WMF Buch Kapitel4

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WMF Buch Kapitel4
150 JAHRE WMF
Schaufensterdekoration mit den modernen Cromargan-Produkten
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KAPITEL
4
Krieg und
Modernisierung
Neue Produkte (1914–1933)
Kriegsbeginn 1914. Die Fabrik steht still.
Als der Erste Weltkrieg im Juli/August 1914 ausbrach, spürte
die WMF wie alle anderen Unternehmen in Deutschland sofort
dessen Auswirkungen. Ihr Exportgeschäft brach unmittelbar
ein, nachdem bereits im Jahr zuvor die politische Unsicherheit
und die drohende Kriegsgefahr den Umsatz schrumpfen ließen.
Aber nicht nur der Vertrieb war beeinträchtigt. Da Metalle jetzt
kriegswichtige Rohstoffe waren, konnte das Unternehmen kein
Material mehr für die normale Friedensproduktion einkaufen.
Nach der allgemeinen Mobilmachung vom 1. August wurde in
der WMF bis Mitte August nur noch drei Tage in der Woche
gearbeitet, danach war Schluss und der Betrieb wurde eingestellt. Die Geislinger Beschäftigten wurden teilweise an andere
Fabriken vermittelt, die für den Heeresbedarf produzierten und
daher im Sommer und Herbst 1914 voll ausgelastet waren.
Andere wurden in die Landwirtschaft geschickt, wo wegen der
Mobilmachung viele Arbeiter fehlten. Auch aus der WMF
Belegschaft wurden schon im August 1914 zahlreiche Männer
einberufen, allein in Geislingen waren es 760 Beschäftigte.
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Der Erste Weltkrieg
Als am 28. Juli 1914 Österreich-Ungarn Serbien
den Krieg erklärte, war jedem Menschen in
Europa klar, dass damit nicht nur ein Krieg
zwischen zwei Staaten begann. Einen Monat
zuvor hatten serbische Nationalisten in der
bosnischen Hauptstadt Sarajewo den österreichischen Thronfolger ermordet und damit den europäischen Konflikt um die politischen Verhältnisse
auf dem Balkan endgültig ausbrechen lassen.
Schnell standen die damaligen Staatenbündnisse
bereit, um ihre Interessen militärisch auszufechten. Deutschland kämpfte dabei an der Seite
Österreichs gegen die alliierten Mächte England,
Frankreich, Russland, Belgien und andere. Bei
Kriegsbeginn war die Begeisterung in Deutschland riesig und erfasste alle Schichten und politischen Parteien. Auch die Sozialdemokraten
konnten sich diesem Hurra-Patriotismus nicht
entziehen. Gerade nach den schnellen Anfangserfolgen der kaiserlichen Armee gingen alle davon
aus, dass der Krieg schnell beendet sein würde.
Tatsächlich sollte er aber viereinhalb Jahre
dauern und rund 8,5 Millionen Opfer auf den
Schlachtfeldern fordern. Fast acht Millionen
Menschen wurden in Europa vermisst, und
nahezu sieben Millionen Zivilisten starben in
den weitgehend verwüsteten Ländern. Dieser
Krieg war der Erste „Weltbrand“ der Neuzeit
und er war geprägt von einer weit gehenden
„Industrialisierung“ der Kriegsführung. Tanks
und Flugzeuge, Gas und Artilleriegranaten
waren die neuen Kriegswaffen, mit denen sich
die Gegner von ihren eingegrabenen Stellungen
aus bekämpften. Die deutsche Regierung finanzierte den Krieg weitgehend auf Pump und trieb
das Reich dadurch in eine wachsende Inflation.
In dieser schwierigen Situation bemühte sich
das Direktorium der WMF sofort um Militäraufträge. Dies war ungewöhnlich, da viele
Betriebe in Deutschland anfangs die kostenintensive Umstellung von der Friedensproduktion auf Kriegsproduktion scheuten. Die
Deutschen erwarteten nach den ersten Siegen
ein schnelles Ende des Krieges, und so glaubten viele Unternehmer, dass sich hohe Investitionen für die Produktionsumstellungen nicht
auszahlen würden. Dies war auch die Politik
der Kölner Orivit, die sich im ersten Kriegsjahr
kaum um Rüstungsaufträge bemühte, um die
Umstellungskosten zu vermeiden. Die Direktion der WMF in Geislingen wollte dagegen
ihren Betrieb schnell wieder öffnen, nicht
zuletzt, um ihre Facharbeiter in Geislingen
halten zu können, die für die Firma nicht
leicht zu ersetzen waren.
Bereits ab Mitte September erhielt die WMF
Rüstungsaufträge und konnte damit die Fabriken in Geislingen und Göppingen wieder
anlaufen lassen. Allerdings wurde nicht vollständig auf Kriegsproduktion umgestellt, und
vor Weihnachten erhöhte sich auch der Absatz
der herkömmlichen WMF Waren wieder. Jetzt
konnten zumindest die Männer der Belegschaft,
die eine Familie zu versorgen hatten und noch
nicht eingezogen waren, wieder beschäftigt
werden.
KAPITEL
4
Kontrollieren der Feldpatronen
Kriegsproduktion.
Erfolg mit schmiedeeisernen Patronen
Im September 1914 begann die WMF mit der
Herstellung von Koppelschlössern, Kartuschen,
Alu-Kochgeschirren, Trinkbechern und Einsatzhülsen für Granatzünder. Daneben produzierte
die Fabrik weiter die versilberten „Friedenswaren“, auch wenn es spätestens ab 1916 immer
schwieriger wurde, die nötigen Rohstoffe zu
kaufen. Erst im letzten Kriegsjahr 1918 musste
die Produktion versilberter Waren endgültig
eingestellt werden.
Das wichtigste WMF Produkt während des
Ersten Weltkriegs waren Infanterie-Patronen
aus hochwertigem „Flusseisen“ und die dazu
gehörigen Hülsen. Im Oktober/November
1914 stellte die WMF ein Entwicklungsteam
zusammen, das die Herstellung vorbereiten
sollte, und ab Dezember 1914 gingen die ers-
ten Patronenhülsen in die Produktion. Die
Fabriken waren dadurch bis Kriegsende ausgelastet. Das genannte Entwicklungsteam unter
der Leitung von Hugo Debach – damals Mitglied des Direktoriums und ab 1927 Generaldirektor der WMF – hatte ein besonderes
Herstellungsverfahren patentieren lassen. Im
weiteren Kriegsverlauf zeigte sich, dass kein
anderer Anbieter in der Lage war, vergleichbare
Patronen herzustellen. Die Erfahrung des großen Metallwarenherstellers WMF mit der Behandlung verschiedener Metallqualitäten und
bei der Verarbeitung der Metalle zahlte sich
hier aus. Die hauseigene Materialprüfung und
gute Techniker verschafften der WMF auch bei
der Rüstungsproduktion durch hohe Qualität
einen Marktvorteil. Das Geislinger Unternehmen gewann nahezu ein Monopol auf diese
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150 JAHRE WMF
Immer mehr
Frauen arbeiten
an den Pressen.
Munition und die Produktionszahlen waren
daher enorm. Täglich wurden rund 200.000
Infanteriepatronen hergestellt, sodass während
des Krieges mehr als 190 Millionen Patronenhülsen und fast 210 Millionen Geschosse produziert wurden.
Die Kriegsfertigung lastete die WMF so aus,
dass nach den anfänglichen Entlassungen bald
zahlreiche Arbeiter eingestellt werden mussten.
Kurz vor dem Krieg hatte das Geislinger Werk
fast 3.600 Mitarbeiter, bei Kriegsende waren es
nahezu 4.200. Zeitweise beschäftigte die gesamte WMF während des Krieges rund 8.000
Menschen. Allerdings hatte die WMF durch
den Krieg große Schwierigkeiten, Arbeitskräfte
zu bekommen. Immer mehr Männer wurden
an die Front geschickt und immer mehr starben
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dort. Ende 1916 regelte das „Gesetz über den
vaterländischen Hilfsdienst“, dass alle Männer
zwischen 17 und 60 Jahren zur Arbeit in den
Rüstungsfabriken herangezogen werden konnten.
Trotzdem blieb der Arbeitskräftemangel, sodass
die WMF wie andere Rüstungsunternehmen
während des Krieges immer mehr Frauen einstellte. Bei Kriegsende waren zwei Drittel aller
Beschäftigten in der deutschen Rüstungsproduktion Frauen.
Die letzten beiden Kriegsjahre hatten der WMF
auch bei der Friedensproduktion gute Umsätze
beschert. Dabei wurden über die Niederlassungen kaum noch selbst produzierte Waren vertrieben, denn die WMF hatte keine Kapazitäten
frei, um ihre eigenen Produkte herzustellen.
Also verkaufte sie auch fremde Waren. Genügend Geld war damals im Umlauf, aber man
konnte es kaum ausgeben, weil Waren knapp
waren. Kleidung und Lederwaren etwa wurden
nur gegen Bezugsscheine ausgegeben, weil
Baumwolle oder Leder nicht mehr importiert
werden konnten. Die Menschen kauften also
verstärkt „Luxuswaren“ von Unternehmen wie
der WMF.
In riesigen Hydraulikpressen werden
Patronenhülsen gefertigt.
Ein Blick in das Werksgelände vom Tor 2 aus gesehen.
Das Foto entstand Mitte der 1930er-Jahre.
Kriegsende. Probleme mit der
Interalliierten Kontrollkommission
Das Renommee, das die WMF sich bei der
Fertigung von Patronenhülsen erworben hatte,
bereitete ihr bald erhebliche Probleme. Denn
die Unternehmensleitung wollte unmittelbar
nach Kriegsende den Betrieb wieder auf
Friedensproduktion umstellen. Damit befand
sie sich ganz auf der Linie der internationalen
Vereinbarungen, denn der Friedensvertrag von
Versailles (28. Juni 1919) forderte ausdrücklich
die „Beseitigung und Vernichtung der in der
Industrie befindlichen Maschinen zur Herstellung von Munition“. Zur Überwachung der
Demontagen wurden Kontrollkommissionen
eingesetzt, denen die einzelnen Unternehmen
genau nachweisen mussten, wie sie ihre Rüstungsanlagen beseitigt hatten.
Die WMF wollte keine Probleme bei der Genehmigung ihrer Friedensproduktion bekommen
und wollte möglichst bald wieder im alten
Umfang exportieren – die meisten früheren
Exportländer waren aber jetzt ehemalige Kriegsgegner. Das Unternehmen konnte sich also
keine Schwierigkeiten mit der Interalliierten
Kontrollkommission leisten. Daher war der
Ärger in der Direktion groß, als die WMF im
Mai 1920 auf einer Liste des Reichswehrministeriums auftauchte, mit der den Alliierten
mögliche Lieferanten für die neu organisierte
Reichswehr mitgeteilt wurden. Offenbar hatte
ein übereifriger Angestellter der Berliner Filiale
das Unternehmen beim Ministerium angemeldet.
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150 JAHRE WMF
Schwieriger Neubeginn und Inflation
Die WMF reagierte schnell. Mit Briefen an
alle beteiligten Ministerien und Wirtschaftsstellen stellten die Direktoren klar, dass die
Maschinen für die Produktion der Patronen
bereits verkauft oder vernichtet seien und dass
die WMF zukünftig auf keinen Fall Kriegsmaterial liefern werde. Dem Reichswehrministerium in Berlin gegenüber machte das Unternehmen seine Position deutlich: „Da wir unsere gesamte Fabrikation für Friedenszwecke umgestellt haben, wären wir auch gar nicht in der
Lage, fernerhin Munition anzufertigen und
würden uns weigern, uns zugedachte diesbezügliche Aufträge anzunehmen.“
Und ein zweites Problem beschäftigte die Unternehmensleitung in diesem Zusammenhang.
Als Rüstungsbetrieb wäre die Firma von der
Interalliierten Kommission sehr genau kontrolliert worden und dabei befürchteten die Direktoren offenbar Industriespionage. Gegenüber
dem Reichswehrministerium wurden sie deutlich: „Es wäre uns im höchsten Maß unangenehm, unsere Friedensproduktion einer genauen Kontrolle seitens der Entente-Vertreter aussetzen zu müssen ...“ Noch im Jahr 1924 wurde
die Fabrik von der Kontrollkommission untersucht, und jetzt klagte die WMF auch offen
über die Industriespionage der Kommission.
Das Problem für die WMF war erheblich: ihr
entscheidender Wettbewerbsvorteil lag immer
darin, vor den Konkurrenten mit Neuheiten
und mit neuen Techniken auf den Markt zu
gehen. Spionageversuche rührten also an die
Fundamente des Unternehmens.
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Die WMF hatte durch den Weltkrieg und die
Niederlage Deutschlands erhebliche Verluste
erlitten. Einige ausländische Niederlassungen
(London, Straßburg und Posen) sowie die Warschauer Zweigfabrik (vormals Plewkiewicz) gingen verloren; besonders der Auslandsvertrieb
litt unter diesen Bedingungen. Die ersten Jahre
nach dem Weltkrieg waren aber ohnehin Mangeljahre. Das galt für die deutsche Gesellschaft
ebenso wie für die Wirtschaft und es betraf
auch die WMF. Das Unternehmen wollte zwar
wieder zur früheren Friedensproduktion zurückkehren, aber ihr fehlte dazu das notwendige Rohmaterial. Die Fabrik konnte daher anfangs nicht schnell genug liefern, und erst 1921
hörte dieser Lieferengpass einigermaßen auf –
wenn auch auf einem niedrigen Umsatzniveau.
Besonders für den wachsenden Bereich der
Besteckproduktion war die zügige Auslieferung
entscheidend. Trotz ihres Qualitätsanspruchs
war die WMF häufig gezwungen, mit schlechteren Ersatzmaterialien zu produzieren. So
wurde jetzt auch erstmals Besteck aus Messing
an Stelle des hochwertigeren Neusilbers versilbert. Der Besteckbereich setzte in diesen ersten
schwierigen Nachkriegsjahren im Übrigen
seine Erfolgsgeschichte seit 1897/1900 fort.
Schon bis 1913/14 war der Umsatz mit Bestecken auf rund 25 Prozent des Umsatzes mit
Hohlwaren gestiegen. Zwischen 1919 und
1922 stieg er sogar auf rund 50 Prozent, wobei
allerdings der Umsatz insgesamt deutlich geringer war als vor dem Krieg. Auf jeden Fall zeigte
sich deutlich, dass die vor dem Krieg sehr gefragten „Façonwaren“ gegenüber Bestecken
stark zurückgingen. Die Firmenleitung betrachtete gerade auf dem umkämpften Markt der
Bestecke die schnelle Lieferung als Voraussetzung für den Erfolg und sie setzte jetzt voll auf
Inflation und Hyperinflation
Das Kaiserreich hatte den Krieg auf Pump
finanziert. Auf Grund der Kriegslasten und der
Reparationsforderungen der Siegermächte stand
die Republik unter einem enormen finanziellen
Druck. Die Regierung versuchte, ihm zu entkommen, indem sie bei den Banken Kredite aufnahm
und sich mit Staatsanleihen auch bei Privatleuten Geld besorgte. Auf diese Weise steigerte sie
jedoch die Geldmenge in katastrophaler Weise.
Aus politischen Gründen nahm die Regierung
diese zunehmende Geldentwertung in Kauf. Die
Finanzierung des Generalstreiks im französisch
besetzten Ruhrgebiet (Ruhrkampf) gab den Reichsfinanzen dann den Rest. Die Inflation sprengte
alle Grenzen und bis 1923 stieg die umlaufende
Geldmenge um das Siebenmilliardenfache.
Die Folge: 1922/23 explodierten die Preise, und
zwar um das Zehnmilliardenfache. Glücklich,
wer sein Vermögen rechtzeitig in Sachwerte investiert hatte, denn das Geld verlor seinen Wert in
unvorstellbarem Tempo. Die Inflation führte zu
Fantasiepreisen. Anfang Oktober 1922 kostete
zum Beispiel ein Liter Milch 5,4 Millionen Mark,
Ende November waren es bereits 360 Milliarden
Mark. Ein Brot kostete 1918 noch etwas mehr
als sechzig Pfennige, 1922 musste man dafür
schon 163 Mark zahlen; Im Januar 1923 war es
250 Mark wert, im Juli bereits 3.465 Mark, im
September 15 Millionen und im November 201
Milliarden Mark. Im Spätherbst 1923 war das
nationale Währungssystem Deutschlands endgültig ausgehebelt und niemand vertraute mehr dem
Geld. Das Wirtschaftsleben kam fast zum Erliegen.
Insgesamt 1.783 Druckpressen waren damit beschäftigt, rund um die Uhr Geldscheine mit
Milliardenbeträgen zu drucken.
Die Drucker wurden zu einer wichtigen Macht:
wenn sie streikten, war die Regierung zahlungsunfähig. Bei Einführung der Rentenmark (Währungsreform) im November 1923 waren sage und
schreibe 400.338.326.350.700.000.000 Reichsmark in Umlauf. Die Währungsreform beendete
den Spuk, aber sie vernichtete auch die Geldvermögen der Sparer, machte die Kriegsanleihen
wertlos und ruinierte den bürgerlichen Mittelstand.
Amtlich angeordnet:
Nach der Währungsreform wurden riesige
Mengen Inflationsgeld
vernichtet.
150 JAHRE WMF
Arbeiter gehen aus der Fabrik.
das Besteckgeschäft. Die Produktionsstätten für
die Besteckfertigung wurden in diesen Jahren
stark ausgebaut – eine Weichenstellung, deren
Erfolg erst später sichtbar wurde.
Gebaut wurde aber nicht nur im Werk. Daneben entstanden in diesen ersten Jahren besonders viele Arbeiterwohnungen, nicht zuletzt,
um das erwirtschaftete Geld schnell für Sachwerte auszugeben – ein Zeichen der Inflation.
Denn die Hyperinflation in den Jahren 1922
und 1923 setzte auch die WMF unter Druck.
Einerseits konnte sie wie in der letzten Kriegsphase davon profitieren, dass das vorhandene
Geld in Sachwerte angelegt wurde und sie verkaufte vor allem ihre teuren Geschenkartikel
mit wachsendem Erfolg. Andererseits verdarb
die galoppierende Inflation auch den Ertrag
der WMF: 1923 in der Hochphase der Hyperinflation schätzte der Vorstand, dass der Um82
satz trotz ungeheurer Zahlen tatsächlich rund
20 mal niedriger war als im letzten Vorkriegsjahr 1913. Mit Kurzarbeit und erstmals in der
Firmengeschichte auch mit rezessionsbedingten
Entlassungen versuchte die Leitung der WMF,
die schwierige Situation zu meistern.
Die Inflation führte im Übrigen auch erstmals
zu Spannungen zwischen der Unternehmensleitung und den Beschäftigten. Die Arbeiter
der WMF hatten sich an den ersten Streikwellen der Nachkriegszeit in den Jahren 1919
(Generalstreik ) und 1920 (Steuerstreik) nicht
beteiligt. Zudem wirkten sie innerhalb der Gewerkschaftsbewegung und im Deutschen
Metallarbeiterverband immer eher mäßigend.
1920 traten aber erste Konflikte auf, als es nach
Inkrafttreten des neuen Betriebsratsgesetzes zu
Auseinandersetzungen zwischen der Betriebsleitung und den Beschäftigten kam.
Aus dem Tagebuch
eines Zeitzeugen
1923: Schaufenster mit Silit-Stahlgeschirr
Die galoppierende Inflation steigerte in den
folgenden Jahren die Unzufriedenheit der Arbeiter, deren Arbeitslohn die explodierenden
Lebenshaltungskosten nicht mehr deckte. Nach
einem Vorschlag der süddeutschen Arbeitgeber,
die Wochenarbeitszeit von 46 auf 48 Stunden
zu erhöhen, um so Personal einzusparen, brach
der Konflikt offen aus. Am 25. März 1922
begann der große süddeutsche Metallarbeiterstreik und eskalierte in Geislingen schnell, denn
weder die WMF Leitung noch die Arbeiter
hatten Erfahrungen mit Streiks. Krawalle,
wütende Auseinandersetzungen in der lokalen
Presse, Proteste und Demonstrationen prägten
das politische Klima in Geislingen. Ende April
sprachen sich 96 Prozent der Streikenden
gegen einen Vermittlungsvorschlag der Arbeitgeber aus. Die Geislinger Firmen MAG und
WMF reagierten – mit Aussperrungen.
Der Streik zog sich hin, auch wenn die Kampfbereitschaft auf beiden Seiten bald abflaute.
Die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern waren wegen der aufgeladenen
Stimmung schwierig und erst nach drei Monaten, am 12. Juni 1922, wurde in der WMF
wieder normal gearbeitet. Aber die Lage im
beschaulichen Geislingen hatte sich jetzt stark
verändert: Der Streik hatte viele Arbeiter in die
„Wucher- und Schiebertum
stehen in Blüte und verteuern
die Lebenshaltung des ehrlichen Manns grenzenlos.
Außer diesen Parasiten gibt es
gewerbsmäßige Hetzer, z.B.
Arbeiterführer, deren Weizen
blüht. Sie predigen mit
großem Erfolg: Zufriedenheit
ist ein Laster. Mit ihnen habe
ich gegenwärtig zu tun. Ich
muß ihretwegen schon in der
fünften Woche in der
Berufsarbeit aussetzen. Ein
Schiedsspruch bestimmte für
die Metallindustrie: 48
Arbeitsstunden in der Woche
und 4 Mark Stundenlohnerhöhung. Obwohl die
Rechtsgrundlage dazu fehlte,
lehnten die Genossen den
Schiedsspruch ab, traten in
den Streik und hinderten alle
Arbeitswilligen mit Gewalt,
ihre Berufstätigkeit fortzusetzen.“
Friedrich Horn,
Stahlgraveur in der WMF
150 JAHRE WMF
sozialistische Deutsche Metallarbeitervereinigung gebracht und politisiert. Auf der anderen
Seite bildete sich Ende 1922 eine der ersten
württembergischen Ortsgruppen der NSDAP
und am Jahreswechsel 1922/23 kam es zu
erbitterten Kämpfen zwischen den verschiedenen Lagern. Die verhängnisvollen Wirren der
Weimarer Republik hatten die württembergische Provinz also früh erreicht.
Eine wichtige Entscheidung in der ersten Nachkriegszeit war die Herstellung von Alu- und
Stahlbrätern. Sie war ursprünglich aus der Not
geboren, mit dem vorhandenen Rohmaterial ein marktfähiges Produkt zu erzeugen. Aus dieser ersten Topfproduktion entwickelte die
WMF aber bereits
1920 den Silit-Stahltopf, mit dem sie
erneut ihren Qualitätsanspruch unter Beweis stellte.
Die Silit-Stahlgeschirre wurden
aus einem Stück
aus dem hochwertigen Siemens-Martin-Stahl gezogen; sie
waren innen emailleähnlich beschichtet und
außen ebenfalls mit einem
besonders widerstandsfähigen
Material überzogen. Gute Wärmeleiteigenschaften und ein für damalige Verhältnisse
hervorragender Schutz vor dem Anbrennen des
Kochgutes waren hier miteinander verbunden.
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Dabei blieb das Kochgeschirr trotzdem vergleichsweise preiswert. 1927 sorgte eine Neuentwicklung des Silittopfes für Furore: der
erste Sicomatic, ein Dampfkochtopf „von großer Zuverlässigkeit und Sicherheit, Festigkeit
und Vielseitigkeit der Verwendungsarten“, wie
ein Chronist der WMF 1936 schrieb.
Weil die Töpfe eine völlig eigenständige Produktgruppe waren, setzte die WMF eigene Vertreter für ihren Vertrieb ein. Ein produktorientierter Vertrieb und nicht mehr der Reisende
für alles – die WMF nahm bei den Silit-Stahlgeschirren bereits die Entwicklung
nach 1945 vorweg. Vorher
hatte es dazu nur erste Ansätze mit einigen Geschäften der Galvanoplastischen Kunstanstalt gegeben.
Der erste SicomaticSchnellkochtopf
1927: Das neue
Markenzeichen der
WMF hat sich nach
mehrjähriger Übergangszeit durchgesetzt.
Die Funktion bestimmt das Design
Besteck, Cromargan
und Kaffeemaschinen:
Weichenstellungen für
die Zukunft
Das Silit-Stahlgeschirr zeigte bereits, dass die
WMF in den Zwanziger Jahren weiter ihrer
Linie treu blieb und ihrer Konkurrenz vor allem
mit vielen regelmäßigen Neuheiten zusetzte.
Dabei stellte sie Weichen für den Unternehmenserfolg bis heute.
Nachdem im November 1923 die Währungsreform einen wirtschaftlichen Neubeginn ermöglichte, galten die ersten Innovationen der
WMF dem boomenden Besteckbereich. Um
1925 waren hier die lang andauernden Lieferschwierigkeiten endlich beendet und jetzt stieg
der Umsatz noch einmal stark an. Für die Filialen und die Reisenden machte er 1928 zwischen
62 und 74 Prozent aus.
Noch bis 1924/25 bestand das
Patent von 1893 für die Spezialversilberung des Besteckes und
sicherte der WMF einen wichtigen Marktvorteil. Als dieser Patentschutz ablief, führten sofort
viele andere Besteckhersteller das
neue Versilberungsverfahren ein.
Die WMF hatte aber ihrerseits die
Herstellung noch einmal deutlich
verbessert und ließ das neue Verfahren ebenfalls patentrechtlich schützen.
Die Entwicklung dieses neuen Verfahrens war aufwändig und Hugo Debach,
der leitende technische Direktor, meldete später mit berechtigtem Stolz: „Die
WMF vermochte aber das Verfahren so
zu vervollkommnen, dass es ihr heute
möglich ist, die Stärke des Silberüberzugs genau der Beanspruchung der einBis heute nachgefragt: Das Besteckmodell „Fächer“
von 1925. Barocke und klassizistische Elemente
verschmelzen zu einem Design von hoher
Eigenständigkeit.
1890 stand die WMF noch vor der Schwierigkeit, für die Gestaltung ihrer „Luxus- und Phantasiegegenstände“ einen Mittelweg zwischen dem
modischen Geschmack der Zeit (ein überladener
altdeutsch-historisierender Stil) und dem eigenen
hohen kunstgewerblichen Anspruch zu finden.
Aber der Geschmack änderte sich – mit dem Jugendstil hatte dies bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen. In den 1920er-Jahren wurde der
überladene ‚altdeutsche‘ Stil im WMF Design
weitgehend verdrängt. Die Formen der Bestecke,
Schalen u.ä. wurden klarer, die historischen
Dekorationen wurden an die Ränder der
Produkte gerückt. Immer noch gab es Barockformen, aber nur mehr als Dekor. Gleichzeitig
produzierte die WMF jetzt häufiger Dinge des
praktischen Alltags und achtete dabei stärker auf
ihre Praxistauglichkeit, die jetzt gleichberechtigt
neben der Schönheit der Produkte stand –
Funktion und Design wurden zur Aufgabe der
Gestalter. Die WMF reagierte damit auf die
neuen Verhältnisse in Deutschland. Der Weltkrieg und die anschließende Inflation hatten das
gehobene Bürgertum arm gemacht, und der großbürgerliche Haushalt, der sich immer um den
prunkvollen Schein bemüht hatte, existierte nicht
mehr. Die Ernüchterung und Desillusionierung,
die der
Krieg mit sich gebracht hatte,
fand jetzt auch einen Niederschlag im Geschmack der
Zeit. Ein sachliches, auf die
Funktion der Gegenstände
orientiertes Design war gefragt. Silit und Cromargan –
dies waren Entwicklungen, die
dem Geist der Zeit folgten. Die
WMF stellte hochwertige und praktische, aber auch für den bürgerlichen
Mittelstand erschwingliche Produkte
her. Für dieses neue Nachkriegsbürgertum konnte Cromargan zum Ersatz
für Silberwaren werden – und wurde es
endgültig nach dem nächsten Krieg.
die Bedeutung des neuen Stahls, den sie für die
Produktion von Küchen- und Tafelgeräten
nutzen konnte und sie erreichte, dass sie exklusiv mit V2A-Stahl beliefert wurde. Zu diesem
Zweck ließ sie einen eigenen Namen für das
Stahlgeschirr schützen: Cromargan. „Crom“,
weil der Stahl einen besonders hohen Chromanteil hat und „Argan“, weil er ein silberähnliches Aussehen besitzt.
zelnen Teile des Bestecks anzupassen, so dass
eine vorzeitige Durchscheuerung der Silberauflage an einzelnen Stellen ausgeschlossen ist.“
Nach dieser Verbesserung ihrer versilberten
Bestecke begann die WMF schließlich im Jahr
1926, auch Echtsilberbestecke herzustellen.
Und auch dieser Bereich entwickelte sich gut:
1933 stellte die WMF rund 20.000 Echtsilberbestecke her und zwar jeweils als Sortiment
von einem Dutzend Teilen – rund 240.000
Besteckteile also.
Die 1920er-Jahre waren für die WMF eine
Zeit der wirtschaftlichen Konsolidierung ohne
ein reales Wachstum. Trotzdem bemühte sie
sich verstärkt um Innovationen. Als besonders
zukunftsträchtig erwies sich eine Neuerung des
Jahres 1927: Auf der Leipziger Messe stellte
das Unternehmen Kochgeschirr aus dem so genannten V2A-Stahl vor. Dieser moderne Stahl,
1912 von Krupp entwickelt, war erstmals rostfrei und daher nicht nur für den Maschinenbau, die Schiffsindustrie oder den Hochbau interessant. Auch die WMF Direktion erkannte
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Werbung aus dem Jahr 1933 für
das neue Material Cromargan
Die Vorteile des Materials liegen bis heute auf
der Hand: Es ist säurefest, nicht rostend,
geschmacksneutral, pflegeleicht und von fast
unbegrenzter Haltbarkeit. Allerdings zweifelte
die WMF offenbar anfangs daran, dass Cromargan auch in Privathaushalten genügend
Anklang finden würde, denn sie verkaufte die
Kochgeschirre und andere Küchengeräte in
den ersten Jahren nur an Großküchen, Hotels
oder Krankenhäuser. Wegen dieses anderen
Marktes setzte die WMF für die Cromarganprodukte von Beginn an eigene Vertreter ein –
die Vertriebsstruktur nach Produkt- oder
Kundengruppen setzte sich durch.
Aus den Berichten
der Reisenden an die
WMF Leitung
Treffen der
WMF Reisenden
anlässlich der
Leipziger Messe
Allgemeine Lagebeschreibung:
„Diese meine erste Reise hat insofern einige Schwierigkeiten geboten, als es sich bei den Republiken Venezuela
und Kolumbien um Länder handelt, die bislang von
Ihnen nicht bereist worden waren. Der Besuch besonders von Kolumbien und dem Inneren des Lands ist
reichlich umständlich und zeitweilig geradezu strapaziös, weil die Verkehrsverhältnisse noch recht viel zu
wünschen übrig lassen.“
„Nach den Erfahrungen und Studien, die ich auf meiner
ganzen Reise machen durfte, habe ich das Fazit gezogen,
dass in geschäftlicher Hinsicht die Republik Kolumbien
dasjenige Land ist, welches die größten Chancen bietet.
Voraussetzung natürlich ist, dass die Ruhe im Lande
erhalten bleibt, und diese Bedingung scheint bei dem
jetzigen Regierungssystem erfüllt zu sein.“
Über den schwachen Verkauf der
Galvanoplastischen Waren:
„Auf Anerkennung für die verwendete Mühe und
Arbeit gerade für diesen Zweig habe ich nie gewartet,
ich hätte aber zum mindesten erwartet, dass mir
Vorwürfe über meine Tätigkeit erspart geblieben wären.
Gewiss steht es auch dem Leiter der G.B. frei, Kritik zu
üben, dieselbe darf aber nicht ausarten und dazu führen,
dass dem Vertreter, welcher die ihm aufgetragenen
Interessen so vertritt, als wenn es seine eigenen wären,
sein Geschäft verleidet wird.“
W. Asche, Reisevertreter für Südamerika, 1924/25
WMF Präsentationen in den 1920er-Jahren
Zum Verkauf von Göppinger Waren:
„Die neu aufgenommene Thermosflasche habe
ich in beiden Größen bei einer Reihe Kunden
einführen können, möchte aber darauf aufmerksam machen, dass der Artikel von vielen
Seiten billiger und zum Teil in recht guter Ausführung angeboten wird. Da es sich um einen
Artikel von großem Consum handelt, so wäre
vielleicht eine Nachkalkulation angebracht.“
Verbesserungsvorschläge:
„Stempeln der Ware: Hierüber möchte ich immer
wieder das schon so oft Gesagte wiederholen,
nämlich durch einen dem Stück angepassten an
gut sichtbarer Stelle angebrachten leserlichen
Stempel für das Bekanntwerden der Ware beim
Publikum bemüht zu bleiben. Nicht die Ware
allein, sondern auch die Marke W.M.F. müsste
beim Publikum mehr bekannt sein, genau wie
in Deutschland. Dasselbe bezieht sich vor allem
auf die versilberten Bestecke.“
Rudolph Kühn, Reisevertreter der WMF
für Südamerika, 1924
Die erste
Großkaffeemaschine der
WMF aus dem Jahr 1927
Markenzeichen für
Cromargan – Artikel
1928-1965
Die ersten
CromarganBestecke aus
den 1930er
Jahren
Wenige Jahre nach der Einführung der
Cromargan-Kochgeschirre stellte die WMF
1932 auch Cromargan-Bestecke vor. Schnell
bot sie immer mehr Artikel für Tisch und Tafel
aus dem rostfreien Stahl an und spätestens
nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Cromargan auch in den privaten Haushalten
durch und verdrängte zunehmend die versilberten Waren.
Der nicht rostende Stahl spielte auch bei einer
weiteren wichtigen Neuentwicklung eine Rolle:
Ab 1927 produzierte das Göppinger WMF
Werk, bis dahin vor allem mit vernickelten
Waren auf dem Markt, die ersten elektrischen
Großkaffeemaschinen. Diese Maschinen waren
für die Gastronomie der 1920er- und 1930erJahre eine technische Revolution, denn sie
arbeiteten mit zwei verschiedenen Verfahren.
Die Gastwirte und Hotels konnten den Kaffee
entweder in großen Mengen herkömmlich
überbrühen oder sie bereiteten ihn im so genannten Express-Verfahren unter Druck zu.
Alle Teile der Maschine, die direkt mit dem
Kaffee in Berührung kamen, wurden aus
Cromargan hergestellt und waren daher geschmacksneutral und leicht zu reinigen. Der
Erfolg der WMF Kaffeemaschinen stellte sich
allmählich ein. Bis 1938 stieg ihr Umsatz auf
über 400.000 Mark und nach dem Zweiten
Weltkrieg entwickelte sich das Geschäft mit
den Maschinen endgültig zum dritten Stand-
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Produktwerbung 1927:
Prospekt für die erste
Großkaffeemaschine
bein der WMF. Die Produktion wurde 1932
von Göppingen nach Geislingen verlegt, wo sie
sich noch heute befindet.
Mit den neuen Produktionsbereichen Besteck,
Cromargan-Artikel und Kaffeemaschinen hatte
die WMF Wege beschritten, die bis in die heutige Zeit reichen. Mit anderen Produkten der
Zwanziger Jahre hat sie sich besonders um das
Kunstgewerbe und das künstlerische Design
verdient gemacht.
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Der missglückte Verkauf.
Die Geschichte der Paradiestür in Geislingen
Der neugierige Besucher kann in einem Seitenraum des Ausstellungsgebäudes
der WMF eine unerwartete Entdeckung machen. In voller Pracht steht dort die
so genannte Paradiestür, in den Jahren 1425 bis 1452 vom italienischen
Renaissancekünstler Lorenzo Ghiberti (1378 – 1455) für das Baptisterium in
Florenz geschaffen. Es handelt sich natürlich nicht um das Original – das kann
nach langer Restaurierung seit Ende der 1990er-Jahre wieder in Florenz
bewundert werden – in Geislingen steht vielmehr eine detailgetreue Kopie. Die
Galvanoplastische Kunstanstalt stellte sie in den Jahren 1910 bis 1913 her.
Das Städtische Museum in Stettin suchte damals für einen geplanten Museumsneubau ein spektakuläres neues Objekt und die WMF erhielt 1910 vom
Museum den Auftrag, die Paradiestür anzufertigen. Spezialisten der WMF
nahmen in Florenz Abdrücke der einzelnen Türbilder und in Geislingen wurden
die Teile galvanisiert und anschließend verlötet. Dann wurde die gesamte Tür
erneut galvanisiert, um die Lötstellen unsichtbar zu machen und nach einigen
weiteren Bearbeitungen abschließend galvanisch vergoldet – ein kunsthandwerkliches Meisterstück.
Im Herbst 1913 stellte die WMF die sechs Meter hohe und vier Meter breite
Tür erstmals auf der Internationalen Baufachausstellung in Leipzig aus und
brachte sie anschließend nach Stettin. Ein Jahr später stellte sich aber heraus,
dass das Museum das Werk nicht bezahlen konnte. Mittlerweile hatte der
Weltkrieg begonnen und auch in der Inflationszeit nach dem Krieg blieb das
Museum zahlungsunfähig. Mitte der 1920er-Jahre erklärte sich die WMF
bereit, die Tür zurückzunehmen, die auf diese Weise im Jahr 1928 wieder
nach Geislingen kam. Weitere Versuche der WMF, die Paradiestür zu verkaufen,
schlugen fehl. 1928 etwa hätte der Erzbischof von Bogotá in Kolumbien das
Kunstwerk fast erworben. Die Wirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre verhinderte aber am Ende den Verkauf.
Die Tür blieb unverkäuflich, und nach einigen weiteren Versuchen entschied
sich die WMF schließlich Mitte der 1950er-Jahre, das eindrucksvolle Kunstwerk in ihrem neuen Ausstellungsgebäude aufzustellen.
Es war damit an den Ort seiner Herstellung zurück gekommen, denn die Galvanoplastische Kunstanstalt wurde 1953 abgerissen und das neue Ausstellungsgebäude auf ihrem Platz errichtet.
Um 1925: Glasschüssel nach chinesischem Vorbild,
verziert mit Fabeltieren, Blüten und Ranken
NKA – Die Neue Kunstgewerbliche
Abteilung
In den späteren 1920er-Jahren stellte die WMF
ein sehr vielfältiges Programm kunstgewerblicher Gegenstände her: Artikel aus Marmor,
Schmuck aus Metall und Glas, Lampen, Metallschriften und Metallporzellan, also Porzellan,
das ähnlich wie bei der Galvanobronze auf der
Außenseite elektrisch mit Kupfer, Silber oder
Chrom überzogen wurde.
Im Jahr 1927 wurde Hugo Debach, der als
Leiter der Technischen Abteilung viele erfolg-
reiche Neuerungen eingeführt hatte, zum Generaldirektor der WMF ernannt. Kurz zuvor
hatte Debach bereits eine neue Abteilung ins
Leben gerufen: Die „Neue Kunstgewerbliche
Abteilung“, die als NKA zu einigem Ruhm
kam. Die NKA brachte vor allem Glas- und
Metallwaren auf den Markt, die die WMF
endgültig zu einer führenden Kunstgewerbeherstellerin machten.
Die Glasproduktion fand in einer neu errichteten Glashütte statt, nachdem die alte Hütte
wegen ihrer technischen Unzulänglichkeit bereits bei Kriegsende abgerissen worden war –
Generaldirektor Debach präsentiert Kunstgewerbe der Neuen Kunstgewerblichen Abteilung.
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KAPITEL
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NKA-Artikel auf der Leipziger Messe 1928
und wohl auch, weil der Ofen der Hütte während des Krieges zweckentfremdet zum Glühen
von Munition verwendet worden war und daher demontiert werden musste.
Die 1921 neu entstandene Glashütte konnte
endlich auch Kristallglas herstellen und verarbeiten, das damals sehr gefragt war. Sie ging
dabei völlig neue Wege der Glasgestaltung. In
einem eigens entwickelten Verfahren entstand
ein buntes Glas in leuchtenden Farben, das mit
großer Kunstfertigkeit zu Schalen, Vasen, Lampen oder Gefäßen geformt wurde. Dieses so
genannte Ikora-Kristall machte die Glashütte
der WMF zum Marktführer bei dekorativem
Glas. Eine andere Eigenentwicklung war ähnlich erfolgreich, das Myra-Kristall, bei dem Glas
und Silber miteinander verbunden wurden.
Myra-Kristall war als eine preiswerte und erfolgreiche Alternative zum berühmten TiffanyGlas aus New York entwickelt worden und
errang schnell großes Ansehen.
Neben dem Glas bildete die Metallbearbeitung
den zweiten Schwerpunkt der NKA. Auch hier
führte eine Eigenentwicklung bei der Metallveredelung zum kunstgewerblichen Erfolg: Unter
dem Namen Ikorametall (der Name Ikora leitete sich von einem tropischen Strauch namens
Der renommierte Architekt und Designer F. A. Breuhaus
schuf um 1928 u. a. diese Dosen für die WMF.
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150 JAHRE WMF
Ixora ab, dessen Blütendolden in außerordentlicher Farbenpracht leuchten) wurden die verschiedensten Objekte angeboten. Die Entwicklung von Ikora begann bereits während des
Krieges, als Debach Versuche anstellte, wie man
Metall chemisch oder mit Hilfe von Feuer gezielt patinieren könnte. Das Ergebnis: Leuchtende Farben, ein strahlender Glanz und fast
unerschöpfliche Gestaltungsmöglichkeiten beeindruckten das Publikum wie auch die Designer. Die Zusammenarbeit mit renommierten
freien Gestaltern, in der WMF bereits im Jugendstil begonnen, wurde folgerichtig verstärkt.
Wie das Myra-Glas war auch Ikora-Metall ein
typisches Kunsthandwerksprodukt, denn es entstanden auch bei hohen Fertigungszahlen immer
nur Einzelstücke. Herstellungsbedingt glich
kein Objekt dem anderen. Die WMF wurde
dank NKA zu einer „Auch-Kunstmanufaktur“
mit internationalem Ansehen und bis heute
sind die NKA-Artikel begehrte Sammlerobjekte.
Mit diesen Produkten präsentierte die WMF
ein sehr selbstständiges Design, während sie anderen modernen Zeitströmungen wie dem Expressionismus oder dem Bauhaus gegenüber zurückhaltend blieb. Durch die Zusammenarbeit
mit wichtigen Designern wie F.A. Breuhaus
steigerte die WMF ihr Ansehen beträchtlich.
Vase aus Ikoraglas in sehr subtiler Farbgebung
Ein besonders
gelungenes Beispiel
für Ikorametall:
großes, 40cm hohes
Bowlengefäß mit
Stadtszene und
Parklandschaft,
um 1930 von
Karl Holzinger
entworfen.
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Markenzeichen für
Ikoraware (1928 – 1965)
Der Messestand
in Leipzig, 1930.
Weltwirtschaftskrise
und WMF
Die Weltwirtschaftskrise 1930 traf die WMF
zuerst beim Export. Er ging zwischen 1930
und 1933 dramatisch um 67 Prozent zurück.
Da der Export 1928 fast ein Drittel des Umsatzes ausmachte, brach auch der Gesamtumsatz ein. 1932 machte die WMF daher erstmals Verluste. Nachdem die Firmenleitung
schon in den 1920er-Jahren mit Kurzarbeit
und in geringerem Umfang auch mit Entlassungen auf die Konjunkturschwankungen
reagierte, wurde es jetzt ernst: 1929 wurden
die ersten 350 Arbeiter und Arbeiterinnen
entlassen. In den kommenden Jahren folgten
weitere Kündigungen und Kurzarbeit in großem Umfang. Die WMF war in der (Weltwirtschafts-)Krise.
Um diese Krise zu bewältigen, gab die WMF
alle Produktionsstätten außerhalb Geislingens
auf. Die Kölner Orivit war bereits seit 1927
nur noch eine Versilberungsanstalt der WMF.
Ende 1930 wurde sie endgültig geschlossen,
ebenso die Berliner Zweigfabrik. An beiden
Standorten blieben nur noch Auslieferungslager bestehen. Ein halbes Jahr später wurde
auch die Produktion in Wien eingestellt, die
ebenfalls seit einigen Jahren schon stark eingeschränkt war. Besonders schmerzhaft war im
Jahr 1932 die Schließung des Zweigwerkes in
Diese Ikoravase mit ovalem Querschnitt wurde zwischen 1933
und 1935 entworfen und spiegelt die Experimentierfreude der
NKA wider. Die rissige Oberfläche entstand durch Bedampfung
mit chromhaltiger Lösung.
Göppingen. Ab 1929 ging der Umsatz der Fabrik kontinuierlich zurück. Eine Branchenanalyse brachte an den Tag, dass der Absatz vernickelter Waren insgesamt bei allen Wettbewerbern
dramatisch zurückging. Alle Sanierungsversuche
in den
Heute noch im
Sortiment: Das
Besteckmodell
„2500“, im Jahr
1932 im klassischen Art-DecoStil entworfen.
kommenden
Jahren scheiterten.
Die Kaffeemaschinenfertigung und die kunstgewerbliche Abteilung für
Metallporzellan wurden nach
Geislingen übernommen. Mit diesem
Ende der Göppinger Produktion endete
zugleich ein überaus erfolgreiches Kapitel der
WMF Geschichte.
Am Ende der Weimarer Republik hatte sich das
Unternehmen also gründlich verändert. 1933
befand es sich in einer ernsten Krise, aber in
einigen wichtigen Bereichen hatte es in den
vergangenen Jahren auch wichtige Weichen für
die Zukunft gestellt. Die Nationalsozialisten
unterbrachen allerdings für die nächsten zwölf
Jahre die weitere Entwicklung.
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