Knubbli der Skorpion

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Knubbli der Skorpion
Knubbli der Skorpion
von Gloria Petrovics
Zeichnung: Rudolf Klein
1. Der jüngste Sohn .........1
2. Menschen sind gar nicht so schlecht......3
3. Interessanter Besuch..... 6
4. Wer wagt gewinnt......10
5. Jetzt erst recht......13
6. Der Tag der Entscheidung.....17
7. Ein neues Leben.......23
1. Der jüngste Sohn
Gespannt betrachtete Frau Skorpion, wie sich ihre neugeborenen Jungen aus der
Eihaut befreiten. „Sechzehn – siebzehn – achtzehn“ zählte sie. Besonders viele
waren es ja nicht, aber sie musste wohl zufrieden sein. Die Menschen bekamen noch
viel weniger Junge, und was man so hörte, waren immer mehr kranke darunter...
Hauptsache, bei ihr war alles in Ordnung. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder
ihren neugeborenen Kindern zu. Fast alle waren schon ausgewickelt und begannen,
auf ihren Rücken zu krabbeln – Skorpione tragen nämlich ihre Kinder auf dem
Rücken herum, bis diese groß genug sind, auf sich selbst aufzupassen. Nur das
letzte – irgendwie sah es seltsam aus. Sie konnte durch die Eihaut nicht viel
erkennen, nur dass es runder zu sein schien als ihre anderen Kinder. Da! Endlich
waren die letzten Eihautreste herunter, der Kleine war frei und Mutter Skorpion
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konnte ihren jüngsten Sohn betrachten. Ungläubig starrte sie ihn an. Das konnte
doch nicht wahr sein!
Frau Skorpion und alle ihre Kinder waren schlank, hatten vorne zwei große Scheren,
dahinter acht kräftige Laufbeine und am Schwanz einen Stachel. Alle – bis auf den
einen...
Er war kugelrund, hatte nur sechs kurze Stummelbeine und - er hatte keine Scheren!
Doch, eine besaß er, aber die saß statt des Stachels am Schwanzende. Nummer
achtzehn war behindert!
Mutter Skorpion starrte ihren jüngsten Sohn immer noch sprachlos an. Skorpione
ernähren sich von kleinen Insekten und anderen kleinen Tieren – wie sollte er die
jemals ohne Scheren fangen? Etwa mit der kleinen Schere am Schwanz? Außerdem
konnte er ja ohne Stachel nicht einmal stechen. Momentan aber das wichtigere
Problem: mit der Körperform und den kurzen Beinen, wie sollte er da überhaupt auf
ihren Rücken kommen? Während sie noch darüber nachdachte, begann der Kleine
loszumarschieren. Trappel, trappel, trappel, stapfte er zielsicher auf das Ende ihrer
linke Schere zu. Sie senkte die Schere ab und der Kleine begann zu klettern. Es war
mühsam, manchmal rutschte er wieder ein Stück zurück. Sie sah ihm zu, konnte ihm
aber nicht helfen. Wenn er bloß nicht abstürzte! Es dauerte lange. Gespannt
beobachteten seine Geschwister, wie er sich abmühte, aber er gab nicht auf. Endlich
landete er auf ihrem Rücken, wo er sich mit einem Plumps niederließ.
Erleichtert setzte sich Frau Skorpion mit ihrer nun vollzähligen Kinderschar auf dem
Rücken in Bewegung. Sie musste sich ja um ihr Nachtmahl kümmern. „Das
wichtigste Problem wäre ja vorläufig gelöst,“ dachte die frischgebackene Mutter,
„meine Kinder bekommen jetzt ihre Nahrung durch meine Rückenhaut und alle sind
dort, wo sie hingehören. Sehen wir mal weiter.“
Kleine Skorpione sehen einander so ähnlich, dass sie auch ihre Mutter nicht gut
unterscheiden kann – der jüngste jedoch war eine Ausnahme. Ihn erkannte man auf
den ersten Blick und deshalb suchte seine Mutter einen Namen für ihn. „Knubbli“
sollte er heißen, so rund und knubbelig wie er aussah. Seine Geschwister waren
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zuerst ein bisschen neidisch auf ihn – ausgerechnet er, der doch behindert war, hatte
einen Namen und war dadurch jemand Besonderer. Sie dagegen waren rundum
gelungene Skorpione und mussten namenlos herumsitzen. Ihre Mutter erklärte
ihnen, dass sie sich so viele Namen einfach nicht merken konnte, jedes Jahr kam
schließlich eine neue Kinderschar dazu. Damit mussten sie sich zufriedengeben und
so blieb Knubbli der einzige Skorpion mit einem Namen.
Die Skorpionkinder gewöhnten sich bald an den behinderten Bruder. Manchmal
musste ihn zwar ein anderer blockieren, damit er nicht abrutschte, weil er sich mit
seinen Stummelbeinchen nicht so gut auf der Mutter halten konnte, aber sonst
benahm er sich ganz normal. Sie wuchsen alle ordentlich und häuteten sich fleißig.
Skorpione haben nämlich einen Panzer, der nicht mitwächst, also müssen sie den
Panzer abstreifen und darunter kommt ein größerer neuer nach. Knubbli mit seiner
runden Körperform hatte einige Probleme beim Häuten, aber irgendwie gelang es
ihm doch jedes Mal, sich aus seiner Haut herauszuschälen. Kleine Skorpione
kommen ganz weiß auf die Welt, erst später färben sie sich. Unsere Kleinen taten
das natürlich auch, sie bekamen mit der Zeit eine hübsche hellbraune Tönung. Alle –
bis auf Knubbli. Der musste sich unbedingt grau färben. „Ein grauer Skorpion, wo
gibt’s denn so was“, sagte eine andere Skorpionmutter mit sehr vielen Kindern zu
Knubblis Mutter. „Jetzt ist er ohnehin schon behindert und dann muss er noch die
falsche Farbe haben, du Arme!“
Knubblis Mutter tat, als hätte sie die dummen Bemerkungen nicht gehört. Ja, Knubbli
war etwas Besonderes, aber nicht wegen seiner Behinderung und der falschen
Farbe. Er war das neugierigste Skorpionkind, das sie je gehabt oder gekannt hatte.
Er wollte alles wissen und machte sich über alles Gedanken. Warum es Tag und
Nacht gab, ob Hunde Skorpione fraßen und warum die Menschen, hinter deren
Häuschen die Skorpione wohnten, immer so traurig waren. Und warum sie
schimpften und mit der Faust drohten, wenn einer der fliegenden Kästen über ihr
Zuhause flog und warum es dann immer so komisch roch. Die ganze Nacht, während
Mama auf Jagd ging, fragte und fragte er. Mama Skorpion bemühte sich so gut sie
konnte, Knubblis viele Fragen zu beantworten, aber oft brummte ihr am Morgen nur
mehr der Kopf.
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Viel mehr noch als Knubblis ständige Fragen verursachte ihr aber eine andere Frage
großes Kopfweh. Wovon würde ihr behinderter Sohn in Zukunft leben? Er würde ja
sicherlich niemals erfolgreich jagen können und müsste dann verhungern. Aber
Knubbli war zuversichtlich. „Mama, mach Dir keine Sorgen. Ich werde schon etwas
finden. Du sagst ja immer, ich bin etwas ganz besonderes, vielleicht bin ich auch
besonders schlau“.
2. Menschen sind gar nicht so schlecht
Eines Tages war es so weit. Die Kleinen waren so groß geworden, dass sie selbst in
die Welt ziehen und jagen konnten. In einer Waldlichtung weit entfernt von ihrem
Zuhause blieb Frau Skorpion stehen. Sie wollte die Jungen nicht unbedingt an ihrem
Wohnort absetzen, die Menschen hatten ohnehin Angst vor Skorpionen und wenn
dort so viele herumgewimmelt wären, würden die Menschen sie vielleicht jagen. Ihre
Kinder krabbelten von ihrem Rücken herunter, verabschiedeten sich und liefen in alle
Windrichtungen davon. Knubbli war auch vom Rücken der Mutter gerutscht und saß
neben ihr. „Du kannst bei mir bleiben und ich gebe Dir immer etwas von meiner
Jagdbeute ab“, bot sie ihm an, obwohl Skorpione normalerweise Einzelgänger sind.
„Danke, aber ich muss selbst sehen, wie ich durchkomme“, und damit trappelte er
auf seinen Stummelbeinchen davon. Mühsam war es schon, der Ritt auf dem
mütterlichen Rücken war viel einfacher gewesen, aber er war schließlich erwachsen
und konnte nicht ewig auf der Mutter bleiben. Das hohe Gras behinderte ihn, wie ein
kleiner Panzer schob er sich über die dicken Halme. Jetzt musste er sich vor allem
zum ersten Mal um sein Essen kümmern.
Das war leider einfacher gesagt als getan, wie er bald feststellen musste. Es roch
überall nach Essen, das war nicht das Problem. So wie er aber näher kam, lief das
Essen einfach davon und er hatte das Nachsehen. Ein anderer Skorpion wäre dem
Essen nachgelaufen und hätte es eingefangen, aber er mit seinen Stummelbeinchen
– da war das gute Essen längst über alle Berge. Vielleicht hätte er doch das
großzügige Angebot seiner Mutter annehmen sollen? Wenigstens so lange, bis er
sich eine andere Jagdweise ausgedacht hatte? „Wie auch immer“, dachte er, „jetzt ist
es zu spät, jetzt muss ich selbst schauen, wo ich bleibe“. Aber halt, da lag doch ein
Essen, das nicht davonlief? Er trappelte zu dem großen Käfer hin, der tot auf seinem
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Weg lag. Knubbli schnupperte ein bisschen, naja, ein frisches Essen wäre natürlich
besser, aber in seiner Lage sollte er lieber nicht wählerisch sein. Also Mahlzeit!
Viel fand er nicht in dieser Nacht, es reichte gerade zum Überleben. „Auf köstliche
frische Mahlzeiten werde ich wohl für immer verzichten müssen“, dachte er. Am
nächsten Tag wachte er schon statt in der Nacht am Nachmittag auf, weil er so
hungrig war. Er marschierte wieder los und landete hinter einem kleinen Haus. So
etwas kannte er, da wohnten Menschen. Seine Mutter hatte ja hinter einer Hütte
gewohnt, allerdings hatte sie ihre Jungen immer gewarnt, vor die Hütte der
Menschen zu gehen. „Die Menschen haben Angst vor uns und töten uns, wenn sie
uns sehen“, erklärte sie oft. „Bleibt immer in Deckung, am besten hinter der Hütte“.
Dazu war Knubbli aber viel zu neugierig und zu hungrig. Es dauerte ein bisschen, bis
er um das Häuschen herumkam. Davor war ein freier Platz, auf dem keine Pflanzen
wuchsen und mitten auf dem Platz stand eine Schüssel, die verlockend roch. Und
das Allerwichtigste daran war: sie lief nicht davon! Knubbli hatte keine Ahnung, dass
das die Schüssel mit Hundefutter war und nicht für Skorpione gedacht war. Aber er
war schließlich sehr, sehr hungrig und wollte genau wissen, was da so gut roch. Er
setzte sich in Bewegung und trappelte zur Schüssel. Hmmm, das sah ja interessant
aus. Er kostete ein bisschen – himmlisch schmeckte das. Das war ja noch viel besser
als das davonlaufende Essen. Er probierte noch ein bisschen mehr und achtete nicht
auf seine Umgebung. So bemerkte er gar nicht, dass ein Menschenkind, ein
Mädchen aus dem Häuschen gekommen war. Sie ging nicht aufrecht auf den
Beinen, wie das Menschen sonst tun, sondern sie rutschte auf den Knien.
Normalerweise sind Kinder um diese Zeit ja in der Schule, aber das Mädchen war
behindert, hatte nicht einmal einen Rollstuhl und und die Schule war überhaupt nicht
auf behinderte Kinder eingerichtet, obwohl es genug davon im Dorf gab.
Knubbli war so in sein leckeres Mahl versunken, dass das Kind bis zu ihm gelangte.
Ihr Schatten fiel über ihn und da sah er sie. Das Mädchen hatte einen Stock in der
Hand, weil sie Angst vor Skorpionen hatte. „Au weia“, dachte Knubbli, „jetzt ist es
aus, ich war wohl doch zu unvorsichtig und zum Flüchten bin ich zu langsam mit
meinen kurzen Beinen“.
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Das Mädchen sah Knubbli genauer an. „Du bist aber komisch“, meinte sie, „so einen
Skorpion habe ich noch nie gesehen. Du hast vorne keine Scheren, dafür anstelle
des Stachels hinten eine Schere, bist kugelrund, grau statt braun und hast
Stummelbeinchen. Vielleicht bist Du gar nicht gefährlich?“ Sie legte den Stock nieder
und streckte die Hand aus. Knubbli wusste – jetzt geschieht etwas Einmaliges. Ein
erster Kontakt zu einem Menschen, das durfte er sich nicht entgehen lassen.
Zugegeben, es war ein etwas eigenartiger Mensch, schließlich rutschen Menschen
sonst nicht auf den Knien, aber war er nicht auch ein eigenartiger Skorpion? Er
zögerte nicht lange und krabbelte auf die Hand des Mädchens. Sie hob ihn hoch, so
dass er mit ihr auf Augenhöhe war. Dann schauten die beiden unterschiedlichen
Wesen einander lange und ganz genau an. „Hallo, ich bin die Anita“, sagte sie zu
ihm. Er hätte ihr gerne gesagt „freut mich, ich bin der Knubbli“, aber Menschen
verstehen Skorpione leider nicht. Danach rutschte sie zurück in das Häuschen und
Knubbli blieb währenddessen ganz ruhig auf ihrer Hand sitzen.
Knubbli wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts über die Menschen, bei denen er
gelandet war. Später sollte er erfahren, dass die Dorfbewohner arme Indios waren,
die sich gerade noch recht und schlecht ihren Lehrer für die Schulkinder leisten
konnten. Viel zahlen konnten sie ihm aber nicht. Dieser Lehrer hieß Ramon
Fernandez und war Anitas Vater.
„Guten Abend, Liebling“, sagte Herr Fernandez zu Anita, als er von der Schule nach
Hause kam. „Wie geht es Dir?“ Dann fiel sein Blick auf Knubbli, der vergnügt auf dem
Keyboard des Computers herumtrappelte. Den hatte Anita von Professor Chapela
bekommen, einem Wissenschaftler, der sich für das Leben der Bauern in ihren Dorf
interessierte. „Ein Skorpion“, rief der Vater entsetzt, „bleib ganz ruhig sitzen, damit ich
ihn erschlagen kann“. „Bitte nicht, Papa“, bat Anita, „schau, der ist gar nicht böse, er
hat vorne keine Scheren und statt eines Stachels nur eine kleine Schere. Und schau,
er hat ganz kurze Stummelbeinchen. Weißt du, ich glaube, der ist auch behindert, so
wie ich – und ganz zahm ist er auch“. Herr Fernandez sah seine Tochter liebevoll an.
„Na wenn das so ist“, meinte er, „dann darf er natürlich weiterleben.“ Als Anitas
Mutter nach Hause kam, ließ sie sich auch überzeugen, dass ein behinderter und
zahmer Skorpion etwas ganz besonderes sei. So durfte Knubbli bei der Familie
Fernandez bleiben und bekam jeden Tag seine Portion Hundefutter.
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3. Interessanter Besuch
Knubbli verstand natürlich nicht sofort alles, was die Menschen redeten, aber weil er
ein ganz außergewöhnlicher Skorpion war, lernte er ihre Sprache bald. Eines Tages
kam wieder Professor Chapela vorbei. Natürlich redeten Anitas Eltern mit ihm über
die vielen behinderten Kinder und er erklärte ihnen, dass wahrscheinlich die
Unkrautbekämpfungsmittel schuld seien, die in großen Mengen von Flugzeugen aus
über die Sojabohnenfelder neben ihrem Dorf gespritzt werden. Früher gab es auch
Sojabohnen, dort wurde das Unkraut herausgehackt oder mit den Händen
ausgerissen. Das war schon schlimm genug, weil die Arbeiter von der großen Firma,
denen die Felder gehören, einfach den Urwald niedergebrannt und alles plattgewalzt
hatten, damit sie die Sojabohnen anbauen konnten. Dann war es aber noch ärger
gekommen. Seit einigen Jahren wurden sogenannte „gentechnisch veränderte
Sojabohnen“ angebaut. Ein bestimmtes Spritzmittel, das alle anderen Pflanzen
umbringt, vertragen diese Sojabohnen gut. Wenn man damit spritzt, dann sterben
alle anderen Pflanzen. Nur die Sojabohnen bleiben übrig und man spart sich das
Unkrautausreißen. Das Spritzmittel ist aber giftig und gefährlich für Tiere und
Menschen. Leider interessiert das die große Firma, die diese Sojabohnen und gleich
die Spritzmittel dazu verkauft, überhaupt nicht.
Knubbli saß auf einem Kästchen neben dem Tisch und hörte interessiert zu. Ob
diese Spritzmittel auch der Grund dafür waren, dass er behindert war? Die
Flugzeuge hatten seine Mutter ja oft genug angespritzt. Neugierig trappelte er an den
Rand, um besser zu hören. Dabei machte er Lärm und Professor Chapela drehte
sich zu ihm. „Was ist denn das“, fragte er erstaunt. „Das ist unser zahmer Skorpion,
der ist auch behindert“, antwortete Herr Fernandez. Er nahm Knubbli und setzte ihn
auf den Tisch. Knubbli schwenkte vergnügt seinen Schwanz zur Begrüßung. Chapela
war zunächst sprachlos. Dann fragte er: „Glauben Sie, er lässt sich untersuchen?“
Wieder schwenkte Knubbli seinen Schwanz und drehte sich im Kreis. Dann lief er
zum Professor hin.“Mir scheint, der versteht mich“, meinte Chapela und hielt ihm die
Hand hin. Sofort krabbelte Knubbli auf die Hand und ließ sich dort nieder. Der
Professor schüttelte verwundert den Kopf und betrachtete Knubbli von allen Seiten.
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Dann drehte er ihn um und besah ihn auch von unten. Knubbli ließ sich das alles
ruhig gefallen.
„Das ist wohl der seltsamste Skorpion, den ich je gesehen habe“, stellte Chapela
schließlich fest. „Vielleicht sind seine Veränderungen wirklich durch die vielen
Spritzmittel verursacht“, überlegte er schließlich, „aber dazu müsste ich ihn weiter
untersuchen, damit ich das herausfinden kann“. „Wissen Sie“, setzte er dann fort,
„wie ich Ihnen schon gesagt habe, ich bin ganz sicher, dass das Spritzmittel die
Ursache dafür ist, dass in diesem Dorf so viele Kinder behindert sind. Deswegen bin
ich hier und will mit Ihnen reden. Wenn wir das nachweisen können, dann muss die
Firma, die die Spritzmittel herstellt, Ihnen viel Geld zahlen. Sie und die anderen
Menschen hier können für Ihre behinderten Kinder teure Behandlungen und
Hilfsmittel bezahlen. Anita könnte dann sogar einen Elektrorollstuhl bekommen.
Zuerst würde ich jedoch gerne Ihren Skorpion untersuchen, wenn Ihnen das recht
ist“.
„Wow“, dachte Knubbli, „ob es wohl auch Therapien für behinderte Skorpione gibt?“
Dann dachte er weiter: „Eigentlich geht es mir ohnehin prima, aber wenn es den
netten Menschen hilft, die mir immer zu essen geben, mache ich gerne mit“.
Nach einigen Tagen bekam Anita vom Professor eine E-Mail auf ihren Computer. Die
ganze Familie war sehr aufgeregt, weil am nächsten Tag sollte es in die große Stadt
gehen. Knubbli wurde schon am Abend in einen bequemen Käfig gesetzt – nicht
auszudenken, wenn er sich ausgerechnet am nächsten Morgen verkrochen hätte!
Aber Knubbli dachte gar nicht daran. Er hatte sehr wohl mitbekommen, was geplant
war und war schon, wie immer, sehr neugierig. Er war bisher weder Auto noch Zug
gefahren, und eine Stadt hatte er auch noch nicht gesehen, außer im Computer.
Anita hatte ihn nämlich immer neben sich, wenn sie im Computer surfte und Knubbli
durfte sich alles auf dem Bildschirm anschauen. Aber natürlich ist das nicht dasselbe
wie die Wirklichkeit. Im Auto schaukelte es, die Landschaft flitzte vorbei, dass Knubbli
Hören und Sehen verging, im Zug war es ähnlich und in der Stadt war es vor allem
laut. „Brr“, dachte Knubbli, „ich glaube, ich wohne doch lieber in einem Dorf“.
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Im Institut des Professors wurden sie freundlich empfangen. Knubbli wurde in ein
Labor gebracht und genauestens untersucht. Er wurde gemessen, gewogen und von
allen Seiten fotografiert. Anita war die ganze Zeit dabei und erklärte ihm alles. Ihre
Eltern schauten ein bisschen skeptisch, aber sie war sich sicher, dass er alles
verstünde. „Die Erwachsenen“, sagte sie wie schon oft auch jetzt wieder zu ihm, „die
glauben immer, sie wissen alles“, und Knubbli schwenkte so wie jedes Mal
zustimmend seine Schere am Schwanzende. Sogar eine Computertomographie
machten sie. Er wurde in eine Röhre gesetzt und es wurde ziemlich laut, aber
Knubbli lief nicht weg und ließ sich das alles völlig friedlich gefallen. Nur als sie ihm
ein bisschen Körperflüssigkeit abnahmen, wurde er leicht betäubt. „Naja“, dachte er,
„die Menschen sind eben übervorsichtig“.
Die Heimfahrt verschlief Knubbli, untertags sind Skorpione ohnehin eher müde. Zu
Hause bekam er eine besonders leckere Hundefuttermahlzeit. Der Hund der Familie
ging ihm übrigens aus dem Weg, der hatte zum Glück noch nicht mitbekommen,
dass Knubbli der harmloseste Skorpion der Welt war. Er war außerdem schon
ziemlich alt und schlief die meiste Zeit, von dem drohte Knubbli keine Gefahr.
Wieder vergingen einige Tage, dann kam eine E-Mail vom Professor. Es war
Sonntag, Herr und Frau Fernandez waren auch zu Hause. Alle steckten gespannt
den Kopf in den Bildschirm, auch Knubbli saß auf dem Tisch dabei. Anita durfte
vorlesen:
Untersuchungsgegenstand: Skorpion
Fragestellung: Untersuchung auf Rückstände des Pflanzenschutzmittels „Kill All“
Methoden:
„Ja, ja, wir waren ja dabei“ sagte der Vater ungeduldig, lies bitte weiter!“
Ergebnis: In der Körperflüssigkeit des Skorpions wurden 100 Nanogramm„Kill All“ pro
Milliliter Blut gefunden.
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Die genetischen und daraus resultierenden morphologischen Veränderungen des
Skorpions sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auf mutagene beziehungsweise
teratogene Auswirkungen der Chemikalie im Zuge der Exposition des Muttertieres im
Zuge der Herbizidausbringung zurückzuführen.
„Siehst Du“, sagte der Vater. „Und die sagen immer, das das Zeug ganz harmlos ist!“
„Kann mir bitte jemand einmal erklären, was das bedeutet?“ fragte Anita. „Also“,
sagte der Vater, „das ist so: dass unser Skorpion so anders geworden als die
anderen Skorpione, daran ist höchstwahrscheinlich das Spritzmittel schuld. In seiner
Körperflüssigkeit ist 1000 mal so viel von dem Gift, wie in einem Trinkwasser erlaubt
wäre. Das Zeug verursacht Veränderungen in den Genen, und ein Tier oder ein
Mensch entwickelt sich ganz anders, als das ursprünglich geplant war. Seine Mutter
ist mit dem Gift angespritzt worden. Skorpione halten zwar viel aus, aber mindestens
einer von den kleinen Skorpionen sieht jetzt ganz anders aus und ist auch behindert“,
„So wie ich“, sagte Anita nachdenklich. „Glaubst Du, dass bei mir dasselbe passiert
ist? Die spritzen doch hier seit vielen Jahren ständig herum und vielleicht hat Mama
davon etwas abgekriegt“.
Frau Fernandez wurde ganz blass. Der Professor hatte ja schon so etwas erwähnt,
aber das war doch nur eine Vermutung gewesen. „Wenn wir damals rechtzeitig
weggegangen wären, dann wäre Anita vielleicht jetzt nicht behindert“, weinte sie
plötzlich. „Unsinn“, sagte Herr Fernandez energisch, „das konnte doch damals keiner
wissen. Es sind doch nicht wir daran schuld, sondern die Firma, die uns dauernd
anspritzt. Konzentrieren wir uns auf die Zukunft. Wir müssen unbedingt erreichen,
dass die Firma mit der Spritzerei aufhört. Außerdem hat der Professor gesagt, dass
wir und die anderen Familien mit behinderten Kindern vielleicht Schadenersatz
bekommen können, wenn man nachweisen kann, dass das Zeug genetische
Veränderungen hervorruft. Also müssen wir etwas tun. Aber jetzt essen wir zuerst
unser Mittagessen, bitteschön!“
In den nächsten Tagen ging es richtig los. Es gab ein großes Treffen im Dorf mit den
anderen Eltern, die auch behinderte Kinder hatten. Herr Fernandez berichtete über
die Untersuchungsergebnisse an seinem Skorpion. Knubbli durfte dabei sein. Zuerst
gab es ein großes Geschrei „Wahnsinn, gefährliches Tier“, aber nachdem sich alle
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davon überzeugt hatten, dass er völlig gutmütig und harmlos war, freuten sie sich
daran, wie er im Kreis auf seinen Stummelbeinchen von einem Menschen zum
anderen trappelte. Sie streichelten ihn und fanden es auch lustig, wenn er sie mit
seiner kleinen Schere am Schwanz ganz zart in die Finger zwickte und die Kinder
quietschten vor Vergnügen. Aber in Wirklichkeit ging es nicht um Vergnügen, sondern
um eine todernste Sache. Wie sollte man eine Klage bei Gericht gegen die mächtige
Firma angehen? Die hatten doch die besten Rechtsanwälte! Wie könnte man das
Geld dafür aufbringen? Die Untersuchungen und die Gutachten allein würden schon
furchtbar viel kosten und die Dorfbewohner hatten alle nur wenig Geld. Sie kamen zu
keinem Ergebnis und gingen mit gesenkten Köpfen nach Hause.
4. Wer wagt gewinnt
Anita saß bei ihrem Computer und überlegte. „Es muss doch irgendeine Möglichkeit
geben“, dachte sie. „Das ist doch unfair, was die da tun. Wir haben ihnen gar nichts
getan, und sie machen uns krank und kümmern sich überhaupt nicht darum, was sie
uns und den anderen Lebewesen antun. Das kann so nicht bleiben!“ Knubbli
trappelte inzwischen wieder einmal auf dem Keyboard des Computers herum.
Irgendwie hatte er durch sein Getrappel den Explorer geöffnet und plötzlich las sie
auf dem Bildschirm: Youtube. Anita schaute Knubbli an und schüttelte den Kopf. Das
war aber jetzt Zufall, oder? Skorpione haben eigentlich unbewegliche Gesichter, aber
Anita hätte schwören können, dass ihr Knubbli zugeblinzelt hatte. Okay, Youtube
also. Und was sollte sie hochladen? Die Antwort war sonnenklar: natürlich Knubbli
als Filmstar. Sie kicherte bei dem Gedanken, was wohl die Eltern sagen würden. Ihr
Computer hatte eine Webcam eingebaut. Die konnte den munteren Skorpion bestens
aufnehmen.
Bald hatte sie es geschafft. Knubbli hatte sich wie üblich hilfsbereit gezeigt. Er
schwenkte den Schwanz mit der Schere, trappelte hin und her, nahm ihr vorsichtig
kleine Bröckchen Hundefutter ab und ließ seinen ganzen Charme spielen. Sie
schrieb noch dazu: Mein Skorpion, dessen Mutter „Kill All“ abgekriegt hat und der
deshalb behindert ist. Dann lud sie das Video hoch. Bald darauf lag sie im Bett und
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träumte von einem Skorpionballett, alle hatten sie keine Scheren und sahen aus wie
Knubbli.
Am nächsten Tag, als ihre Eltern wegegangen waren, fuhr Anita sofort den Computer
hoch. Zweihunderttausendmal angeclickt – das gab es doch gar nicht. So viele
Menschen interessierten sich für ihren Skorpion? Das war ja sensationell. Vielleicht
sollte sie noch etwas anderes probieren? Sie schrieb eine Mail an die größte
Tageszeitung des Landes: „Das ist mein Skorpion, den Sie in Youtube (dann folgte
der Link) sehen können. Wollen Sie ihn persönlich kennenlernen?“
Nach kurzer Zeit kam eine Mail zurück: „Bin interessiert. Wo und wann?“ Und es
folgte eine Telefonnummer aus der Hauptstadt. Das war nun eine Nummer zu groß
für Anita. Ein Video vom Skorpion hochladen – gut. Ein Mail an eine Zeitung schicken
– auch gut. Aber sich mit fremden Menschen treffen – da musste schon Papa her.
Dieser wunderte sich ziemlich, als er das Video und die Anzahl der Clicks sah, die
sich inzwischen weiter stark vermehrt hatten. Beim Anblick des Mailwechsels zog er
kurz die Augenbrauen hoch, dann griff er zum Telefon und wählte die Nummer. Ein
kurzes Gespräch folgte, dann legte er auf und drehte sich lächelnd zu Anita. „Ich
habe mit dem Chefredakteur unserer größten Zeitung gesprochen und er wird einen
Reporter und eine Fotografin herschicken. Gratuliere!“
Am nächsten Tag war schulfrei. Anita und ihre Eltern warteten gespannt auf den
Besuch. Ein Auto bremste vor ihrem Häuschen und die beiden Zeitungsleute stiegen
aus. Anita saß auf einem Sessel vor der Türe und hatte Knubbli auf dem Schoß. „Ah,
da ist ja unser Filmstar“, sagte der Reporter, „wie bist Du denn zu dem gekommen?“
Anita erzählte die Geschichte und die Fotografin schoß einige Bilder. „Ein behinderter
Skorpion, der noch dazu so zahm ist, das ist ja schon eine Wucht“, meinte der
Reporter. „Wie ist das wohl passiert? Wurden ihm vielleicht die Scheren
abgeschnitten?“ „Nein“, antwortete Herr Fernandez, „der ist so geboren. Das ist ein
genetischer Schaden, wahrscheinlich wurde er durch das Spritzmittel verursacht, das
die Flugzeuge hier dauernd versprühen. Bei uns gibt es sehr viele behinderte Kinder
– meine Tochter hat ja auch eine Behinderung, wie Sie sehen können“. Das fand der
Reporter jetzt aber sehr interessant und Herr Fernandez musste auch diese
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Geschichte erzählen – von Knubblis Untersuchungen bis zu dem Treffen der Eltern
mit den behinderten Kindern.
Der Reporter nahm alles eifrig auf und die Fotografin schoss noch mehr Fotos. Dann
verabschiedeten sich die beiden und fuhren weg. Am Tag darauf brachte Herr
Fernandez eine Zeitung heim. Auf Seite drei fand sich ein großer Artikel über Familie
Fernandez, ihren behinderten Skorpion und über ihre Probleme. Anita strahlte über
das ganze Gesicht und setzte Knubbli auf die Zeitung auf dem Küchentisch. „Schau“,
sagte sie zu ihm. Knubbli trappelte ganz langsam von oben nach unten über die
Zeitung. „Wenn der nicht den Artikel liest“, grinste Herr Fernandez. Anita schoss ihm
einen strafenden Blick zu. Knubbli ließ sich bei der genauen Inspektion der Zeitung
nicht stören. Als er am unteren Ende angekommen war, drehte er sich um und
schaute die beiden intensiv an. Lachend nahm Herr Fernandez seine Tochter auf die
Arme und setzte sie in ihren Sessel vor dem Computer.
Nun ging es Schlag auf Schlag. Das Video mit Knubbli wurde mehrere Millionen mal
angeclickt. Die großen Fernsehsender des Landes brachten Berichte und Knubblis
Foto zierte die Titelseiten der Zeitungen. Der größte Erfolg jedoch war, dass die
große Zeitung ein Spendenkonto einrichtete, auf das die Menschen für die
Dorfbewohner und die behinderten Kinder spenden konnten. Die Dorfbewohner
beschlossen aber einstimmig, das Geld sollte nicht für die einzelnen behinderten
Kinder verwendet werden. Darum würden sie sich später kümmern. Sicherlich, jeder
hätte es gut gebrauchen können, aber sie wollten ihr Recht, nicht Almosen. Das Geld
sollte für den Gerichtsprozess gegen die große Firma verwendet werden, für die
Rechtsanwälte und die Gutachten. Es war Unrecht, dass die Firma einfach ihr Dorf
mit Gift bespritzte und die würde auch nicht von selber aufhören. Es würden
weiterhin behinderte Kinder auf die Welt kommen und nichts würde sich ändern.
Diese Leute musste man dazu zwingen, mit der Spritzerei aufzuhören. So einfach
war das.
„Seltsam“, grübelte Herr Fernandez zu Hause vor sich hin. „Das Schicksal einer
ganzen Reihe behinderter Kinder und ihrer Familien hat die ganze Zeit keinen
Menschen interessiert. Wir haben die Firma angefleht, etwas zu tun, wir haben uns
x-mal bei den Behörden beschwert – nichts. Jetzt, wo dein seltsamer Skorpion auf
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den Titelseiten der Zeitungen steht und sich die Fernsehsender in unserem Dorf
überkugeln, wollen uns alle plötzlich zu unserem Recht verhelfen. In was für einer
Welt leben wir eigentlich?“ Anita wusste das auch nicht so genau, aber sie dachte
sehr vernünftig, Hauptsache, es klappt jetzt.
5. Jetzt erst recht
Einige Tage später hielt ein großer Wagen vor ihrem Häuschen. Anita wunderte sich,
wieso er nicht in dem schmalen Weg, der zu ihnen führte, stecken geblieben war. Ein
gut angezogener Mann stieg aus und ging auf das Häuschen zu. Anita war allein zu
Hause. Sie saß gerade vor dem Häuschen bei einem Tischchen und spielte das
Hütchenspiel mit Knubbli. Sie hatte drei undurchsichtige Plastikbecher aufgestellt,
unter einem war ein Stückchen Futter und Knubbli musste erraten, unter welchem.
Knubbli hatte keinerlei Problem damit, er roch natürlich das Futter. Aber wenn es
Anita Spaß machte, dann machte er gerne mit.
Der Mann kam auf die beiden zu und grüßte. Höflich grüßte Anita zurück und
schaute fragend. „Sind Deine Eltern zu Hause?“ fragte der fremde Mann. „Nein,
leider, was möchten Sie denn von ihnen?“ wollte Anita wissen. Der Mann zögerte –
sollte er überhaupt mit dem Mädchen reden? Das war doch etwas für Erwachsene.
Andererseits geht es ja um Geld für das behinderte Kind, dachte er. Wenn ich ihr den
Mund wässrig mache, wie gut es ihr mit dem Geld gehen könnte, dann löchert sie
vielleicht ihre Eltern, dass sie einwilligen... Er holte tief Luft und begann: „Die Firma,
die das Spitzmittel Kill All herstellt, schickt mich. Meine Chefs haben natürlich von
euren Schwierigkeiten in der Zeitung gelesen und die Berichte im Fernsehen
gesehen. Das alles finden sie sehr traurig und sie möchten euch gerne helfen. Sie
möchten euch so viel Geld geben, dass ihr eure Schwierigkeiten los seid und alle
behinderten Kinder die beste Behandlung bekommen“. „Die beste Behandlung wird
bei mir nichts nützen“, sagte Anita trocken. „Ich bin und bleibe behindert, basta“.
„Aber ein Superturboelektrorollstuhl wäre doch eine prima Sache“, lockte der
Fremde. Naja, da hatte er schon recht. Ein Elektrorolli mit allen Schikanen, das war
schon lange ihr unerfüllbarer Traum, schließlich hatte sie nicht einmal einen Rolli mit
Handbetrieb. „Und was möchten Sie als Gegenleistung?“ fragte sie, weil sie
inzwischen ganz genau wusste, dass große Firmen nur ganz selten etwas aus lauter
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Menschenfreundlichkeit tun. „Eigentlich gar nichts“, antwortete der Mann. „Es ist nur
so: in den vielen Sendungen und Zeitungsberichten wird unser wunderbares
Unkrautmittel Kill All immer wieder erwähnt. Werbung ist zwar gut und wichtig für uns,
aber nicht, wenn das Mittel im Zusammenhang mit Problemen genannt wird. Ich
möchte natürlich ausdrücklich betonen, dass unser Mittel völlig harmlos ist. Das
haben wir in vielen wissenschaftlichen Studien ja nachgewiesen“. Anita verzog das
Gesicht. „Ja, und wieso sind dann ausgerechnet bei uns so viele Kinder krank und
behindert?“, dachte sie, schwieg aber. „Ja, also“, druckste der Mann ein bisschen
herum, „äh, wir hätten also gerne, dass das Herumgerede über unser nützliches
Spritzmittel aufhört. Und so möchten wir euch ein Angebot machen“. „Ich höre“, sagte
Anita. „So ein Quatsch“, dachte der Mann. „Wieso rede ich wirklich mit der Kleinen
wie mit einer Erwachsenen? Die ist behindert, sitzt da und spielt mit Plastikbechern,
die versteht mich doch gar nicht“. „Nun, haben Sie vergessen, was Sie sagen
wollten?“ spöttelte Anita. Der Mann gab sich einen Ruck. Also gut, wenn sie
unbedingt wollte... „Okay. Wir geben euch 10.000 Dollar, das ist riesig viel Geld. Da
könnt ihr alle Kinder gut versorgen und es bleibt noch genug Geld für eine neue
Schule. Die braucht ihr doch dringend, damit auch alle behinderten Kinder ohne
Schwierigkeiten in die Schule gehen können, oder? Aber das muss unser Geheimnis
bleiben, das braucht niemand zu wissen und ihr müsst außerdem dafür versprechen,
dass ihr nie wieder etwas über unser Spritzmittel zu den Zeitungen und dem
Fernsehen sagt. Na, ist das ein Angebot?“ Er strahlte über das ganze Gesicht, wie
der Weihnachtsmann wirkte er in dem Moment. „Und die Spritzerei über unserem
Dorf hört für immer auf?“ fragte Anita. „Hmmm najaaa, das ist eine andere Sache.
Darauf haben wir keinen Einfluss. Außerdem ist doch unser Spritzmittel völlig
harmlos, das habe ich ja schon gesagt. Aber denk doch an das viele schöne Geld.
Sag deinem Vater, er soll mich unbedingt anrufen, hier ist meine Visitenkarte. Dein
Vater ist ja Lehrer, der kann das sicher auch den anderen Dorfbewohnern gut
erklären“.
Anita war normalerweise recht schlagfertig, aber diesmal blieb ihr wirklich die
Sprache weg. Er war also hier, um das Schweigen der Dorfbewohner um einen
Spottpreis zu kaufen und die Firma würde so weiter machen wie bisher. 20
behinderte Kinder gab es im Dorf. Sie rechnete schnell im Kopf nach. Das waren
gerade einmal 500 Dollar pro Kind, wie sollte man davon teure Behandlungen
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bezahlen? Ein einzelner Elektrorolli kostete bereits mehr als 10.000 Dollar. Das
durfte doch nicht wahr sein! „Und die übrige Umwelt und die Tiere?“ fragte Anita.
„Was geschieht mit denen? Die Frösche, die Schmetterlinge, die Würmer, die
Skorpione?“ „Ach, wegen ein bisschen Ungeziefer, das gehört ohnehin ausgerottet“,
meinte der Mann verächtlich. Verärgert dachte er: „Was soll denn das, was bildet sich
die Kleine ein? Quatscht über die Umwelt, dabei müsste sie doch froh sein, wenn sie
überhaupt etwas bekommt, so arm wie ihre Eltern sind“.
Knubbli bewegte sich unbehaglich hinter seinen Plastikbechern. Sicherlich waren
10.000 Dollar schon eine Menge Geld, das wusste man schon als gebildeter
behinderter Skorpion. Wenn die Firma aber so weiter machen durfte, was wäre
wirklich dann mit den Tieren, die ebenfalls behindert würden oder sogar am Gift
sterben müssten? „Würde ich dann auch einen flotten Elektrorolli bekommen?“
dachte er und wackelte mit seinem Schwanz missmutig hin und her.
„Du würdest auch wunderschönes Spielzeug bekommen und müsstest nicht mehr
mit den schäbigen Bechern spielen“, lockte der Mann wieder. Dabei machte er eine
Handbewegung in Richtung der Becher und stieß zwei davon um, so dass Knubbli
sichtbar wurde. „Um Himmels willen, was ist denn das für eine Missgeburt! So ein
widerliches Vieh auf einem Tisch, ihr Indios seid doch wirklich ein ungebildetes
schmutziges Volk!“ rief der Mann aufgebracht, als er den behinderten Skorpion sah.
Jetzt reichte es Knubbli. Ihn als Missgeburt zu bezeichnen, das hätte er ja noch
verkraftet, aber das Volk der Indios schmutzig und ungebildet zu nennen – das war
zuviel. Er schoss mit einer unglaublichen Geschwindigkeit über den Tisch, man sah
seine Stummelbeinchen kaum, so schnell bewegte er sie. Dann zwickte er mit seiner
kleinen Schere am Schwanzende den Mann in den Finger, so fest, wie er noch nie
zugezwickt hatte. Der Mann brüllte auf, hielt sich den Finger, schrie wütend: „Das
wird ein Nachspiel haben! Ihr werdet noch von uns hören“, rannte zu seinem Auto,
ließ den Motor aufheulen und fuhr unter Hinterlassung einer riesigen Staubwolke
davon.
Anita sah ihm nach, schüttelte den Kopf und beruhigte Knubbli, der ganz aufgeregt
kreuz und quer über den Tisch trappelte. Dann grinste sie über das ganze Gesicht.
„Dem hast Du es ordentlich gegeben!“ sagte sie. Zur Antwort schwenkte Knubbli
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seinen Schwanz stolz hin und her. Anita wandte sich ihrer Aufgabe zu. Mit Knubbli
konnte sie ja später wieder spielen. Als ihre Eltern heimkamen, musste sie natürlich
sofort ihr aufregendes Erlebnis erzählen. Ihre Eltern waren über die Gemeinheit und
Skrupellosigkeit der Firma furchtbar empört. Als ihnen Anita aber erzählte, wie
Knubbli die Ehre der Indios verteidigt hatte, lachten sie aus vollem Hals und
streichelten Knubbli. Er knabberte ganz zart an ihren Händen, es kitzelte sie und so
lachten sie noch mehr.
Eine Versammlung der Dorfbewohner wurde einberufen. Anita durfte erzählen. Als
sie zu der Stelle kam, wo der Mann so über die Indios geschimpft hatte, ging ein
böses Murren durch die Menge. „Was glauben die eigentlich, wer sie sind?“ rief ein
junger Bauer, dessen zweijähriges Baby auch behindert war. „Für die sind wir wohl
der letzte Dreck. Aber wir werden es ihnen zeigen!“ Er hob die Hand und formte das
„V“ mit den Fingern – das Victoryzeichen für Sieg. Alle sprangen auf und machten es
ihm nach. „Wir werden kämpfen und wir werden gewinnen! Für unsere Kinder!“ Und
Knubbli, der wie immer dabei war, schwenkte kampfesmutig den Schwanz. „Schaut“,
rief Anita, „die Schere von unserem Skorpion, die sieht aus wie das Victoryzeichen“.
„Er hat ja wirklich schon einen Sieg gegen den Firmenvertreter errungen!“ meinte
Frau Fernandez. Das fanden die Dorfbewohner auch und so erklärten sie Knubbli zu
ihrem offiziellen Maskottchen. Sie machten sich Aufkleber mit seinem Bild. Jeder
(und es waren inzwischen viele Menschen), der den Kampf der Dorfbewohner um
Gerechtigkeit unterstützen wollte, klebte sich Knubblis Bild auf die Kleidung.
Bevor der Prozess statt finden konnte, gab es noch viel zu tun. Die Kinder mussten
genau untersucht werden, von allen Dorfbewohnern wurden Blutproben genommen,
von ihren Tieren ebenfalls, Pflanzen aus dem Dorf wurden auf das genaueste
untersucht. Erde wurde in kleine Säckchen gefüllt und in Labors geschickt, viele
Wissenschaftler saßen nächtelang bei ihren Geräten, um dann lange
wissenschaftliche Gutachten zu schreiben. „Ein solcher Prozess muss gut vorbereitet
werden“, erklärte Herr Fernandez Anita und einem interessiert lauschenden Knubbli,
der natürlich zuhören durfte. „Die große Firma hat sehr viel Geld und kann sich die
besten Rechtsanwälte und Wissenschaftler, sogenannte Gutachter leisten. Gutachter
nennt man die, weil sie Gutachten schreiben – das sind lange Beschreibungen, wie
etwas ist und warum es so geworden ist – oder auch nicht. Die Richter können ja
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nicht selbst alles wissen, und so müssen sie sich auf die Gutachten verlassen. Je
nach dem welches Gutachten ihnen glaubhafter erscheint, dem Prozessgegner
werden sie dann eher Recht geben“. „Aber wenn etwas wissenschaftlich genau
untersucht wird, dann müsste man doch die Wahrheit herausfinden, oder?“ überlegte
Anita. „Ja, wenn“, sagte Herr Fernandez, „aber manchmal gibt es auch
unterschiedliche Meinungen unter den Wissenschaftlern, das wäre noch nichts
Böses. Schlimm wird es nur, wenn sich Wissenschaftler von Firmen oder anderen
reichen Leuten kaufen lassen und falsche oder schlampige Gutachten erstellen.
Solche, die nicht richtig sind, aber demjenigen nützen, der sie bezahlt. Ich fürchte,
die große Firma wird alles tun, um irgendwie Gutachten zu bekommen, dass ihre
Produkte und die Spritzerei völlig ungefährlich ist. Sie werden es so darstellen, als
könnte man das Zeug zum Baden für Kleinkinder verwenden“, fügte er bekümmert
hinzu. Anita schwieg, dann aber hob sie den Kopf und sagte mit fester Stimme: „Wir
werden kämpfen und gewinnen, Du hast ja mich und unseren Skorpion!“ „Stimmt“,
antwortete ihr Vater und strich ihr über den Kopf. Knubbli richtete sich zu voller
Größe auf und reckte seinen Schwanz mit der Victoryschere in die Höhe. Er würde
nach Kräften zum Sieg beitragen!
6. Der Tag der Entscheidung
Am Tag vor dem Prozess fuhr die Familie Fernandez zusammen mit den anderen
Dorfbewohnern schon in die Stadt, die Entfernung war nämlich zu weit für eine
Anreise am gleichen Tag. Sie hatten zwei Autobusse gemietet und sangen auf der
Fahrt gemeinsam muntere Lieder. Knubbli saß wie gewohnt in seinem Reisekäfig
und genoss die Abwechslung. In der folgenden Nacht taten die meisten
Dorfbewohner kein Auge zu. Die Spannung, wie wohl der Prozess verlaufen würde,
war zu groß. Knubbli schlief auch nicht, obwohl er sich zu Hause dem
Tagesrhythmus der Menschen angepasst hatte. Normalerweise schlief er inzwischen
so wie sie in der Nacht und blieb am Tag munter, aber diesmal war auch er die ganze
Nacht putzmunter und trappelte umher. Zum Glück war der Boden mit Teppichen
belegt, sonst hätte er am Ende mit seinem Getrappel noch die anderen Gäste
geweckt. Anita schlief schließlich doch vor Erschöpfung ein. Sie träumte, dass sie im
Gerichtssaal wäre und der Prozess begonnen hätte. Auf der Richterbank saßen drei
große Skorpione, alle mit Scheren und einem großen Giftstachel und auf der
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Anklagebank fünf Herren mit Anzügen. Diese jammerten und bettelten um Gnade.
Der mittlere Skorpion stand auf und sagte mit tiefer Stimme: „Sie werden zu 25
Jahren Haft in Gesellschaft von Skorpionen mit Giftstachel verurteilt! Dagegen gibt
es keine Berufung. Außerdem bekommen Sie jeden Sonntag eine Flasche Kill All
zum Frühstück und müssen es vollständig austrinken“.
Dann erwachte Anita völlig verwirrt – wo war sie eigentlich? Langsam erinnerte sie
sich, sie war ja im Hotelzimmer und morgen war der Prozess – oder war es schon
heute? Das Läuten des Weckers beendete ihre Überlegungen und sie begann, sich
anzuziehen. Sie setzte Knubbli in seinen Käfig und war reisefertig. Aber zuerst ging
es noch zum Frühstück. Sie waren in einem guten Hotel, der Hotelbesitzer hatte die
Dorfbewohner eingeladen und war stolz darauf, so bekannte und berühmte Leute
und den berühmten Skorpion bei sich zu haben. Er bestand auch darauf, mit Anita
und Knubbli fotografiert zu werden. Das Frühstücksbuffet hätte Knubbli gerne näher
inspiziert, es roch verführerisch, aber da musste er leider im Käfig bleiben – Herr
Fernandez wollte lieber doch nicht ausprobieren, ob alle übrigen Gäste unbedingt
einen Skorpion beim Frühstück dabeihaben wollten.
Nach dem Frühstück ging es zum Gericht. Als sie in das Gebäude gingen, liefen dort
ungezählte Reporter herum, die alle noch schnell ein Interview oder einen
Kommentar wollten, Fernsehkameras, wohin man schaute, weil nachher im
Gerichtssaal Kameras verboten waren. Dann stellte sich heraus, dass es gar nicht so
einfach war, in den Verhandlungssaal hineinzukommen. Zuerst wollten die
Gerichtsbeamten Anita und Knubbli nicht hineinlassen. „Kinder und Tiere sind im
Gericht verboten“, sagten sie. Aber der Rechtsanwalt der Dorfbewohner behauptete,
dass beide Beweisstücke seien und er sie für den Prozess brauche. Die Beamten
hatten zwar ihre Zweifel, dass ein behindertes Kind und ein Skorpion Beweisstücke
sein können, aber dann gaben sie doch nach und die beiden durften auf dem Arm
des Anwalts in den Gerichtssaal.
Endlich war es so weit. Viele Menschen waren gekommen, um zuzuhören, der Saal
war voll. Sie alle warteten ungeduldig auf den Beginn. Der Richter erhob sich und
alle Anwesenden taten es ihnen gleich – das heißt fast alle, weil Anita und Knubbli
sitzen blieben. Die Menschen setzten sich wieder und der Prozess begann.
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Der Richter rief die Zeugen der Reihe nach auf. Alle wurden darauf aufmerksam
gemacht, dass sie die Wahrheit sagen müssten und dass es ein Verbrechen sei, vor
Gericht zu lügen. Alle gelobten, die Wahrheit zu sagen. Die Gutachter erklärten, wie
sie in ihrem Gutachten zu dieser oder jener Schlussfolgerung gekommen waren. Die
Gutachter, die die große Firma engagiert hatte, behaupteten, dass das Spritzmittel
vollkommen ungefährlich sei. Es werde schon jahrelang auf der ganzen Welt
verwendet, ohne dass jemals ein einziger Mensch krank geworden sei. Die
Behinderungen und Krankheiten der Kinder im Dorf, die wären nur Zufall oder
würden von unsauberen Brunnen kommen. Die Gutachter, die Professor Chapela
dagegen geholt hatte, konnten bis ins kleinste Detail beweisen, dass praktisch
überall, im Blut der Dorfbewohner, im Blut ihrer Tiere, im Wasser, in den Pflanzen, im
Boden Reste vom Spritzmittel „Kill All“ waren. Sie konnten auch wissenschaftliche
Studien vorweisen, die belegten, dass das Spritzmittel sehr wohl giftig ist und man
davon krank wird.
Die vielen und sehr teuren Anwälte der Firma versuchten mit aller Kraft, die
Dorfbewohner und die von ihnen bestellten Gutachter als unglaubwürdig
hinzustellen. Jedes Ergebnis wurde angezweifelt, alle Gutachter als vollkommen
unfähig hingestellt, so dass sogar der Richter irgendwann genug hatte und die
Anwälte anfuhr: „Dass Sie ihre Klienten bestmöglich verteidigen, das ist ihre Pflicht
und in Ordnung. Dass sie die Gutachten infrage stellen, ist auch ihr Recht und in
Ordnung. Aber dass Sie die gegnerischen Gutachter, die alle bekannte
Wissenschaftler sind, ununterbrochen in jeder Hinsicht als dumm und unfähig
bezeichnen, das geht jetzt doch zu weit“. Heuchlerisch beteuerte einer der Anwälte:
„Aber wir können doch diesen schlimmen Vorwurf nicht auf uns sitzen lassen, dass
uns das egal ist, wenn Menschen krank werden. Unsere Firma zeigt sich doch
ohnehin immer in jeder Hinsicht großzügig. Auch wenn sie keine Schuld an einem
Unglück trifft, hilft sie den armen Menschen. So ist es doch auch hier. Im übrigen sind
von Professor Chapela Untersuchungsergebnisse und Bilder über den angeblich
behinderten Skorpion vorgelegt worden, der ja auch in allen Zeitungen und im
Fernsehen war. Sie sehen ja selbst, Herr Richter, mit welchen unseriösen Methoden
hier gearbeitet wird. So ein Vieh gibt es überhaupt nicht! Das ist eine glatte
Fälschung!“
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Ein Raunen ging durch den Gerichtssaal. „Ruhe!“ rief der Richter, „Ruhe, sonst lasse
ich den Saal räumen“. Er wartete, bis es wieder ruhig war, dann wandte er sich an
den Anwalt der Dorfbewohner. „Sie wollten etwas sagen?“ „Ja, Herr Richter, ich
möchte gerne ein Beweisstück vorlegen“. „Bitte sehr“, sagte der Richter. Der Anwalt
ging zu Anita, nahm sie auf den Arm, während sie den Käfig weiter im Arm hielt und
setzte sie auf einen Sessel vor dem Richtertisch. Sie stellte den Käfig ab. „Was ist
das?“ fragte der Richter. „Das ist der nicht existierende gefälschte behinderte
Skorpion“, antwortete Anita und öffnete den Käfig. Der Richter zuckte zurück.
„Skorpione sind doch gefährlich“, sagte er. „Der nicht“, entgegnete Anita und hielt
Knubbli den Finger hin. Knubbli knabberte ganz zart an Anitas Finger, dann drehte er
sich um und trappelte zum Richter. Der hielt ihm zuerst etwas ängstlich, dann mutiger
auch den Finger hin, den Knubbli ganz zart beknabberte. Dann drehte sich der
behinderte Skorpion im Kreis, dass ihn der Richter ganz genau betrachten konnte
und schwenkte zum Schluss stolz seinen Schwanz mit der Schere zum
Victoryzeichen. „Sie meinen also alle, meine Herren, dass ich Gespenster sehe,
wenn ich behaupte, hier einen ziemlich eigenartigen und offensichtlich behinderten
Skorpion vor mir zu sehen“, sagte der Richter zu den Anwälten der Firma. Sofort
beteuerten die Anwälte, dass der Richter natürlich keinerlei Gespenster sähe,
sondern einen echten, nur etwas eigenartigen Skorpion.
„Und was die Gutherzigkeit der Firma betrifft, die armen Menschen helfen will, auch
wenn sie nicht an deren Unglück schuld ist – versuchen Sie nicht eher die Leute mit
einem Geldbetrag, der für Sie ein Taschengeld bedeutet, abzufertigen und vor allem
zum Schweigen bringen?“ fragte der Anwalt der Dorfbewohner. Das gab eine große
Empörung bei den Anwälten der Firma. „Wie kommen Sie denn darauf? Das würde
die Firma nie tun!“
„Sie haben wirklich niemanden geschickt, der mit den Dorfbewohnern reden und sie
unter Druck setzen sollte?“
„Natürlich nicht!“
„Aber es war doch ein Firmenvertreter im Dorf und hat mit Anita gesprochen, das ist
das Mädchen mit dem Skorpion“.
„Niemals! Halten Sie etwa ein behindertes Kind für glaubwürdig?“
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„So“, meinte der Anwalt der Dorfbewohner trocken. „Darf ich?“ wandte er sich an den
Richter und hielt ein kleines Gerät hoch. Der nickte nur. Der Anwalt drückte einen
Knopf. Man hörte eine Männerstimme „Sind Deine Eltern zu Hause?“ und Anitas
Antwort „Nein, leider, was möchten Sie denn von ihnen?“ Dann lief das ganze
Gespräch, das Anita und der Mann von der Firma geführt hatten, vor allen
Anwesenden ab. Bei den Worten „ihr Indios seid doch wirklich ein ungebildetes
schmutziges Volk“ gab es einen Riesenwirbel im Saal, der Richter musste
unterbrechen und die Leute zweimal ermahnen, bevor wieder Ruhe im Saal war.
Der Richter hörte sich die Aufnahme zu Ende an, dann fragte er: „Als der Mann so
geschrien und mit einem Nachspiel gedroht hat, was genau ist da geschehen?“ Der
Anwalt lächelte. „Fragen Sie bitte die Produzentin der Aufnahme“, sagte er und wies
auf Anita. „Du hast das aufgenommen? Du bist ein kluges Mädchen“, staunte der
Richter. „Ja, das Gerät lag zufällig auf dem Tisch, weil ich Vogelstimmen aufnehmen
wollte“, entgegnete Anita bescheiden. „Und das war so: anscheinend hat der Mann
meinen Skorpion so wild gemacht, dass er auf ihn losgeschossen ist und ihn mit
seiner Schere am Schwanz kräftig in den Finger gezwickt hat“. „Würde ich auch tun,
wenn mich jemand eine Missgeburt nennt“, meinte der Richter, während seine
Mundwinkel verdächtig zuckten. Dann klopfte er mit seinem Hammer auf den Tisch.
„Die Verhandlung wird bis nachmittag um 14 Uhr vertagt“, verkündete er und erhob
sich.
„Wieso hast Du mir gar nichts gesagt, dass Du das Gespräch aufgenommen hast?“
fragte Herr Fernandez. „Ich wusste bis gestern nicht, dass ich es habe“, antwortete
Anita. „Erst gestern im Hotel wollte ich etwas Musik hören und da habe ich es
bemerkt. Ich wollte es Dir erzählen, habe aber in der ganzen Aufregung darauf
vergessen. Heute vor dem Gericht, als mir der Anwalt geholfen hat,
hineinzukommen, ist es mir wieder eingefallen und ich habe mir gedacht, vielleicht
kann er es brauchen.“ „Du bist wirklich ein fantastisches Mädchen“, stellte Herr
Fernandez fest, „gut, dass Dein Gerät zufällig gelaufen ist, als der Mann kam.“ „Ist es
aber nicht“, sagte Anita nachdenklich, „ich habe an dem Tag vorher schon
Vogelstimmen aufgenommen, aber ich weiß auch ganz sicher, dass ich es
ausgestellt hatte, bevor ich mit dem Skorpion das Hütchenspiel begann. Ich habe es
hinter die Becher gelegt“. „Aber wie dann – der Skorpion?“ „Ist die einzige
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Möglichkeit. Außerdem war das Gerät nachher wieder abgeschaltet, als ich es ins
Haus genommen habe“ verkündete Anita. „Auch der Skorpion?“ Anita zuckte die
Achseln. Beide blickten auf Knubbli, der still in seinem Käfig saß und sich bemühte,
völlig unbeteiligt dreinzuschauen.
Die Mittagspause war vorbei, alle versammelten sich wieder im Gerichtssaal. Die
Rechtsanwälte hielten ihre Schlussreden, das sogenannte Plädoyer. Die Anwälte der
Firma versuchten noch einmal, ihre Firma als völlig unschuldig, ja sogar wohltätig
hinzustellen. Der Anwalt der Dorfbewohner wies darauf hin, mit welcher
Skrupellosigkeit und Gewissenlosigkeit die Manager der Firma vorgegangen waren.
Als alle wieder saßen, stand der Richter auf. „Ich habe schon viele Prozesse
geführt“, sagte er, „aber einen solchen noch nie. Auf der einen Seite eine mächtige,
riesige Firma, die in der ganzen Welt Geschäfte macht, auf der anderen Seite eine
kleine, arme Dorfgemeinschaft und ihre behinderten Kinder. Ja, und noch ein ganz
außergewöhnliches Tier, eines von der Sorte, das von den meisten Menschen sofort
erschlagen wird, wenn es ihnen über den Weg läuft“, fügte er mit einem Blick auf
Knubbli hinzu. Dann fuhr er fort: „Diese Menschen haben immer wieder gebeten, mit
der Spritzerei aufzuhören, die ihnen so schadet. Es hat alles nichts genützt. Ihre
Geschäfte waren der Firma wichtiger und leider haben die mächtigen Leute in
unserem Land auch weggehört. Ein kleines behindertes Mädchen mit ihrem
außergewöhnlichen, ebenfalls behinderten Skorpion hat es geschafft, die Menschen
wachzurütteln. Und die Dorfbewohner ließen sich weder kaufen noch einschüchtern
und verlangten Gerechtigkeit. Die sollen sie bekommen. Nun das Urteil: Die für die
den Spritzmitteleinsatz verantwortlichen Manager Grant, Queeny und Taylor werden
wegen fortgesetzter schwerer Körperverletzung zu je 3 Jahren Gefängnis verurteilt,
weil sie bewusst in Kauf genommen haben, dass wegen ihrer Spritzerei im Dorf mehr
behinderte Kinder geboren werden, die Menschen davon krank werden und
außerdem die Umwelt zerstört wird. Weiters wird die Firma dazu verurteilt, den Eltern
der behinderten Kinder pro Kind 200.000 Dollar zu zahlen. Damit können die Kinder
endlich die notwendigen Therapien und Hilfsmittel bekommen. Zusätzlich muss die
Firma alle Kosten tragen, die entstehen, damit das ganze Dorf barrierefrei
eingerichtet werden kann. Barrierefrei“, erklärte er mit einem Blick auf die Zuhörer,
von denen die meisten das Wort noch nie gehört hatten, „das bedeutet, dass
behinderte Menschen überall dabei sein können und auch alles mitbekommen
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können, ganz gleich ob sie eine Körperbehinderung, Sehbehinderung,
Hörbehinderung oder was auch immer haben. Den genauen Betrag bekommt die
Firma mit dem schriftlichen Urteil, weil ich auch noch nicht genau weiß, was das alles
kosten wird, ich muss mir darüber selbst noch Informationen beschaffen. Die
Verhandlung ist geschlossen!“
Normalerweise wird in einem Gerichtssaal nicht applaudiert, aber diesmal war es
anders. Die Dorfbewohner sprangen auf, klatschten wie verrückt und jubelten,
ebenso die meisten anderen Anwesenden. Nur die Vertreter der Firma standen da
wie die begossenen Pudel. Die Türen flogen auf, die Zeitungsleute, die Reporter vom
Fernsehen stürmten herein. Die Polizisten im Saal mussten einen Ring um Anita
bilden, sonst wären sie und Knubbli zerquetscht worden. Alle hatten schon von ihrem
Auftritt im Gerichtssaal gehört und wollten jetzt Näheres wissen. Von allen Seiten
regnete es Glückwünsche und Fragen. „Einen Moment bitte“ rief Herr Fernandez
energisch. Er setzte Anita auf den Richtertisch und sie ließ Knubbli aus dem Käfig.
Knubbli wußte natürlich genau, wie man sich als Held und Mittelpunkt des
Geschehens zu benehmen hatte. Es war ja auch wirklich erstaunlich – ein
behindertes Mädchen und ein behinderter Skorpion aus einem kleinen armen Dorf
irgendwo im Urwald hatten über eine der mächtigsten Firmen der Welt gesiegt. Er
stolzierte – trappeln konnte man das diesmal nicht nennen, er stolzierte wirklich von
einer Kamera zur anderen und hielt seine Schere zum Victoryzeichen hoch.
7. Ein neues Leben
Der Richter hielt Wort. Bald nachdem die Dorfbewohner in ihr Dorf zurückgekommen
waren, kamen Männer und Frauen aus der Hauptstadt, schauten sich im Dorf genau
um und stellten lange Berechnungen auf, was das alles kosten würde. Da war die
Schule, die umgebaut werden musste. Rollis mussten ohne Stufen hineinfahren
können, also brauchte man eine Rampe, und dann brauchte man Toiletten, die von
Rollifahrern benützt werden können. Das ist nicht so einfach, weil ein Rolli ja
genügend Platz zum Umdrehen braucht. Das Waschbecken muss so gebaut sein,
dass man mit dem Rolli drunter fahren kann – schließlich wollen sich ja auch
Rollifahrer die Hände waschen. Das Gemeindeamt – ja, wozu brauchen behinderte
Kinder das? „Behinderte Kinder werden auch einmal erwachsen“, sagte der Richter,
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als die Vertreter der Firma wieder einmal jammerten. „Außerdem hat jeder Bürger, ob
groß oder klein, das Recht, in das Gemeindeamt zu kommen, dazu muss es aber
barrierefrei sein“. Und so ging es weiter.
Als alles genau ausgemessen, aufgeschrieben und ausgerechnet war, bekam der
Richter die Unterlagen. Er schrieb sein Urteil, in dem nun ganz genau stand, was die
Firma zu zahlen hatte und schickte es an die Firma und die Dorfbewohner. Diese
jubelten und feierten ein großes Fest, in dem Anita und Knubbli ausgiebig hoch leben
durften. Die Leute von der Firma waren weniger begeistert. „Wir müssen Einspruch
erheben“, sagten die Anwälte. Der Generaldirektor entschied sich jedoch dagegen.
„Wenn wir das Urteil akzeptieren“, sagte er, „dann zahlen wir eben und irgendwann
ist die Sache vergessen. Wenn wir Einspruch erheben, dann sind wir wieder jeden
Tag in den Zeitungen und im Fernsehen und die meisten davon mögen uns ohnehin
nicht besonders. Das ist nicht gut für unser Image“. Das sahen die Anwälte ein. Das
Image, also das Bild, das eine Firma für die Leute nach außen hin bietet, ist nämlich
sehr wichtig für die Firmen. Wenn das Image beschädigt ist, dann nützt die beste
Werbung nichts, weil die Menschen dann die Waren von der Firma nicht mehr kaufen
wollen und die Firma muss zusperren. Also kein Einspruch gegen das Urteil. „Aber
wenn die nächsten Dorfbewohner kommen und uns klagen, die haben dann schon
das Vorbild durch diesen Prozess“, fragten die Anwälte, ist das nicht gefährlich für
uns?“ „Dann müssen wir eben wieder vor Gericht“, sagte der Generaldirektor, „dazu
bezahle ich Sie ja. Aber passen Sie gefälligst auf, dass so etwas nicht wieder
passiert, nehmen Sie gefälligst behinderte Kinder und behinderte Skorpione etwas
mehr ernst“.
Wer nach einem Jahr in das Dorf kam, erkannte es nicht wieder. Die Pflanzen hatten
sich ohne die ewige Spritzerei wieder erholt und hatten endlich wieder ganz grüne
Blätter ohne vertrocknete und eingerollte Ränder, es gab ordentliche Wege, auf
denen Kinder stolz mit lustig bemalten Rollis herumfuhren, die Schule hatte eine
Rampe und jedem, der in das Dorf kam, wurde stolz die barrierefreie Toilette in der
Schule gezeigt. Auf der Dorfstraße übte ein Trainer mit einem blinden Kind, wie es
den langen weißen Stock richtig verwenden sollte.
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Anita saß in ihrem neuen Elektrorolli vor dem Häuschen am Tischchen und schrieb
eifrig Aufgaben auf dem Computer. Sie konnte jetzt so wie die Kinder ohne
Behinderung in die Schule gehen oder besser gesagt, rollen. Sie war sogar schneller
als die gehenden Kinder und düste mit Begeisterung und voller Geschwindigkeit den
Weg zur Schule entlang. Sicherlich, beim Unterricht durch ihren Vater hatte sie zu
Hause auch viel gelernt, aber mit den Schulkameraden in der Schule war es doch
viel lustiger, weil das Leben besteht nicht nur aus Lernen, sondern auch aus Spiel,
Spaß und Flüstern mit Freundinnen. Knubbli saß wie immer bei ihr auf dem Tisch.
„Hast Du gehört?“ sagte sie zu ihm. „Wenn ich so weitermache, haben meine Eltern
gesagt, dann schaffe ich die höhere Schule locker und kann dann sogar auf die
Universität gehen. Ob die allerdings barrierefrei ist, weiß ich noch nicht. Aber
irgendwie wird es schon gehen! Und du kommst natürlich mit“. „Genau“, dachte
Knubbli, „notfalls kämpfen wir einfach weiter. Und ich werde dann der erste Skorpion
mit Universitätsabschluss sein!“ Fast wie von selbst hob sich sein Schwanz zum
Victoryzeichen.