In den Ranft steigen - Kraft aus tiefster Quelle schöpfen

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In den Ranft steigen - Kraft aus tiefster Quelle schöpfen
Die Sehnsucht nach dem einig Wesen
In den Ranft steigen - Kraft aus tiefster Quelle schöpfen
Niklaus von Flüe, 1417 – 1487
von Robert Knüsel, Flüeli-Ranft
INHALTSVERZEICHNIS
1.
Niklaus von Flüe - Lebensdaten
2
2.
Hinweise zur Zeit
3
3.
Innerer Entwicklungsweg / Vom Zenit des Lebens hinunter in den Ranft
5
4.
Zum ersten Wegstück: „O mein Gott und mein Herr, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir“.
5
Zum zweiten Wegstück: „O mein Gott und mein Herr, nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.
6
5.
6.
7.
Zum dritten Wegstück: „O mein Gott und mein Herr, gib alles mir,
was mich fördert zu dir“.
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Das spirituelle und politische Vermächtnis
12
Anhang 1: Literaturhinweise
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Anhang 2: Texte der Visionen des Bruder Klaus
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1. Niklaus von Flüe - Lebensdaten
Klaus von Flüe wird am 21. März 1417 hier oben auf dem Sachsler Berg, dem heutigen Flüeli-Ranft
geboren. Er ist Bauernsohn und wird später selber Bauer. Seine Bildung erfährt er im praktischen Leben der Familie, bei der Arbeit und in der Natur. Auf dem Land gab es damals noch keine Schulen; so
lernt Klaus weder lesen noch schreiben. In den Jugendjahren nimmt er, wie damals die meisten Burschen zwischen 14 (Geschlechtsreife) und 20 (Heirat), an mehreren Kriegszügen der Obwaldner teil.
Um 1446, 29-jährig, heiratet Klaus die 14 Jahre junge Dorothea Wyss aus Sarnen; 5 Töchter und 5
Söhne werden dem Ehepaar von Flüe-Wyss geschenkt. Klaus übernimmt in Obwalden wichtige Ämter
als Richter, Ratsherr und Vertrauensmann der Kirchgenossen Sachseln.
45–jährig gerät er in eine tiefe Lebenskrise. Depressionen zwingen ihn zu einer radikalen Auseinandersetzung über Sinn und Ziel seines Weges. Nach zwei Jahren intensiven Ringens mit sich, seiner
Frau, seiner Familie und mit Gott, verlässt er am Gallustag, 16. Oktober 1467 als 50-jähriger Heim
und Familie, um ganz dem inneren Ruf folgen zu können. Wahrscheinlich ist es seine Absicht, als
Wallfahrer ins Ausland zu gehen und von einem heiligen Ort zum andern zu wandern oder sich der
Bewegung der Gottesfreunde im Elsass anzuschliessen.
Ein tiefgreifendes Erlebnis in Liestal vor Basel bewegt ihn zum Innehalten und zur Umkehr. Die
Rückkehr in die engere Heimat bedeutet jedoch keine Rückkehr zur Familie und in sein bisheriges
Leben. Er durchstreift Berge und Wälder des Melchtals, um einen geeigneten Ort für ein Leben als
Einsiedler zu finden.
In einer Erscheinung sieht er vier helle Lichter vom Himmel kommen, die ihm die Stelle zeigen, wo er
in Zukunft leben soll. An dieser Stelle, im Ranft, lässt er sich, nur wenige Hundert Meter von seinem
Heimwesen entfernt, als Eremit nieder. Es ist der Ort, an dem er sich schon früher gerne zum Gebet
zurückgezogen hatte. Er nennt sich jetzt Bruder Klaus von Flüe. Im folgenden Jahr, 1468, erbauen ihm
Freunde und Nachbarn im Ranft eine Kapelle mit angebauter Zelle.
Wohnhaus von Niklaus und Dorothee von Flüe
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Die Kapelle in der Ranft
Seit dem Erlebnis in Liestal bis zum Lebensende lebt er in vollständiger Abstinenz von Essen und
Trinken. Beten und Fasten in Stille, verbunden mit wacher Anteilnahme am Leben der Mitmenschen
in Kirche und Eidgenossenschaft, prägen seinen Alltag.
1469 prüft und bestätigt der Weihbischof von Konstanz das Wunderfasten des Einsiedlers und weiht
die Kapelle zu Ehren der seligen Jungfrau Maria, der heiligen Maria Magdalena, der Kreuzerhöhung
und der heiligen Zehntausend Märtyrer.
Am 22. Dezember 1481 findet die Tagsatzung der Eidgenossenschaft nach langer Krise durch Vermittlung von Bruder Klaus eine Einigung, wie die Städte Freiburg und Solothurn in den Bund aufzunehmen sind. Am 12. Oktober 1482 stiftet Bruder Klaus die Kaplaneipfründe; er erhält einen eigenen
Kaplan.
Am Benediktustag, 21. März 1487 stirbt Bruder Klaus 70-jährig im Ruf der Heiligkeit im Ranft. Er
wird in der Kirche Sachseln beigesetzt.
2. Hinweise zur Zeit
Die mittelalterliche Welt war verschleiert und von Geheimnis und Wunder umwoben. Der Blick in die
Weite war beschränkt; umso unermesslicher stieg er in die Höhe. Gott war das Subjekt, der Mensch
das Objekt. Gott machte die Geschichte, der Mensch erlitt sie.
Die starke Ausprägung der Mystik, besonders auch der deutschen Mystik mit deren herausragenden
Vertretern Meister Eckhart (ca. 1260-1327), Heinrich Seuse (um 1295-1366) und Johannes Tauler (um
1300-1361) ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen.
In der Innerschweiz war im 14. Jahrhundert vor allem das Frauenkloster Engelberg ein Ort, wo Mystik
gefördert wurde; man sammelte und kopierte dort mystische Schriften.
Das 15. Jahrhundert ist geprägt von einer Zeitenwende, von einem Umbruch, der alle Schichten erfasste. In Kirche, Politik und Gesellschaft mussten alte Werte neuen Überzeugungen Platz machen.
Der Mensch des 15. Jahrhunderts begann der Welt ihren Schleier zu entreissen. Er suchte ihre Geheimnisse zu ergründen. Sein Interesse verlagerte sich von der Vertikalen zur Horizontalen. Der
Mensch machte sich zum Mass aller Dinge, er stellte sich in den Mittelpunkt seines Denkens und
Handelns. Gott und die Welt wurden zu Objekten.
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Die Kirche des 15. Jahrhunderts hat zwei Gesichter: die offizielle, von Schismen, Machtkämpfen und
dem Ansturm der neuen Zeit bedrohte Amtskirche – und die Kirche der Gläubigen, die in Gestalt von
Kongregationen und Gebetsbrüderschaften breite Schichten des Volkes belebte. Viele dieser Gemeinschaften waren einem einfachen Lebensstil verpflichtet. Zahlreich waren auch Pilger, Waldbrüder,
Einsiedler und religiöse Aussenseiter, die ihr Seelenheil während einer bestimmten Zeit oder zeitlebens in der ihnen gemässen Lebensform suchten.
Die «Devotio Moderna» war die wohl wichtigste religiöse Bewegung des 15. Jahrhunderts. Eine
Reaktion auf den Niedergang der Amtskirche war die Emanzipation der Laien. Im Gegensatz zur deutschen Mystik wird in der Devotio Moderna die in der Schöpfung begründete Würde aller Dinge nicht
erkannt. Während die Mystik mehr die Göttlichkeit des Menschen erkennt, betont die Devotio Moderna die Verlorenheit und Sündhaftigkeit des Menschen in der Welt.
Blühender Ablasshandel, Verdinglichung des Glaubens z.B. in Reliquien und Zunahme von Hexenund Judenverfolgung (Hexenhammer erscheint 1487, im Todesjahr von Bruder Klaus) und die Eroberung fremder Kontinente sind einige der Schattenseiten dieser Zeit.
Ein neues Bewusstsein von der Bedeutung des Individuums, das gegenüber oder auch in Abgrenzung
zur Gemeinschaft an Wert gewinnt, setzt sich durch.
Gleichzeitig wird die Grenze der menschlichen Autonomie erfahrbar. Der Tod wird nicht länger als
unvermeidliches Schicksal sondern auch als individuelle Tragödie erlebt.
In der Schweiz entwickelt sich aus dem lockeren Bündnis der acht alten Orte allmählich ein Staatenbund, der mit mehr Macht seine Interessen nach aussen verteidigt.
Ökonomisch war in der Schweiz die Landwirtschaft prägend. Im Mittelland lebten die Ackerbauern, in
den Voralpen ergab sich zunehmend eine Spezialisierung in Richtung Hirtenbauern.
Innerhalb Europas nehmen die Eidgenossen eine Sonderstellung ein. Während rundum der Adel über
das Volk herrschte und dies als gottgewollte Ordnung akzeptiert wurde, lehnten die Eidgenossen
selbstbewusst diese Hierarchie ab. Ihr Stil in der Auseinandersetzung mit Feinden war brutal, ihr Image denkbar schlecht.
Innerkirchlich gibt es eine Emanzipation der Pfarreien gegenüber dem Adel und den Klöstern, die
durch Ländereien und durch Rechte zur Besetzung der Pfründe und auch der Pfarrstellen das Volk in
Abhängigkeit hielten. Wegen daraus entstandener Konflikte war die Pfarrei Sachseln 1415 bis 1446
ohne Pfarrer.
Als Gegenbewegung zur Veräusserlichung des Glaubens suchten glaubensstarke Menschen einen alternativen Weg als Waldbrüder und Einsiedler; in der Innerschweiz z.B. Bruder Klaus, Mitbruder Ulrich oder ein Mathias Hattinger, der im 15. Jahrhundert in Wolfenschiessen lebte.
Insgesamt war das Leben zu dieser Zeit eher hart. Der Tod war allgegenwärtig, es brauchte nur wenig,
um den einzelnen oder die Gemeinschaft ins Unglück zu stossen. Die gegenseitige Hilfsbereitschaft
war deshalb wichtig; andererseits verlor man leicht das Mass, wenn Gelegenheit zum Festen bestand.
Überbordende Fress- und Sauforgien waren Lichtblicke im harten Alltag.
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3. Innerer Entwicklungsweg / Vom Zenit des Lebens hinunter in den Ranft
Aus dem vielschichtigen und kaum fassbaren Leben und Wirken des Bruder Klaus, wähle ich einen
kleinen Ausschnitt zur Betrachtung. Ich will versuchen, ein paar Aspekte seines inneren Entwicklungsweges bis hinunter in den Ranft nachzuzeichnen.
Da schwingt die Frage mit, wie wir den Weg in unseren je eigenen Ranft finden können.
Dieser Weg ist in drei Abschnitten gezeichnet, entlang dem Gebet, das Klaus auf seinem Weg begleitet hat.
Dabei gibt es zwei Veränderungen:
•
•
Die erste betrifft die Anrede, wie sie Klaus höchstwahrscheinlich gebetet hat: «Oh mein Gott
und mein Herr» – Klaus hat wohl bewusst zuerst Gott als Schöpfer allen Lebens angesprochen
und danach Christus, den Herr, den Erlöser.
Die zweite betrifft die Reihenfolge der drei Gebetsteile, wie sie wahrscheinlich ursprünglich
von Klaus gebetet wurde, dann aber in veränderter und durchaus auch stimmiger Form in die
Tradition eingegangen ist.
4. Zum ersten Wegstück: „O mein Gott und mein Herr, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir“.
Klaus von Flüe bewegte eine tiefe Sehnsucht nach dem «Einig Wesen».
Mit «Einig Wesen» ist zuerst und letztendlich der Eine, der Einzige, die geheimnisvolle Wirklichkeit
Gott gemeint, wie wir sie in einem Lied lobpreisen:
«H e i l i g b i s t d u , Ur s p r u n g d e r We l t
He i l i g b i s t d u , Z i e l a l l e r We g e
He i l i g b i s t d u , e wi g e G e g e nwa r t . »
Mit «Einig Wesen» ist in gleichem Atemzug auch die Sehnsucht gemeint, selber ganz zu werden,
stimmig zu werden, der und die zu werden, wie Gott mich von allem Ursprung her gedacht hat. Oder
anders gesagt: Eine einmalige Ikone Gottes zu werden.
Klaus hatte ein feines Gespür für sein eigenes, ursprüngliches Wesen. Er sah in Visionen und Erscheinungen, was sein Leben im tiefsten Innern war.
Viele Jahre trug Klaus dieses Wissen wohl still mit sich herum. Erst später, im Ranft, erzählt er davon
seinem langjährigen Freund und Berater Pfarrer Heimo Amgrund.
Von diesem stammt der folgende Bericht:
«Bruder Klaus habe ihm erzählt, dass er im Mutterleib, ehe er geboren worden sei, einen Stern am
Himmel gesehen habe, der die ganze Welt durchschien. Seit er im Ranft wohne, habe er stets einen
Stern am Himmel gesehen, der ihm gleich sei, so dass er eigentlich meine, dass er es sei.
Das bedeute, erklärte er ihm (Heimo Amgrund), dass jedermann in der Welt wisse, dass er (Bruder
Klaus) auch so in der Welt scheine.»
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Klaus bewegte eine tiefe Sehnsucht, eins zu werden mit diesem inneren, von Gott in ihn gelegten Bild.
Aber er spürte, mit wieviel Vestrickungen dieses tieferliegende Wesen verdeckt war.
Darum betete er als erstes: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir»
Doch bis zur Übereinstimmung von Innen und Aussen, bis zur Erfahrung eines solchen, im Innern
verwurzelten und nach aussen strahlenden Lebensgefühls war es für Klaus ein langer und auch
schmerzvoller Weg.
5. Zum zweiten Wegstück: „O mein Gott und mein Herr, nimm alles von mir was mich
hindert zu dir.
Mit 45 hatte Klaus von Flüe in Familie, Beruf und Politik wohl alles erreicht, was man gemeinhin zu
einem erfolgreichen Leben zählt. Und doch spürte er, in den Worten eines Buchtitels von Dorothee
Sölle ausgedrückt: «Es muss doch mehr als alles geben». Eine tiefe Depression war Ausdruck seiner
Krise. Es gab da offenbar etwas in der Seele des Klaus von Flüe, das mit grosser Vehemenz ins Leben
drängte.
Einem Prediger, mit dem er im Vertrauen über seine persönliche Entwicklung sprach, berichtete er
(1469), damals habe ihn eine schwere Versuchung geplagt, so dass er weder am Tag noch in der Nacht
seine Ruhe gefunden hätte, selbst seine Frau und die Gesellschaft der Kinder wären im lästig gewesen.
Nachträglich empfand er diese Krise als «reinigende Feile und antreibenden Sporn», doch vorerst fand
er keinen Ausweg aus seiner Schwermut und Unruhe. Er suchte auch im Gebet Trost und Erlösung.
Doch was immer er versuchte, es half nicht im geringsten.
Heimo Amgrund empfahl ihm die Betrachtung des Leidens Jesu Christi als bestes und heilkräftigstes
Heilmittel. Er lehrte ihn, die Abschnitte des Leidensweges Jesu nach den sieben kanonischen Stunden,
den Zeiten des Stundengebets, zu betrachten.
Klaus befolgte dessen Rat und zog sich für die Betrachtungsübungen vermehrt in den nahegelegenen,
doch versteckten Ranft zurück. Nur Dorothee, seine Frau, wusste davon.
Das regelmässige Betrachten des Leidens Jesu schulte sein eigenes Lebensverständnis. Er lernte, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden, was letztlich heisst, er lernte Gott und sich selber tiefer
kennen.
So durchlebte Klaus selber, was er später einem Besucher auf die Frage antwortete, was für einen
Menschen auf dem Anfang des spirituellen Weges wohl das Wichtigste sei.
«Das Leiden Christi, den gemeinen Tod und das Jüngste Gericht zu betrachten ist nötig, aber eines ist
nötiger, dass der Mensch reinen Gewissens ist, dass er wenig Worte macht und gern allein ist, oft
offen und ehrlich beichtet und nicht mehr Speise und Trank braucht, als notwendig ist. So bereitet er
dem Herrn die Stätte, und wenn die Stätte bereit ist, dann kommt ER und besitzt die Stätte und lehrt
den Menschen betrachten sein Leiden, den Tod und das Jüngste Gericht und was sein Wille ist. Das
lehrt er ihn.» (Gröbli S. 170).
In dieser Antwort klingt vieles von dem an, was Klaus selber mit letzter Konsequenz verwirklicht:
•
auf sein Gewissen hören und danach handeln
•
das Schweigen und die Einsamkeit suchen
•
offen sein Leben betrachten und dieses, wie immer ich es auch erfahre, der Barmherzigkeit
Gottes anheimgeben
6
•
Mass halten im Essen und Trinken – für Klaus hiess dies später, in ein vollständiges Fasten
eintreten.
•
und, gleichsam als zusammenfassende Kurzformel dieses kontemplativen Weges: Gott in
meinem Innern die Stätte bereiten - Raum schaffen – damit Gott diesen Raum einnehmen und
zu meinem Lehrmeister werden kann.
Klaus von Flüe macht deutlich, dass nicht die Betrachtungstechnik sondern die Haltung des Menschen
entscheidend sei. Sie bedingt, innerlich 'arm' zu werden, nämlich offen und frei für den göttlichen Willen. Arm werden bedeutet, innerlich leer zu werden von allem, das vom Menschen selber ist. So bereitet er in sich einen leeren Raum, der von Gott erfüllt werden kann. Das gilt für das Gewissen, den
Geist und die Seele ebenso wie für den Körper, der mit Speise und Trank nicht überfüttert werden soll.
Klaus von Flüe war bereit, diesen Weg zu gehen. Ausdruck davon ist sein Gebet, in dem er in der ursprünglichen Fassung als erstes betete: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir..».
Erscheinungen als herausfordernde Wegweiser
In den Betrachtungsübungen lernte Klaus von Flüe, auf seinen inneren Menschen zu hören und vor
Gott «arm im Geiste zu werden». Doch wie sollte er den Willen Gottes erkennen? - Es gab auf dem
inneren Weg Spannungen oder Missverständnisse zwischen ihm und Gott. Die Erscheinung «Stimme
aus der Wolke», die durch seinen Sohn Welti überliefert wird, berichtet davon:
«Welti von Flüe, Venner zu Unterwalden, hat erzählt, dass ihm Bruder Klaus einmal unter anderem
erzählt habe, dass er einst, am Anfang seines Abbruchs, in das Melchi mähen gehen wollte. Unterwegs
habe er Gott um die Gnade gebeten, dass er ihm ein andächtiges Leben schenke. Da sei eine Wolke
vom Himmel gekommen, die mit ihm redete und sagte, dass er sich in den Willen Gottes ergeben soll,
denn er sei ein törichter Mann. Was Gott mit ihm wirken wolle, darin solle er willig sein, und darum
habe er sich mit Recht in den Willen Gottes ergeben.» (Gröbli S. 171).
Klaus bat um die Gnade eines andächtigen Lebens, Gott tadelte ihn. Die Stimme forderte, dass er sich
selber schenke, indem er annehme, was Gott mit ihm und in ihm wirken wolle.
Die persönliche Überzeugung vertreten und konsequent nach dem eigenen Gewissen handeln, gehörte
für Klaus verbindlich zu seinem Leben als Christ. Da kannte er keine falsche Rücksichtnahme. Als
ihm die Widersprüche in der Obwaldner Politik z.B. im Zusammenhang mit dem Gewähren des Bürgerrechts an ausgewählte reiche Ausländer wie auch bei falschen Zeugenaussagen im Gericht zu gross
und unüberbrückbar wurden, legte er alle politischen Ämter nieder und widmete fortan mehr Zeit dem
stillen Gebet vor Gott. Umso drängender wurde für ihn die Frage, welches die ihm gemässe Lebensform sei.
Mitten in der täglichen Arbeit trifft Klaus von Flüe eine Erscheinung, die durch Wölflin überliefert
wird
«Als er nämlich zu anderer Zeit, um das Vieh zu besehen, auf die Wiese kam, setzte er sich auf die
Erde und begann nach seiner Weise aus innerstem Herzen zu beten und sich himmlischen Betrachtungen hinzugeben. Plötzlich sah er aus seinem eigenen Mund eine weisse Lilie von wunderbarem Wohlgeruch emporwachsen, bis dass sie den Himmel berührte. Als aber bald darauf das Vieh (aus dessen
Ertrag er seine ganze Familie erhielt) vorüberkam und er ein Weilchen den Blick senkte und sein Auge
auf ein besonders vortreffliches Pferd heftete, sah er, wie die Lilie aus seinem Munde über jenem
Pferd sich niederneigte und von dem Tiere im Vorübergehen verschlungen wurde.» : (Gröbli S. 172)
Während Klaus wohl dachte, Gott dienen sei mit seinen Aufgaben als Bauer, Ehemann und Familienvater zu verbinden, weist die Lilienerscheinung ihn in eine andere Richtung: Die Lilie, die ihm aus
dem Mund wuchs, zeigt, dass Gott mit ihm und in ihm war, solange seine Hingabe ganz auf Gott gerichtet war. Als er aber seine Aufmerksamkeit wieder auf irdische Dinge lenkte, wandte sich die Lilie
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– als Zeichen für das Göttliche – der irdischen Sache zu und liess sich vom Pferd fressen. Er konnte
nicht zwei Herren, der Welt und Gott dienen. Er musste sich entscheiden. Aber was sollte Klaus von
Flüe entscheiden? Er gab sich doch – mitten in seiner täglichen Arbeit - aus innerstem Herzen himmlischen Betrachtungen hin. – Es folgten für Klaus zwei Jahre intensivsten Ringens um die Frage, wie
sein Weg weitergehen solle.
Klaus von Flüe musste lernen, sich von seinen Vorstellungen, Ideen und Erwartungen, ja auch von
seinem persönlichen Gottesverständnis zu lösen.
Das Neue bedingt den Tod des Alten. Er musste sich, ehe er offen war für ein neues Leben, vom alten
lösen. Dieses Leerwerden war ein notwendiger Schritt. Gegenüber dem Prediger sprach er 1469 von
der «reinigenden Feile und dem antreibenden Sporn». Dieser Geburtsschmerz gehört zu seiner Entwicklung und zu seinem Lebensweg. Sein erster Biograf Heinrich von Gundelfingen schrieb 1488,
Bruder Klaus habe erkannt, «dass ein nach innen gerichteter Mensch dem innern Menschen sich ganz
unterwerfen und gehorchen müsse». Soweit war Klaus von Flüe aber noch nicht. Roland Gröbli
schreibt in seinem Buch «Die Sehnsucht nach dem einig Wesen»: «Den visiönären Besuch des Pilgers
halte ich aber für den entscheidenden Anstoss, die diesseitige Welt zu verlassen. Sie war die prägende,
unmittelbare Begegnung mit Gott, die das bis anhin unmöglich zu Denkende zur Tat reifen liess.»
(Gröbli S. 178)
In der Pilgervision, die durch Kaspar Ambüel überliefert ist, begegnet ihm ein Pilger. Vor ihm stehend
singt dieser das eine Wort "Alleluja" und seine Stimme füllt damit das ganze Erdreich und alles, was
zwischen Himmel und Erde ist. Dann hört er aus einem Ursprung drei vollkommene Worte hervorgehen und wieder zurückkehren. Dazu Gröbli: «Die Dreifaltigkeit... wurde für Bruder Klaus von Flüe
zum zentralen Thema seiner Betrachtung. Eine erstes Mal können wir staunen, wie genau er das Gehörte in Bilder umzusetzen und zu erklären verstand. Dieser dreieinige Gott war nicht an einem bestimmten Ort lokalisierbar, sondern umfasste alles, was zwischen «Himmel und Erde» war. In dieser
Vision deutet sich erstmals ein Gottesverständnis Klaus von Flües an, das später im Radbild einen
gültigen Ausdruck findet.» (Gröbli S. 179)
In der Vision bittet dann der Pilger um eine Gabe und erhält einen Pfennig. Dazu wieder Gröbli:
«Der Pfennig symbolisiert die irdischen Güter, die irdische Welt und damit letztlich den Eigennutz
Klaus von Flües. Dieser «Pfennig» war bislang zwischen ihm und Gott gestanden. Die Fortsetzung der
Vision wiederspiegelt in der Deutung von Gröbli «in erstaunlichem Ausmass den weiteren Lebensweg
Klaus von Flües. Der Pilger wandelt sich zu einem Menschen, der einen blauen oder grauen Rock
trägt. Das liest sich wie eine ungenaue Beschreibung des Eremiten Bruder Klaus von Flüe. ..Er blickte
sich so, wie sein innerer Mensch gerne gewesen wäre.» (Gröbli S. 179)
Die Vision enthält weitere Szenen, auf die ich hier nicht weiter eingehe. Zum Schluss zieht derPilger
den Hut, neigt sich gegen ihn (Klaus, den Menschen) und grüsst ihn. Dazu Gröbli: «Klaus von Flüe
wurde von dieser demütigen Handlung überwältigt. .. Zuerst erkannte Klaus die Liebe, die der Pilger
zu ihm hegte. Diese Liebe überwand seinen Eigenwillen.. Und als er sich dieser Liebe unwürdig befand, spürte er, dass die Liebe in ihm selber war. Gott ist dem Menschen innerlicher, als es der Mensch
sich selber ist.» (Gröbli S. 185)
Die Entscheidung
«Eine unstillbare Sehnsucht und Liebe nach Gott liess Klaus von Flüe die bisherige Passivität und das
Verharren in seinem Gottesverständnis abstreifen. Was er im Visionären gelernt und getan hatte, sein
Leben ganz Gott zu übergeben, zu diesem Wagnis war er nun auch in der Wirklichkeit bereit.» (Gröbli
S. 185)
Es war sein inneres Wesen, das ihn drängte. Und gleichzeitig war ihm bewusst, dass es nicht sein
Werk sondern Gottes Gnade war, die ihm den Weg dahin ermöglichte. Mehr als einmal erklärte er
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seinem Jugendfreund Erni Anderhalden, dass ihm Gott unter anderem drei grosse Gnaden verliehen
habe. Als erste, dass er von Frau und Kindern die Erlaubnis erhalten habe, ein «einig Wesen» zu suchen und als Einsiedler zu leben, als zweite, dass er nie den Willen, die Begierde oder Versuchung
gehabt habe, von solchem Leben wieder zu Frau und Kindern zurückzukehren und zum dritten, dass er
ohne leibliche Speise und Trank zu leben vermöchte.
In seinem Konflikt zwischen dem inneren und dem äusseren Wesen suchte Klaus nicht einen billigen
Kompromiss. Er suchte den Konsens, denn Abschied nehmen mussten alle: Er, seine Kinder und vor
allem auch seine Frau Dorothea. Damit er in Frieden gehen konnte, brauchte er deren Einverständnis,
das er nach langem Ringen aller Beteiligten dann auch bekam.
Spätestens im Herbst 1467, mit fünfzig wurde für ihn klar, dass er sich zwischen dem Leben mit seiner
Familie und einem ausschliesslich auf Gott bezogenen Leben zu entscheiden hatte.
Und Dorothee, seine Frau – wo war sie auf diesem Weg?
Neben dem zwanzigjährigen Fasten bleibt wohl als tiefstes Geheimnis im Leben des Klaus von Flüe,
wie seine Frau Dorothee und er nach 21 Jahren Lebens- und Arbeitsgemeinschaft die Kraft fanden,
innerlich ganz nah und trotz der kleinen Distanz von der Flüeli-Höhe zu Ranftklause äusserlich weit
voneinander weg während weiterer zwanzig Jahren den je eigenen Weg zu gehen.
Silja Walter deutet auf eine mögliche Antwort, wenn sie in «Feuerturm», ihrem Mysterienspiel zum
500. Todesjahr des Bruder Klaus (1981) Dorothee sagen lässt:
»Unsere Ehe war nicht kaputt.
Jeder Mensch gehört zuerst Gott.
Erst dann gehört ein Mann seiner Frau,
eine Frau ihrem Mann.» (S. 68)
Klara Obermüller versucht in ihrem Hörspiel «ganz nah und weit weg» den Weg der Dorothee nachzuzeichnen: Einen Weg aus Angst und Verzweiflung hin zu jenem Ja des Verzichts, der aus der Liebe
gewachsen ist. Ein Weg, dem mit gutem Recht das Prädikat «Heilig» zugesprochen werden darf. - Ein
Ausschnitt aus diesem Hörspiel lädt ein, uns in die Situation von Dorothee und ihrer – zum Teil schon
erwachsenen – Kinder einzufühlen. (Obermüller S. 51-54)
So bricht denn Klaus, mit der Zustimmung seiner Frau und der schon erwachsenen Kinder am 16.
Oktober 1467 in Richtung Liestal auf. – Dort hat er zwei tiefgreifende Erlebnisse, die seinem Weg
eine neue Richtung geben und für Klaus gleichzeitig zur wohl schwierigsten Erfahrung des «Nimm
alles von mir...» werden: Er muss seine noch relativ neu gewonnene Vorstellung, wie er sein innig mit
Gott verbundenes Leben gestalten werde, loslassen und umkehren.
Der Jugendfreund Erni Rohrer berichtet darüber:
«Als er (Bruder Klaus) damals gegen Liestal gekommen sei, dünkte ihn diese Stadt und alles, das darin war, sei ganz rot. Darüber erschrocken sei er deshalb sofort auf einen abgelegenen Hof zu einem
Bauern gegangen, dem er nach vielem Reden sein Vorhaben zu verstehen gegeben habe. Daran habe
dieser Bauer keinen Gefallen gehabt, sondern ihm davon abgeraten und gemeint, er solle wieder heim
zu den Seinen gehen und da Gott dienen. Das würde Gott, statt fremden Leuten zur Last zu fallen,
empfänglicher sein und ihm ruhiger werden, denn er sei ein Eidgenosse, denen nicht jedermann gleich
hold sei.
Darum sei er in derselben Nacht aus dem Haus des Bauern hinaus aufs Feld gegangen. Da lag er
während der Nacht bei einem Zaun, und als er einschlief, kam ein Glanz und ein Schein vom Himmel,
der ihn am Bauch auftat. Das schmerzte so sehr, als ob ihn einer mit einem Messer aufgehauen würde,
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und zeigte ihm, dass er wieder heim in den Ranft gehen soll, was er auch sofort am Morgen getan
habe.» (Gröbli S. 237)
Wie sind dieser Aufbruch und die Umkehr zu deuten? War der Aufbruch, kurz vor Wintereinbruch,
überstürzt? War es eine Flucht von zu Hause, vom Gerede der Leute?
Gröbli schreibt: «Das Verlassen der engeren Heimat war ein notwendiger Bestandteil der Loslösung
von seinem bisherigen Leben und eröffnete neue Perspektiven. Klaus von Flüe ging als Pilger und
kehrte als Eremit zurück. Der Pilger sucht den inneren Frieden durch den Besuch bestimmter Stätten,
der Einsiedler sucht ihn in sich und seiner «Einigkeit». ...Damit aber Klaus spürte, ... welcher Weg der
für ihn richtige sei, war das Verlassen der Heimat notwendig. Was bei flüchtigem Hinsehen den Eindruck eines Irrweges macht, hat innere Logik und Folgerichtigkeit." (Gröbli S. 190)
Das Liestaler Erlebnis hatte für Klaus von Flüe sichtbare Konsequenzen. Am nächsten Morgen kehrte
er um, in Richtung Unterwalden. Von dieser Zeit an verzichtete er vollständig auf den Genuss von
Speise und Trank, was als ganzheitliches sich Lösen aus der Bindung an die diesseitige Welt verstanden werden kann. Bruder Klaus spürte wohl bereits zu diesem Zeitpunkt intuitiv, dass der Ranft, die
dem Wohnhaus nahe gelegene Schlucht, der Ort war, wohin es ihn zog. Schon als 16jähriger Jüngling
hatte er hier in einer Erscheinung einen hohen hübschen Turm gesehen und als erwachsener Mann zog
er sich gerne an diesen ruhigen Ort zur stillen Leidensbetrachtung zurück. Die Nähe des Ranftes zu
seinem Wohnhaus und damit zu Frau und Familie, mag ihn aber beunruhigt haben. So zog er sich ins
weiter entfernte Melchtal auf die Alp Klisterli zurück.
Eine weitere Vision gab ihm dann die Gewissheit, dass trotz seiner Bedenken der Ranft der Ort sei, wo
er sich als Einsiedler niederlassen solle.
«Als er heimkam [von Liestal] habe er sich im Melchtal acht Tage im Dornendickicht aufgehalten und
in einem sehr wilden Gestrüpp gewohnt. Als die Leute das vernahmen, hätten sie ihn überlaufen und
ihm viel Unruhe gebracht. Damals habe Bruder Klaus, wie er ihm [Erni Rohrer] und anderen erzählt
habe, vier helle Lichter vom Himmel kommen sehen, die ihm die Stelle zeigten, wo sie ihm eine Wohnung und eine Kapelle bauen sollten. Das hätten sie auf sein Verlangen und seine Offenbarung hin
auch getan.» (Gröbli S. 238)
6. Zum dritten Wegstück: „O mein Gott und mein Herr, gib alles mir, was mich fördert zu dir“.
Wie wurde Klaus von Flüe fähig, sich ganz von den inneren Bildern (Erscheinungen und Visionen)
und von den äusseren Begebenheiten leiten zu lassen, ohne daran irre zu werden?
1471 sagte Bruder Klaus dazu einem Besucher - dem späteren Strassburger Prediger Peter Geiler - im
Ranft: «Wenn ich Demut und den Glauben habe, kann ich nicht fehlen.»
Damit sind zwei wichtige Dimensionen menschlicher Existenz angesprochen. Im Wort «Demut» (lat.
«humilitas») steckt das Wort «humus», das heisst Erde. Demut bedeutet darum in seinem eigentlichen
Sinn, um die Erdhaftigkeit des Menschen und damit um seine Unzulänglichkeit und Begrenztheit zu
wissen. Es geht darum, dass ich als Mensch zur Schale werde, dass ich mich darin übe, mich beschenken zu lassen. Der demütige Mensch weiss, dass er «Adam» ist, aus Erde geschaffen. Wie die Erde,
kann er fruchtbar werden. Gleichzeitig weiss der Mensch, dass sein Leib - von der Erde genommen wieder in die Erde zurückkehren wird.
Die andere Dimension menschlichen Lebens ist der Glaube, das heisst das Wissen um die andere, die
göttliche Wirklichkeit. Der Glaube gibt die Gewissheit, dass die Seele des Menschen dem irdischen
Kreislauf von Werden und Vergehen entzogen ist. Sie ist göttlichen Ursprungs und wird zu Gott zurückkehren. So geht es darum, dass der Mensch sich als Schale für die Gaben des Himmels, welche
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Gott schon von allem Anfang an in die Mitte seines Wesens (Seele) gelegt hat, öffnet, sie empfängt,
als Geschenk annimmt.
Der Ranft hatte auf Klaus von Flüe seit frühester Kindheit einen geheimnisvollen Reiz ausgeübt. Der
Weg in den Ranft war für ihn keine Weltflucht, sondern ein Ankommen. Hier war er mit sich und mit
Gott allein. Ankommen im Ranft, innerlich und äusserlich Ruhe finden, diese Wirklichkeit lässt sich
in zwei Worte zusammenfassen, die Bruder Klaus oft gebrauchte: «einig Wesen». Erni Anderhalden
berichtet, Bruder Klaus sei von Jugend an stets gewillt gewesen, ein «einig Wesen» zu suchen, wie er
auch getan habe.
Und sein ältester Sohn Hans bestätigt: «Solange er sich erinnern könne, habe sein Vater stets die Welt
geflohen und stets ein «einig Wesen» gehabt und gesucht.» Einig hängt eng mit Einheit, Einigkeit,
Einswerden und Einssein zusammen. «Einig Wesen» ist der ihm gemässe Ausdruck für seine Sehnsucht , mit Gott vereint zu werden. Die neu gewonnene Gewissheit um diese innere Einheit erlaubte es
Bruder Klaus, über seine pränatalen Erscheinungen zu sprechen und sie zu deuten. Sein langjähriger
Freund und Seelsorger Heimo Amgrund hat sie berichtet:
«Bruder Klaus habe ihm erzählt, dass er im Mutterleib, ehe er geboren worden sei, einen Stern am
Himmel gesehen habe, der die ganze Welt durchschien. Seit er im Ranft wohne, habe er stets einen
Stern am Himmel gesehen, der ihm gleich sei, so dass er eigentlich meine, dass er es sei. Das bedeute,
erklärte er ihm [Heimo Amgrund], dass jedermann in der Welt wisse, dass er [Bruder Klaus] auch so
in der Welt scheine. Auch habe ihm Bruder Klaus erzählt, dass er vor seiner Geburt im Mutterleib
einen grossen Stein gesehen habe, der die Stetigkeit und Festigkeit seines Wesens bedeute, in dem er
beharren und von seinem Vorhaben nicht abfallen solle. Dabei habe er im Mutterleib auch das heilige
Öl gesehen.» (Gröbli S. 235)
Bruder Klaus deutet diese Vision als Bestätigung und Bekräftigung für seine gefundene Lebensform.
Sie drücken eine Einheit aus, die er offenbar im pränatalen Zustand besass, später verlor und im Ranft
wiederfand. Stern und Stein symbolisieren ihn selber, er erkennt sich und sein Wesen in ihnen. Mündlichen Berichten zufolge benutzte Bruder Klaus im Ranft einen Stein als Kopfkissen. Dieser erinnert
unwillkürlich an Jakob, der sein Haupt ebenfalls auf einen Stein bettete und dann im nächtlichen
Traum eine Treppe sah, die bis in den Himmel reichte und auf der Engel auf- und niederstiegen.
In der Brunnenvision wird Bruder Klaus gleichsam eine dreifache Einsicht geschenkt: Er erkennt zum
einen die Wirklichkeit Gottes als immerwährende, überfliessende Quelle, aus der die Menschen schöpfen können. Sodann wird ihm einsichtig, wie die Menschen sich selber und auch gegenseitig den Zugang zu dieser Quelle verbauen. Und zum dritten erkennt Bruder Klaus sein Einswerden mit der göttlichen Wirklichkeit: er selber wird zum Tabernakel, er ist die Quelle, aus der die Menschen göttliche
Wirklichkeit schöpfen können.
Die Brunnenvision ist eine beeindruckende Reise Bruder Klaus von Flües zu sich selber, zu seinem
Ursprung, zu Gott. Seine Sehnsucht und sein Bemühen um Einheit und Einigkeit fanden in dieser Vision eine Bestätigung.
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Gott und den Menschen nah
Das religiös-spirituelle Leben des Bruder Klaus spielte sich nicht in einer einseitig verinnerlichten
Sphäre ab. Je mehr er in der Stille, in der Einsamkeit, im Gebet eins wurde mit der göttlichen Wirklichkeit, desto mehr suchten Menschen aus nah und fern bei ihm Hilfe in Not wie auch auf der Suche
nach Gott. Die Pilgerströme wurden beträchtlich. Sein Ruf als «lebender Heiliger» drang schon bald
über die Landesgrenzen. Daraus ergab sich für Bruder Klaus im Ranft eine zweifache, nicht leichte
Aufgabe: Er musste zum einen lernen, seine ihm wichtige Ruhe, die Einsamkeit, die Zeit für Gott zu
schützen und zum andern ging es darum, die neugierigen und wundersüchtigen Menschen von jenen
zu unterscheiden, die aus innerem Herzen und persönlich engagiert Hilfe und Rat bei ihm suchten.
Durch sein Leben in der «Einigkeit» gewann Bruder Klaus eine Einsicht, die es ihm erlaubte, bei den
Menschen, die ihm begegneten, mehr zu erkennen, als deren Worte, Mimik oder Gesten ausdrückten.
Durch sein unablässiges Bemühen, von sich selbst zu lassen, war er ganz frei geworden auf die Mitmenschen und ihre Anliegen einzugehen. Er nahm ihre tiefer liegenden Fragen wahr und gab ihnen
dazu eine Anregung. Er war sehr zurückhaltend mit konkreten Handlungsanweisungen, die es den
Fragenden erlaubt hätten, die Verantwortung über ihr weiteres Leben auf den Eremiten abzuwälzen.
7. Das spirituelle und politische Vermächtnis
Mystik und Politik als Einheit
Zurückgezogen in den Ranft blieb Bruder Klaus nah dran an den sozialen und politischen Fragen seiner Zeit. Mit der Kraft aus der Tiefe wurde er zum weisen Ratgeber und zum Anwalt für die Armen
und Leidenden. Die tägliche Versenkung in die Stille vor Gott formte Bruder Klaus zur starken Persönlichkeit, welche die im Streit verhärteten Eidgenossen zu einer gewaltfreien Lösung des Konfliktes
bewegen konnte. Er vermittelte der Tagsatzung in entscheidender Stunde einen Lösungsvorschlag. Die
Bedeutung des Friedensschlusses durch Bruder Klaus ist im Stanser Verkommnis (Abkommen) von
1481 und in vielen offiziellen Dankesschreiben bezeugt.
«Den Ehrwürdigen. Der Name Jesu sei Euer Gruss»
Mit dieser Anrede beginnt der Brief, mit dem Bruder Klaus am 4. Dezember 1482 der Stadt Bern für
ihre Gabe von 40 Pfund an eine ewige Messe dankte. Er diktierte den Brief einem uns unbekannten
Schreiber. Dieser Dankesbrief ist das wohl bedeutendste authentische Dokument des Ranfteremiten.
Seine Sprache ist knapp, klar und bestimmt. So beendet er auch den Brief «Mehr nicht. Gott sei mit
Euch».
Die Anrede «Der Name Jesu sei Euer Gruss», die er auch bei anderer Gelegenheit braucht, ist Ausdruck der Namen-Jesu-Verehrung durch Bruder Klaus. Der Name Jesu war für ihn ein Ausdruck seiner Liebe und Verbundenheit mit Gott und seiner Bereitschaft, Christus nachzufolgen.
«Gehorsam ist die grösste Ehre»
«Gehorsam ist die grösste Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt. Darum sollt ihr darauf achten,
dass Ihr einander gehorsam seid.». Im Wort Gehorsam steckt das Wort «hören». Hören, offen für Gott
und offen für die Menschen - diese Grundhaltung prägte Bruder Klaus und entsprechend gibt er den
Rat, in dieser Haltung zu leben.
«Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede»
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Durch manche Krise hindurch und auf einem langen Weg nach innen, bis hinunter in den Ranft, hinunter in den tiefsten Grund seiner Seele erkannte Bruder Klaus: wirklicher Friede kommt von Gott.
Und nur wer diesen Frieden in sich sucht und ihm in sich begegnet, kann Frieden stiften. Nichts ist
stärker als Gott. Wer in der Einheit mit Gott lebt, kann dem Unfrieden in sich selber und in seiner
Umgebung standhalten. Friede in Gott ist unzerstörbar, wie Gott selbst unzerstörbar ist.
Dieser Friede war ein Ziel von Bruder Klaus, in dessen Dienst er sich voll und ganz stellte. Das bedeutete für ihn auch, das Unrecht («die sichtbaren Sünden») zu bekämpfen «und der Gerechtigkeit jederzeit beistehen».
Diese drei kurzen Abschnitte weisen hin auf wichtige Aspekte des Briefes von Bruder Klaus an die
Berner. Seine Botschaft ist schonungslos offen. Bruder Klaus beschönigt nichts, er entschuldigt niemanden, er beschuldigt aber auch niemanden. Er ist geschrieben zur Stärkung der Menschen im Einsatz für das Gute und im Kampf gegen das Böse. Als solcher richtet er sich nicht nur an das Berner
Patriziat des 15. Jahrhunderts sondern bis heute an alle, die als «Ehrwürdige» angesprochen werden
können.
«Ich esse Gott in allen Bissen Brot»
Das zwanzig Jahre dauernde Fasten des Klaus von Flüe ist die wohl herausforderndste und zugleich
am schwersten zu fassende Botschaft des Ranfteremiten. Gertrude und Thomas Sartory gehen in ihrem
Buch «Nikolaus von Flüe - Erleuchtete Nacht» eingehend darauf ein. Die folgenden Gedanken sind
ihrem Beitrag entnommen.
Wohl besonders durch dieses Zeichen wurde er zum Propheten, «dessen Leben mehr noch als sein
Wort die Zeitgenossen stutzig machte, zum Nachdenken zwang und ihnen die Absurdität ihres leeren,
inhaltlosen Lebens inmitten dieser allgemein überschwappenden Lebens-, Genuss- und Besitzgier
bewusst werden liess.... Die Botschaft, die von dem gestrengen Asketenleben des Klausners in die
Welt ausstrahlt, lehrt nicht die Verachtung des Lebens, sondern den rechten Umgang mit dem Leben,
der erst gewonnen wird, wenn die wahrhaftig unendliche Tiefe, die ewige Bedeutung aller Dinge wenigstens erahnt wird! Die Nahrungslosigkeit des Klausners war mystisch begründet: ein Zeichen für
diese Welt, dass der Mensch "nicht vom Brot allein lebt". Gewiss darf der Mensch an einer liebevoll
zubereiteten Mahlzeit seine Freude haben. Bruder Klaus wäre der Letzte gewesen, dies zu bestreiten,
stammt doch aus seinem Munde das erstaunliche Wort: "In einem jeden Brot ist die Gnade des Allmächtigen Gottes verborgen". Und so sieht Nikolaus auch im Glück, selbst im materiellen Glück, Gottes schenkende Güte wirksam. Wenn die Menschen doch nur lernen wollten, dementsprechend dankbar und ehrerbietig mit ihrem Glück umzugehen und dass die Eucharistie, das Abendmahl, nicht nur
symbolisch sondern wirklich lebensstärkend, lebenerhaltend ist.» (Sortory S. 32f)
Das Radbild - «So ist das göttliche Wesen»
Gröbli schreibt dazu: «Das Gottesverständnis des Eremiten erhielt seine Ausformung wohl vor allem
in den Visionen, wo Bruder Klaus Gott nicht als etwas Statisches, sondern als etwas Fliessendes und
Dynamisches, als unteilbare und doch dreifache Gottheit kennenlernte. Denselben Eindruck können
wir auch aus einer einfachen geometrischen Skizze gewinnen, die er bei seinen Betrachtungsübungen
benutzte.» In einem Gespräch, das im Pilgertraktat überliefert ist, lud Bruder Klaus den unbekannten
Autor dieses Traktates ein, sein «Buch» zu sehen, in der er die Lehre von der ungeteilten Gottheit
«lerne und suche». (Gröbli S. 223)
«Und er fing an und sagte zu mir: Siehst du diese Figur? So ist das göttliche Wesen. Der Mittelpunkt
ist die ungeteilte Gottheit, darin sich alle Heiligen erfreuen. Die drei Spitzen, die zum Punkt des inneren Zirkels führen, sind die drei Personen; sie gehen von der einen Gottheit aus und haben umgriffen
den Himmel und alle Welt, die sind in ihrer Gewalt. Und wie sie von der göttlichen Gewalt ausgehen,
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so führen sie wieder hinein und sind unteilbar in ewiger Macht. Das bedeutet diese Figur.» (Gröbli S.
223)
Dazu wieder Gröbli: «Das Radbild postuliert einen dynamischen Gott, dessen Allmacht dreifach und
doch dreimal einig von der Mitte ausgeht, Himmel und alle Welt umgreift, und so wie sie ausgeht, so
kehrt sie wieder zurück in die Mitte. Der Kreis führt stets in sich selber zurück. Er ist daher ein Symbol der Einheit, des Absoluten und der Vollkommenheit.»
Wir können auch sagen, dass das Radbild des Bruder Klaus zum Ausdruck wie auch zur Frucht seiner
Sehnsucht nach dem «einig Wesen» geworden ist. - Ist es auch eine Kurzformel seines Glaubens:
«Gott umfasst Himmel und Erde, geht vom Einen aus und kehrt in das Eine zurück und ist im kleinsten Partikel ebenso vollkommen wie in der ganzen Schöpfung»?
Sein Gebet
Bruder Klaus ist meist mit einer Gebetsschnur abgebildet. – Was hat er denn gebetet? Neben seinem
Gebet «O mein Gott und mein Herr» war es vor allem das Gebet der einfachen Leute, das Vater Unser.
Es war nicht das Rosenkranzgebet; dieses war damals noch nicht sehr verbreitet.
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Anhang 1: Literaturhinweise
Durrer Robert, Bruder Klaus. Die ältesten Quellen über seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben und
seinen Einfluss, 2 Bände, Sarnen 1917-1921
Federer Heinrich, Bruder Klaus, Luzern, 1986 (Die erste Ausgabe erschien 1928 in Frauenfeld)
Gröbli Roland, Die Sehnsucht nach dem «einig Wesen, Zürich, 1990 *
Keel Anselm, Bruder Klaus von Flüe, Rat aus der Tiefe, Einsiedeln, 1981
Meier Pirmin. Ich, Bruder Klaus von Flüe, Zürich, 1977
Obermüller Klara, Ganz nah und weit weg; Fragen an Dorothee, die Frau des Niklaus von Flüe, Luzern, 1982 **
Sartory Gerdrude u. Thomas (Hrsg.), Nikolaus von Flüe; Erleuchtete Nacht, Freiburg i.Br., 1981 **
Stirnimann Heinrich, Der Gottesgelehrte Niklaus von Flüe, Drei Studien, Freiburg i.Br., 1981 **
Vokinger Konstantin, Bruder Klaus, Zürich, 1994
von Franz Marie-Louise, Die Visionen des Niklaus von Flüe, Zürich, 1980 (2. Auflage) **
Walter Silja, Feuerturm, Mysterienspiel zum 500. Todesjahr des Heiligen Bruder Klaus, Olten, 1987
**
Zeiss Karl Heinz, Walter Silja, Gesicht im Goldkreis, Bildmeditation mit Bruder Klaus, Freiburg
i.Br., 1980
* Hauptquelle für meine Arbeit; Hier findet sich auch ein ausführliches Literaturverzeichnis zu Bruder
Klaus
** Für meine Arbeit mitbenutzte Literatur
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Anhang 2: Texte der Visionen des Bruder Klaus
Pränatale Erscheinungen
«Bruder Klaus habe ihm erzählt, dass er im Mutterleib, ehe er geboren worden sei, einen Stern am
Himmel gesehen habe, der die ganze Welt durchschien. Seit er im Ranft wohne, habe er stets einen
Stern am Himmel gesehen, der ihm gleich sei, so dass er eigentlich meine, dass er es sei. Das bedeute,
erklärte er ihm [Heimo Amgrund], dass jedermann in der Welt wisse, dass er [Bruder Klaus] auch so
in der Welt scheine. Auch habe ihm Bruder Klaus erzählt, dass er vor seiner Geburt im Mutterleib
einen grossen Stein gesehen habe, der die Stetigkeit und Festigkeit seines Wesens bedeute, in dem er
beharren und von seinem Vorhaben nicht abfallen solle. Dabei habe er im Mutterleib auch das heilige
Öl gesehen. »
Frühkindliche Erinnerungen
«Als er geboren worden und auf die Welt gekommen sei, habe er seine Mutter und die Hebamme erkannt. Er habe mit solcher Vernunft [Klarheit] gesehen, wie er zur Taufe durch den Ranft nach Kerns
getragen wurde, dass er es nie mehr vergass, denn er wusste es damals [als er es Pfarrer Amgrund
erzählte] noch so gut, als ob es erst gewesen wäre. Er habe damals auch einen alten Mann bei der Taufe gesehen, den er nicht erkannt habe, den Priester aber, der ihn taufte, habe er wohl erkannt.»
Die Turmerscheinung des Sechzehnjährigen
«Bruder Klaus habe ihm einmal erzählt, dass er als Sechzehnjähriger einen hohen schönen Turm an
der Stelle gesehen habe, wo jetzt sein Häuslein und die Kapelle stünden. Darum sei er von Jugend an
stets gewillt gewesen, ein einig Wesen zu suchen, wie er es auch getan habe.»
Die Stimme aus der Wolke
«Welti von Flüe, Venner zu Unterwalden, hat erzählt, dass ihm Bruder Klaus einmal unter anderem
erzählt habe, dass er einst, am Anfang seines Abbruchs, in das Melchi mähen gehen wollte. Unterwegs
habe er Gott um die Gnade gebeten, dass er ihm ein andächtiges Leben schenke. Da sei eine Wolke
vom Himmel gekommen, die mit ihm redete und sagte, dass er sich in den Willen Gottes ergeben soll,
denn er sei ein törichter Mann. Was Gott mit ihm wirken wolle, darin solle er willig sein, und darum
habe er sich mit Recht in den Willen Gottes ergeben.»
Der Besuch der drei Edelleute
«Es ist aber nicht zu übergehen, dass drei wohl gestalte Männer, die in Gewandung und Haltung einen
adeligen Rang verrieten, zu ihm kamen, während er mit häuslicher Arbeit beschäftigt war. Der erste
begann in folgender Weise das Gespräch: Nikolaus, willst Du Dich ganz mit Geist und Leib in unsere
Gewalt geben? Jener erwiderte sofort: Niemand ergebe ich mich als dem allmächtigen Gott, dessen
Diener ich mit Seele und Leib zu sein verlange. Auf diese Antwort wandten sie sich ab und brachen in
ein fröhliches Lachen aus.»
Die Lilienerscheinung
«Als er nämlich zu anderer Zeit, um das Vieh zu besehen, auf die Wiese kam, setzte er sich auf die
Erde und begann nach seiner Weise, aus innerstem Herzen zu beten und sich himmlischen Betrachtungen hinzugeben. Plötzlich sah er aus seinem eigenen Mund eine weisse Lilie von wunderbarem Wohlgeruch emporwachsen, bis dass sie den Himmel berührte. Als aber bald darauf das Vieh (aus dessen
Ertrag er seine ganze Familie erhielt) vorüber kam und er ein Weilchen den Blick senkte und sein Auge auf ein besonders vortreffliches Pferd heftete, sah er, wie die Lilie aus seinem Munde über jenem
Pferde sich nieder neigte und von dem Tiere im Vorübergehen verschlungen wurde.»
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Der Rat des Edelmanns
«Herr Oswald Ysner, Pfarrer von Kerns, hat erzählt, da ihm Bruder Klaus damals stets vertraut und er
häufig und oft bei ihm in seiner Einigkeit gewesen sei, habe [er] ihm mehr als einmal geklagt, dass er
viele und mancherlei Anfechtungen durch den Bösen Geist gehabt habe. Insbesondere sei der Teufel,
wie ihn dünke, einmal zu ihm gekommen in der Gestalt eines Edelmannes in teuer beschlagenen Kleidern und wohlberitten. Nach langem Reden habe ihm dieser geraten, dass er von seinem Vorhaben
ablassen und sich wie andere Leute benehmen soll, denn er könne sich das ewige Leben so nicht verdienen.»
Die Pilgervision
«... und ihm doch bekannt war. Und ihn dünkte in seinem Geist, dass ein Mann in der Art eines Pilgers
käme. In der Hand führte er einen Stab, seinen Hut hatte er aufgebunden und nach hinten umgekrempt
wie einer, der unterwegs ist, und er trug einen Mantel. Und er erkannte in seinem Geist, dass er [der
Pilger] von Sonnenaufgang oder von ferne her komme. Obwohl er es nicht sagte, kam er von daher,
wo im Sommer die Sonne aufgeht.
Und dann, als er zu ihm kam, stand er vor ihm und sang dieses [eine] Wort: Alleluja. Als er anfing zu
singen, füllte die Stimme die Gegend und das Erdreich und alles, das zwischen Himmel und Erde war,
füllte die Stimme, wie [es] die kleinen Orgeln den grossen tun. Und er hörte aus einem Ursprung drei
vollkommene Worte hervorgehen und wieder zurückkehren in ein Schloss wie eine Feder, die sehr
stark vorschiesst. Und er hatte drei vollkommene Worte gehört, von denen keines das andere berührte,
und er konnte doch nur von einem Wort sprechen.
Als er den Gesang vollbracht hatte, bat er den Menschen um eine Gabe, und er [der Mensch] hatte
einen Pfennig in der Hand und wusste nicht, woher der ihm gekommen war. Er [der Pilger] zog den
Hut ab und empfing den Pfennig in den Hut, und der Mensch hatte [noch] nie erkannt, dass es eine so
grosse Ehre war, eine Gabe in den Hut zu empfangen. Der Mensch wunderte sich sehr, wer er wäre
und woher er käme, und er [der Pilger] sagte: Ich komme von da her, und mehr wollte er ihm durchaus
nicht sagen.
Er [der Pilger] stand vor ihm und sah ihn an. Da verwandelte er sich und liess sich mit blossem Haupt
sehen und trug einen Rock, der von blauer oder grauer Farbe war, und [der Mensch] sah den Mantel
doch nicht mehr. [Der Pilger] war ein so adeliger, wohlgeschaffener Mann, dass er nichts anderes begehrte, als ihn mit merklicher Wollust und Begierde anzuschauen. Sein Gesicht war braun, so dass es
ihm eine adelige Zierde gab. Seine Augen waren schwarz wie der Magnet, und seine Glieder waren so
wohlgeschaffen, dass sie eine besondere Herrlichkeit an ihm waren. Obwohl er Kleider trug, hinderten
seine Kleider nicht, die Glieder zu sehen.
Als er ihn unverdrossen anschaute, richtete er [der Pilger] seine Augen auf ihn. Da erschienen viele
grosse Wunder: Der Pilatus legte sich nieder auf die Erde, und er [der Pilger] öffnete sich die ganze
Welt, dass [es] ihn dünkte, alle Sünden wären offenbar, die in der Welt wären. Und es erschien und
hinter den Leuten erschien die Wahrheit, und alle hatten ihr Gesicht von der Wahrheit abgewendet.
Jeder trug am Herzen ein grosses Gebresten, wie zwei Fäuste zusammen. Dieses Gebresten war der
Eigennutz, der verfährt die Leute so sehr, dass sie das Angesicht des Mannes nicht ertragen konnten,
so wenig der Mensch die Flammen des Feuers ertragen kann, und [sie] fuhren vor grimmiger Angst
durcheinander und fuhren rückwärts hinweg in Schimpf und Schande. Von weitem sah er sie hinfahren. Die Wahrheit, die hinter ihnen erschienen war, die blieb da.
Sein Gesicht verwandelte sich gleich dem einer Veronika. Und er [der Mensch] hatte eine grosse Begehrlichkeit, ihn mehr zu schauen. Er sah ihn abermals, wie er ihn vorher gesehen hatte, aber seine
Kleider waren verwandelt, und er stand vor ihm und war mit einer Bärenhaut bekleidet, mit Hose und
Rock. Die Bärenhaut war mit einer Goldfarbe besprenkelt. Aber er sah und erkannte wohl, dass es eine
Bärenhaut war. Die Bärenhaut zierte ihn besonders wohl, [so] dass der Mensch sah und erkannte, dass
sie eine besondere Zierde an ihm war.
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Als er vor ihm stand und sich anschauen liess, so adelig in der Bärenhaut, erkannte er, dass er [der
Pilger] sich von ihm verabschieden wollte. Er sprach zu ihm: Wo willst hin? Er sprach: Ich will das
Land hinauf, und wollte ihm durchaus nicht [mehr] sagen. Und als er sich von ihm trennte, sah er ihm
unverdrossen nach. Er sah, dass die Bärenhaut an ihm glänzte wie bei einem, der mit einer wohlgefegten Waffe umherzieht. Da er das Glitzern an der Wand sehen konnte, dachte er, es wäre etwas, das vor
ihm verborgen wäre.
Als er vier Schritte oder so von ihm weg war, drehte er sich um und zog den Hut, den er wieder trug,
neigte sich gegen ihn und grüsste ihn. Da erkannte er [der Mensch] an ihm solche Liebe, die er für ihn
hegte, dass er in sich geschlagen war, und erkannte, dass er diese Liebe nicht verdiente, und erkannte,
dass die Liebe in ihm war.
Und er sah in seinem Geist, dass sein Gesicht und seine Augen und sein ganzer Leib so voll liebender
Demut war wie ein Fass, das mit Honig gefüllt ist, dass kein Tropfen mehr darin [sein] kann. Da sah er
ihn durchaus nicht mehr. Aber er war so gesättigt von ihm, dass er nicht mehr von ihm begehrte. Es
dünkte ihn, er [der Pilger] hätte ihm alles berichtet, das im Himmel und auf Erden war.»
Die vier Lichter im Ranft
«Als er heimkam [von Liestal] habe er sich im Melchtal acht Tage im Dornendickicht aufgehalten und
in einem sehr wilden Gestrüpp gewohnt. Als die Leute das vernahmen, hätten sie ihn überlaufen und
ihm viel Unruhe gebracht. Damals habe Bruder Klaus, wie er ihm [Erni Rohrer] und anderen erzählt
habe, vier helle Lichter vom Himmel kommen sehen, die ihm die Stelle zeigten, wo sie ihm eine
Wohnung und eine Kapelle bauen sollten. Das hätten sie auf sein Verlangen und seine Offenbarung
hin auch getan.»
Das Liestaler Erlebnis
«Er [Erni Rohrerl hat auch erzählt, dass Bruder Klaus ihm oft gesagt habe, wie der Teufel ihm täglich
viel zu leid täte, Unsere Liebe Frau ihn aber stets tröste, und auch, wie er einst in der Meinung weggegangen sei, seine Frau, die Kinder und das Gut zu verlassen und sein Leben im Ausland zu vollenden.
Als er damals gegen Liestal gekommen sei, dünkte ihn diese Stadt und alles, das darin war, sei ganz
rot.
Darüber erschrocken, sei er deshalb sofort auf einen abgelegenen Hof zu einem Bauern gegangen, dem
er nach vielem Reden sein Vorhaben zu verstehen gegeben habe. Daran habe dieser Bauer keinen Gefallen gehabt, sondern ihm davon abgeraten und gemeint, er solle wieder heim zu den Seinen gehen
und da Gott dienen. Das würde Gott, statt fremden Leuten zur Last zu fallen, empfänglicher sein und
ihm ruhiger werden, denn er sei ein Eidgenosse, denen nicht jedermann gleich hold sei.
Darum sei er in derselben Nacht aus dem Haus des Bauern hinaus aufs Feld gegangen. Da lag er während der Nacht bei einem Zaun, und als er einschlief, kam ein Glanz und ein Schein vom Himmel, der
ihn am Bauch auftat. Das schmerzte so sehr, als ob ihn einer mit einem Messer aufhauen würde, und
zeigte ihm, dass er wieder heim in den Ranft gehen soll, was er auch sofort am Morgen getan habe.»
Die Brunnenvision
«Ein Mensch unterbrach den Schlaf um Gottes und um seines Leidens willen. Und er dankte Gott für
sein Leiden und seine Marter. Und Gott gab ihm die Gnade, dass er Kurzweil und Wollust darin fand.
Danach legte er sich auf seine Ruhestätte, und in seinem Schlaf oder in seinem Geist dünkte ihn, dass
er an einen Platz käme, der einer Gemeinde gehörte. Da sah er eine Menge Leute damit beschäftigt,
viel Arbeit verrichten. Ausserdem waren sie sehr arm. Er stand da, schaute ihnen zu und verwundene
sich, dass sie so viel Arbeit hatten und doch so arm waren.
Er sah rechts einen schön gebauten Tabernakel erscheinen. Da hinein sah er eine offene Türe gehen,
und er dachte bei sich selber: Du musst in den Tabernakel treten und schauen, was darin ist, und musst
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bald zur Türe kommen. Er kam in eine Küche, die einer ganzen Gemeinde gehörte. Zur rechten Hand
sah er eine Stiege hinaufgehen, ungefähr vier Stufen hoch. Dort sah er einige Leute hinaufsteigen, aber
wenige. Ihn dünkte, ihre Kleider wären weiss gesprenkelt.
Er sah einen Brunnen aus den Stufen in einen grossen Trog in der Küche fliessen, der bestand aus
dreierlei: Wein, Öl und Honig. Dieser Brunnen floss so schnell wie der Strahl eines Blitzes und machte ein so lautes Getöse, dass der Palast laut erschallte wie ein Horn. Er dachte: Du musst die Stiege
hinaufgehen und schauen, woher der Brunnen kommt. Und er verwundene sich sehr, dass sie so arm
waren und [doch] niemand hineinging, aus dem Brunnen zu schöpfen, was sie sehr wohl hätten tun
können, da er doch allen gemeinsam gehörte. Er ging die Stiege hoch und kam in einen weiten Saal.
Mitten im Saal sah er einen grossen, viereckigen Kasten stehen, aus dem der Brunnen strömte.
Er trat zum Kasten und besah ihn. Und als er zum Kasten trat, drohte er einzusinken wie einer, der
durch ein Moos [Moor] geht. Rasch zog [er] seine Füsse an sich und gelangte zum Kasten. Er erkannte
in seinem Geist, dass nicht zum Kasten gelangen kann, wer seine Füsse [nicht] rasch an sich zieht. Der
Kasten war an den vier Ecken mit vier mächtigen, eisernen Blechen beschlagen. Und der Brunnen
floss durch einen Kennel ab und sang so wohl im Kasten und im Kennel, dass ihn dies sehr stark verwundene.
Der Brunnen war so lauter, dass einer das Haar eines jeden Menschen gut auf dem Boden sehen könnte. Und wie mächtig [es] darausfloss, war der Kasten doch wimpernvoll, so dass er überfloss. Er erkannte in seinem Geist, wieviel [auch] daraus floss, stets wäre gerne mehr darin gewesen, und er sah
es aus allen Spalten herausstürzen. Diese drei Flüsse flossen alle durch den Kennel, jeder Fluss blieb
aber in seiner Vollkommenheit, so dass ein Fluss den anderen nicht behinderte. Und obwohl die drei
Flüsse sich anschauen liessen, waren doch alle drei von der gleichen Vollkommenheit, so dass kein
Mittel war, dass sie von einander getrennt würden, und [sie] flossen gleich wie ein einziger Brunnen.
Er dachte: Du sollst wieder hinuntergehen. Und als er wieder herunterkam, sah er ihn stets mächtig in
den Trog fliessen, und er dachte bei sich selber: Du sollst hinausgehen und schauen, was die Leute tun,
dass sie nicht hierher gehen, aus dem Brunnen zu schöpfen, dessen doch ein Überfluss ist, und ging
zur Türe hinaus. Da sah er die Leute schwere Arbeit verrichten und dazu sehr arm sein.
Er achtete darauf, was sie täten. Er sah, dass einer stand und einen Zaun mitten durch den Platz geschlagen hatte. In der Mitte hatte er ein Gatter, das hielt er mit der Hand zu und sagte zu ihnen: Ich
lasse euch weder hin noch her, [es sei denn], ihr gäbet mir den Pfennig. Er sah einen stehen, der drehte
den Prügel in der Hand und sagte: Es ist dafür erdacht, dass ihr mir den Pfennig gebt. Er sah Pfeifer,
die ihnen pfiffen und den Pfennig heischten. Er sah Schneider und Schuhmacher und allerlei Handwerker, die von ihnen den Pfennig haben wollten. Und ehe sie das alles ausgerichtet, waren sie [wieder] so arm, dass sie kaum das [Verlangte] bekamen. Und [er] sah niemanden hineingehen, aus dem
Brunnen zu schöpfen.
Als er stand und ihnen zusah, verwandelte sich die Umgebung in wilde Steilhänge und glich der Gegend, die um Bruder Klausens Kirche liegt, wo er seine Wohnung hat. Und [er] erkannte in seinem
Geist, dass dieser Tabernakel Bruder Klaus ist.»
Die Danksagungsvision
«Ein Mensch unterbrach den Schlaf um Gottes und um seines Leidens willen. Und er dankte Gott für
sein Leiden und seine Marter. Und Gott gab ihm die Gnade, dass er Kurzweil und Wollust darin fand.
Darauf legte er sich zur Ruhe. Als seine Vernunft in Bande geschlagen war und er meinte, er wäre
noch nicht in seinem Schlaf, dünkte es ihn, dass einer zur Tür hereinkäme, mitten im Haus stünde, ihn
mit fester, heller Stimme riefe, wie er damals hiess, und zu ihm sagte: Komm und sieh deinen Vater
und schau, was er tut.
Es dünkte ihn, wie er schnell zu einem ersehnten Ziel käme, in einen schönen Tabernakel in einem
weiten Saal. Darin sah er einige Leute in weissen Kleidern wohnen. Der, der ihn gerufen hatte, war bei
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ihm, stand an seiner Seite und redete für ihn, wie es ein Fürsprecher macht. Obwohl er sprach, sah er
doch seine Gestalt nicht, und er wunderte sich nicht darüber. [Dieser] hielt seine Rede und sagte: Hier
ist jener, der dir deinen Sohn getragen und geboren hat und ihm zu Hilfe gekommen ist in seiner Angst
und in seiner Not. Danke ihm für das Seine, sei ihm sein Dank und sei ihm dankbar für das Seine.
Da kam ein schöner, stattlicher Mann durch den Palast dahergeschritten mit einer glänzenden Farbe in
seinem Gesicht und in einem weissen Kleid wie ein Priester in einer Albe. Er legte ihm seine beiden
[Arme] auf seine Schultern, drückte ihn an sich und dankte ihm mit der ganzen inbrünstigen Liebe
seines Herzens, dass er seinem Sohn so wohl zustatten und zu Hilfe gekommen war in seiner Not.
Dieser Mensch war in sich selber geschlagen, erschrak sehr darüber und bekannte sich unwürdig und
sagte: Ich weiss nicht, dass ich deinem Sohn je einen Dienst erwiesen habe. Da verliess er ihn, und er
sah ihn durchaus nicht mehr.
Da kam eine schöne, stattliche Frau durch den Palast dahergeschritten, auch in einem solchen weissen
Kleid. Und er sah wohl, dass ihnen das weisse Kleid ganz frisch gewaschen anstund. Sie legte ihm ihre
beiden Arme auf seine beiden Schultern und drückte ihn gründlich an ihr Herz mit überfliessender
Liebe, weil er ihrem Sohn so treu zustatten gekommen war in seiner Not. Der Mensch erschrak sehr
darüber und sagte: Ich weiss nicht, dass ich eurem Sohn je einen Dienst erwiesen habe. Denn [ich]
kam nur hierher, um zu sehen, was ihr tut. Da schied sie von ihm, und [er] sah sie durchaus nicht
mehr.
Da blickte er neben sich. Er sah den Sohn neben sich sitzen in einem Sessel und sah, dass er auch ein
solches Kleid trug. Es war besprengt mit Rot, als ob einer mit einem Wedel darauf gesprengt hätte.
Der Sohn neigte sich zu ihm und dankte ihm inniglich, dass er ihm auch so wohl zustatten gekommen
war in seiner Not. Er blickte an sich selbst herunter und sah, dass er auch ein weisses Kleid trug, besprengt mit Rot wie der Sohn. Das verwundene ihn sehr, und [er] wusste nicht, dass er es angehabt hatte.
Schnell fand er sich selber sogleich an der Stelle, da er sich hingelegt hatte, so dass er nicht meinte,
dass er geschlafen hätte. Amen.»
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