WMF Buch Kapitel4
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WMF Buch Kapitel4
150 JAHRE WMF Schaufensterdekoration mit den modernen Cromargan-Produkten 74 KAPITEL 4 Krieg und Modernisierung Neue Produkte (1914–1933) Kriegsbeginn 1914. Die Fabrik steht still. Als der Erste Weltkrieg im Juli/August 1914 ausbrach, spürte die WMF wie alle anderen Unternehmen in Deutschland sofort dessen Auswirkungen. Ihr Exportgeschäft brach unmittelbar ein, nachdem bereits im Jahr zuvor die politische Unsicherheit und die drohende Kriegsgefahr den Umsatz schrumpfen ließen. Aber nicht nur der Vertrieb war beeinträchtigt. Da Metalle jetzt kriegswichtige Rohstoffe waren, konnte das Unternehmen kein Material mehr für die normale Friedensproduktion einkaufen. Nach der allgemeinen Mobilmachung vom 1. August wurde in der WMF bis Mitte August nur noch drei Tage in der Woche gearbeitet, danach war Schluss und der Betrieb wurde eingestellt. Die Geislinger Beschäftigten wurden teilweise an andere Fabriken vermittelt, die für den Heeresbedarf produzierten und daher im Sommer und Herbst 1914 voll ausgelastet waren. Andere wurden in die Landwirtschaft geschickt, wo wegen der Mobilmachung viele Arbeiter fehlten. Auch aus der WMF Belegschaft wurden schon im August 1914 zahlreiche Männer einberufen, allein in Geislingen waren es 760 Beschäftigte. 75 Der Erste Weltkrieg Als am 28. Juli 1914 Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte, war jedem Menschen in Europa klar, dass damit nicht nur ein Krieg zwischen zwei Staaten begann. Einen Monat zuvor hatten serbische Nationalisten in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo den österreichischen Thronfolger ermordet und damit den europäischen Konflikt um die politischen Verhältnisse auf dem Balkan endgültig ausbrechen lassen. Schnell standen die damaligen Staatenbündnisse bereit, um ihre Interessen militärisch auszufechten. Deutschland kämpfte dabei an der Seite Österreichs gegen die alliierten Mächte England, Frankreich, Russland, Belgien und andere. Bei Kriegsbeginn war die Begeisterung in Deutschland riesig und erfasste alle Schichten und politischen Parteien. Auch die Sozialdemokraten konnten sich diesem Hurra-Patriotismus nicht entziehen. Gerade nach den schnellen Anfangserfolgen der kaiserlichen Armee gingen alle davon aus, dass der Krieg schnell beendet sein würde. Tatsächlich sollte er aber viereinhalb Jahre dauern und rund 8,5 Millionen Opfer auf den Schlachtfeldern fordern. Fast acht Millionen Menschen wurden in Europa vermisst, und nahezu sieben Millionen Zivilisten starben in den weitgehend verwüsteten Ländern. Dieser Krieg war der Erste „Weltbrand“ der Neuzeit und er war geprägt von einer weit gehenden „Industrialisierung“ der Kriegsführung. Tanks und Flugzeuge, Gas und Artilleriegranaten waren die neuen Kriegswaffen, mit denen sich die Gegner von ihren eingegrabenen Stellungen aus bekämpften. Die deutsche Regierung finanzierte den Krieg weitgehend auf Pump und trieb das Reich dadurch in eine wachsende Inflation. In dieser schwierigen Situation bemühte sich das Direktorium der WMF sofort um Militäraufträge. Dies war ungewöhnlich, da viele Betriebe in Deutschland anfangs die kostenintensive Umstellung von der Friedensproduktion auf Kriegsproduktion scheuten. Die Deutschen erwarteten nach den ersten Siegen ein schnelles Ende des Krieges, und so glaubten viele Unternehmer, dass sich hohe Investitionen für die Produktionsumstellungen nicht auszahlen würden. Dies war auch die Politik der Kölner Orivit, die sich im ersten Kriegsjahr kaum um Rüstungsaufträge bemühte, um die Umstellungskosten zu vermeiden. Die Direktion der WMF in Geislingen wollte dagegen ihren Betrieb schnell wieder öffnen, nicht zuletzt, um ihre Facharbeiter in Geislingen halten zu können, die für die Firma nicht leicht zu ersetzen waren. Bereits ab Mitte September erhielt die WMF Rüstungsaufträge und konnte damit die Fabriken in Geislingen und Göppingen wieder anlaufen lassen. Allerdings wurde nicht vollständig auf Kriegsproduktion umgestellt, und vor Weihnachten erhöhte sich auch der Absatz der herkömmlichen WMF Waren wieder. Jetzt konnten zumindest die Männer der Belegschaft, die eine Familie zu versorgen hatten und noch nicht eingezogen waren, wieder beschäftigt werden. KAPITEL 4 Kontrollieren der Feldpatronen Kriegsproduktion. Erfolg mit schmiedeeisernen Patronen Im September 1914 begann die WMF mit der Herstellung von Koppelschlössern, Kartuschen, Alu-Kochgeschirren, Trinkbechern und Einsatzhülsen für Granatzünder. Daneben produzierte die Fabrik weiter die versilberten „Friedenswaren“, auch wenn es spätestens ab 1916 immer schwieriger wurde, die nötigen Rohstoffe zu kaufen. Erst im letzten Kriegsjahr 1918 musste die Produktion versilberter Waren endgültig eingestellt werden. Das wichtigste WMF Produkt während des Ersten Weltkriegs waren Infanterie-Patronen aus hochwertigem „Flusseisen“ und die dazu gehörigen Hülsen. Im Oktober/November 1914 stellte die WMF ein Entwicklungsteam zusammen, das die Herstellung vorbereiten sollte, und ab Dezember 1914 gingen die ers- ten Patronenhülsen in die Produktion. Die Fabriken waren dadurch bis Kriegsende ausgelastet. Das genannte Entwicklungsteam unter der Leitung von Hugo Debach – damals Mitglied des Direktoriums und ab 1927 Generaldirektor der WMF – hatte ein besonderes Herstellungsverfahren patentieren lassen. Im weiteren Kriegsverlauf zeigte sich, dass kein anderer Anbieter in der Lage war, vergleichbare Patronen herzustellen. Die Erfahrung des großen Metallwarenherstellers WMF mit der Behandlung verschiedener Metallqualitäten und bei der Verarbeitung der Metalle zahlte sich hier aus. Die hauseigene Materialprüfung und gute Techniker verschafften der WMF auch bei der Rüstungsproduktion durch hohe Qualität einen Marktvorteil. Das Geislinger Unternehmen gewann nahezu ein Monopol auf diese 77 150 JAHRE WMF Immer mehr Frauen arbeiten an den Pressen. Munition und die Produktionszahlen waren daher enorm. Täglich wurden rund 200.000 Infanteriepatronen hergestellt, sodass während des Krieges mehr als 190 Millionen Patronenhülsen und fast 210 Millionen Geschosse produziert wurden. Die Kriegsfertigung lastete die WMF so aus, dass nach den anfänglichen Entlassungen bald zahlreiche Arbeiter eingestellt werden mussten. Kurz vor dem Krieg hatte das Geislinger Werk fast 3.600 Mitarbeiter, bei Kriegsende waren es nahezu 4.200. Zeitweise beschäftigte die gesamte WMF während des Krieges rund 8.000 Menschen. Allerdings hatte die WMF durch den Krieg große Schwierigkeiten, Arbeitskräfte zu bekommen. Immer mehr Männer wurden an die Front geschickt und immer mehr starben 78 dort. Ende 1916 regelte das „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“, dass alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren zur Arbeit in den Rüstungsfabriken herangezogen werden konnten. Trotzdem blieb der Arbeitskräftemangel, sodass die WMF wie andere Rüstungsunternehmen während des Krieges immer mehr Frauen einstellte. Bei Kriegsende waren zwei Drittel aller Beschäftigten in der deutschen Rüstungsproduktion Frauen. Die letzten beiden Kriegsjahre hatten der WMF auch bei der Friedensproduktion gute Umsätze beschert. Dabei wurden über die Niederlassungen kaum noch selbst produzierte Waren vertrieben, denn die WMF hatte keine Kapazitäten frei, um ihre eigenen Produkte herzustellen. Also verkaufte sie auch fremde Waren. Genügend Geld war damals im Umlauf, aber man konnte es kaum ausgeben, weil Waren knapp waren. Kleidung und Lederwaren etwa wurden nur gegen Bezugsscheine ausgegeben, weil Baumwolle oder Leder nicht mehr importiert werden konnten. Die Menschen kauften also verstärkt „Luxuswaren“ von Unternehmen wie der WMF. In riesigen Hydraulikpressen werden Patronenhülsen gefertigt. Ein Blick in das Werksgelände vom Tor 2 aus gesehen. Das Foto entstand Mitte der 1930er-Jahre. Kriegsende. Probleme mit der Interalliierten Kontrollkommission Das Renommee, das die WMF sich bei der Fertigung von Patronenhülsen erworben hatte, bereitete ihr bald erhebliche Probleme. Denn die Unternehmensleitung wollte unmittelbar nach Kriegsende den Betrieb wieder auf Friedensproduktion umstellen. Damit befand sie sich ganz auf der Linie der internationalen Vereinbarungen, denn der Friedensvertrag von Versailles (28. Juni 1919) forderte ausdrücklich die „Beseitigung und Vernichtung der in der Industrie befindlichen Maschinen zur Herstellung von Munition“. Zur Überwachung der Demontagen wurden Kontrollkommissionen eingesetzt, denen die einzelnen Unternehmen genau nachweisen mussten, wie sie ihre Rüstungsanlagen beseitigt hatten. Die WMF wollte keine Probleme bei der Genehmigung ihrer Friedensproduktion bekommen und wollte möglichst bald wieder im alten Umfang exportieren – die meisten früheren Exportländer waren aber jetzt ehemalige Kriegsgegner. Das Unternehmen konnte sich also keine Schwierigkeiten mit der Interalliierten Kontrollkommission leisten. Daher war der Ärger in der Direktion groß, als die WMF im Mai 1920 auf einer Liste des Reichswehrministeriums auftauchte, mit der den Alliierten mögliche Lieferanten für die neu organisierte Reichswehr mitgeteilt wurden. Offenbar hatte ein übereifriger Angestellter der Berliner Filiale das Unternehmen beim Ministerium angemeldet. 79 150 JAHRE WMF Schwieriger Neubeginn und Inflation Die WMF reagierte schnell. Mit Briefen an alle beteiligten Ministerien und Wirtschaftsstellen stellten die Direktoren klar, dass die Maschinen für die Produktion der Patronen bereits verkauft oder vernichtet seien und dass die WMF zukünftig auf keinen Fall Kriegsmaterial liefern werde. Dem Reichswehrministerium in Berlin gegenüber machte das Unternehmen seine Position deutlich: „Da wir unsere gesamte Fabrikation für Friedenszwecke umgestellt haben, wären wir auch gar nicht in der Lage, fernerhin Munition anzufertigen und würden uns weigern, uns zugedachte diesbezügliche Aufträge anzunehmen.“ Und ein zweites Problem beschäftigte die Unternehmensleitung in diesem Zusammenhang. Als Rüstungsbetrieb wäre die Firma von der Interalliierten Kommission sehr genau kontrolliert worden und dabei befürchteten die Direktoren offenbar Industriespionage. Gegenüber dem Reichswehrministerium wurden sie deutlich: „Es wäre uns im höchsten Maß unangenehm, unsere Friedensproduktion einer genauen Kontrolle seitens der Entente-Vertreter aussetzen zu müssen ...“ Noch im Jahr 1924 wurde die Fabrik von der Kontrollkommission untersucht, und jetzt klagte die WMF auch offen über die Industriespionage der Kommission. Das Problem für die WMF war erheblich: ihr entscheidender Wettbewerbsvorteil lag immer darin, vor den Konkurrenten mit Neuheiten und mit neuen Techniken auf den Markt zu gehen. Spionageversuche rührten also an die Fundamente des Unternehmens. 80 Die WMF hatte durch den Weltkrieg und die Niederlage Deutschlands erhebliche Verluste erlitten. Einige ausländische Niederlassungen (London, Straßburg und Posen) sowie die Warschauer Zweigfabrik (vormals Plewkiewicz) gingen verloren; besonders der Auslandsvertrieb litt unter diesen Bedingungen. Die ersten Jahre nach dem Weltkrieg waren aber ohnehin Mangeljahre. Das galt für die deutsche Gesellschaft ebenso wie für die Wirtschaft und es betraf auch die WMF. Das Unternehmen wollte zwar wieder zur früheren Friedensproduktion zurückkehren, aber ihr fehlte dazu das notwendige Rohmaterial. Die Fabrik konnte daher anfangs nicht schnell genug liefern, und erst 1921 hörte dieser Lieferengpass einigermaßen auf – wenn auch auf einem niedrigen Umsatzniveau. Besonders für den wachsenden Bereich der Besteckproduktion war die zügige Auslieferung entscheidend. Trotz ihres Qualitätsanspruchs war die WMF häufig gezwungen, mit schlechteren Ersatzmaterialien zu produzieren. So wurde jetzt auch erstmals Besteck aus Messing an Stelle des hochwertigeren Neusilbers versilbert. Der Besteckbereich setzte in diesen ersten schwierigen Nachkriegsjahren im Übrigen seine Erfolgsgeschichte seit 1897/1900 fort. Schon bis 1913/14 war der Umsatz mit Bestecken auf rund 25 Prozent des Umsatzes mit Hohlwaren gestiegen. Zwischen 1919 und 1922 stieg er sogar auf rund 50 Prozent, wobei allerdings der Umsatz insgesamt deutlich geringer war als vor dem Krieg. Auf jeden Fall zeigte sich deutlich, dass die vor dem Krieg sehr gefragten „Façonwaren“ gegenüber Bestecken stark zurückgingen. Die Firmenleitung betrachtete gerade auf dem umkämpften Markt der Bestecke die schnelle Lieferung als Voraussetzung für den Erfolg und sie setzte jetzt voll auf Inflation und Hyperinflation Das Kaiserreich hatte den Krieg auf Pump finanziert. Auf Grund der Kriegslasten und der Reparationsforderungen der Siegermächte stand die Republik unter einem enormen finanziellen Druck. Die Regierung versuchte, ihm zu entkommen, indem sie bei den Banken Kredite aufnahm und sich mit Staatsanleihen auch bei Privatleuten Geld besorgte. Auf diese Weise steigerte sie jedoch die Geldmenge in katastrophaler Weise. Aus politischen Gründen nahm die Regierung diese zunehmende Geldentwertung in Kauf. Die Finanzierung des Generalstreiks im französisch besetzten Ruhrgebiet (Ruhrkampf) gab den Reichsfinanzen dann den Rest. Die Inflation sprengte alle Grenzen und bis 1923 stieg die umlaufende Geldmenge um das Siebenmilliardenfache. Die Folge: 1922/23 explodierten die Preise, und zwar um das Zehnmilliardenfache. Glücklich, wer sein Vermögen rechtzeitig in Sachwerte investiert hatte, denn das Geld verlor seinen Wert in unvorstellbarem Tempo. Die Inflation führte zu Fantasiepreisen. Anfang Oktober 1922 kostete zum Beispiel ein Liter Milch 5,4 Millionen Mark, Ende November waren es bereits 360 Milliarden Mark. Ein Brot kostete 1918 noch etwas mehr als sechzig Pfennige, 1922 musste man dafür schon 163 Mark zahlen; Im Januar 1923 war es 250 Mark wert, im Juli bereits 3.465 Mark, im September 15 Millionen und im November 201 Milliarden Mark. Im Spätherbst 1923 war das nationale Währungssystem Deutschlands endgültig ausgehebelt und niemand vertraute mehr dem Geld. Das Wirtschaftsleben kam fast zum Erliegen. Insgesamt 1.783 Druckpressen waren damit beschäftigt, rund um die Uhr Geldscheine mit Milliardenbeträgen zu drucken. Die Drucker wurden zu einer wichtigen Macht: wenn sie streikten, war die Regierung zahlungsunfähig. Bei Einführung der Rentenmark (Währungsreform) im November 1923 waren sage und schreibe 400.338.326.350.700.000.000 Reichsmark in Umlauf. Die Währungsreform beendete den Spuk, aber sie vernichtete auch die Geldvermögen der Sparer, machte die Kriegsanleihen wertlos und ruinierte den bürgerlichen Mittelstand. Amtlich angeordnet: Nach der Währungsreform wurden riesige Mengen Inflationsgeld vernichtet. 150 JAHRE WMF Arbeiter gehen aus der Fabrik. das Besteckgeschäft. Die Produktionsstätten für die Besteckfertigung wurden in diesen Jahren stark ausgebaut – eine Weichenstellung, deren Erfolg erst später sichtbar wurde. Gebaut wurde aber nicht nur im Werk. Daneben entstanden in diesen ersten Jahren besonders viele Arbeiterwohnungen, nicht zuletzt, um das erwirtschaftete Geld schnell für Sachwerte auszugeben – ein Zeichen der Inflation. Denn die Hyperinflation in den Jahren 1922 und 1923 setzte auch die WMF unter Druck. Einerseits konnte sie wie in der letzten Kriegsphase davon profitieren, dass das vorhandene Geld in Sachwerte angelegt wurde und sie verkaufte vor allem ihre teuren Geschenkartikel mit wachsendem Erfolg. Andererseits verdarb die galoppierende Inflation auch den Ertrag der WMF: 1923 in der Hochphase der Hyperinflation schätzte der Vorstand, dass der Um82 satz trotz ungeheurer Zahlen tatsächlich rund 20 mal niedriger war als im letzten Vorkriegsjahr 1913. Mit Kurzarbeit und erstmals in der Firmengeschichte auch mit rezessionsbedingten Entlassungen versuchte die Leitung der WMF, die schwierige Situation zu meistern. Die Inflation führte im Übrigen auch erstmals zu Spannungen zwischen der Unternehmensleitung und den Beschäftigten. Die Arbeiter der WMF hatten sich an den ersten Streikwellen der Nachkriegszeit in den Jahren 1919 (Generalstreik ) und 1920 (Steuerstreik) nicht beteiligt. Zudem wirkten sie innerhalb der Gewerkschaftsbewegung und im Deutschen Metallarbeiterverband immer eher mäßigend. 1920 traten aber erste Konflikte auf, als es nach Inkrafttreten des neuen Betriebsratsgesetzes zu Auseinandersetzungen zwischen der Betriebsleitung und den Beschäftigten kam. Aus dem Tagebuch eines Zeitzeugen 1923: Schaufenster mit Silit-Stahlgeschirr Die galoppierende Inflation steigerte in den folgenden Jahren die Unzufriedenheit der Arbeiter, deren Arbeitslohn die explodierenden Lebenshaltungskosten nicht mehr deckte. Nach einem Vorschlag der süddeutschen Arbeitgeber, die Wochenarbeitszeit von 46 auf 48 Stunden zu erhöhen, um so Personal einzusparen, brach der Konflikt offen aus. Am 25. März 1922 begann der große süddeutsche Metallarbeiterstreik und eskalierte in Geislingen schnell, denn weder die WMF Leitung noch die Arbeiter hatten Erfahrungen mit Streiks. Krawalle, wütende Auseinandersetzungen in der lokalen Presse, Proteste und Demonstrationen prägten das politische Klima in Geislingen. Ende April sprachen sich 96 Prozent der Streikenden gegen einen Vermittlungsvorschlag der Arbeitgeber aus. Die Geislinger Firmen MAG und WMF reagierten – mit Aussperrungen. Der Streik zog sich hin, auch wenn die Kampfbereitschaft auf beiden Seiten bald abflaute. Die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern waren wegen der aufgeladenen Stimmung schwierig und erst nach drei Monaten, am 12. Juni 1922, wurde in der WMF wieder normal gearbeitet. Aber die Lage im beschaulichen Geislingen hatte sich jetzt stark verändert: Der Streik hatte viele Arbeiter in die „Wucher- und Schiebertum stehen in Blüte und verteuern die Lebenshaltung des ehrlichen Manns grenzenlos. Außer diesen Parasiten gibt es gewerbsmäßige Hetzer, z.B. Arbeiterführer, deren Weizen blüht. Sie predigen mit großem Erfolg: Zufriedenheit ist ein Laster. Mit ihnen habe ich gegenwärtig zu tun. Ich muß ihretwegen schon in der fünften Woche in der Berufsarbeit aussetzen. Ein Schiedsspruch bestimmte für die Metallindustrie: 48 Arbeitsstunden in der Woche und 4 Mark Stundenlohnerhöhung. Obwohl die Rechtsgrundlage dazu fehlte, lehnten die Genossen den Schiedsspruch ab, traten in den Streik und hinderten alle Arbeitswilligen mit Gewalt, ihre Berufstätigkeit fortzusetzen.“ Friedrich Horn, Stahlgraveur in der WMF 150 JAHRE WMF sozialistische Deutsche Metallarbeitervereinigung gebracht und politisiert. Auf der anderen Seite bildete sich Ende 1922 eine der ersten württembergischen Ortsgruppen der NSDAP und am Jahreswechsel 1922/23 kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen den verschiedenen Lagern. Die verhängnisvollen Wirren der Weimarer Republik hatten die württembergische Provinz also früh erreicht. Eine wichtige Entscheidung in der ersten Nachkriegszeit war die Herstellung von Alu- und Stahlbrätern. Sie war ursprünglich aus der Not geboren, mit dem vorhandenen Rohmaterial ein marktfähiges Produkt zu erzeugen. Aus dieser ersten Topfproduktion entwickelte die WMF aber bereits 1920 den Silit-Stahltopf, mit dem sie erneut ihren Qualitätsanspruch unter Beweis stellte. Die Silit-Stahlgeschirre wurden aus einem Stück aus dem hochwertigen Siemens-Martin-Stahl gezogen; sie waren innen emailleähnlich beschichtet und außen ebenfalls mit einem besonders widerstandsfähigen Material überzogen. Gute Wärmeleiteigenschaften und ein für damalige Verhältnisse hervorragender Schutz vor dem Anbrennen des Kochgutes waren hier miteinander verbunden. 84 Dabei blieb das Kochgeschirr trotzdem vergleichsweise preiswert. 1927 sorgte eine Neuentwicklung des Silittopfes für Furore: der erste Sicomatic, ein Dampfkochtopf „von großer Zuverlässigkeit und Sicherheit, Festigkeit und Vielseitigkeit der Verwendungsarten“, wie ein Chronist der WMF 1936 schrieb. Weil die Töpfe eine völlig eigenständige Produktgruppe waren, setzte die WMF eigene Vertreter für ihren Vertrieb ein. Ein produktorientierter Vertrieb und nicht mehr der Reisende für alles – die WMF nahm bei den Silit-Stahlgeschirren bereits die Entwicklung nach 1945 vorweg. Vorher hatte es dazu nur erste Ansätze mit einigen Geschäften der Galvanoplastischen Kunstanstalt gegeben. Der erste SicomaticSchnellkochtopf 1927: Das neue Markenzeichen der WMF hat sich nach mehrjähriger Übergangszeit durchgesetzt. Die Funktion bestimmt das Design Besteck, Cromargan und Kaffeemaschinen: Weichenstellungen für die Zukunft Das Silit-Stahlgeschirr zeigte bereits, dass die WMF in den Zwanziger Jahren weiter ihrer Linie treu blieb und ihrer Konkurrenz vor allem mit vielen regelmäßigen Neuheiten zusetzte. Dabei stellte sie Weichen für den Unternehmenserfolg bis heute. Nachdem im November 1923 die Währungsreform einen wirtschaftlichen Neubeginn ermöglichte, galten die ersten Innovationen der WMF dem boomenden Besteckbereich. Um 1925 waren hier die lang andauernden Lieferschwierigkeiten endlich beendet und jetzt stieg der Umsatz noch einmal stark an. Für die Filialen und die Reisenden machte er 1928 zwischen 62 und 74 Prozent aus. Noch bis 1924/25 bestand das Patent von 1893 für die Spezialversilberung des Besteckes und sicherte der WMF einen wichtigen Marktvorteil. Als dieser Patentschutz ablief, führten sofort viele andere Besteckhersteller das neue Versilberungsverfahren ein. Die WMF hatte aber ihrerseits die Herstellung noch einmal deutlich verbessert und ließ das neue Verfahren ebenfalls patentrechtlich schützen. Die Entwicklung dieses neuen Verfahrens war aufwändig und Hugo Debach, der leitende technische Direktor, meldete später mit berechtigtem Stolz: „Die WMF vermochte aber das Verfahren so zu vervollkommnen, dass es ihr heute möglich ist, die Stärke des Silberüberzugs genau der Beanspruchung der einBis heute nachgefragt: Das Besteckmodell „Fächer“ von 1925. Barocke und klassizistische Elemente verschmelzen zu einem Design von hoher Eigenständigkeit. 1890 stand die WMF noch vor der Schwierigkeit, für die Gestaltung ihrer „Luxus- und Phantasiegegenstände“ einen Mittelweg zwischen dem modischen Geschmack der Zeit (ein überladener altdeutsch-historisierender Stil) und dem eigenen hohen kunstgewerblichen Anspruch zu finden. Aber der Geschmack änderte sich – mit dem Jugendstil hatte dies bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen. In den 1920er-Jahren wurde der überladene ‚altdeutsche‘ Stil im WMF Design weitgehend verdrängt. Die Formen der Bestecke, Schalen u.ä. wurden klarer, die historischen Dekorationen wurden an die Ränder der Produkte gerückt. Immer noch gab es Barockformen, aber nur mehr als Dekor. Gleichzeitig produzierte die WMF jetzt häufiger Dinge des praktischen Alltags und achtete dabei stärker auf ihre Praxistauglichkeit, die jetzt gleichberechtigt neben der Schönheit der Produkte stand – Funktion und Design wurden zur Aufgabe der Gestalter. Die WMF reagierte damit auf die neuen Verhältnisse in Deutschland. Der Weltkrieg und die anschließende Inflation hatten das gehobene Bürgertum arm gemacht, und der großbürgerliche Haushalt, der sich immer um den prunkvollen Schein bemüht hatte, existierte nicht mehr. Die Ernüchterung und Desillusionierung, die der Krieg mit sich gebracht hatte, fand jetzt auch einen Niederschlag im Geschmack der Zeit. Ein sachliches, auf die Funktion der Gegenstände orientiertes Design war gefragt. Silit und Cromargan – dies waren Entwicklungen, die dem Geist der Zeit folgten. Die WMF stellte hochwertige und praktische, aber auch für den bürgerlichen Mittelstand erschwingliche Produkte her. Für dieses neue Nachkriegsbürgertum konnte Cromargan zum Ersatz für Silberwaren werden – und wurde es endgültig nach dem nächsten Krieg. die Bedeutung des neuen Stahls, den sie für die Produktion von Küchen- und Tafelgeräten nutzen konnte und sie erreichte, dass sie exklusiv mit V2A-Stahl beliefert wurde. Zu diesem Zweck ließ sie einen eigenen Namen für das Stahlgeschirr schützen: Cromargan. „Crom“, weil der Stahl einen besonders hohen Chromanteil hat und „Argan“, weil er ein silberähnliches Aussehen besitzt. zelnen Teile des Bestecks anzupassen, so dass eine vorzeitige Durchscheuerung der Silberauflage an einzelnen Stellen ausgeschlossen ist.“ Nach dieser Verbesserung ihrer versilberten Bestecke begann die WMF schließlich im Jahr 1926, auch Echtsilberbestecke herzustellen. Und auch dieser Bereich entwickelte sich gut: 1933 stellte die WMF rund 20.000 Echtsilberbestecke her und zwar jeweils als Sortiment von einem Dutzend Teilen – rund 240.000 Besteckteile also. Die 1920er-Jahre waren für die WMF eine Zeit der wirtschaftlichen Konsolidierung ohne ein reales Wachstum. Trotzdem bemühte sie sich verstärkt um Innovationen. Als besonders zukunftsträchtig erwies sich eine Neuerung des Jahres 1927: Auf der Leipziger Messe stellte das Unternehmen Kochgeschirr aus dem so genannten V2A-Stahl vor. Dieser moderne Stahl, 1912 von Krupp entwickelt, war erstmals rostfrei und daher nicht nur für den Maschinenbau, die Schiffsindustrie oder den Hochbau interessant. Auch die WMF Direktion erkannte 86 Werbung aus dem Jahr 1933 für das neue Material Cromargan Die Vorteile des Materials liegen bis heute auf der Hand: Es ist säurefest, nicht rostend, geschmacksneutral, pflegeleicht und von fast unbegrenzter Haltbarkeit. Allerdings zweifelte die WMF offenbar anfangs daran, dass Cromargan auch in Privathaushalten genügend Anklang finden würde, denn sie verkaufte die Kochgeschirre und andere Küchengeräte in den ersten Jahren nur an Großküchen, Hotels oder Krankenhäuser. Wegen dieses anderen Marktes setzte die WMF für die Cromarganprodukte von Beginn an eigene Vertreter ein – die Vertriebsstruktur nach Produkt- oder Kundengruppen setzte sich durch. Aus den Berichten der Reisenden an die WMF Leitung Treffen der WMF Reisenden anlässlich der Leipziger Messe Allgemeine Lagebeschreibung: „Diese meine erste Reise hat insofern einige Schwierigkeiten geboten, als es sich bei den Republiken Venezuela und Kolumbien um Länder handelt, die bislang von Ihnen nicht bereist worden waren. Der Besuch besonders von Kolumbien und dem Inneren des Lands ist reichlich umständlich und zeitweilig geradezu strapaziös, weil die Verkehrsverhältnisse noch recht viel zu wünschen übrig lassen.“ „Nach den Erfahrungen und Studien, die ich auf meiner ganzen Reise machen durfte, habe ich das Fazit gezogen, dass in geschäftlicher Hinsicht die Republik Kolumbien dasjenige Land ist, welches die größten Chancen bietet. Voraussetzung natürlich ist, dass die Ruhe im Lande erhalten bleibt, und diese Bedingung scheint bei dem jetzigen Regierungssystem erfüllt zu sein.“ Über den schwachen Verkauf der Galvanoplastischen Waren: „Auf Anerkennung für die verwendete Mühe und Arbeit gerade für diesen Zweig habe ich nie gewartet, ich hätte aber zum mindesten erwartet, dass mir Vorwürfe über meine Tätigkeit erspart geblieben wären. Gewiss steht es auch dem Leiter der G.B. frei, Kritik zu üben, dieselbe darf aber nicht ausarten und dazu führen, dass dem Vertreter, welcher die ihm aufgetragenen Interessen so vertritt, als wenn es seine eigenen wären, sein Geschäft verleidet wird.“ W. Asche, Reisevertreter für Südamerika, 1924/25 WMF Präsentationen in den 1920er-Jahren Zum Verkauf von Göppinger Waren: „Die neu aufgenommene Thermosflasche habe ich in beiden Größen bei einer Reihe Kunden einführen können, möchte aber darauf aufmerksam machen, dass der Artikel von vielen Seiten billiger und zum Teil in recht guter Ausführung angeboten wird. Da es sich um einen Artikel von großem Consum handelt, so wäre vielleicht eine Nachkalkulation angebracht.“ Verbesserungsvorschläge: „Stempeln der Ware: Hierüber möchte ich immer wieder das schon so oft Gesagte wiederholen, nämlich durch einen dem Stück angepassten an gut sichtbarer Stelle angebrachten leserlichen Stempel für das Bekanntwerden der Ware beim Publikum bemüht zu bleiben. Nicht die Ware allein, sondern auch die Marke W.M.F. müsste beim Publikum mehr bekannt sein, genau wie in Deutschland. Dasselbe bezieht sich vor allem auf die versilberten Bestecke.“ Rudolph Kühn, Reisevertreter der WMF für Südamerika, 1924 Die erste Großkaffeemaschine der WMF aus dem Jahr 1927 Markenzeichen für Cromargan – Artikel 1928-1965 Die ersten CromarganBestecke aus den 1930er Jahren Wenige Jahre nach der Einführung der Cromargan-Kochgeschirre stellte die WMF 1932 auch Cromargan-Bestecke vor. Schnell bot sie immer mehr Artikel für Tisch und Tafel aus dem rostfreien Stahl an und spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Cromargan auch in den privaten Haushalten durch und verdrängte zunehmend die versilberten Waren. Der nicht rostende Stahl spielte auch bei einer weiteren wichtigen Neuentwicklung eine Rolle: Ab 1927 produzierte das Göppinger WMF Werk, bis dahin vor allem mit vernickelten Waren auf dem Markt, die ersten elektrischen Großkaffeemaschinen. Diese Maschinen waren für die Gastronomie der 1920er- und 1930erJahre eine technische Revolution, denn sie arbeiteten mit zwei verschiedenen Verfahren. Die Gastwirte und Hotels konnten den Kaffee entweder in großen Mengen herkömmlich überbrühen oder sie bereiteten ihn im so genannten Express-Verfahren unter Druck zu. Alle Teile der Maschine, die direkt mit dem Kaffee in Berührung kamen, wurden aus Cromargan hergestellt und waren daher geschmacksneutral und leicht zu reinigen. Der Erfolg der WMF Kaffeemaschinen stellte sich allmählich ein. Bis 1938 stieg ihr Umsatz auf über 400.000 Mark und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Geschäft mit den Maschinen endgültig zum dritten Stand- 88 Produktwerbung 1927: Prospekt für die erste Großkaffeemaschine bein der WMF. Die Produktion wurde 1932 von Göppingen nach Geislingen verlegt, wo sie sich noch heute befindet. Mit den neuen Produktionsbereichen Besteck, Cromargan-Artikel und Kaffeemaschinen hatte die WMF Wege beschritten, die bis in die heutige Zeit reichen. Mit anderen Produkten der Zwanziger Jahre hat sie sich besonders um das Kunstgewerbe und das künstlerische Design verdient gemacht. 89 90 Der missglückte Verkauf. Die Geschichte der Paradiestür in Geislingen Der neugierige Besucher kann in einem Seitenraum des Ausstellungsgebäudes der WMF eine unerwartete Entdeckung machen. In voller Pracht steht dort die so genannte Paradiestür, in den Jahren 1425 bis 1452 vom italienischen Renaissancekünstler Lorenzo Ghiberti (1378 – 1455) für das Baptisterium in Florenz geschaffen. Es handelt sich natürlich nicht um das Original – das kann nach langer Restaurierung seit Ende der 1990er-Jahre wieder in Florenz bewundert werden – in Geislingen steht vielmehr eine detailgetreue Kopie. Die Galvanoplastische Kunstanstalt stellte sie in den Jahren 1910 bis 1913 her. Das Städtische Museum in Stettin suchte damals für einen geplanten Museumsneubau ein spektakuläres neues Objekt und die WMF erhielt 1910 vom Museum den Auftrag, die Paradiestür anzufertigen. Spezialisten der WMF nahmen in Florenz Abdrücke der einzelnen Türbilder und in Geislingen wurden die Teile galvanisiert und anschließend verlötet. Dann wurde die gesamte Tür erneut galvanisiert, um die Lötstellen unsichtbar zu machen und nach einigen weiteren Bearbeitungen abschließend galvanisch vergoldet – ein kunsthandwerkliches Meisterstück. Im Herbst 1913 stellte die WMF die sechs Meter hohe und vier Meter breite Tür erstmals auf der Internationalen Baufachausstellung in Leipzig aus und brachte sie anschließend nach Stettin. Ein Jahr später stellte sich aber heraus, dass das Museum das Werk nicht bezahlen konnte. Mittlerweile hatte der Weltkrieg begonnen und auch in der Inflationszeit nach dem Krieg blieb das Museum zahlungsunfähig. Mitte der 1920er-Jahre erklärte sich die WMF bereit, die Tür zurückzunehmen, die auf diese Weise im Jahr 1928 wieder nach Geislingen kam. Weitere Versuche der WMF, die Paradiestür zu verkaufen, schlugen fehl. 1928 etwa hätte der Erzbischof von Bogotá in Kolumbien das Kunstwerk fast erworben. Die Wirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre verhinderte aber am Ende den Verkauf. Die Tür blieb unverkäuflich, und nach einigen weiteren Versuchen entschied sich die WMF schließlich Mitte der 1950er-Jahre, das eindrucksvolle Kunstwerk in ihrem neuen Ausstellungsgebäude aufzustellen. Es war damit an den Ort seiner Herstellung zurück gekommen, denn die Galvanoplastische Kunstanstalt wurde 1953 abgerissen und das neue Ausstellungsgebäude auf ihrem Platz errichtet. Um 1925: Glasschüssel nach chinesischem Vorbild, verziert mit Fabeltieren, Blüten und Ranken NKA – Die Neue Kunstgewerbliche Abteilung In den späteren 1920er-Jahren stellte die WMF ein sehr vielfältiges Programm kunstgewerblicher Gegenstände her: Artikel aus Marmor, Schmuck aus Metall und Glas, Lampen, Metallschriften und Metallporzellan, also Porzellan, das ähnlich wie bei der Galvanobronze auf der Außenseite elektrisch mit Kupfer, Silber oder Chrom überzogen wurde. Im Jahr 1927 wurde Hugo Debach, der als Leiter der Technischen Abteilung viele erfolg- reiche Neuerungen eingeführt hatte, zum Generaldirektor der WMF ernannt. Kurz zuvor hatte Debach bereits eine neue Abteilung ins Leben gerufen: Die „Neue Kunstgewerbliche Abteilung“, die als NKA zu einigem Ruhm kam. Die NKA brachte vor allem Glas- und Metallwaren auf den Markt, die die WMF endgültig zu einer führenden Kunstgewerbeherstellerin machten. Die Glasproduktion fand in einer neu errichteten Glashütte statt, nachdem die alte Hütte wegen ihrer technischen Unzulänglichkeit bereits bei Kriegsende abgerissen worden war – Generaldirektor Debach präsentiert Kunstgewerbe der Neuen Kunstgewerblichen Abteilung. 92 KAPITEL 4 NKA-Artikel auf der Leipziger Messe 1928 und wohl auch, weil der Ofen der Hütte während des Krieges zweckentfremdet zum Glühen von Munition verwendet worden war und daher demontiert werden musste. Die 1921 neu entstandene Glashütte konnte endlich auch Kristallglas herstellen und verarbeiten, das damals sehr gefragt war. Sie ging dabei völlig neue Wege der Glasgestaltung. In einem eigens entwickelten Verfahren entstand ein buntes Glas in leuchtenden Farben, das mit großer Kunstfertigkeit zu Schalen, Vasen, Lampen oder Gefäßen geformt wurde. Dieses so genannte Ikora-Kristall machte die Glashütte der WMF zum Marktführer bei dekorativem Glas. Eine andere Eigenentwicklung war ähnlich erfolgreich, das Myra-Kristall, bei dem Glas und Silber miteinander verbunden wurden. Myra-Kristall war als eine preiswerte und erfolgreiche Alternative zum berühmten TiffanyGlas aus New York entwickelt worden und errang schnell großes Ansehen. Neben dem Glas bildete die Metallbearbeitung den zweiten Schwerpunkt der NKA. Auch hier führte eine Eigenentwicklung bei der Metallveredelung zum kunstgewerblichen Erfolg: Unter dem Namen Ikorametall (der Name Ikora leitete sich von einem tropischen Strauch namens Der renommierte Architekt und Designer F. A. Breuhaus schuf um 1928 u. a. diese Dosen für die WMF. 93 150 JAHRE WMF Ixora ab, dessen Blütendolden in außerordentlicher Farbenpracht leuchten) wurden die verschiedensten Objekte angeboten. Die Entwicklung von Ikora begann bereits während des Krieges, als Debach Versuche anstellte, wie man Metall chemisch oder mit Hilfe von Feuer gezielt patinieren könnte. Das Ergebnis: Leuchtende Farben, ein strahlender Glanz und fast unerschöpfliche Gestaltungsmöglichkeiten beeindruckten das Publikum wie auch die Designer. Die Zusammenarbeit mit renommierten freien Gestaltern, in der WMF bereits im Jugendstil begonnen, wurde folgerichtig verstärkt. Wie das Myra-Glas war auch Ikora-Metall ein typisches Kunsthandwerksprodukt, denn es entstanden auch bei hohen Fertigungszahlen immer nur Einzelstücke. Herstellungsbedingt glich kein Objekt dem anderen. Die WMF wurde dank NKA zu einer „Auch-Kunstmanufaktur“ mit internationalem Ansehen und bis heute sind die NKA-Artikel begehrte Sammlerobjekte. Mit diesen Produkten präsentierte die WMF ein sehr selbstständiges Design, während sie anderen modernen Zeitströmungen wie dem Expressionismus oder dem Bauhaus gegenüber zurückhaltend blieb. Durch die Zusammenarbeit mit wichtigen Designern wie F.A. Breuhaus steigerte die WMF ihr Ansehen beträchtlich. Vase aus Ikoraglas in sehr subtiler Farbgebung Ein besonders gelungenes Beispiel für Ikorametall: großes, 40cm hohes Bowlengefäß mit Stadtszene und Parklandschaft, um 1930 von Karl Holzinger entworfen. 94 96 Markenzeichen für Ikoraware (1928 – 1965) Der Messestand in Leipzig, 1930. Weltwirtschaftskrise und WMF Die Weltwirtschaftskrise 1930 traf die WMF zuerst beim Export. Er ging zwischen 1930 und 1933 dramatisch um 67 Prozent zurück. Da der Export 1928 fast ein Drittel des Umsatzes ausmachte, brach auch der Gesamtumsatz ein. 1932 machte die WMF daher erstmals Verluste. Nachdem die Firmenleitung schon in den 1920er-Jahren mit Kurzarbeit und in geringerem Umfang auch mit Entlassungen auf die Konjunkturschwankungen reagierte, wurde es jetzt ernst: 1929 wurden die ersten 350 Arbeiter und Arbeiterinnen entlassen. In den kommenden Jahren folgten weitere Kündigungen und Kurzarbeit in großem Umfang. Die WMF war in der (Weltwirtschafts-)Krise. Um diese Krise zu bewältigen, gab die WMF alle Produktionsstätten außerhalb Geislingens auf. Die Kölner Orivit war bereits seit 1927 nur noch eine Versilberungsanstalt der WMF. Ende 1930 wurde sie endgültig geschlossen, ebenso die Berliner Zweigfabrik. An beiden Standorten blieben nur noch Auslieferungslager bestehen. Ein halbes Jahr später wurde auch die Produktion in Wien eingestellt, die ebenfalls seit einigen Jahren schon stark eingeschränkt war. Besonders schmerzhaft war im Jahr 1932 die Schließung des Zweigwerkes in Diese Ikoravase mit ovalem Querschnitt wurde zwischen 1933 und 1935 entworfen und spiegelt die Experimentierfreude der NKA wider. Die rissige Oberfläche entstand durch Bedampfung mit chromhaltiger Lösung. Göppingen. Ab 1929 ging der Umsatz der Fabrik kontinuierlich zurück. Eine Branchenanalyse brachte an den Tag, dass der Absatz vernickelter Waren insgesamt bei allen Wettbewerbern dramatisch zurückging. Alle Sanierungsversuche in den Heute noch im Sortiment: Das Besteckmodell „2500“, im Jahr 1932 im klassischen Art-DecoStil entworfen. kommenden Jahren scheiterten. Die Kaffeemaschinenfertigung und die kunstgewerbliche Abteilung für Metallporzellan wurden nach Geislingen übernommen. Mit diesem Ende der Göppinger Produktion endete zugleich ein überaus erfolgreiches Kapitel der WMF Geschichte. Am Ende der Weimarer Republik hatte sich das Unternehmen also gründlich verändert. 1933 befand es sich in einer ernsten Krise, aber in einigen wichtigen Bereichen hatte es in den vergangenen Jahren auch wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Die Nationalsozialisten unterbrachen allerdings für die nächsten zwölf Jahre die weitere Entwicklung. 97