Emnid-Studie 2008 - MK
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Emnid-Studie 2008 - MK
Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen Ergebnisse einer Repräsentativbefragung unter erwachsenen Personen in Deutschland mit einem Pflegefall im Verwandtenkreis - Februar 2008 - TNS Emnid, Medien- und Sozialforschung GmbH, Projektbereich Empirische Sozialforschung, legt die Ergebnisse einer Umfrage unter erwachsenen Personen in Deutschland mit einem Pflegefall im Verwandtenkreis offen: "Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen" Die Umfrage richtete sich an Personen, die indirekt von Pflegebedürftigkeit betroffen sind, d. h. an Angehörige, die entweder einen pflegebedürftigen Partner haben oder im Verwandtenkreis eine erwachsene Person haben, die pflegebedürftig ist. Die Umfrage wurde im Auftrag der Marseille-Kliniken AG durchgeführt. Die Marseille-Kliniken AG ist Deutschlands führender börsennotierter Pflegeheimbetreiber. Das Unternehmen hat jüngst eine Qualitätsoffensive für die Pflegesituation in Deutschland gestartet. In diesem Zusammenhang werden Forderungen nach einem „gläsernen Pflegeheim“, vor allem aber nach einem verbindlichen „TÜV für die Pflege“ erhoben. Da die Marseille-Kliniken AG selbst Methoden und Daten zur Qualitätssicherung ihrer Einrichtungen offen legen und ihre Pflegeheime nach dem Schulnotensystem bewerten, interessiert auch, inwieweit entsprechende Schritte zur Qualitätsverbesserung und die jährlich durchgeführte Angehörigenbefragung bundesweit einen Widerhall unter den betroffenen Angehörigen von Pflegeheimbewohnern finden. TNS Emnid hat mit dieser Studie für die Marseille-Kliniken AG bereits die vierte Umfrage durchgeführt. Alle Studien bewegten sich in einem ähnlichen Themenkontext und beleuchteten neben der „Pflegesituation in Deutschland“ (2007) und „Erwartungen an das Alter der Generation 50+“ (2005) auch „Zukunftsaussichten des Alters“ (2004). Der Auftraggeber allein verfügt über das erhobene Datenmaterial. TNS Emnid Seite 2 TNS Emnid, Bielefeld Februar 2008 1. AUSGANGSSITUATION Das Thema „Pflege in Deutschland“ ist aufgrund der demografischen Entwicklung und der damit einhergehenden steigenden Zahl von Pflegebedürftigen hoch aktuell. Heute sind rund zwei Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Laut Statistiken steigt deren Zahl in zehn Jahren auf 2,94 Millionen. Die Politik reagiert mit der Pflegereform, die zum 1. Juli 2008 in Kraft tritt, auf die akute Sachlage. Doch scheint die Finanzkraft der Pflegeversicherung für die Zukunft trotz geplanter Beitragserhöhung auf 1,95 Prozent nicht gesichert zu sein, da sich die Pflegekosten mit der steigenden Zahl von Leistungsempfängern erhöhen werden. Bei der Suche nach geeigneten Pflegeplätzen sind die Bürger auf sich selbst gestellt. Verbindliche und bundesweit einheitliche Messungen zur Qualität von Pflegeheimen gibt es bisher nicht. Ergebnisse von Prüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) und die Heimaufsicht sollen erstmals mit der neuen Gesetzgebung öffentlich zugänglich werden. Derzeit gibt es in Deutschland rund 10.400 Pflegeheime. Rund 700.000 Menschen leben dort. 1,4 Millionen Pflegebedürftige werden zu Hause entweder von Angehörigen oder von ambulanten Diensten versorgt. Neben diesen beiden klassischen Formen etabliert sich zunehmend das Betreute Wohnen für Senioren. Das Konzept zeichnet sich durch eine weitgehend selbstständige Wohnform aus. Hinzu kommt eine Notfallbereitschaft rund um die Uhr. Ambulante Pflege-Dienstleistungen können je nach Pflegestufe und bei Bedarf zugebucht werden. 2. DURCHFÜHRUNG UND METHODE Die Umfrage beschäftigt sich mit der Pflegesituation in Deutschland aus Sicht der indirekt von Pflegebedürftigkeit Betroffenen, um so ein authentisches Meinungsbild ermitteln zu können. Die Feldzeit der Befragung erstreckte sich vom 18.01 bis zum 31.01.2008. In diesem Zeitraum wurden 1.056 Personen ab 18 Jahren in Privathaushalten nach einem Zufallsverfahren telefonisch befragt. Sie hatten entweder pflegebedürftige Partner oder Angehörige im Verwandtenkreis, die auf Pflege angewiesen sind. Die mittlere Fehlertoleranz der Anteilswerte bei einer Sicherheitswahrscheinlichkeit von 90 Prozent beträgt +/- 3 Prozentpunkte. TNS Emnid Seite 3 3. ERGEBNISSE IM ÜBERBLICK 3.1 Auswahl von Pflegeeinrichtungen Frage: Wenn Sie für einen Verwandten ein Pflegeheim suchen müssten oder dies bereits getan haben, wie würden Sie vorgehen bzw. wie sind Sie vorgegangen? Vorgehensweise bei Pflegebedarf Ich höre mich im Bekanntenkreis nach guten Pflegeheimen um 82% 81% Ich spreche mit der Heimleitung Ich besuche unterschiedliche Pflegeheime 78% Ich spreche mit Pflegekräften 73% Ich wende mich an Ärzte und Krankenkassen und frage nach Empfehlungen 68% Ich wende mich an soziale Institutionen oder die Kirche und frage nach Empfehlungen 56% Ich recherchiere im Internet nach Bewertungen von Pflegeheimen weiß nicht 0% 45% 4% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Wenn es um die Suche nach einem geeigneten Pflegeheim geht, spielen bei den Befragten in erster Linie der eigene Bekanntenkreis, Tätige im Pflegebereich (Heimleitung, Pflegekräfte) und Besuche unterschiedlicher Pflegeheime die größte Rolle. Krankenkassen, Ärzte, soziale Institutionen sowie die Kirchen sind für die Heimauswahl weniger ausschlaggebend. Vor allem die unter 60-Jährigen schätzen das Internet als Informationsmedium (54 Prozent). Mit zunehmendem Alter nimmt die Internet-Recherche deutlich ab (26 Prozent). Haushalte mit geringem Nettoeinkommen (40 Prozent) und Menschen mit unteren Bildungsabschlüssen (39 Prozent) nutzen das Internet weniger als Personen mit höherem Einkommen (48 Prozent) und hohen Bildungsabschlüssen (67 Prozent). ¾ Vor allem Jüngere und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen nutzen das Internet. Deshalb müssen Informationen über Einrichtungen über weitere Medien und Öffentlichkeitsarbeit allen Betroffenen, Altersgruppen und Bildungsschichten leicht und verständlich zugänglich gemacht werden. Pflegeheime müssen verschiedene Informationskanäle nutzen, um ihre Leistungen darzustellen. TNS Emnid Seite 4 Frage: Was ist Ihrer Meinung nach bei der Auswahl einer geeigneten Pflegeeinrichtung maßgeblich? Wichtigkeit verschiedener Aspekte bei der Auswahl einer Pflegeeinrichtung n = 1056 gut ausgebildetes Pflegepersonal 99% Qualität der Pflege 99% Betreuung des ganzen Menschen, nicht nur medizinische Betreuung gute medizinische und therapeutische Versorgung 98% 98% 92% guter Ruf der Einrichtung Ortsnähe 86% professionelles Qualitätsmanagement 86% ansprechende bauliche Gestaltung innen und außen zusätzliche Angebote rund um die Einrichtung 81% 78% Trägerschaft, also z.B. staatlich, gemeinnützig oder privat 0% 57% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Das Wohl und die menschenwürdige Behandlung des Pflegebedürftigen stehen für Angehörige deutlich an erster Stelle: Für 99 Prozent sind vor allem die Kompetenz des Personals und die Güte der Pflege entscheidend. 98 Prozent schauen auf eine ganzheitliche Betreuung der Pflegebedürftigen. Ebenso viele achten auf eine gute medizinische und therapeutische Versorgung. Das Image einer Einrichtung, Ortsnähe und professionelles Qualitätsmanagement, Gestaltung und Zusatzeinrichtungen sind ebenfalls wichtig. Hingegen ist die Art der Trägerschaft von eher untergeordneter Bedeutung. ¾ Angehörige von Pflegebedürftigen wollen eine qualitativ gute Pflege. Sicherheit und Vertrauen sind bei der Wahl der Einrichtung ausschlaggebend. Gute Qualität wird von 99 Prozent der Befragten gefordert. ¾ Das Pflegepersonal spielt eine Schlüsselrolle: Neben einer guten Ausbildung sind auch Anteilnahme und menschlich-liebevolle Betreuung wichtig. ¾ Aus den Daten ist zu folgern, dass verlässliche Messungen zur Gewährleistung von Qualität und Leistungen des Pflegepersonals eine wichtige Voraussetzung bei der Auswahl der geeigneten Pflegeeinrichtung darstellen. TNS Emnid Seite 5 3.2 Kontrolle von Pflegeeinrichtungen Frage: Welche der folgenden Maßnahmen halten Sie für die Überprüfung der Pflegequalität für wichtig? Maßnahmen zur Überprüfung der Pflegequalität n = 1056 eigener Eindruck bei persönlichem Besuch 97% Prüfsiegel von unabhängigen Instituten (TÜV) 87% Prüfungen von Land und Bund (Heimaufsicht) 84% Prüfungen der Pflegekassen (Medizinischer Dienst der Kassen) 82% Qualitätsberichte der Heimbetreiber 0% 64% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Am stärksten vertrauen die Angehörigen von Pflegebedürftigen dem eigenen Urteil bei einer persönlichen Visite in der Pflegeeinrichtung. Auch Prüfsiegel (87 Prozent) und Prüfungen durch unabhängige Institutionen oder Krankenkassen (84 bzw. 82 Prozent) finden breite Zustimmung. Dieses ist als Aufforderung anzusehen, die Ergebnisse von Prüfungen durch den MDK und die Heimaufsicht in Zukunft zu veröffentlichen. Qualitätsberichte der Heimbetreiber halten 64 Prozent der Befragten für wichtig. Grundsätzlich gilt dieses für alle Altersgruppen, Einkommensklassen und Bildungsabschlüsse. Im Gegensatz zu den Jüngeren (61 Prozent) spielen bei den über 60-Jährigen mit 72 Prozent Qualitätsberichte von Heimbetreibern eine deutlich größere Rolle für die Überprüfung der Qualität. ¾ Für die Beurteilung der Qualität von Pflegeeinrichtungen sollte aus Sicht der Deutschen mit einem Pflegefall im Bekanntenkreis ein einheitliches Prüfverfahren und -siegel eingeführt werden, das – so der Wunsch – auf unabhängigen und standardisierten Qualitätskontrollen basiert. Der Bewertung durch unabhängige Institutionen wie TÜV und/oder staatliche Stellen ist der Vorzug zu geben. Qualitätssicherung durch Heimbetreiber sollte lediglich eine ergänzende Maßnahme zu einem offiziellen externen Siegel darstellen. TNS Emnid Seite 6 Frage: Derzeit werden die rund 10.400 Pflegeeinrichtungen vom Staat und den Krankenkassen alle drei bis fünf Jahre überprüft. Sollten diese Überprüfungen Ihrer Ansicht nach jedes Jahr stattfinden, alle zwei, drei, vier oder alle fünf Jahre? Präferenz Überprüfungszeitraum n = 1056 jedes Jahr 50% alle 2 Jahre 37% alle 3 Jahre alle 4 Jahre alle 5 Jahre 9% 1% 2% kürzer als ein Jahr 1% weiß nicht 1% 0% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Eine breite Mehrheit der Befragten (87 Prozent) fordert ein ein- bis zweijähriges Prüfungsintervall. Prüfungen im Fünfjahres-Rhythmus sind völlig unzureichend (2 Prozent). Auch unabhängige Prüfungen durch den MDK im Dreijahres-Turnus werden von betroffenen Angehörigen als keinesfalls ausreichend empfunden (9 Prozent). Kontrollen durch den MDK, die in der Regel angemeldet sind, finden derzeit alle drei bis fünf Jahre statt ¾ Eine drastische Reduzierung der Überprüfungszeiträume von Pflegeeinrichtungen ist dringend notwendig. Ein „TÜV“ im Sinne einer Qualitätsüberprüfung sollte mindestens alle zwei Jahre durchgeführt werden. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Pflegebedürftigen in Pflegeeinrichtungen sinkt beständig und liegt – je nach Art der Einrichtung und Aufnahmealter – derzeit bei rund 12 Monaten. Doch ein einjähriger, vornehmlich unangemeldeter Prüfturnus wird nach neuer Gesetzeslage erst 2011 realisiert. ¾ Auch eine ein- bis zweijährige Prüfung würde nur eine Momentaufnahme darstellen. Besser wären permanente Prozess- und Ergebniskontrollen, die z.B. die Heimbetreiber selbst leisten könnten. ¾ Da sich die Prüfungsergebnisse in erster Linie an die Angehörigen der Pflegefälle wenden, ist klar, dass die Analysen in allgemeinverständlicher Form abzufassen sind. TNS Emnid Seite 7 Frage: Brauchen wir in Deutschland eine offizielle Zertifizierung, beispielsweise einen „TÜV für Pflegeheime“? Zertifizierung für Pflegeheime n = 1056 Ja 87% 11% 2% Nein weiß nicht Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen Social & Opinion Die deutliche Mehrheit von 87 Prozent ist der Ansicht, dass es in Deutschland eine Zertifizierung von Pflegeheimen – einen „Pflege-TÜV“ – geben sollte, um die Qualität der Pflege sicherzustellen und Angehörigen eine Orientierungshilfe zu geben. Diese hohe Zustimmungsrate findet sich mit unterschiedlicher Nuancierung in allen Teilen der Bevölkerung. Die Gruppe der über 70-Jährigen tritt mit 79 Prozent nur unterdurchschnittlich für den Pflege-TÜV ein. Dieses gilt in gleichem Maße für Geringverdiener mit einem Haushaltseinkommen unter 1.000 Euro (73 Prozent) sowie für Einpersonenhaushalte, die aber immerhin mit 81 Prozent für einen „Pflege-TÜV“ stimmen. ¾ Die Einführung eines Pflege-TÜVs stößt auf bemerkenswert hohe Zustimmung. Etwa neun von zehn Befragten wünschen sich eine solche Zertifizierung für Pflegeheime. ¾ Das Ergebnis deckt sich exakt mit den Auswertungen zuvor, in denen ebenfalls 87 Prozent der Befragten ein Prüfsiegel von unabhängigen Instituten forderten. Das unterstreicht die Forderung nachdrücklich. TNS Emnid Seite 8 Frage: Welches Pflegekonzept würden Sie im Falle Ihrer eigenen Pflegebedürftigkeit bevorzugen, wenn eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich ist? Präferiertes Pflegekonzept im Falle einer eigenen Pflegebedürftigkeit n = 1056 ein eigenes Apartment mit pflegerischer Betreuung in einer Seniorenanlage, so genanntes Betreutes Wohnen 84% 12% 4% die pflegerische RundumBetreuung in einem Heim, so genannte Stationäre Pflege keine Angabe Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen Social & Opinion Bei eigener Pflegebedürftigkeit würden 84 Prozent der Befragten gerne ein eigenes Apartment mit pflegerischer Betreuung in einem Seniorenwohnheim beziehen. 12 Prozent würden stattdessen die Rundum-Versorgung in einem Heim wählen. Die breite Mehrheit der Befragten votiert für ein Pflegemodell, das vergleichsweise viel Selbstständigkeit gewährleistet. Dies gilt in besonderem Maße für Haushalte mit höheren Einkommen (89 Prozent) und höheren Bildungsabschlüssen (88 Prozent). Befragte aus Mehrpersonen-Haushalten bevorzugen das Konzept des Betreuten Wohnens etwas häufiger (87 Prozent) als die aus Ein- und Zweipersonenhaushalten (81 Prozent). ¾ Für den Fall der eigenen Pflegebedürftigkeit wird Betreutes Wohnen eindeutig der Stationären Pflege vorgezogen und damit eine Wohn- und Lebensform gewählt, die viel Selbstständigkeit ermöglicht. ¾ Die Deutschen wollen nicht ins Pflegeheim. Deshalb muss der Markt verstärkt variable Angebote des Betreuten Wohnens anbieten, die den Anforderungen verschiedener Pflegestufen und Krankheitsbilder Rechnung trägt. ¾ Allerdings muss dabei beachtet werden, dass zwischen Wunsch in Realität manchmal eine Lücke klafft, da ab einem gewissen Grad von altersbedingter Multimorbidität eine ambulante Pflege nur schwer möglich ist. TNS Emnid Seite 9 3.3 Frage: Beteiligung an den Kosten der Pflege Und nochmals angenommen, Sie würden pflegebedürftig. Wie hoch, schätzen Sie, wäre der Eigenbetrag, den Sie monatlich zu leisten hätten, der also nicht von der Pflegekasse übernommen wird? Erwarteter monatlicher Eigenbetrag im Pflegefall n = 1056 bei ambulanter Versorgung zu Hause bis unter 500 Euro 12% 23% 500 bis unter 1000 Euro 17% 1000 bis unter 1500 1500 bis unter 2000 Euro 9% 12% 2000 und mehr Euro 27% keine Angabe 0% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Erwarteter monatlicher Eigenbetrag im Pflegefall n = 1056 bei betreutem Wohnen bis unter 500 Euro 6% 500 bis unter 1000 Euro 1000 bis unter 1500 1500 bis unter 2000 Euro 2000 und mehr Euro keine Angabe 0% 18% 16% 13% 24% 23% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen TNS Emnid 80% 100% Social & Opinion Seite 10 Erwarteter monatlicher Eigenbetrag im Pflegefall n = 1056 bei stationärer Pflege im Pflegeheim bis unter 500 Euro 6% 500 bis unter 1000 Euro 1000 bis unter 1500 1500 bis unter 2000 Euro 11% 15% 11% 38% 2000 und mehr Euro keine Angabe 0% 19% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Jeder vierte bis fünfte Befragte hat keine Vorstellung davon, welche Kosten auf ihn im Falle einer Pflegebedürftigkeit zukommen. Aber auch die Befragten, die eine Kostenschätzung vornehmen, antworten weit gestreut. Einerseits glauben 12 Prozent, dass der Eigenbeitrag bei ambulanter Versorgung weniger als 500 Euro beträgt. Andererseits meinen ebenso 12 Prozent, dass er bei mindestens 2.000 Euro liegt. Ähnlich stellt sich die Situation beim Betreuten Wohnen (24 Prozent: unter 1.000 Euro und 24 Prozent: 2.000 Euro und mehr) und der stationären Pflege dar (32 Prozent: bis 1.500 Euro und 38 Prozent: 2.000 Euro und mehr). Die Pflegestufe, in die der Pflegebedürftige vom MDK eingestuft wird, und das preisliche Niveau des Pflegeheimbetreibers bestimmen grundsätzlich die Höhe des Eigenanteils. Auch eine Unterbringung in Einzel- oder Doppelzimmern ist für die Preisfindung ausschlaggebend. Dennoch scheint es eine Tendenz zur Überschätzung der Kosten unter den Angehörigen von Pflegefällen zu geben. Denn im Durchschnitt liegt der Eigenanteil in der stationären Pflege mit Pflegestufe I bei rund 577 Euro, mit Pflegestufe II bei 871 Euro und mit Pflegestufe III bei 1.258 Euro. Beim Betreuten Wohnen gibt es – nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Ausstattungen und Bewertungen der Immobilien – zum Teil große Preisspannen, so dass ein Durchschnittswert nur schwer zu ermitteln ist. In der ambulanten Pflege richtet sich die Höhe der Vergütung neben der PflegestufenEinteilung auch danach, ob der Pflegebedürftige durch Angehörige betreut wird oder Leistungen eines Pflegedienstes in Anspruch nimmt. Werden mehr Leistungen vom Pflegedienst TNS Emnid Seite 11 abgerufen oder durch Angehörige erbracht, muss diese der Pflegebedürftige selber tragen, d.h. alle weiteren Extras müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Richtwerte für die ambulante Pflege liegen bei rund 426 Euro für Pflegestufe I, bei 1.029 Euro für Pflegestufe II und bei 1.928 Euro für Pflegestufe III. Erwarteter monatlicher Eigenbetrag im Pflegefall n = 1056 Durchschnitt des erwarteten Eigenbetrags in € 1113 ambulante Versorgung zu Hause betreutes Wohnen 1482 stationäre Pflege im Pflegeheim 1880 0 500 1000 1500 Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 2000 Social & Opinion Die Befragten schätzen die stationäre Pflege im Altenheim teurer ein als das Betreute Wohnen. Für vergleichsweise am günstigsten halten sie die ambulante Versorgung zu Hause. Damit folgen sie den Abstufungen, die sich auch in den finanziellen Leistungen der Pflegekassen (Pflegestufen I bis III) zur ambulanten Betreuung und der stationären Pflege widerspiegeln. ¾ Die Deutschen wissen wenig über ihr eigenes finanzielles Risiko im Pflegefall. Unter- bzw. Überschätzungen sind - trotz je nach Pflegestufe schwankender Beträge - signifikant häufig. ¾ Ein besserer und einfacherer Überblick über die Preis- und Leistungsgestaltung aller Angebote für alle Pflegestufen und -arten erscheint für die Angehörigen von Pflegefällen notwendig. TNS Emnid Seite 12 Frage: Ist Ihnen bewusst, dass Sie im Falle der Pflegebedürftigkeit Ihrer nächsten Angehörigen für einen Teil der Kosten aufkommen müssen, sofern keine Geldreserven beim Pflegebedürftigen vorhanden sind? Wissen um die Verpflichtung zur Beteiligung an den Kosten der Pflege von Angehörigen keine Angabe Nein 1% 9% 90% Ja Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen Social & Opinion Neun von zehn Befragten (90 Prozent) wissen, dass sie zur Schließung finanzieller Lücken im Pflegefall eines Angehörigen herangezogen werden können. Diese Kenntnis ist bei den über 70-Jährigen (75 Prozent) sowie den Befragten mit geringer Schulbildung (80 Prozent) und geringerem Haushaltsnettoeinkommen (84,7 Prozent) weniger stark ausgeprägt. Allerdings ist davon auszugehen, dass bei der Beantwortung dieser Frage jenseits der gesetzlichen Verpflichtung auch die persönliche Eigenverantwortung eine Rolle spielt, die ein entsprechendes Verhalten für selbstverständlich hält. ¾ Die breite Mehrheit zeigt sich bei Verpflichtung zur Kostenbeteiligung von Angehörigen informiert. ¾ Über die Detailkenntnisse und die konkrete Höhe der möglichen Auslagen kann nur spekuliert werden. Wahrscheinlich ist, dass es auch hierüber ein ähnliches Informationsdefizit gibt wie bei der Höhe eines möglichen monatlichen Eigenanteils (s. vorherige Frage). TNS Emnid Seite 13 3.4 Mängel im deutschen Pflegesystem und gewünschte Veränderungen Frage: Der Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Kassen zum Stand der Pflegeeinrichtungen in Deutschland brachte deutliche Mängel in deutschen Pflegeheimen zu Tage. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptursachen von schlechter Pflege in deutschen Pflegeheimen? Hauptursachen für Mängel in deutschen Pflegeheimen n = 1056 zu wenig Pflegepersonal 78% zu wenig Geld im Pflegesystem 57% mangelnde Überprüfung der Heime 43% Gewinnstreben der Heimbetreiber 42% zu schlecht ausgebildetes Pflegepersonal schlechte Organisation der Pflegeprozesse in den Heimen 0% 37% 24% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Fehlendes Pflegepersonal wird von 78 Prozent der Befragten als Hauptursache für schlechte Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen gesehen. Für weitere 57 Prozent ist die Unterfinanzierung des Pflegesystems ein Grund für die schlechte Pflegesituation. Nur 42 bzw. 43 Prozent sind der Auffassung, dass das Gewinnstreben der Pflegeheimbetreiber bzw. eine mangelnde Überprüfung der Heime die Pflegequalität verschlechtern. Die über 70-Jährigen thematisieren die quantitativen Defizite bei Pflegepersonal oder Geld nur unterdurchschnittlich (63 bzw. 49 Prozent). Dagegen tritt hier der qualitative Aspekt eines zu schlecht ausgebildeten Pflegepersonals überdurchschnittlich hervor (48 Prozent). ¾ Die Höhe des Pflegebudgets spielt eine wichtige, nicht jedoch die ausschlaggebenden Rolle bei den festgestellten Mängeln im Pflegesystem. ¾ Qualität wird in erster Linie an Zuwendung gemessen. Je mehr Personal, desto mehr individuelle Betreuung und Zeit für die Pflegebedürftigen. Allerdings bedeutet mehr Pflegepersonal letztlich auch mehr Geld im Pflegesystem und damit Kostensteigerung. Qualifizierte Aus- und Weiterbildungskonzepte des Pflegepersonals könnten dabei sowohl der Verbesserung der Pflegequalität wie auch der Optimierung von Zeitressourcen dienen. TNS Emnid Seite 14 Frage: Ein Ergebnis dieses Prüfungsberichts war die teilweise nicht zufriedenstellende Arbeit der Pflegekräfte. Wie kann man Ihrer Meinung nach eine qualitativ bessere Arbeit der Pflegekräfte am besten erreichen? Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit der Pflegekräfte n = 1056 gezielte Aus- und Weiterbildung 36% höhere oder leistungsabhängige Bezahlung 25% psychologische Betreuung und Training der Mitarbeiter regelmäßige Qualifikationschecks bessere Organisation in den Pflegeheimen weiß nicht 0% 15% 12% 10% 2% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Bei dieser Frage kristallisiert sich keine signifikant deutliche Mehrheit heraus. 36 Prozent sehen in einer gezielten Aus- und Weiterbildung die beste Möglichkeit zur Qualitätssteigerung. Jeder Vierte (25 Prozent) hält eine höhere bzw. leistungsgebundene Bezahlung für geeignet. Mit 15 Prozent weniger relevant sind psychologische Betreuung und Schulung von Mitarbeitern. Auch regelmäßige Qualifikationschecks (12 Prozent) und eine bessere interne Organisation der Einrichtungen (10 Prozent) spielen eine eher untergeordnete Rolle. In Haushalten mit höheren Einkommen fallen der Aus- und Weiterbildungsaspekt (39 Prozent) sowie die höhere Bezahlung (27 Prozent) etwas stärker ins Gewicht. Die über 60Jährigen hingegen befürworten eher regelmäßige Qualifikationschecks (16 Prozent) und eine bessere Organisation der Heime (14 Prozent), während für sie die Aus- und Weiterbildung (33 Prozent) und die höhere Bezahlung der Pflegekräfte (21 Prozent) weniger wichtig sind. ¾ Eine bessere und regelmäßige Aus- und Weiterbildung des Pflegepersonals in Deutschland ist für die Befragten der Hauptansatzpunkt zur Verbesserung der Heimpflege. Um eine qualitative Verbesserung im Umgang mit den Pflegebedürftigen dauerhaft zu sichern, empfehlen die Angehörigen einen Dreiklang aus leistungsabhängiger Bezahlung, besserer Ausbildung sowie regelmäßiger Leistungstests. TNS Emnid Seite 15 Frage: Was würden Sie der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt vorschlagen, um die Pflege in Deutschland zu verbessern? Welche Maßnahmen oder Rahmenbedingungen sollten ermöglicht werden? Vorschläge zur Verbesserung der Pflege in Deutschland n = 1056 bei stationärer Pflege im Pflegeheim 90% häufigere Überprüfungen der Heime 89% weniger Bürokratie im Pflegesystem strengere Richtlinien für die Qualitätsüberprüfungen 85% Mindestlohn für Pflegekräfte 83% mehr Wettbewerb unter den Pflegeheimbetreibern 0% 52% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Mit 90 Prozent stimmen die Befragten für häufigere Überprüfungen der Heime. Dieser Wert korreliert mit der bereits erhobenen Forderung einer mindestens zweijährigen Kontrolle von Pflegeeinrichtungen. 89 Prozent wünschen sich weniger Bürokratie im Pflegesystem, und 85 Prozent verlangen strengere Kriterien bei den Qualitätsüberprüfungen. Auch die Forderung nach einem Mindestlohn für Pflegekräfte findet breite Zustimmung (83 Prozent), wobei davon ausgegangen werden kann, dass die zum Zeitpunkt der Befragung sehr aktuelle und emotional geführte öffentliche Diskussion um Mindestlöhne in Deutschland zu diesem populären Wert mit beigetragen haben könnte. Mehr Wettbewerb unter den Betreibern von Pflegeheimen sieht eine knappe Mehrheit von 52 Prozent als ein Mittel zur Reform der Pflege in Deutschland an. Bei den über 60-Jährigen liegt dieser Wert bei durchschnittlich 73,5 Prozent. Befragte mit höherem Ausbildungsstand und Einkommen votieren insgesamt weniger für weitere Regulierungen (81,5 bzw. 82,5 Prozent). TNS Emnid Seite 16 ¾ Eine häufigere Überprüfung von Heimen ist für fast alle Angehörigen von Pflegefällen unabdingbare Voraussetzung zur Verbesserung der Pflege in Deutschland. Fast gleich wichtig ist der offensive Abbau von Regulierungen und Bürokratie. Gesetzgebung und staatliche Regelungen zur Pflege müssen also nachvollziehbar sein und transparent gestaltet werden. ¾ Mindestlöhne werden überproportional gefordert. Hieraus ist sowohl Kri- tik an der derzeitigen Situation wie auch die besondere Wichtigkeit des „Pflegemarktes“ aus Sicht der familiär Betroffenen zu schlussfolgern. TNS Emnid Seite 17 Frage: Soll der Einsatz von Pflegekräften aus Osteuropa, die zu niedrigen Löhnen in Deutschland arbeiten, erlaubt werden, um damit die Kosten der Pflege niedriger zu halten? Einsatz osteuropäischer Pflegekräfte Ja weiß nicht 3% 35% 62% Nein Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen Social & Opinion Den Einsatz von Pflegekräften aus den Ländern Osteuropas lehnt eine Mehrheit von 62 Prozent ab, auch wenn durch niedrige Löhne die Kosten für die Pflege gesenkt werden können. Eine kritische Haltung nehmen vor allem die Jüngeren bis 50 Jahre ein (71 Prozent). Der Anteil Ostdeutscher mit ablehnender Haltung liegt bei 71 Prozent und der Westdeutscher bei 60 Prozent. 51 Prozent der über 60-Jährigen aus Ost und West hingegen begrüßen den Einsatz osteuropäischer Kräfte. Ein- und Zweipersonenhaushalte (39 Prozent) sind osteuropäischen Kräften gegenüber tendenziell eher aufgeschlossen als Drei- und Mehrpersonenhaushalte (31 Prozent). Während Haushalte mit einem Nettoeinkommen unter 1.000 Euro sich einen Einsatz von Pflegepersonal aus Osteuropa eher nicht vorstellen können (66 Prozent), relativiert sich der Wert bei steigendem Einkommen etwas (61 Prozent). ¾ Angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage wird osteuropäische Konkurrenz bei Pflegekräften nicht gerne gesehen. Diese Meinung wird allerdings relativiert bei geringem Alter und in Kleinhaushalten, in denen die Unterstützung durch Verwandte ausfällt. Da sich der Einsatz osteuropäischer Pflegekräfte in einer Grauzone befindet, wären eindeutige Regelungen sinnvoll. TNS Emnid Seite 18 3.5 Kenntnisse über die Pflegereform Frage: Zum 1. Juli 2008 tritt die bereits beschlossene Pflegereform in Kraft. Welche Verbesserungen bringt die Pflegereform Ihres Wissens? Aspekte der Pflegereform n = 1056 häufigere Überprüfung der Heime 62% bezahlter Pflegeurlaub für Angehörige 59% Arbeitnehmer können unbezahlte Pflegezeit für Angehörige nehmen 58% 58% mehr Geld für ambulante Pflege mehr Qualität durch Zertifizierung der Heime 57% mehr Geld für Demenzkranke 55% eine langfristige Finanzierung der Pflege 55% 55% mehr Geld für Pflegebedürftige Einrichtung von Pflegestützpunkten weiß nicht 0% 48% 12% 20% 40% 60% Die Pflegesituation in Deutschland – die Sicht der Betroffenen 80% 100% Social & Opinion Selbst die Befragten mit Pflegefällen im direkten Verwandtenkreis sind über die Pflegereform teilweise schlecht informiert. So vermuten 59 Prozent, das neue Gesetz beinhalte bezahlte Pflegeurlaube für Angehörige, und 57 Prozent nehmen an, dass es eine Zertifizierung für Pflegeheime gebe – Punkte, die nicht Teil der Reform sind. Insbesondere die subjektive Frage nach einer langjährigen Finanzierung der Pflege beantworten 55 Prozent positiv. Sie halten das Pflegeproblem mit dem neuen Gesetz für gelöst. Ein Blick in die verschiedenen soziodemografischen Gruppen der Stichprobe zeigt, dass der Anteil der schlecht Informierten relativ gleich verteilt ist, also alle Befragtengruppen in gleicher Weise betrifft. ¾ In Deutschland besteht flächendeckender Informations- und Aufklärungsbedarf sowohl zum Thema Pflege allgemein wie auch zu den am 1. Juli zu erwartenden gesetzlichen Veränderungen. ¾ Der Bundesregierung ist anzuraten, ihre Konzepte zur Zukunft der Pflegesituation und Pflegeversicherung stärker und bürgernäher zu publizieren, um ein Gegengewicht zur Diskussion um die gestiegenen Bürgerbelastungen zu erhalten. TNS Emnid Seite 19