Musikalische Aspekte des russischen Neoklassizismus am Beispiel
Transcription
Musikalische Aspekte des russischen Neoklassizismus am Beispiel
Künstlerische Masterarbeit Universität für Musik und darstellende Kunst Graz Institut für Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren Studienrichtung Dirigieren Musikalische Aspekte des russischen Neoklassizismus am Beispiel von Sergej Prokofjew Wissenschaftliche Masterarbeit eingereicht bei: Ao.Univ.Prof. Mag.phil. Dr.phil. Harald Haslmayr Künstlerische Masterarbeit eingereicht bei: Univ. Prof. Martin Sieghart Matrikelnummer: 0337714 Für das Studium: V 066 706 Julija Domaševa Hafnerriegel 64/8, 8010 Graz, Österreich „Of course I have used dissonance in my time, but there has been too much dissonance. Bach used dissonance as good salt for his music. Others applied pepper, seasoned the dishes more and more highly, till all healthy appetites were sick and until the music was nothing but pepper.” Sergej Prokofjew Danksagung Diese Arbeit involvierte eine Reihe von Person, die durch ihre Erfahrung und Zutun zum Erfolg dieser Arbeit beigetragen haben. Auch wenn ich im Folgenden nur einige erwähne, so möchte ich doch allen, die beteiligt waren, ganz herzlich danken. Als Erstes möchte ich mich bei meinen Eltern und meinem Bruder bedanken, denn ohne ihre Hilfe wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Ein besonderer Dank geht an Rui Costa: Danke für seine Geduld und Objektivität bei den Korrekturen. Schließlich bedanke ich mich bei Ao.Univ.Prof. Mag.phil. Dr.phil. Harald Haslmayr und Univ. Prof. Martin Sieghart für ihre Ratschläge und für die unkomplizierte Betreuung beim Verfassen dieser Masterarbeit. Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ..................................................................................................................5 2. Allgemeine Informationen über den Neoklassizismus und seine Komponisten ......7 3. Sergej Prokofjews musikalische Linien....................................................................9 3.1. Die Entwicklung der Harmonik hin zum Neoklassizismus .............................12 4. Russische Volksmusik als Teil der Kompositionsmittel bei Prokofjew im Vergleich zu Strawinsky und Schostakowitsch .............................................................13 5. Instrumentation Prokofjews im Vergleich zu Strawinsky und Schostakowitsch ..17 6. Persönlicher Umgang des/der Dirigenten/in mit den musikalischen Angaben ......22 6.1. Interpretatorische Aspekte ...............................................................................23 6.2. Körpersprache und Emotionen ........................................................................23 7. Zusammenfassung ..................................................................................................26 8. Anhang ....................................................................................................................27 9. Literaturverzeichnis ................................................................................................28 4 1. Einleitung „Prokofieff war und blieb einer der echtesten Russen unter den russischen Musikern, viel unmittelbarer und schlichter als Strawinsky, den man ihm unangebrachterweise so oft gegenübergestellt hat. An ihm war immer, von Anfang bis Ende, eine fast naive Frische. Und das kommt vielleicht daher, daß man in seiner Musik so unverhüllt den Menschen findet, den wir durch sie von ganzem Herzen liebgewonnen haben.“1 In der vorliegenden Arbeit findet man verschiedene Quellen zu russischen neoklassizistischen Komponisten und ihren Werken. Am Beispiel von Sergej Prokofjew werden die besonderen musikalischen Aspekte des russischen neoklassizistischen Stils beleuchtet. Für mich ist dieses Thema interessant, weil ich die symphonischen Werke dieses Komponisten sehr ansprechend finde, er jedoch im Vergleich zu den anderen großen russischen neoklassizistischen Komponisten (z. B. Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch) in der heutigen musikalischen Welt nicht so viel Beachtung findet. Diese Arbeit soll als Orientierung dienen, um eine Interpretation der Werke auf der Basis von theoretischen Schriften in die Praxis umsetzen zu können. Sie soll aufzeigen, worauf ein/eine Dirigent/in achten muss, wenn er/sie Orchesterwerke von russischen neoklassizistischen Komponisten einstudiert. Dazu werden die Schwierigkeiten dargelegt, die dabei auftreten können, und zudem wird erwähnt, was der/die Dirigent/in beachten sollte, wenn er/sie eine Interpretation erzielen möchte, die die vom Komponisten beabsichtigten Emotionen beim Zuhörer erzeugt. Die schwierige Situation nach der Oktoberrevolution veranlasste Prokofjew 1918 dazu, Russland zu verlassen und in die USA zu emigrieren. Es gelang ihm jedoch nicht, dort Fuß zu fassen, sodass er sich im April 1920 entschieden hat in Frankreich einen weiteren Neuanfang zu wagen. Im Jahr 1923 heiratete Sergej Prokofjew die spanische Sängerin Carolina Codina, die später auch oft seine Werke aufführte. Zahlreiche Konzertreisen als Dirigent und vor allem als Pianist führten ihn wieder mehrfach in die Sowjetunion und im Jahr 1936 entschloss er sich, mit seiner Familie wieder zurück in sein Heimatland zu ziehen. 1 René Dumesnil, “Le Monde”, Paris, 10 März 1953 (zit. n. „Musik der Zeit“ Dr. Heinrich, Serge Prokofieff, 1953 by Boosey & Hawkes, S. 6.) 5 “Andrey Boreyko, the Russian émigré conductor of the Winnipeg Symphony, heard a corroborating tale from Syatoslav Prokofieff: “When my father was asked why he moved back to Russia in 1936 he said, “I didn’t like to be Russian composer No.2 in Europe after Stravinsky, and No.2 in the U.S. after Rachmaninoff. ‘I liked to be No.1, and that’s why I chose Soviet Russia.’ (“Ironically,” Boreyko adds, “in Russia he became No. 2 after Shostakovich, at least for many serious musicians!”).”2 Nach allgemeiner Meinung wird Sergej Prokofjew neben Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch als einer der wichtigsten russischen Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen. Er galt als sehr gesellschaftskritischer Künstler. Im Gegensatz zu Strawinsky, der seine Heimat nur ein einziges Mal nach der Oktoberrevolution wiedergesehen hat, und Schostakowitsch, der sie nur wenige Male für kurze, staatlich finanzierte Besuche verlassen durfte, spiegeln sich in Prokofjews Werken Einflüsse nationaler und internationaler Kunst- und Lebensumstände wider. 2 Richard Taruskin, “On Russian Music”, University of California Press, Berkeley and Los Angeles, California 2009, S. 242. (zit. n. Quoted in a letter by Paul Moor in response to an article on Prokofieff by Terry Teachout, available online at http://listproc.ucdavis.edu/archives/mlist/log0310/0003.html) 6 2. Allgemeine Informationen über den Neoklassizismus und seine Komponisten Der Neoklassizismus bezeichnet eine kulturhistorische europäische Strömung, die sich um 1920 in Frankreich im Umfeld von Künstlern wie Sergej Prokofjew, Igor Strawinsky, und der „La Groupe des Six“ (Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Francis Poulenc, Germaine Tailleferre) entwickelte. Zu den neoklassizistischen Komponisten zählen auch: Jean Françaix, Claude Arrieu, Grażyna Bacewicz, Aram Chatschaturjan, Frank Martin, Bohuslav Martinů, Johann Nepomuk David, Paul Graener, Paul Hindemith, Peter Mieg, Goffredo Petrassi, Philipp Jarnach, Viktor Ullmann, Joaquín Rodrigo, Albert Roussel und Dmitri Schostakowitsch. Das neue Lexikon der Musik von 1996 schreibt über den Begriff Neoklassizismus folgendes: „Neoklassizismus, Bz. Für eine allgemein kulturhistorische Strömung der 1.Hälfte des 20.Jh.; in der Musik zwischen 1900 und 1920 hauptsächlich als Gegenbewegung entstanden: einerseits zur Spätromantik und deren Monumentalität, ihrer Chromatik und Alterationsharmonik als Merkmale einer übersteigerten, komplexen und ausdrucksüberladenen Musiksprache; andererseits zum Expressionismus (später auch zur Zwölftontechnik) der 2. Wiener Schule, der man gleichermaßen Überspitzung des Subjektivistischen und Konstruktivismus vorwarf.“3 Die neoklassizistische Strömung ist quasi eine Gegenbewegung zu einem romantischen, subjektivistischen Weg, die nicht mehr mit einem musikalischen Fortschritt gleichzusetzen ist, sondern sich charakterisiert durch ein Streben nach Einfachheit und Klarheit mit gleichzeitiger Verfremdung und Parodie. Prokofjew distanziert sich ebenfalls in seinen Arbeiten von romantischen, übertriebenen Gefühlsinhalten und hält sich an die alten Traditionen. Hierbei setzt er aber den alten Traditionen einen harmonischen Ausgleich von Gefühl und Vernunft gegenüber. In der MGG von 1996 wird über diesen musikalischen Stil folgendes angegeben: „Werke dieser Art konnten (ganz oder teilweise, d. h. unter bestimmten Gesichtspunkten) als klassizistische oder auch als neoklassizistische bezeichnet werden. Die Versuche, hier 3 Das neue Lexikon der Musik 3, hrsg. J. B. Metzler und Carl Ernst Poeschel/Stuttgart – Weimar 1996, S. 423. 7 zu unterscheiden, den Unterschied zwischen dem traditionellen Klassizismus, dem der romantischen Tradition, und dem zum Bereich der Neuen Musik gehörenden Neoklassizismus zu bestimmen, hat die Anerkennung der Neuen Musik als einer qualitativ von der traditionellen unterschiedenen zur Voraussetzung.“4 Bei Volker Scherliess, Autor von „Neoklassizismus: Dialog mit der Geschichte“, kann man folgendes Zitat finden, in welchem der „Neoklassizismus“ wie folgt definiert wird: „der Rückgriff des 20. Jahrhunderts auf historische Vorbilder, also eine spätere Wiederauflage des Klassizismus.“5 Ferruccio Busoni ruft im Buch “Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ zur Rückkehr zu älteren Formen auf: „Nehmen wir es uns doch vor, die Musik ihrem Urwesen zurückzuführen; befreien wir sie von architektonischen, akustischen und ästhetischen Dogmen; lassen wir sie reine Erfindung und Empfindung sein, in Harmonien, in Formen und Klangfarben [...].“6 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Werke, die als neoklassizistisch charakterisierbar sind, die folgenden Kriterien erfüllen: Sie lassen eine Strömung zu den klassischen Satztechnik und Formen zu; (z. B. Sonatenform, Fuge, Suite) Die mythologischen, geschichtlichen und folkloristischen Themen werden aufgegriffen; (z. B. Pétrouchka von Igor Strawinsky) Sie sollten eine Strömung zu alten Zeiten haben oder diese parodieren; (z. B. Sergej Prokofjews "Symphonie classique") 4 Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume/Zweite, neubearbeitete Ausgabe herausgegeben von Liudwig Finscher/Bärenreiter – Kassel – Basel – London – New York – Prag – Mettler – Stuttgart – Weimar 1996, S. 251. 5 6 Scherlies, Volker: Neoklassizismus: Dialog mit der Geschichte, Kassel 1989, S. 25. Ferruccio Busoni, Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst, in: Frieder von Ammon, Elisabeth Böhm (Hg.), Texte zur Musikästhetik, Stuttgart 2011 (1907), S. 237. 8 3. Sergej Prokofjews musikalische Linien In seiner Autobiographie sprach der Komponist speziell über die Hauptlinien, die seine Arbeiten durchströmen. Die Basis der Musik Prokofjews gründete sich im russischen Neoklassizismus des zwanzigsten Jahrhunderts, dem auch Komponisten wie Strawinsky und Schostakowitsch angehören. Prokofjews Musik lässt sich deutlich in drei musikalische Linien einteilen: Die erste neoklassizistische Linie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Prinzipien der Musik des Barock und der Frühklassik neu erfunden und umgestaltet werden (Prokofjew spielte dabei mit den alten Prinzipien). Prokofjew behandelte bisweilen Genres, die in dieser Zeit weniger verwendet wurden, nämlich Sonaten, Menuette und Gavotte, die sich in seinen Werken in den neoklassizistischen Eigenschaften manifestierten und in einer neuen Erscheinungsform (im neuen Kleid) darstellen. Es herrschte eine Transparenz der Textur vor. Die Struktur von vielen neoklassizistischen Werken des Komponisten ähnelte oft der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Was in Werken der Vergangenheit geschah, bekam in den funkelnden Klangfarben Prokofjews eine neue Bedeutung. Als anschauliches Beispiel für ein neoklassizistisches Werk Prokofjews lässt sich die Symphonie Nummer 1 in D-Dur Op. 25 mit dem Beinamen "Symphonie classique" nennen, die Boris Wladimirowitsch Assafjew gewidmet wurde. „Der junge Prokofev wollte 1916/17, wie er selbst sagte, einfach eine Symphonie in der Art Haydns schreiben, und es entstand die Symphonie classique Op. 25, die übrigens auch Altklassisches (3. Satzt: Gavotta mit Musette) herbeizitiert.“7 7 Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume/Zweite, neubearbeitete Ausgabe herausgegeben von Liudwig Finscher/Bärenreiter – Kassel – Basel – London – New York – Prag – Mettler – Stuttgart – Weimar 1996, S. 251. 9 Leonard Bernstein bezeichnete diese Symphonie als Musterbeispiel für „Humor in der Musik“.8 Die Uraufführung dieses Werks erfolgte am 8. Mai 1918 im Saal des Petrograder Kappellchores und wurde von Sergej Prokofjew selbst dirigiert. Die zweite musikalische Linie Prokofjews ist innovativ und damit ein Motor für die Entwicklung neuer Musik bzw. einer neuen musikalischen Richtung. „Seine rhythmischen Figuren sind regelmäßig. Ihre eigenwillige Beharrlichkeit wird durch schlagzeugartige Effekte seiner Orchestrierung und dissonante Harmonien unterstrichen. Sie laufen weiter, sich gegen anstürmende Crescendi behauptend, um dann in den verzweifelten Ausbrüchen eines Tutti im fortefortissimo abzubrechen.“9 Die Suche nach einer neuen harmonisch-melodischen Sprache führte dazu, dass die ursprüngliche Spontanität durch mehr Ausdruck verstärkt wurde, der Ton sich verschärfte 8 http://de.wikipedia.org/wiki/1._Sinfonie_(Prokofjew) 9 „ Musik der Zeit“ Dr. Heinrich, Serge Prokofieff, 1953 by Boosey & Hawkes, S. 43. 10 und Rhythmen mit Druck eingesetzt wurden. „Die „moderne Linie“ hingegen beinhaltet seine Vorliebe für gewagte Harmonik, Dissonanzen und ungewohnte Akkordkombinationen. Teilweise führt sie bis an die äußersten Grenzen der Tonalität.“10 Diese Entwicklungen ziehen sich nicht nur durch die frühen Opern, sondern sind auch in späteren Werken zu beobachten. „Im Gegensatz dazu lebt Prokofevʼs Symphonie gerade vom Kontrast zwischen historisierendem Habitus und unvermittelten harmonischen Wendungen, die die Symphonie als Werk des 20. Jahrhunderts ausweisen.“ 11 Auch die Kulturbibliothek der klassischen Musik- und Theaterstücke gibt im Konzertführer einen Überblick über Prokofjews Musikstil im Ganzen, wobei die Richtung seines Stils schwer zuzuordnen ist. „Atonales steht neben Stilkopien der früheren Klassik, Ironie neben lyrischem Empfinden, widerborstiger Rhythmus neben glasklaren durchsichtigen Flächen, witziger Spott neben atmender Tiefe, orchestraler Reizmischung neben kühler Zeichnung, absolutes Musikzieren neben Sinnhaft-Darstellendem.“12 Allgemein könnte man sagen, dass sein Stil gehackt, würzig, wie auch lakonisch mit grotesken Elementen ist, und sich aus Kombinationen von unerwarteten Lachern und Entsetzen über reale und fiktive Geschehnisse zusammensetzt. Unter all diesen verschiedenen Masken schimmert trotzdem eine große Persönlichkeit durch. 10 http://de.wikipedia.org/wiki/Sergei_Sergejewitsch_Prokofjew 11 Dorothea Redepenning „Geschichte der russischen und der sowjetischen Musik“ Band II, S. 101 12 Kulturbibliothek der klassischen Musik- und Theaterbibliothek, „ Konzert Führer“, Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven. Lizenzausgabe für Karl Müller Verlag, Erlangen, 1993, S. 537. 11 3.1. Die Entwicklung der Harmonik hin zum Neoklassizismus Eine natürliche Vorentwicklung zur Harmonik des Neoklassizismus war, dass das musikalische Denken sich vom melodisch-harmonischen Stil basierend auf Dur- und MollModi abwandte, und logischerweise zu einer Suche nach neuen Ausdrucksformen des musikalischen Gedankens führte. Traditionelle Regeln wurden nicht abgelehnt und beiseitegelassen, sondern boten eine wichtige Grundlage für die Entwicklung einer neuen, modernen Richtung - dem Neoklassizismus. Die Technik des erweiterten tonalischen Denkens und der Modi wurde zu einem der häufigsten und anspruchsvollsten Stilmittel, das von den Komponisten des Neoklassizismus gebraucht wurde. Jeder einzelne Komponist setzte diese Stilmittel so individuell ein, dass die kompositorische Differenzierung hörbar ist. Es erfolgte eine neue Interpretation der Dissonanz. Diese ist als solche unabhängig und selbstständig und ist zudem nicht mehr nur die Vorbereitung der Konsonanz, sondern tritt aus dem Hintergrund hervor und befreit sich von der Verpflichtung zur Auflösung. Aus diesem Grund bekommt man zwei Komponenten, die die Harmonie prägen: 1. Bildung und zur Verfügung stellen von neuen Akkordverbindungen (z. B. Dissonanzen werden nicht aufgelöst). 2. Neue Wege der melodischen Bewegung werden beschritten (die Bedeutung des linearen Anfangs in der Harmonie nimmt zu). Bezüglich der allgemeinen, ästhetischen Grundlagen der Harmonik, zeichnet sich Prokofjews Stil zwar durch den Grundgedanken der klassischen Harmonielehre und ihrer konkreten Formen bzw. Strukturen aus, jedoch kommen bei ihm auch moderne Mittel zum Einsatz. 12 4. Russische Volksmusik als Teil der Kompositionsmittel bei Prokofjew im Vergleich zu Strawinsky und Schostakowitsch Im Universal Musiklexikon wird zur russischen Volksmusik folgendes geschrieben: „Das mannigfaltige Repertoire der Volksmusik bilden u. a. Gebrauchslieder und Tänze (Chorowody), lyrische und epische Lieder (Starinen und Bylinen), Scherzlieder (Tschastuschki) und historische Lieder. Ihre tonale und melodische Eigenart beruht auf den altkirchlichen Modi und auf der Pentatonik, auf den asymmetrischen Taktarten und gelegentlich auf freier Polyphonie (Podgolossok).“13 Heinrich beschreibt in seinem Buch „Musik der Zeit“ Prokofjews persönlichen Zugang zu russischer Volksmusik als Teil der Kompositionsmittel: „Seine Formen sind das Ergebnis der normalen und beständigen Anwendung spezifisch russischer Methoden, nämlich der Liedvariation. […] Sein Ausgangspunkt sind immer Weisen, die uns als typisch slawisch erscheinen. Immer ist einem ein spezifisch russischer Tonsatz gegenwärtig, ein Psychologikum, deutlich an Folklore erinnernd. Die alte volksläufige Art, ihre Durchführung, ihre Lieblingsintervalle, ihre Modulationen ihre rhythmischen Kadenzen sind immer da, entweder realiter oder latent.“14 Interessanterweise gestalten sich Prokofjews Themen seiner schnellen Sätze durch ihre Klarheit aus, und obwohl sie meistens russisch in ihrem Signum sind, bleiben sie in sich diatonisch.15 Ein Beispiel hierfür ist seine zweite Symphonie Op. 40. 1 Satz (Allegro ben articolato). 13 http://universal_lexikon.deacademic.com/294248/russische_Musik 14 „Musik der Zeit“, Eine Schriftenreihe zur zeitgenössischen Musik, Dr. Heinrich Lindlar, verlegt von Boosey & Hawkes, Bonn und London, 1953, S. 28. 15 „Musik der Zeit“, Eine Schriftenreihe zur zeitgenössischen Musik, Dr. Heinrich Lindlar, verlegt von Boosey & Hawkes, Bonn und London, 1953, S. 43. 13 Auch in der fünften Symphonie Prokofjews tritt seine Verbindung zur russischen klassischen Tradition deutlich hervor. „Die Intonationen des russischen langgezogenen Gesanges erhalten hier eine für sie ungewöhnlich rhythmische Energie und tonale Definition (einzelne Melodiewendungen sind die „horizontale Projektion“ von einfachen Akkorden der Terz-Struktur). Diese Melodie wird schon mehrfach im Rahmen der Hauptpartie durchgeführt.“16 Autograph der Fünften Symphonie Op. 100 in Prokofjews typischer Particell-Reinschrift. Igor Strawinsky verwendet in seinen Werken viele russische Volkslieder, die eine starke Verbindung zur Volkskultur spürbar werden lässt. Der Großteil der Werke Strawinskys aus den Jahren um den Ersten Weltkrieg ist durch ein intensives Studium russischer Volksdichtung geprägt, die der Komponist vor allem in der Anthologie russischer Märchen fand. Ein Beispiel ist das von ihm komponierte Ballett “L’Oiseau de feu“, worin russische 16 Sergej Prokofjew, Internationales Festival Duisburg Nordrhein-Westfalen Bundesrepublik Deutschland 9. September 1990 - 31. Juli 1991, Herausgeber im Auftrag der Stadt Duisburg, 1990, S. 225. 14 Volkslieder zitiert werden, die im Kontrast zu östlichen Klangfarben stehen. Das Orchester ist in seiner Klangfarbe sehr präsent und farblich variationsreich, wobei der musikalische Wohlklang eher in den Hintergrund tritt. Es ist jedoch der Rundtanz, der das lyrische Zentrum des gesamten Balletts ist. Dieser Tanz basiert auf dem russischen Volkslied „Как по садику“ [„Kak po sadyku“], dessen Melodie von verschiedenen Instrumenten getragen wird. Original Version aus dem Volkslied „Как по садику“ [„Kak po sadyku“]: Im Finale wurde ein anderes Volkslied „У воротъ сосна раскачалася“ [„U vorot sosna paskocyalasya“] verwendet, bei dem die Melodie vom Horn gespielt und durch ein Streichertremolo begleitet wird. 15 Die Melodie bleibt immer dieselbe, einzig die Melodie, das Faktur und das Kolorit des Orchesters werden verändert. Zuerst erklingt es als einfaches Lied, lyrisch und wird bis zum Schluss immer dichter, bis es sich zu einer großen, festlichen Klangwolke entwickelt. In einem Zeitungsinterview im Jahr 1962 äußerte Igor Strawinsky: „Ich habe mein ganzes Leben hindurch russisch gesprochen; mein Denken ist russisch, mein Stil ist russisch. Vielleicht wird das in meiner Musik nicht sofort sichtbar, aber es ist in ihr angelegt, es ist ihre verborgene Natur“.17 Einen interessanten Vergleich, zwischen Igor Strawinsky und Sergej Prokofjew bezüglich ihrer Beziehung zur russischen Folklore, kann man im Bericht über das Internationale Symposion „Sergej Prokofjew - Aspekte seines Werkes und der Biographie“ finden: „Heute jedoch ist es uns völlig klar, daß neben Strawinsky die schöpferische Gestalt von Sergej Prokofjew stand, die in der Frage der Umformung der althergebrachten Bindung an die russische Folklore nicht weniger bedeutend war.“18 In der Musik von Schostakowitsch haben russische Volkslieder eine andere Bedeutung als bei Igor Strawinsky oder Sergej Prokofjew, dies wird auch im Buch „Konzertführer“ vom Karl Müller Verlag beschrieben: „Obwohl ein betont nationaler Tondichter, verwendet Schostakowitsch in seinen Sinfonien nur wenige russische Wendungen; bei ihm entscheidet die Haltung, nicht die Zutat.“19 17 Zitiert nach: Valentina Cholopova, Russische Quellen der Rhythmik Strawinskys, in: Die Musikforschung 27 (1974), S. 446. 18 Bericht über das Internationale Symposion „Sergej Prokofjew“- Aspekte seines Werkes und der Biographie“, herausgegeben von Klaus Wolfgang Niemöller, Gustav Bosse Verlag Regensburg, 1992, S. 137. 19 „Konzertführer - Kulturbibliothek der klassischen Musik - und Theaterbibliothek“, Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven., Lizenzausgabe für Karl Müller Verlag, Erlangen, 1993, S. 588, 589. 16 5. Instrumentation Prokofjews im Vergleich zu Strawinsky und Schostakowitsch Prokofjews Kompositionen wirken in ihren harmonischen Kurven sowie orchestrierten Lösungen besonders interessant, da ihnen eine pianistische Herangehensweise zu Grunde liegen scheint und sie oftmals eine große Instrumentierung von Schlagwerken besitzen. „[…] Schlaginstrumente stehen im 19. Jahrhundert in größerer Zahl und Vielfalt zur Verfügung.“ 20 Das Schlagwerk verwendet er immer wieder mit verschiedenen interessanten und unerwarteten Kombinationen. Beispielsweise verwendet er in der zweiten und dritten Symphonie Kastagnetten, die einen interessanten Aspekt in der Instrumentation in Verbindung mit den anderen Instrumenten bilden. In jeder seiner Kompositionen stellt das Schlagwerk einen wichtigen Teil dar, wobei es nicht nur unterstützend für das Musikstück wirkt, sondern auch so eigenständig und charakteristisch ist, dass man daran den Komponisten erkennen kann. „[…] seine Instrumentalmusik verfügt über eine nicht weniger markante gestische Charakterisierung, über einen rein tänzerischen Ausdruck, was besonders in seinen sinfonischen Adagios spürbar wird, von den zahlreichen Walzern erst gar nicht zu reden“.21 Im Vergleich zu Komponisten aus anderen Epochen verwendet Prokofjew gleichzeitig eine größere Anzahl an Schlaginstrumenten in seinen Werken, was er mit Schostakowitsch und Strawinsky gemeinsam hat. Eine Besonderheit der Instrumentation von Prokofjew ist zudem, dass der Klang der Tuba eine große Rolle spielte. Er verwendete sie immer wieder für seine Kompositionen, und sie findet sich in fast allen seinen Symphonien wieder. “In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wird die Bläserbesetzung nochmals gesteigert;“22 Eine interessante Instrumentation findet man auch in Prokofjews fünfter Symphonie, die noch als sowjetische „Kriegssinfonie“ (auch wie Schostakowitschs Siebente) fungiert. Dabei setzt Sergej Prokofjew in seiner Orchestrierung des vierten Satzes (Allegro giocoso) vier Hörner ein, die Wechselnoten in Repetitionsakkorde verwenden. Diese 20 M. Dickreiter „Partiturlesen“, Ein Schlüssel zum Erlebnis Musik, 1983 Schott Musik International, Mainz, S. 62. 21 Sergej Prokofjew, Internationales Festival Duisburg Nordrhein-Westfalen Bundesrepublik Deutschland 9. September 1990 - 31. Juli 1991, Herausgeber im Auftrag der Stadt Duisburg, 1990, S. 212. 22 M. Dickreiter „Partiturlesen“, Ein Schlüssel zum Erlebnis Musik, 1983 Schott Musik International, Mainz, S. 62. 17 „Kriegssinfonie“ wurde am 13. Januar 1945 unter der Leitung von Prokofjew in der Großen Halle des Moskauer Konservatoriums vom UdSSR Staatsorchester uraufgeführt. Sergej Prokofjew 5. Symphonie Op. 100. 4. Satz Im 19. Jahrhundert hat sich die Bläserbesetzung weiter verbreitet was Schostakowitsch, Strawinsky und Prokofjew auch gerne in ihre Instrumentierung mit einfließen ließen. Die vorgegebene Tabelle zeigt die Vergrößerung und klangliche Differenzierung des Orchesters. Die Tabelle zeigt die Entwicklung der Besetzung. Zeit Picc. Fl. Ob. E.H. Kl. B. Kl. Fg. Kfg. Hr. Tr. Pos. Tb. Ab 1840 1 2 2 1 2 1 2 1 4 3 3 1 Ab 1870 1 3 3 1 3 1 3 1 4 3 3 1 Auffällig bei der Instrumentation ist, dass alle drei Komponisten (Schostakowitsch, Strawinsky und Prokofjew) einen hohen Stellenwert auf eine große Orchesterbesetzung, häufige Taktwechsel und einen komplizierten Rhythmus legen. Um einen Eindruck dieser drei Aspekte der Instrumentation zu verschaffen, werden im Folgenden drei Beispiele von den genannten Komponisten vorgelegt. (Igor Strawinsky „Le sacre du printemps“, Dmitri Schostakowitsch 8 Symphonie Op. 65, Sergej Prokofjew 6. Symphonie Op. 111) 18 Igor Strawinsky „Le sacre du printemps“ 19 Dmitri Schostakowitsch 8. Symphonie Op. 65 20 Sergej Prokofjew 6. Symphonie Op. 111 21 6. Persönlicher Umgang des/der Dirigenten/in mit den musikalischen Angaben Ein/eine Dirigent/in, der/die ein Werk Prokofjews einstudiert, sollte dem Schlagwerk besondere Aufmerksamkeit schenken, damit die Charakteristik der Präzision Prokofjews beibehalten wird. Auch sollte man besonders die vielen verschiedenen Artikulationen beachten, die Prokofjew immer wieder gerne verwendet, die komplizierte Rhythmik, die sich oft aus kurzen Noten und viele Pausen zusammensetzt, und die Dynamik, die ständig variiert. Diese sind nicht nur sehr bedeutsam, sondern sollte von dem/der Dirigenten/in für eine überzeugende Interpretation präzise aufgeführt werden. Prokofjew verwendet eine besondere Art der Notation, in seinen Partituren sind alle Instrumente in C notiert, was auch der/die Dirigent/in, der/die sich mit einem Werk des Komponisten beschäftigt, beachten sollte. Ebenfalls charakteristisch für Prokofjew ist die präzise Notation der Artikulationselemente, dadurch kann nur durch die Beachtung dieser wichtigen Elemente eine ausdrucksvolle Aufführung seiner Werke erzielt werden. „Für die Erarbeitung einer sauberen Intonation in den Proben, das rhythmisch präzise Zusammenspiel und die Schattierung von Klang-Nuancen bedarf es eines Orchesterleiters, da keiner der einzelnen Musiker von seinem Platz aus den Gesamtklang kontrollieren kann, so wie er den Hörer im Publikum erreicht.“23 Der Rhythmus spielt bei Prokofjews Stücken eine wesentliche Rolle, den ein/eine Dirigent/in nicht vergessen sollte. Die Charakteristik von Prokofjew kann dabei nur dann herauskommen, wenn beim Proben die präzise Rhythmik beachtet wird. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass bei Prokofjews Werken auf jede Kleinigkeit der Notation zu achten ist, wenn der/die Dirigent/in den Charakter seiner Musik erhalten möchte. 23 M. Dickreiter „Partiturlesen“, Ein Schlüssel zum Erlebnis Musik, 1983 Schott Musik International, Mainz, S. 263. 22 6.1. Interpretatorische Aspekte „Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Auffassungen vieler großer Maestri von der Kunst des Dirigierens grundsätzlich unterscheiden.“24 Nachdem der/die Dirigent/in den Notentext des Komponisten genauestens studiert hat, kann man über die interpretatorischen Aspekte sprechen. Natürlich sollte sich der Interpret Gedanken über die Biographie und andere Kunstwerke des Komponisten machen, allerdings wird er heute ein Stück wahrscheinlich anders interpretieren und empfinden als dies zur Lebenszeit des Komponisten der Fall gewesen wäre. Hans Swarowsky beschreibt in seinem Buch „Wahrung der Gestalt“ folgendes: „Der Interpret muß nur lesen können, das heißt seine auf sein Wissen und seine Bildung gegründete kombinatorische Gabe richtig anwenden. Er muß den Weg, den der Schöpfer von Idee zum Werk zurückgelegt hat, nun umgekehrt gehen: vom Werk zurück zur Idee, vom Körper zur Zelle. Nur so kann er sich dann dem eigenen Impetus überlassen und das Werk aus einem Guß realisieren.“25 Interpretatorische Aspekte haben auch Gerhard Mantel interessiert. Er schreibt dazu: „Interpretation ist nicht Texttreue, sondern Ideentreue. Eine Idee muss ich mir erarbeiten, damit ich sie interpretieren kann. Der Akzent ruht hier auf: Ich! Im Interesse meiner Interpretation darf es keine Verbotsschilder geben, keine einengenden Vorgaben, die mich an einer persönlichen Interpretation hindern – natürlich auf Basis einer möglichst umfassenden Kenntnis von Wesen, Stil und Struktur des Werks.“26 6.2. Körpersprache und Emotionen Welche Gefühle von einem musikalischen Stück erzeugt werden und deren Ausmaß hängen sehr stark von den Erfahrungen des Interpretierenden ab. Im Buch „Musik und Gefühl“ beschäftigt sich Herbert Bruhn mit dem Thema: Musik und Gefühl als Objekt und Gestaltqualität einer Wahrnehmungshandlung, wobei er schreibt: „Ein Musiker oder ein Dirigent nimmt in der Diskussion um Musik und Gefühl eine ganz besondere Rolle ein: Er erschafft die Musik und erlebt deren Entstehung. Gleichzeitig hört er die Musik und 24 Kondraschin, 1989, S. 12. 25 Hans Swarowsky „Wahrung der Gestalt“, Wien 1979, S.73. 26 Gerhard Mantel „Mut zum Lampenfieber“/Mentale Strategien für Musiker zur Bewältigung von Auftritts – und Prüfungsangst, Schott Music, Mainz 2013, S. 45. 23 genießt sie. Und er hat die Möglichkeit, ins Musizieren einzugreifen, um den Entstehungsprozess zu begleiten und zu verändern.“27 Gerade als Dirigent/in sollte man beachten, dass die verschiedenen Musikstücke von den Musikern in ihren unterschiedlichen Nuancen auch über die Mimik und Gestik, besonders den Handbewegungen, wahrgenommen werden. Es sollte selbstverständlich sein, sich als Interpret mit der Geschichte des Komponisten und den Einflüssen unter denen die Werke verfasst wurden zu beschäftigen, um ein Verständnis dafür zu entwickeln. Sich Gedanken über das Leben des Komponisten zu machen, ist auch ein wichtiger Schritt zu einer Interpretation, die sich den Ideen und Emotionen des Komponisten annähert. Sergej Prokofjew zählt sicherlich zu den Komponisten, die man nicht ohne weiteres ausreichend erfassen kann. Will man seine Musik angemessen interpretieren, bedarf dies einer vorherigen Recherche, weil er beispielweise gerne Humor in seine Musik verwendet, was der/die Dirigent/in beachten sollte (z. B. in der "Symphonie classique"). Im Buch „Musik und Humor“ von Hartmut Hein und Fabian Kolb wird Humor auch als wichtige Darstellungsform in der russischen Tradition genannt. „Karikatur und ihre Übertreibung bis hin zum Grotesken gehöret zu den wichtigsten Darstellungsmitteln des Zirkusclowns, jener Figur also, die gerade in Russland eine besonders lange und reiche Tradition hat.“28 Die emotionale Auseinandersetzung mit einem Stück ist generell ein wichtiger Aspekt, sowohl in der Vorbereitung, als auch während der Aufführung, um ihm mehr Ausdruck zu verleihen. Hierbei spielen die persönlichen Erfahrungen und das Wissen des Interpreten eine wichtige Rolle. Wolfgang Hattinger stellte dazu fest: „Die Konzentration darauf, was durch die Darstellung hervorgehoben oder zurückgedrängt werden soll, modelliert die Zusammenhänge eines Werks in Echtzeit. „[…] Er soll der Bedeutung von Intuition beim Interpretieren Rechnung tragen, aber auch klar machen, dass Intuition beträchtliches Wissen voraussetzt.”29 Emotionen und Gefühle werden über Körpersprache transportiert und können intuitiv erfasst werden, sind unmittelbar aber schwierig zu messen. Wie wichtig es für einen/eine Dirigenten/in ist, von der Musik begeistert und emotional involviert zu sein, soll kurz am Beispiel von Herbert von Karajan betrachtet werden. Clemens Wöllner zeigt im Buch „Zur 27 Musik und Gefühl/Interdisziplinäre Annäherungen in musikpädagogischer Perspektive/herausgegeben von Martina Krause/ Lars Oberhaus/Georg Olms Verlag/ Hildesheim – Zürich – New York 2012, S. 90. 28 „Musik und Humor“, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung in der Musik, Herausgegeben von Hartmut Hein und Fabian Kolb, Laaber- Verlag 2010. 29 Wolfgang Hattinger „Der Dirigent“, Mythos Macht Merkwürdigkeiten, Bärenreiter 2013, Kassel, S. 76. 24 Wahrnehmung des Ausdrucks beim Dirigieren“ wie sich beim Dirigieren Gefühle auf den Körper auswirken. Starke Emotionen beeinflussen das vegetative Nervensystem, was sich auf das Herz auswirkt. Eine Möglichkeit zur Abbildung von emotionalen Prozessen ist deshalb die Messung der Herzfrequenz. 30 Am oberen Beispiel ist die Verlaufskurve der Pulsfrequenz Herbert von Karajans während des Dirigierens (a) von Beethovens Leonoren – Ouvertüre im Vergleich zu seiner Pulsfrequenz während der Steuerung (b) eines Düsenflugzeuges mit mehreren komplizierten Manövern zu sehen. Man kann vermuten, dass das hohe Niveau von Karajans damit zusammenhängt, dass er während des Musizierens das jeweilige Stück emotional lebt. Diese Emotionen überträgt er durch Gestik und Mimik auf die Musiker, die diese im Idealfall spiegeln, in ihrem Spiel abbilden und damit an das Publikum weitergeben. 30 Clemens Wöllner „Zur Wahrnehmung des Ausdrucks beim Dirigieren“, Lit. Verlag, Berlin 2007, aus Harer, 1975, S. 28. 25 7. Zusammenfassung Das Anliegen dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit den musikalischen Aspekten des russischen Neoklassizismus am Beispiel von Sergej Prokofjew im Hinblick darauf, was ein/eine Dirigent/in zu beachten hat, wenn er neoklassizistische Stücke stilgerecht und emotional überzeugend aufführen will. Zusätzlich soll diese Arbeit die Dirigent/Innen motivieren und ermutigen Werke des russischen Neoklassizismus aufzuführen, insbesondere die von Sergey Prokofjew, der ein vielfältiger und facettenreicher Komponist war und dessen Werke im Vergleich zu Igor Strawinsky und Dimitri Schostakowitsch in der Regel nicht so oft aufgeführt werden. In russischen neoklassizistischen Werken von Sergej Prokofjew spielen russische folkloristische Traditionen, eine Strömung zu den klassischen Satztechniken und Formen und der Bezug zu alten Zeiten, so wie manchmal eine humoristische Umsetzung eine Rolle. Deshalb sollte sich ein/eine Dirigent/in, der/die sich mit russischen neoklassizistischen Komponisten beschäftigt, auch mit den russischen folkloristischen Traditionen und bei Prokofjew zusätzlich mit dem Humor auseinandersetzen, der in verschiedenen Formen wie Spott, Parodie oder Ironie vorkommen kann. Um zu einer überzeugenden Interpretation zu gelangen, ist der/die Dirigent/in zudem angehalten, beispielsweise in den Werken von Sergej Prokofjews, nach Ideen zu suchen, die den Intentionen des Komponisten möglichst nahe kommen. Hierzu ist es wichtig Hintergrundinformation über das Leben des Komponisten, dessen musikalischen Stils und über die kulturellen Einflüsse zu kennen. 26 8. Anhang Sergej Prokofjew starb am 3. März 1953. Eine halbe Stunde später starb auch einer der größten ideologischer Peiniger - Stalin. Sein Stil und seine Werke beeinflussten viele Komponisten der nachfolgenden Generationen. 31 31 http://www.m-necropol.ru/prokofyev.html 27 9. Literaturverzeichnis René Dumesnil “Le Monde”, Paris, 10 März 1953 (zit. n. „Musik der Zeit“ Dr. Heinrich, Serge Prokofieff, 1953 by Boosey & Hawkes, S.6.) Richard Taruskin “On Russian Music”, University of California Press, Berkeley and Los Angeles, California 2009, S. 242. Das neue Lexikon der Musik 3, hrsg. J. B. Metzler und Carl Ernst Poeschel/Stuttgart – Weimar 1996, S. 423. Scherlies, Volker: Neoklassizismus: Dialog mit der Geschichte, Kassel 1989, S. 25. Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume/Zweite, neubearbeitete Ausgabe herausgegeben von Liudwig Finscher/Bärenreiter – Kassel – Basel – London – New York – Prag – Mettler – Stuttgart – Weimar 1996, S. 251. Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume/Zweite, neubearbeitete Ausgabe herausgegeben von Liudwig Finscher/Bärenreiter – Kassel – Basel – London – New York – Prag – Mettler – Stuttgart – Weimar 1996, S. 251. „Musik der Zeit“, Dr. Heinrich, Serge Prokofieff, 1953 by Boosey & Hawkes, S. 43. http://www.m-necropol.ru/prokofyev.html Dorothea Redepenning „Geschichte der russischen und der sowjetischen Musik“, Band II, S. 101. „Konzert Führer, Kulturbibliothek der klassischen Musik - und Theaterbibliothek“, Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven. Lizenzausgabe für Karl Müller Verlag, Erlangen, 1993. S. 537. http://universal_lexikon.deacademic.com/294248/russische_Musik „Musik der Zeit“ Dr. Heinrich, Serge Prokofieff, 1953 by Boosey & Hawkes, S. 28. Kulturbibliothek der klassischen Musik- und Theaterbibliothek, „ Konzert Führer“, Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven. Lizenzausgabe für Karl Müller Verlag, Erlangen, 1993. S.588, 589. M. Dickreiter „Partiturlesen“, Ein Schlüssel zum Erlebnis Musik, 1983 Schott Musik International, Mainz, S. 62. M. Dickreiter „Partiturlesen“, Ein Schlüssel zum Erlebnis Musik, 1983 Schott Musik International, Mainz, S. 62. 28 M. Dickreiter „Partiturlesen“, Ein Schlüssel zum Erlebnis Musik, 1983 Schott Musik International, Mainz, S. 263. Kondraschin, 1989, S. 12. Hans Swarowsky „Wahrung der Gestalt“, Wien 1979, S.73. Gerhard Mantel „Mut zum Lampenfieber“/Mentale Strategien für Musiker zur Bewältigung von Auftritts – und Prüfungsangst, Schott Music, Mainz 2013, S. 45. Musik und Gefühl/Interdisziplinäre Annäherungen in musikpädagogischer Perspektive/herausgegeben von Martina Krause/ Lars Oberhaus/Georg Olms Verlag/ Hildesheim – Zürich – New York 2012, S. 90. http://de.wikipedia.org/wiki/Sergei_Sergejewitsch_Prokofjew Wolfgang Hattinger „Der Dirigent“ Mythos Macht Merkwürdigkeiten, Bärenreiter 2013, Kassel, S. 76. Valentina Cholopova, Russische Quellen Musikforschung 27 (1974), S. 446. der Rhythmik Strawinskys, in: Die „Musik der Zeit“, Dr. Heinrich, Serge Prokofieff, 1953 by Boosey & Hawkes, S. 28. Sergej Prokofjew, Internationales Festival Duisburg Nordrhein-Westfalen Bundesrepublik Deutschland 9. September 1990 - 31. Juli 1991, Herausgeber im Auftrag der Stadt Duisburg, 1990, S. 225. Bericht über das Internationale Symposion „Sergej Prokofjew“ - Aspekte seines Werkes und der Biographie“, herausgegeben von Klaus Wolfgang Niemöller, Gustav Bosse Verlag Regensburg, 1992, S. 137. Clemens Wöllner „Zur Wahrnehmung des Ausdrucks beim Dirigieren“ , Lit. Verlag, Berlin 2007, aus Harer, 1975, S. 28. 29