesangspausierenden Polo Hofer. Das Leistungsgefälle ist gross. ANE HEBEISEN Warum sich 16 Schweizer Bands geradejetztzueinerHommageaufden Berner Mundartrock-Erfinder Polo Hofer haben hinreissen lassen, ist nicht so recht klar. Eine Aufmunterung für einen, der von seinem Arzt gerade eine stimmschonende Gesangspause auferlegt bekommen hat? Egal. Den Meister freuts, wie er auf seiner Heimseite verlauten lässt: «Ich fühle mich geehrt», schreibt er, wobei er keinen Einfluss auf die Idee und die Produktion dieser CD gehabt habe. Wie bei derartigen Projekten üblich, ist das Leistungsgefälle der Beiträge erheblich: Während Kuno Lauener und seine Mannen «EsBlattimWind»mitstaunenswerter Lockerheit zu einem sexy ZüriWest-Songverbiegen,dasmenschliche Klangkraftwerk Bruno Amstad den «Teddybär» zu einem scheppernden Bio-Hip-Hop-Gospel deformiert und Resli Burri «E Rägetag am Meer» zum charmanten Bossa Nova umfunktioniert, bekunden andere grössere Mühe, mit der Vorgabe etwas Sinnvolles anzustellen. Sandees Deutung von «Stets in Truure» ersäuft beispielsweise kurvenlos in grossgestigem Pathos, QLs «Lotti Lotti» in einfältigem FestzeltPunkgehabe und Corin Curschellas steigert das besungene Elend des Songs «Die Gfallene Ängel» mit bedrohlich wackliger Stimme. Trotz des beachtlichen Staraufgebots – des Weiteren sind Coverversionen von so honorigen Volkshelden wie Sina, Stop The Shopper, Stiller Has, Michael von der Heide, Plüsch oder Patent Ochsner zu hören – gibt es am Ende dieses launigen Tonträgers erstaunlich wenig zu erzählen. Grosse Aufreger bleiben ebenso aus wie grosse Sternstunden. [i] DIE CD Diverse: Polo Hofer «Tribute» (Sound Service). KULTURNOTIZEN Fotos von Nazi-Beutekunst NEW YORK In den USA sind zwei Fotoalben aufgetaucht, die dokumentieren, welche Kunstschätze die Nazis während des Krieges in Frankreich geraubt haben. Die Entdeckung sei einer der wichtigsten Funde zur NS-Beutekunst seit den Nürnberger Prozessen. (sda) Die Schöpfungsgeschichte als Quickie: Im Schlachthaus Theater wird hyperaktives Theater mit beachtlichem Informationsgehalt geboten. JUDITH SCHÖNENBERGER Lehrreiche Doktorspiele Kein zweideutiges, sondern ein eindeutiges Vergnügen: «Pussy ’n’ Pimmel» der Theatergruppe Kolypan Die Aufklärungsshow im Schlachthaus-Theater verdünnt das pädagogisch Wertvolle mit Albernheit und Slapstick – und stimuliert dabei vor allem die Hirnzellen. REGULA FUCHS Sex ist eine Fremdsprache. Jedenfalls am Anfang, als die Band The Sex Doctors das Publikum mit einem Kauderwelsch von Ausdrücken wie Coitus interruptus, Intimrasur, kosmische Liebe oder Bonobo-Affen begrüsst. Die genannten Begriffe haben allerdings alle ihren Auftritt in der Aufklärungsshow «Pussy ’n’ Pimmel» der Zürcher Gruppe Kolypan. Das Stück für Jugendliche ab 12 Jahren und Erwachsene ist ein Kuddelmuddel aus Geständnissen im Bekenntniston (Dr. Dorian alias Thomas U. Hostettler erzählt, wie er mit zwölf von seiner Nachbarin und Sex auf dem Sessellift träumte), einem Kasperletheater mit den GenitalpuppenPussyundPimmel,einemBlick in die Geschichte der Sexualkunde sowieeinemkleinenanatomischen Grundkurs. Die acht Stufen des Kamasutra Also aufgepasst! Schon wird der Hellraumprojektor aufgefahren. Wer hats erfunden? Etwa Zeus, der aus dem dritten Geschlecht mit einem Schwerthieb Mann und Frau schuf, oder der biedere Gott, der nicht Pussy und Pimmel, sondern Schnäggli und Schnäbeli sagt. Darwin spielt auf seiner Gitarre den Blues von der Evolution und der Penetration, Dr. Kinsey stellt intime Fragen, Freud missdeutet Träume, und die Schauspielerin Fabienne Hadorn erklärt als Kamasutra-Instruktor im herrlich affigen Pidgin- Deutsch die acht Stufen der indischen Liebeslehre. Dieses vierköpfige Doktor-Sommer-Team – neben Hadorn und Hostettler spielen Vivien Bullert und Gustavo Nanez – erzählt in einem atemberaubenden Tempo (die Schöpfungsgeschichte plus Sündenfall ist ein zirka 30-sekündiger Quickie) und mit den bewährten Mitteln desTrash-Theaters: Dazu gehört Musik, dieser wunderbare Gefühlsgenerator, und kistenweise Verbrauchsmaterial. So wird denn der anatomisch-informative Teil zu einem Höhepunkt der an Höhepunkten nicht eben darbenden Show, bei dem die Phantasie spriesst und wuchert – wie im Kinderzimmer, wenn aus einfachsten Gegenständen ganze Welten entstehen. Mit Plastiksäcken, einer Tuba,Nylonstrümpfen,Notenständern und einem Kaktus werden flugs einleuchtende Modelle der männlichen und weiblichen GeschlechtsorganegebautundvoneinerverständnisvollenFrauenärztin und einem kalauernden Urologen fachmännisch erläutert. Und auch für Erwachsene gibts wertvolle Informationen: Beispielsweise menstruierteineFrauinihremganzenLebeneinenFiat-TankvollBlut, und Männern können vom Östrogen im Bier Brüste wachsen. Konstant hoher Erregungspegel Die angepeilte Kundschaft von «Pussy ’n’ Pimmel» sind aber natürlichdieJugendlichen,vondenen es in der Premiere leider praktisch keine hatte. Ein Anliegen von Kolypan ist es, ihnen den Druck zu nehmen und zu erklären, dass Sex nicht bloss Gang-Bang und Dauererektion ist, sondern auch mit Gefühlen zu tun hat. Die pädagogisch wertvollenundgutgemeintenRatschläge werden allerdings mit derart viel Albernheit und Slapstick verdünnt, dass die Botschaft auch für ein älteres Publikum ohne weiteres konsumierbar ist – und dabei hat man auch nicht das Gefühl, dass diese Crew einem ständig eintrichtern muss, wie unverklemmt und locker sie ist. «Pussy’n’Pimmel»,dasisthyperaktives Theater, bei dem der Erregungspegel konstant hoch ist und sichwunderbareRegie-Einfälletürmen, bis es tropft und spritzt. Mit dem ständigen ZweideutigkeitsterrorausWerbungundMedienhat dieses Aufklärungsstück aber rein garnichtszutun:Stimuliertwerden in «Pussy ’n’ Pimmel» vor allem die Hirnzellen. Lust, das beweist Kolypan, entsteht zuerst im Kopf. [i] WEITERE AUFFÜHRUNGEN Samstag, 3. November, 20.30 Uhr, Sonntag, 4. November, 19 Uhr im Schlachthaus-Theater Bern. Ungeschliffene Schönheit Die Gruppe Two Gallants scheint ihren Sound auf den staubigen Landstrassen zwischen New Mexico und den Appalachen zu ersinnen Wild, wütend und eindringlich: Auf seinem dritten Album verfeinert das kalifornische Duo Two Gallants seinen Country-Punk-Blues, ohne ihn aber abzuschleifen oder zu zähmen. CHRISTIAN GASSER Schlagzeug, Gitarre und Stimme. DannundwannkrächztdieMundharmonika, durch einen oder zwei Songs streicht ein Cello. Das reicht. Damit erzeugen Adam Stephens und Tyson Vogel Musik von einer kaum zu überbietenden Rohheit, Intensität und Schönheit. Die beiden Kalifornier, die sich seit dem Kindergarten kennen, sind erst Mitte zwanzig, aber sie klingen, als seien sie seit Jahrzehnten unterwegs auf allen staubigen Landstrassen zwischen New Mexico und den Appalachen und würden in jedem Kaff, hinter jedem Hügel und in jedem Strassengraben neue musikalische Ideen und Storys aufspüren und umgehend in ihre explosive Fusion aus Americana und Punk einbauen. Ohne Rücksicht aufVerluste Auf ihrem dritten Album «Two Gallants» (Saddle Creek/Irascible) setzen die zwei Kavaliere dort ein, wo sie uns, atemlos und erschlagen von seiner schierenWucht, auf dem letztjährigen «What The Toll Tells» verlassen haben. Der Sound ist unverkennbar: Das gnadenlos nach vorne gemischte Fingerpicking von Adam Stephens, kraftvoller und elektrischer als das protzigste Hardrockriff; das virtuos Tempo und Stimmung variierende Trommeln von Tyson Vogel, das mit Gitarre und Stimme zu einer begeisternden rhythmischen Einheit verschmilzt; und natürlich, als das unverwechselbarste Merkmal, Stephens meistens in höhereTonlagen drän- gende Stimme – er singt, heult und schreit, er klagt und klagt an, wütend oder selbstmitleidig und immer ohne Rücksicht auf Verluste. Gedrosselte Dringlichkeit Mehr als eine Wiederholung des Vorgängers ist «Two Gallants» eine stilsichere Weiterentwicklung mit dengleichenMitteln.Wo«WhatThe TollTells» durch sein offenkundiges Streben nach maximaler Eindringlichkeit gerade diese streckenweise unterlief, haben sich Stephens und Vogel die Selbstsicherheit und den Mut erspielt, das Tempo bisweilen zu drosseln und die Intensität herunterzufahren. Statt seine Stimme immer zu strapazieren, erlaubt sich Stephens manchmal ein Flüstern – am Schönsten in der Ballade «Fly Low Carrion Crow», in welchem er, sich geradezu selbstvergessen auf der Klampfe begleitend, das Ende einer Liebe besingt: «What speak you of a love so bold / No song could sing no word could hold / Well I’ll tell you now of an end foretold / And a life long wait for death’s parole». Dieser grössere Reichtum an Variationen und Stimmungen schärft letztlich die Dynamik und damit auch die Intensität des Albums – und erhöht auch die Aufmerksamkeit Stephens’ bilder- Rau und schön: Two Gallants. ZVG reich mäandernden Wortkaskaden gegenüber. SelbstquälereiundRechthaberei Überhaupt–dieseTexte!Mitderselben Selbstverständlichkeit, mit der Two Gallants die Musik des ländlichen Amerikas durchpflügen, knüpft Stephens an die klassischen Mythen der populären amerikanischen Musik an und erzählt mit einem Hang zu Selbstquälerei und Rechthaberei von Mördern, Aussenseitern und Sonderlingen, vonTrinkernundTräumernundihren Tränen und, auf dem neuen Album, immer wieder von der grossen Liebe und ihrem Scheitern. «I don’t want to see you fall I just want toseeyoufail»–mitdiesemWunsch rächt sich der Sitzengelassene in «Reflections Of The Marionette» an der grausamen Liebhaberin, für die er nur eine One-Man-Show gewesen ist. Auch wenn Two Gallants ihre Songs, die zuvor bis zehn Minuten lang waren, auf durchschnittlich fünfeinhalb Minuten gestutzt haben, bleiben sie erfrischend radiountauglich: Sie sind zu lang und zu sperrig. In der klassischenTradition der erzählenden Ballade stehend, verzichten sie weitgehend auf die Strophe-Strophe-Refrain-Struktur und reduzieren die Refrains auf ein Minimum, die Songs bleiben offen, scheren immer wieder in unerwartete Richtungen aus, schlagen überraschende Haken – und das immer, um Stephens leidenschaftlichen und verschlungenen Storys zu folgen. Minimalismus und Reduktion. Darin finden Two Gallants ihre Originalität. Im Umkreisen des Wesentlichen. Im Weglassen des Unnötigen. Im Behalten von Knochen, Muskeln und Nerven. Im Respekt vor der natürlichen Rohheit wahrer Schönheit. [i] ALBUM UND KONZERT Two Gallants: «Two Gallants» (Saddle Creek/Irascible). Die Band spielt am Montag, 3. Dezember, in Bad Bonn zu Düdingen.